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Veröffentlicht am 18.09.2019

1. Allgemeines

Als Chemotherapie bezeichnen Mediziner die Behandlung bösartiger Tumoren mit speziellen chemischen Substanzen (Zytostatika), die Krebszellen abtöten beziehungsweise verhindern, dass sie sich weiter vermehren.

Zytostatika hemmen vor allem das Wachstum von Zellen, die sich besonders schnell teilen – Krebszellen haben diese Eigenschaft, was den Nutzen der Chemotherapie erklärt.

Eine Chemotherapie kann bei vielen unterschiedlichen bösartigen (malignen) Tumoren wie Brustkrebs, Lungenkrebs oder Darmkrebs zum Einsatz kommen. Besonders wirksam ist eine Chemotherapie bei Krebs, der nicht an einem einzigen Ort entsteht, sondern sich im gesamten Körper ausbreitet, zum Beispiel Leukämie (Blutkrebs) und Lymphdrüsenkrebs (Lymphome wie Morbus Hodgkin). Eine Chemotherapie kann die Lebensqualität der Betroffenen durch ihre Nebenwirkungen, wie Übelkeit oder Haarausfall, jedoch erheblich beeinträchtigen. Es stehen allerdings Begleitmedikamente zur Verfügung, die solche Chemotherapie-Nebenwirkungen abmildern oder sogar ganz ausschalten können.

Je nach Art und Stadium der Krebserkrankung kann die Chemotherapie unterschiedliche Ziele verfolgen. Zielt die Chemotherapie darauf ab, eine bestehende Krebserkrankung zu heilen, sprechen Mediziner von einer kurativen Chemotherapie. Ist eine Heilung nicht möglich, kann die Chemotherapie Beschwerden lindern, die Lebensqualität verbessern und das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen. In diesem Fall handelt es sich um eine palliative Therapie. In manchen Fällen setzen Ärzte eine Chemotherapie auch im Vorfeld einer Operation oder Bestrahlung ein, um den Tumor zu verkleinern – die sogenannte neoadjuvante Chemotherapie. Dahingegen soll die adjuvante Chemotherapie verbleibende Tumoren oder Tumorreste nach einer Operation oder Strahlentherapie bekämpfen.

Verschiedene Medikamente kommen für eine Chemotherapie infrage. Womit eine Krebserkrankung behandelt wird, hängt unter anderem davon ab, um welche Art von Krebs es sich handelt.

Die Substanzen für die Chemotherapie – die sogenannten Zytostatika – erhalten Betroffene in Form von Tabletten, oft aber per Spritze (Injektion) oder als Infusion direkt in die Vene. Meistens kann die Chemotherapie ambulant erfolgen, sodass sich die Erkrankten zu Hause erholen können. Die Therapie läuft in mehreren Behandlungszyklen ab. Das heisst, zwischen den Behandlungsphasen liegen genau festgelegte Zeiträume, in denen keine Chemotherapie erfolgt. Diese Therapiepausen sind notwendig, damit sich die gesunden Zellen von der Wirkung der Zytostatika erholen können.

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2. Durchführung

Eine Chemotherapie kann heute in den meisten Fällen ambulant ablaufen; sie erfolgt in Intervallen – sogenannten Behandlungszyklen. Behandlungsphasen wechseln sich dabei mit Behandlungspausen ab. Während einer Behandlungsphase verabreicht der Arzt die Medikamente (Zytostatika) entweder in Tablettenform, als Spritzen oder Infusionen über die Venen.

Zytostatika können nicht zwischen bösartigen und gutartigen Zellen unterscheiden. Sie richten sich generell gegen Zellen, die sich schnell teilen, und greifen somit vor allem Krebszellen an, da sich diese rasch und unkontrolliert vermehren.

Aber auch bestimmte gesunde Zellen – beispielsweise Schleimhautzellen – müssen sich schnell teilen, damit sich das Gewebe regelmässig erneuert. Die Zytostatika ziehen auch dieses gesunde Gewebe in Mitleidenschaft. Die Behandlungspausen zwischen den Chemotherapiezyklen geben dem Körper die Möglichkeit, sich von diesen Nebenwirkungen zu erholen und angegriffenes gesundes Gewebe zu regenerieren. Gesundes Körpergewebe erholt sich schneller von einer Chemotherapie als Tumorgewebe.

In der Regel sind mehrere Behandlungszyklen bei einer Chemotherapie notwendig. Dadurch werden auch Tumorzellen erfasst, die sich während eines vorangegangenen Zyklus in einer Ruhephase befanden und daher durch die Zytostatika nicht zerstört wurden.

Die Wirkung der Chemotherapie auf den Krebs lässt sich regelmässig durch verschiedene Untersuchungen kontrollieren. Sie gilt – abhängig vom jeweiligen Behandlungsziel – als erfolgreich, wenn der Tumor nicht mehr gewachsen ist, wenn er sich verkleinert hat oder ganz verschwunden ist beziehungsweise wenn sich das subjektive Befinden des Erkrankten durch die Chemotherapie gebessert hat.

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3. Wirkstoffe

Die bei der Chemotherapie eingesetzten Medikamente hemmen die Vermehrung und das Wachstum der Tumorzellen. Sie tragen daher die Bezeichnung Zytostatika (griech. kytos = Zelle; statikos = zum Stehen bringend). Zellen, die sich während der Chemotherapie nicht teilen, bleiben in der Regel von den Wirkstoffen verschont.

Je schneller sich Zellen vermehren, desto besser wirken Zytostatika.

Dabei kommt es vor allem darauf an, in welcher Geschwindigkeit sich Krebszellen im Vergleich zu normalen Körperzellen teilen, da die Chemotherapie auf beide Zellgruppen wirkt. Viele Krebszellen vermehren sich besonders schnell und sind deshalb auch besonders empfindlich. Je unterschiedlicher die Teilungsgeschwindigkeit, desto effektiver kann die Chemotherapie einerseits die Tumorzellen schädigen und andererseits normale Körperzellen schonen.

Die Wirkstoffe der Chemotherapie, die Zytostatika, unterteilt man – abhängig von ihrem jeweiligen Angriffspunkt beziehungsweise Wirkmechanismus – in folgende Hauptgruppen:

  • Alkylanzien: Alkylanzien zerstören das Erbmaterial (DNA) der Zellen. Zu dieser Gruppe gehören zum Beispiel
    • Cyclophosphamid
    • Chlorambucil
    • Busulfan
  • Platin-Verbindungen: In der Chemotherapie kommen auch chemische Verbindungen des Edelmetalls Platin zum Einsatz, etwa Cisplatin oder Carboplatin. Platinhaltige Zytostatika bewirken Querverbindungen innerhalb der DNA. Die Folge: Das Erbgut kann sich nicht verdoppeln und die Zellvermehrung ist gestört.
  • Antimetabolite: Antimetabolite werden als «falsche Bausteine» in die DNA eingebaut und zerstören so das Erbgut der Zellen. Vertreter dieser Gruppe sind die sogenannten Folsäure-Antagonisten (wie Methotrexat oder Pemetrexed), die Pyrimidin-Analoga (wie 5-Fluoruracil) und die Purin-Analoga (z.B. Thioguanin, Azathioprin, Mercaptopurin).
  • Naturstoffe: Zu den Naturstoffen gehören die sogenannten Vinca-Alkaloide (Vincristin, Vinblastin), die aus dem in Brasilien beheimateten Strauch Vinca rosea beziehungsweise dem in Europa wachsenden Kleinen Immergrün (Vinca minor) hergestellt werden. Sie behindern die Zellen während der Zellteilung. Auch die Epipodophyllotoxine (Etoposid, Teniposid) sind Vertreter der Naturstoffe. Ihr Ursprung ist das Podophyllotoxin, das in Extrakten des Maiapfels (Podophyllum peltatum) enthalten ist. Taxane (z.B. Paclitaxel oder Docetaxel) sind eine weitere Wirkstoffgruppe. Sie werden aus der Pazifischen Eibe (Taxus) hergestellt. Auch sie greifen in die Zellteilung ein und behindern diese.
  • Antibiotika: Antibiotika sind ursprünglich natürliche Stoffwechselprodukte von Mikroorganismen wie Pilzen und Bakterien. Einige Antibiotika wirken so stark hemmend auf die Zellteilung, dass sie auch im Rahmen einer Chemotherapie von Krebs eingesetzt werden. Vertreter solcher Antibiotika sind
    • Dactinomycin
    • Bleomycin
    • Daunorubicin
    • Mitomycin
  • Enzyme: Enzyme sind Eiweisse, die chemische Reaktionen beschleunigen. Bei der Behandlung bestimmter lymphatischer Leukämien kann das Enzym Asparaginase wirksam sein. Es senkt die Konzentration von Asparagin im Blut, sodass diese Aminosäure bestimmten Tumorzellen für deren Vermehrung fehlt.
  • Hormone: Einige Tumorarten werden durch Hormone stimuliert. So fördern beispielsweise männliche Geschlechtshormone (Androgene) das Wachstum von Prostatakarzinomen, weibliche Geschlechtshormone (Östrogene) das von Brustkrebs. Der Einsatz von Hormonen beziehungsweise ihren Hemmsubstanzen (Gegenspielerhormone) kann daher die Entwicklung bestimmter Krebsarten verhindern oder eindämmen. Beispiele für Hormonbehandlungen sind die Anwendung von Antiöstrogenen (z.B. Tamoxifen) bei Brustkrebs und Antiandrogenen (wie Flutamid) bei Prostatakrebs.
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4. Anwendungsgebiete

Die Chemotherapie hat in erster Linie verschiedene Krebserkrankungen (z.B. Brustkrebs) als Anwendungsgebiete. Bei der Chemotherapie handelt es sich um eine «systemische» Behandlung mit speziellen Medikamenten (Zytostatika). Systemisch heisst, dass die eingesetzten Zytostatika im gesamten Körper wirken.

Bei der Chemotherapie sind die Anwendungsgebiete daher vorwiegend solche Krebserkrankungen, die nicht oder nicht mehr allein örtlich behandelt werden können, weil sie entweder den ganzen Körper betreffen oder bereits in verschiedene Organe gestreut (metastasiert) haben.

Kurative Therapie

Die Chemotherapie hat sich bei unterschiedlichen Formen von Krebs als sehr erfolgreich herausgestellt: In vielen Fällen können die Betroffenen sogar vollständig durch eine Chemotherapie geheilt werden – so vor allem bei bestimmten Krebsarten, die sich direkt im gesamten Körper ausbreiten wie Leukämie (Blutkrebs) und Lymphdrüsenkrebs (z.B. Morbus Hodgkin). Der medizinische Fachausdruck für diese Form der Chemotherapie lautet kurativ.

Auch bei zunächst örtlich auftretenden Tumoren wie Hodenkrebs, dem sogenannten Chorionkarzinom, oder Sarkomen (bösartige Tumoren des Bindegewebes) können Zytostatika die Krebserkrankung vollständig heilen. Unter Umständen kann eine intensive Chemotherapie auch beim Wiederauftreten einer Tumorerkrankung (Rezidiv) zur Heilung führen.

Palliative Therapie

Fortgeschrittene Krebserkrankungen, bei denen sich der Tumor bereits stark in Lymphknoten oder andere Organe ausgebreitet hat, werden teilweise ebenfalls mit einer Chemotherapie behandelt. Die Ziele sind dabei,

  • Tochtergeschwulste (Metastasen) zu verkleinern,
  • die Lebenserwartung zu verlängern und
  • die Lebensqualität zu verbessern.

Die Chemotherapie spielt daher zum Beispiel bei folgenden Krebsformen – besonders im fortgeschrittenen Stadium – eine wichtige Rolle:

Die Chemotherapie hat in diesen Fällen somit nicht heilenden, sondern ausschliesslich lindernden Charakter. Mediziner sprechen dann von palliativer Chemotherapie.

5. Risiken und Komplikationen

Bei einer Chemotherapie beziehen sich die Risiken und Komplikationen vor allem auf die Nebenwirkungen der eingesetzten Zytostatika. Die bei einer Chemotherapie verabreichten Zytostatika rufen Nebenwirkungen hervor, weil sie auch normale Zellen schädigen. Betroffen sind vor allem solche Zellen, die sich besonders schnell teilen, zum Beispiel Zellen des blutbildenden Systems (Knochenmark), der Haarwurzeln und die Schleimhautzellen im Magen-Darm-Trakt.

Die Chemotherapie kann folgende Nebenwirkungen verursachen:

Nach Beginn einer Chemotherapie treten manche Nebenwirkungen innerhalb weniger Stunden oder Tage auf, andere erst nach Monaten oder Jahren. Der Umfang der Chemotherapie-Nebenwirkungen hängt vor allem von der Art und der Dosis der eingesetzten Zytostatika sowie von der Dauer der Behandlung ab.

Eine wichtige Rolle spielt ausserdem die allgemeine seelische und körperliche Verfassung des Erkrankten.

Krebsbehandlungen schädigen neben den Krebszellen auch gesunde Zellen, insbesondere solche, die sich schnell teilen. Zu diesen Zellen gehören auch die Blutzellen. Wenn diese Zellen durch eine Chemotherapie zerstört werden, kommt es zu einer Blutarmut (Anämie).

Bei einer Chemotherapie steht den teilweise erheblichen Nebenwirkungen der Zytostatika die Schwere der Erkrankungen gegenüber: Krebs ist eine Krankheit, die tödlich enden kann. Ausserdem lassen sich bei einer Chemotherapie viele Nebenwirkungen heutzutage durch begleitende therapeutische Massnahmen erheblich reduzieren.

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