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Veröffentlicht am 02.12.2019

1. Allgemeines

Die Phytotherapie oder Pflanzenheilkunde (griech. phyton = Pflanze, therapeia = Pflege) ist eines der ältesten Therapieverfahren: Schon vor langer Zeit haben sich Menschen Pflanzen zunutze gemacht, um Krankheiten zu behandeln und Beschwerden zu lindern.

Die in der Phytotherapie verwendeten Heilpflanzen kommen frisch, getrocknet oder als Extrakte zum Einsatz und sind beispielsweise auch zur Herstellung von Tee, Kapseln, Tropfen oder Salben geeignet. Hinsichtlich der Wirksamkeit unterscheiden sich sowohl die einzelnen Heilpflanzen als auch die verschiedenen aus einer Heilpflanze hergestellten Präparate. In der Pharmakologie unterteilt man die Pflanzen nach ihrer Wirksamkeit in drei Arten:

  • milde Pflanzen (Mite)
  • starke Pflanzen (Forte)
  • alle sonstigen, dazwischen liegenden Pflanzen, die keine besondere Kennzeichnung haben

 

Man unterscheidet verschiedene Formen der Phytotherapie:

  • Die traditionelle Phytotherapie ist ein volksheilkundliches Verfahren, das sich hauptsächlich auf überlieferte Erfahrungen stützt. Sonderformen der traditionellen Pflanzenheilkunde, die sich über Jahrtausende entwickelt haben, sind ein wichtiger Bestandteil der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) und der Ayurvedischen Medizin in Indien.
  • Die rationale Phytotherapie (auch allopathische Phytotherapie genannt) macht sich das überlieferte Wissen aus der traditionellen Pflanzenheilkunde zunutze, erhebt dabei aber den Anspruch, in der Behandlung von Krankheiten naturwissenschaftliche Standards zu erfüllen.

 

Im Gegensatz zu manch anderen naturheilkundlichen und alternativen Verfahren – wie beispielsweise die Homöopathie – gründet sich die rationale Phytotherapie nicht auf eigenen, von der (natur-)wissenschaftlichen abweichenden Anschauungen oder Erklärungsmodellen. Entsprechend ist die Wirkungsweise der Phytopharmaka – anders als die von homöopathischen Mitteln – innerhalb des naturwissenschaftlichen Weltbilds nachvollziehbar. Ein wichtiger Unterschied diesbezüglich ist der Zusammenhang von Dosis und Wirkung: Je höher in der Pflanzenheilkunde die Dosis, desto stärker wirkt sie auch, während es sich in der Homöopathie genau umgekehrt verhalten soll.

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2. Historisches

Die Phytotherapie (Pflanzenheilkunde) gehört mit zu den ältesten Medizinlehren. Bereits vor mehr als 3.000 Jahren kamen in China und Indien Heilpflanzen zur Behandlung von Krankheiten zum Einsatz. Pflanzen fanden in allen Hochkulturen medizinische Verwendung und waren bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts die wichtigsten Heilmittel. In unserem Kulturkreis war der Grieche Diokles von Karytos der Erste, der um 350 vor Christus die Zubereitung und Anwendung von Pflanzen des östlichen Mittelmeerraums beschrieb.

Ein weiterer Grieche, Galen (129-199 n. Chr.), fasste in einem vielbändigen Werk die zu dieser Zeit bekannten Heilpflanzen mit detaillierten Zubereitungsanweisungen zusammen. Seine Ausführungen galten durch das ganze Mittelalter hindurch als verbindlich.

Mit Paracelsus (1493-1541) begann – in seinem Werk «Herbarius» – eine Systematisierung der heimischen Heilpflanzen. Paracelsus versuchte, durch Destillation die Essenz der Pflanze – das sogenannte Arcanum – von den unbrauchbaren Bestandteilen zu trennen und so den reinen Wirkstoff zu gewinnen. Auf diese Weise erhielt er die ersten alkoholischen Pflanzenauszüge.

Aus derselben Zeit stammen auch detaillierte Zeichnungen von Heilpflanzen in Kräuterbüchern. Im 15. und 16. Jahrhundert entstanden erste Sammlungen getrockneter Pflanzen (sog. Herbarien) und botanische Gärten in Nürnberg, Padua, Pisa, Bologna und Heidelberg. Durch genaue Beobachtung und Beschreibung der Pflanzen und ihrer Wirkungen entwickelte sich die Phytotherapie zu einer Erfahrungswissenschaft, die zunehmend naturwissenschaftlich vorging.

In der Folge entwickelte sich die Phytotherapie weiter in traditionell naturheilkundlicher Richtung, beispielsweise mit Sebastian Kneipp, aber auch in phytochemischer Richtung. Es gelang, Inhaltsstoffe von Pflanzen – so das Morphin aus dem Opium, dem eingetrockneten Milchsaft des Schlafmohns – zu isolieren und so pharmakologisch zu untersuchen. Isolierte Inhaltsstoffe und deren Abkömmlinge zählen nicht mehr zu den Phytopharmaka, sondern sind chemische Substanzen.

In den 1930er Jahren begann die pharmazeutische Industrie, Medikamente künstlich herzustellen, und schuf starke und schnell wirksame Arzneimittel, welche die pflanzlichen Medikamente in den Hintergrund drängten. Heute gilt die Phytotherapie jedoch als wertvolle Ergänzung oder Alternative zu chemischen Behandlungen.

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3. Durchführung

Bei der Phytotherapie (Pflanzenheilkunde) kommen Heilpflanzen gezielt (nach ihrer Wirkung auf den menschlichen Organismus) gegen Krankheiten oder Symptome zum Einsatz. Zur Durchführung von Behandlungen verwendet man die Pflanzen und deren Teile (wie Wurzeln, Blätter, Blüten oder Samen) sowohl frisch als auch getrocknet und unterschiedlich verarbeitet. Entsprechend ist die Verabreichungsform pflanzlicher Arzneimittel sehr variabel: Zur inneren Anwendung kommen über den Mund eingenommene Tees, Tinkturen, Tabletten, Kapseln oder Säfte zum Einsatz, zur äusseren Anwendung sind Heilpflanzen für Salben, Cremes, Umschläge oder Badezusätze verwendbar.

Zur Phytotherapie eingesetzte Frischpflanzen sind auf verschiedene Weise nutzbar: Man kann ihre safthaltigen Anteile (wie Früchte) auspressen oder ihnen einen Wundreiz zufügen (z.B. anritzen oder schneiden) und die dann ausgeschiedenen Sekrete sammeln. Ausserdem kann man frische Pflanzenteile destillieren, um ätherische Öle zu gewinnen, oder Auszüge (Extrakte) herstellen: Um ölige Auszüge zu gewinnen, kann man etwa Blüten in Oliven- oder Mandelöl einlegen, damit die darin enthaltenen Wirkstoffe in das Öl hinübergehen. Einfach ist auch die Durchführung der Behandlung mit Frischpflanzen in Form von Tee: Die ist ein wässriger Auszug, der einfach – als Aufguss, durch Abkochen oder als Kaltauszug – herzustellen ist. Daneben sind in der Pflanzenheilkunde alkoholische Auszüge aus frischem Ausgangsmaterial (Tinkturen, Extrakte zur Weiterverarbeitung) von Bedeutung.

Ausserdem bedient sich die Phytotherapie Extrakten, zu deren Gewinnung man getrockneten Pflanzenteilen spezielle Extraktionsmittel (z.B. Ethanol oder Wasser) zusetzt, damit sich die Inhaltsstoffe darin lösen. Anschliessend konzentriert man die Inhaltsstoffe in speziellen Verfahren – etwa durch Verdampfung des Extraktionsmittels. Die Endprodukte sind Trocken- oder Spezialextrakte, die sich in Säften oder Kapseln weiterverarbeiten lassen. In jedem Fall finden bei der Pflanzenheilkunde immer die Inhaltsstoffe der Heilpflanze (oder bestimmter Teile) insgesamt Verwendung: Phytotherapeutika enthalten daher in der Regel ein Gemisch aus mehreren Stoffen.

Es stehen unzählige Fertigprodukte zur Phytotherapie zur Verfügung. Die Durchführung der Behandlung ist aber auch mit selbst zubereiteten Heilmitteln möglich (so können Ärzte z.B. ein selbst zusammengestelltes Teegemisch verordnen). Das in der Pflanzenheilkunde verwendete Pflanzenmaterial sollte aus kontrolliertem Anbau stammen, um eine möglichst hohe Wirksamkeit und Unbedenklichkeit zu garantieren. Um pflanzliche Medikamente exakt dosieren zu können, müssen sie ausserdem bezüglich des Wirkstoffgehalts standardisiert sein.

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4. Anwendungsgebiete

Für die Phytotherapie (Pflanzenheilkunde) kommen die unterschiedlichsten Anwendungsgebiete in Betracht: Dies gilt auch für die einzelnen Heilpflanzen, denn: Allgemein haben pflanzliche Arzneimittel ein breiteres Wirkungsspektrum als künstlich hergestellte Medikamente, weil sie typischerweise Stoffgemische enthalten, wobei die einzelnen Inhaltsstoffe unterschiedlich wirken können.

Grundsätzlich gilt: Je mehr Wirkstoffe eine in der Phytotherapie verwendete Heilpflanze hat, für desto mehr Anwendungsgebiete ist sie geeignet.

Bei der Phytotherapie kann man grob drei Anwendungsgebiete unterscheiden:

  1. Erkrankungen, bei denen pflanzliche Medikamente aus medizinischer Sicht am besten geeignet sind und künstlich hergestellte Medikamente nicht infrage kommen (z.B. bei einer Lebererkrankung durch leberschädigende Substanzen)
  2. Erkrankungen, bei denen die Phytotherapie als Alternative zur Behandlung mit künstlich hergestellten Arzneimitteln infrage kommt (z.B. Johanniskraut bei leichter bis mittelschwerer Depression, Mittel mit Kümmel, Anis und Fenchel bei Reizmagen)
  3. Erkrankungen, bei denen die Phytotherapie als ergänzende oder unterstützende Massnahme zusätzlich zur Basistherapie infrage kommt (z.B. bei Herzerkrankungen und Atemwegserkrankungen)

 

Viele Menschen nutzen die Phytotherapie auch in Eigenregie – häufige Anwendungsgebiete sind zum Beispiel Erkältungen, nervöse Unruhe und Einschlafprobleme oder Magenprobleme. Bei leichten Erkrankungen oder Befindlichkeitsstörungen sind zum Beispiel frei erhältliche Arzneitees, die keine stark wirkenden Inhaltsstoffe besitzen, zur Selbstmedikation geeignet.

Wenn die mit Phytotherapeutika behandelten Beschwerden nicht bald wieder verschwinden oder sich verstärken, ist jedoch ein Arztbesuch ratsam. Und auch wer eine ernste Erkrankung hat, sollte vor dem Griff zur Pflanzenheilkunde unbedingt zuerst den Rat eines Arztes einholen, da viele pflanzliche Arzneimittel nicht ohne Nebenwirkungen und Risiken sind.

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5. Risiken und Komplikationen

Die in der Phytotherapie (Pflanzenheilkunde) verwendeten pflanzlichen Arzneimittel (Phytotherapeutika) sind nicht frei von unerwünschten Wirkungen. Um mögliche Risiken und Komplikationen gering zu halten, müssen Phytotherapeutika – ebenso wie künstlich beziehungsweise chemisch hergestellte Arzneimittel – die Bestimmungen des Arzneimittelgesetzes hinsichtlich Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit erfüllen. Ärzte dürfen nur Wirkstoffe verordnen, deren Nutzen grösser ist als ihr Risiko.

Anders als homöopathische Mittel durchlaufen die Mittel aus der Phytotherapie das für nicht-homöopathische (allopathische) Medikamente übliche Zulassungsverfahren und werden wie diese auf Wirksamkeit überprüft. Bei ihnen kann und muss der Grund für die medizinische Massnahme (sogenannte Indikation) in der Packungsbeilage angegeben sein. Es gibt jedoch Ausnahmen: Arzneimittel, deren Wirksamkeit in bestimmten Anwendungsgebieten durch überlieferte und dokumentierte Erfahrung festgelegt ist, erhalten den Zusatz «traditionell angewendet» (z.B. «Zur Stärkung oder Kräftigung des ...», «Zur Vorbeugung gegen ...» und dergleichen). Für diese Arzneimittel gilt die überlieferte Erfahrung als Wirksamkeitsnachweis.

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