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Veröffentlicht am 02.10.2019

1. Allgemeines

Die Hyperthermie ist eine Behandlungsmethode, bei der man den Körper oder einzelne Körperbereiche bewusst überwärmt. Sie kann begleitend zur Krebstherapie zum Einsatz kommen – vor allem in fortgeschrittenen Krebsstadien oder bei grossen bösartigen Tumoren, wenn die üblichen Behandlungsverfahren nicht ausreichen oder eine Operation nicht möglich ist.

Das Wort Hyperthermie stammt aus dem Griechischen und bedeutet Überwärmung (hyper = übermässig; thermos = Wärme). Um eine Krebserkrankung durch Hyperthermie zu behandeln, führt der Arzt im gesamten Körper oder in bestimmten Körperbereichen eine Temperatur von über 40 Grad Celsius herbei und hält diese eine bestimmte Zeit lang aufrecht.

Es gibt verschiedene Methoden, um eine Hyperthermie im Körper zu erzeugen. Eine ältere und heutzutage kaum noch angewendete Methode zur Überhitzung ist zum Beispiel die sogenannte Fiebertherapie, bei der die Ärzte fieberauslösende Substanzen (sog. Pyrogene) verabreichen, um den gesamten Körper zu erwärmen (also Fieber zu erzeugen).

Soll die Behandlung durch Hyperthermie hingegen verändertes Gewebe – zum Beispiel einen Tumor – gezielt zerstören, ist es möglich, Energie von aussen zuzuführen: etwa in Form von Mikrowellen oder starken Magnetfeldern. Mit Hilfsmitteln wie Antennen, Nanopartikeln oder Flüssigkeit leitet der Arzt die erzeugte Wärme direkt in das betreffende Gewebe. Vorteil dieser Methoden ist, dass sich vor allem verändertes Gewebe erhitzt – und weniger die gesunden umliegenden Zellen.

Der Zweck der Hyperthermie besteht – je nach Methode – darin, bösartiges Krebsgewebe empfindlicher für die Chemo- und Strahlentherapie zu machen oder zu zerstören. Zudem kann die Wärme womöglich das Immunsystem dazu anregen, gegen die Krebszellen vorzugehen.Die Hyperthermie ist noch nicht fester Teil der Krebstherapie. Bei einigen Krebsarten hat sich die Methode jedoch als wirksam erwiesen, beispielsweise im frühen Stadium von Gebärmutterhalskrebs oder wenn schwarzer Hautkrebs bereits Metastasen (Tochtergeschwulste) gebildet hat.

Obwohl schon recht oft bei Krebs mit einer Chemo- und/oder Strahlenbehandlung kombiniert, ist die Hyperthermie nach wie vor keine Alternative zur Standard-Krebstherapie. Sie wird deshalb nicht als alleinige Therapiemassnahme bei Krebs eingesetzt, sondern nur in Kombination mit Medikamenten und/oder einer Bestrahlung. Besprechen Sie daher mit Ihrem behandelnden Arzt, ob eine Hyperthermie für Sie infrage kommt.

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2. Wirkung

Die Hyperthermie kann vor allem wegen ihrer Wirkung auf die Krebszellen selbst zur begleitenden Krebstherapie sinnvoll sein:

  • Eine Erwärmung auf 40 bis 42,5 Grad Celsius macht die Krebszellen empfindlicher für die Strahlentherapie und die Chemotherapie.
  • Bei einer Überwärmung auf mehr als 42,5 Grad Celsius sterben die Zellen ab, weil sich ab dieser Temperatur die Struktur von Eiweiss (Protein) verändert – dem Grundbaustein aller Zellen. Diese Veränderung nennt man auch Denaturierung.

Bei dem Versuch, die Krebszellen durch Hyperthermie abzutöten, gibt es jedoch ein Problem: Die Wirkung der Wärme auf die Krebszellen zu begrenzen. In den meisten Fällen gelingt dies nicht, sodass die Erwärmung auch gesunde benachbarte Zellen schädigt.

Darum dient die Hyperthermie in erster Linie dazu, die Wirkung der Krebstherapie zu verstärken: Die Hyperthermie kommt also nur zusammen mit einer Bestrahlung und/oder mit Medikamenten (Zytostatika) zum Einsatz.

Die Strahlentherapie ist häufig Teil der Krebstherapie: Die energiereiche Strahlung schädigt die Krebszellen und ist bei verschiedenen Arten von Krebs zur Behandlung geeignet. Die Hyperthermie verstärkt die Wirkung der Bestrahlung, indem sie die Fähigkeit der Krebszellen, sich selbst zu reparieren, verringert. Darum kann bei einer gleichzeitigen Anwendung von Überwärmung und Bestrahlung auch eine vergleichsweise niedrige Strahlendosis ausreichen, um gegen den Krebs zu wirken.

Auf die Chemotherapie wirkt die Hyperthermie unterstützend, weil Tumoren infolge der Überwärmung besser durchblutet sind: Dadurch kann eine grössere Menge der verabreichten Medikamente ihr Ziel erreichen. Ausserdem haben die erwärmten Krebszellen einen beschleunigten Stoffwechsel, sodass sie die Wirkstoffe schneller aufnehmen. Dass die Regeneration der Krebszellen infolge der Überwärmung erschwert ist, verbessert die Wirkung der Chemotherapie zusätzlich. Vor allem bei Wirkstoffen wie Cisplatin oder Carboplatin, die direkt am Erbgut der Tumorzelle angreifen, kann die Hyperthermie den zellschädigenden Effekt verstärken.

Neben der Unterstützung der Krebsbehandlung verspricht man sich von der Hyperthermie eine anregende Wirkung auf das Immunsystem: Die Erwärmung des Gewebes auf bis zu 42,5 Grad Celsius führt dazu, dass sich in und an den Krebszellen – als Reaktion auf die Wärmebelastung – sogenannte Stresseiweisse (bzw. Hitzeschockproteine) bilden. Diese signalisieren den körpereigenen Abwehrzellen des Immunsystems, geschädigte Zellen abzubauen. Somit könnte die Hyperthermie den Körper eventuell dazu bringen, selbst gegen die Krebszellen vorzugehen.

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3. Anwendungsgebiete

Die Hyperthermie kommt vor allem für zwei Anwendungsgebiete in Betracht: Bei grossen Tumoren, die bereits in benachbartes Gewebe eingewachsen sind und sich nicht mehr vollständig mit einer Operation entfernen lassen, und bei fortgeschrittenen Krebserkrankungen, gegen die eine alleinige Strahlen- oder Chemotherapie nicht ausreichend wirkt.

Ob die Hyperthermie bei einer Krebserkrankung begleitend sinnvoll ist, entscheidet der Arzt aber immer im Einzelfall, da die Überwärmung bislang keine Standardmethode der Krebsbehandlung ist. Es empfiehlt sich, gemeinsam mit dem behandelnden Arzt zu besprechen, ob eine Hyperthermie im individuellen Fall erfolgversprechend ist und ob die Krankenkasse die Kosten für die Behandlung – zum Beispiel im Rahmen einer Studie – übernimmt.

Im Einzelnen kann die Hyperthermie unter anderem bei folgenden Krebsarten begleitend zum Einsatz kommen:

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4. Therapieformen

Bei der Hyperthermie unterscheidet man unterschiedliche Therapieformen:

  • lokale (Oberflächen-)Hyperthermie
  • regionale Tiefenhyperthermie
  • Ganzkörper-Hyperthermie
  • interstitielle Hyperthermie
  • hypertherme Perfusion
  • Thermoablation

Welche Form der Hyperthermie als begleitende Krebsbehandlung geeignet ist, richtet sich unter anderem nach der Lage und Grösse des Tumors und danach, ob der Krebs bereits Tochtergeschwulste (Metastasen) gebildet hat. Wichtig ist es in jedem Fall, die Temperatur während der Behandlung zu messen. Hierzu pflanzt der Arzt vorher eventuell ein bis zwei Kunststoffkatheter in den Tumor ein, über die sich ein Messgerät einführen und so die Temperatur direkt überwachen lässt.

Lokale Hyperthermie

Die örtliche (bzw. lokale) Hyperthermie ist eine Therapieform, die der Arzt bei oberflächlichen Tumoren einsetzt, zum Beispiel bei einzelnen Metastasen in den Halslymphknoten, Brustwandtumoren, schwarzem Hautkrebs oder wiederaufgetretenen Tumoren nach Brustkrebs (Rezidive). Ein sogenannter Applikator übertragt die Wärme dabei von aussen auf das Gewebe. Der Applikator ist ein Gerät, das über Antennen Mikrowellen oder Radiowellen abstrahlt, die das Gewebe erwärmen.

Regionale Tiefenhyperthermie

Die regionale Tiefenhyperthermie bietet sich an, um grössere Körperbereiche – wie den Becken-, Bauch- oder Oberschenkelbereich – zu überwärmen. Bei dieser Form der Hyperthermie sind die Strahlungsquellen ringförmig um die zu erwärmende Stelle angeordnet: Dadurch lassen sich auch in tieferen Gewebsschichten hohe Temperaturen erreichen. Die regionale Tiefenhyperthermie eignet sich unter anderem zur Behandlung von fortgeschrittenem Prostatakrebs, Harnblasenkrebs, Bauchspeicheldrüsenkrebs sowie bei Gebärmutterhalskrebs.

Ganzkörper-Hyperthermie

Bei der Ganzkörper-Hyperthermie ist der gesamte Körper überwärmt. In der Regel findet diese Überwärmung unter Vollnarkose statt. Als Wärmeerzeuger dienen Infrarotstrahlen oder Wasserdampf. Daneben ist es möglich, zuvor entnommenes und ausserhalb des Körpers erwärmtes Blut dem Körper wieder zuzuführen – ähnlich wie bei einer Dialyse.

Die Ganzkörper-Hyperthermie ist die einzige Hyperthermie-Form, die auch bei Tumoren zum Einsatz kommen kann, die Tochtergeschwulste an entfernt liegenden Organen gebildet haben. In Kombination mit einer Chemotherapie versucht man auf diese Art, sämtliche Krebszellen zu erreichen und zu zerstören.

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Interstitielle Hyperthermie

Interstitielle Hyperthermie bedeutet, dass der Arzt die Antenne des Bestrahlungsapparats (Applikator) direkt in das vom Krebs befallene Gewebe einführt. Die Antenne lässt sich auch über Hohlorgane wie Darm oder Vagina nah an den Tumor bringen. Mit dieser Methode ist es möglich, sehr kleine Bereiche gezielt zu erwärmen. Meist wendet man sie zusammen mit einer speziellen Form der Strahlentherapie, der sogenannten Brachytherapie, an: Hierbei setzt der Arzt sehr kleine radioaktive Strahler (sog. Seeds) ebenfalls direkt in Tumornähe ein. Die interstitielle Hyperthermie bietet sich vor allem an, um Tumoren im Kopf-Hals-Bereich, der Brustwand sowie Tumoren im Beckenbereich (z.B. Prostatakrebs oder gynäkologische Krebsarten) zu behandeln.

Hypertherme Perfusion

Die hypertherme Perfusion ist eine Hyperthermie-Form, die unter Operationsbedingungen stattfindet. Dabei spritzt der Arzt eine überwärmte Flüssigkeit (z.B. das patienteneigene Blut) gemeinsam mit Chemotherapeutika (Zytostatika) direkt in die Gefässe, die den Tumor mit Blut versorgen. Der entsprechende Körperbereich erwärmt sich dadurch und die Hyperthermie schädigt gezielt das Tumorgewebe. Voraussetzung für die hypertherme Perfusion ist, dass das zu überwärmende Gebiet oder Organ eine eigene Blutversorgung hat.

Thermoablation

Bei der Thermoablation kommt zwar auch Wärme zum Einsatz, dennoch ist diese Therapieform streng genommen keine Form der Hyperthermie. Mit der Thermoablation lassen sich kleinere Tumoren unter drei Zentimetern Durchmesser behandeln. Dazu richtet der Arzt einen Laser direkt auf den Tumor und zerstört das Krebsgewebe mit Temperaturen über 50 Grad Celsius.

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5. Nebenwirkungen

Die Hyperthermie verursacht im Allgemeinen wenige Nebenwirkungen – auch schwerwiegende Komplikationen sind selten. Ob und welche Nebenwirkungen auftreten, richtet sich unter anderem nach der jeweiligen Behandlungsmethode. Vor allem die örtliche Überwärmung (lokale Hyperthermie) ist in der Regel gut verträglich. Mögliche Nebenwirkungen hierbei sind:

  • örtliche Überhitzungen mit Schmerzen
  • Schwellungen (Ödeme)
  • kleinere Verbrennungen, die direkt bei der Überwärmung entstehen
  • Kreislaufbeschwerden während der Behandlung

 

Wenn der Arzt Messkatheter in das zu erwärmende Gebiet einpflanzt, um während der Hyperthermie die Temperatur kontrollieren zu können, besteht zudem ein Risiko für Infektionen.

Wer einen Herzschrittmacher oder implantierbaren Defibrillator trägt, für den ist eine Hyperthermie mit Risiken verbunden. Zum einen kann die Funktion der Geräte gestört sein, wenn die Erwärmung mithilfe elektromagnetischer Wellen geschieht, zum anderen kann sich das Material der Geräte schneller und stärker erhitzen als das Gewebe. Auch wenn sich in dem zu behandelnden Bereich eine Gelenkprothese aus Metall befindet, ist die Hyperthermie nicht geeignet, weil es schnell zur Überhitzung kommen kann.

Die Hyperthermie ist in der Krebsbehandlung derzeit noch keine Alternative zu den Standardverfahren wie Operation, Strahlen- oder Chemotherapie. Ob – ergänzend zu diesen Verfahren – eine Hyperthermie bei bestimmten Tumoren sinnvoll ist, sollten Sie gemeinsam mit Ihren behandelnden Ärzten besprechen.

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