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Veröffentlicht am 19.08.2020

1. Überblick

Beim Qigong führt man komplexe, langsame Bewegungsabfolgen aus und konzentriert sich gleichzeitig auf den Atem. Die Übungen dienen sowohl der Meditation als auch der Therapie und können sich gesundheitsförderlich auswirken.

Das Qigong (sprich: Tschi-gung) entstammt den Lehren der traditionellen chinesischen Medizin (TCM), die davon ausgeht, dass die «Lebensenergie» Qi entlang bestimmter Energiebahnen durch den Körper fliesst: den sogenannten Meridianen. Damit der Körper funktionieren kann, muss das Qi ungehindert fliessen können. Staut sich das Qi, soll das zu Problemen körperlicher oder auch emotionaler Art führen und zum Beispiel Erkrankungen oder innere Unausgeglichenheit bewirken können.

Indem der Übende beim Qigong seine Aufmerksamkeit gezielt auf Atmung, Bewegung und Vorstellungskraft richtet, soll er den Qi-Strom beeinflussen und möglicherweise vorhandene Blockaden auflösen können. Zuvor gestautes Qi kann so wieder ungehindert den Meridianen folgen und innere Kräfte in Balance bringen. Den Lehren des Qigong zufolge kann man auf diese Weise Erkrankungen vorbeugen oder sogar behandeln. Die Übungen sollen Selbstheilungskräfte aktivieren und den Betroffenen belastbarer machen.

Die verschiedenen Qigong-Übungen haben jeweils bestimmte Körperbereiche oder -funktionen im Fokus, bei denen der Qi-Fluss verbessert werden soll. Qigong soll sich bei vielen Erkrankungen positiv auswirken und kann unterstützend zur Therapie eingesetzt werden.

Der Begriff Qigong setzt sich aus den chinesischen Begriffen Qi (= universelle Energie, Lebenskraft) und gong (= ausdauerndes Üben) zusammen. Beide Begriffe zusammen bedeuten so viel wie «Arbeiten am Qi».

Übung 1

Die Füsse sind geschlossen und die Arme hängen locker nach unten, die Hände ruhen seitlich der Oberschenkel. Die Augen sind geradeaus gerichtet. Die Beine hüftbreit nach links öffnen. Nun beide Arme vorwärts ausstrecken und die Hände jetzt auf das untere Dantjän (Energiekanal) übereinanderlegen, zuerst die linke Hand, dann die rechte Hand. (Wenn es nach rechts geht, legen wir zuerst die rechte Hand auf das untere Dantjän und dann die linke Hand darüber). Den linken Fuss schräg links nach vorne setzen, wobei die Ferse zuerst aufsetzt. Das Gewicht nach vorn verlagern. Beim Zurückbewegen heben wir die linke Fussspitze und die Hände massieren vom Dantjän nach oben, also von der Körpermitte bis zum Schlüsselbein. Wir massieren den Meridian, das sog. Dienergefäss. Dabei atmen wir ein. Ihr Gewicht liegt auf dem rechten Bein. Die Hände massieren beim Abwärtsbewegen wieder nach unten, das Gewicht dabei wieder auf das linke Bein verlagern, der linke Fuss rollt ab. Dabei atmen wir aus. Anschliessend in die Ausgangsposition zurückkehren.

Wiederholungen: 4 mal nach links, 4 mal nach rechts

Wirkung: Öffnet die vorderen Energiekanäle, sorgt für Leichtigkeit, Finden der eigenen Mitte.

2. Anwendungsgebiete

Qigong soll sich auf viele Körperbereiche und -funktionen positiv auswirken und die innere Balance stärken. Die langsamen und gleichzeitig komplexen Bewegungen fördern das Körpergefühl und können zur Erhaltung der Gesundheit, aber auch unterstützend bei vielen Erkrankungen eingesetzt werden.

Qigong wird häufig empfohlen bei:

Was sagt die Wissenschaft?

Verschiedenen Forschungsarbeiten zufolge hat Qigong gesundheitsförderliche Effekte. Sie entsprechen damit überlieferten Erfahrungen. Allerdings halten viele dieser Studien wissenschaftlichen Kriterien nicht stand. Für einen aussagekräftigen wissenschaftlichen Nachweis sind deshalb weitere Studien notwendig.

In der Praxis

Qigong kann man allein oder in der Gruppe ausüben. Neben den bekannteren Übungen mit Bewegungsabfolgen im Stehen gibt es auch Übungen, die man im Liegen oder Sitzen praktizieren kann.

Um die Qigong-Übungen bewusst und korrekt ausführen zu können, empfiehlt sich zu Beginn der Besuch eines Kurses. Qigong-Kurse werden inzwischen vielerorts angeboten.

Werden Qigong-Übungen nicht korrekt ausgeführt, können Kopfschmerzen, Schwindel oder auch Veränderungen des Blutdrucks sowie Knie- oder Rückenschmerzen auftreten.

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Übung 2

Die Füsse sind geschlossen und die Arme hängen locker nach unten, die Hände ruhen seitlich der Oberschenkel. Die Augen sind geradeaus gerichtet. Die Beine hüftbreit nach links öffnen. Jetzt heben wir die Arme mit dem Einatmen im Halbkreisbogen nach oben und senken die Handflächen in der Gebetshaltung vor dem Gesicht. Dabei atmen wir aus. Die Hände werden jetzt verschränkt und umgedreht. Mit dem Einatmen die Arme über den Kopf strecken, wobei beide Handflächen nach oben zeigen. Die Hände stützen gedanklich den Himmel. Der Blick richtet sich nach oben auf die Handrücken. Einige Sekunden die Position halten, dann den Blick geradeaus richten und die Fersen anheben und wieder senken. Nun die Hände von oben seitlich nach aussen in einem grossen Bogen nach unten sinken lassen. Dabei atmen wir aus. Anschliessend kehren wir in die Ausgangsposition zurück.

Wiederholungen: 4 mal nach links, 4 mal nach rechts

Wirkung: Erweiterung der Lungenkapazität; Stärkung der Rückenmuskulatur; Anregung der Verdauung; Verbesserung des Balancegefühls und reguliert den Stoffwechsel.

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3. Historisches: Qigong-Wurzeln in China

Die Wurzeln des Qigong gehen bis in das sechste Jahrhundert vor Christus zurück. Anfänglich war Qigong ein Element des sogenannten Yangsheng. Der Begriff Yangsheng stammt aus dem chinesischen Altertum und bedeutet übersetzt so viel wie «Pflege des Lebens». Man versteht darunter eine Art Kunst der Lebensführung, zu der Lebensaspekte wie zum Beispiel Ernährung oder Übungen körperlicher und geistiger Art zählten.

Vor allem in buddhistischen und daoistischen Klöstern wurde Qigong praktiziert. Hier diente es als elementare Grundübung, welche körperliche und mentale Kräfte sowie Selbstheilungskräfte stärken sollte. Die Gesundheit sollte so erhalten bleiben.

Mit Beginn der kommunistischen Revolution in China wurde die Ausübung von Qigong jedoch verboten. Qigong rückte danach erst gegen Ende der 1970er Jahre langsam wieder in den Vordergrund. Durch die zunehmende Verbreitung der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) in den westlichen Ländern gewann auch Qigong zunehmend an Bedeutung und gelangte so schliesslich in den 1980er Jahren auch nach Europa. Seitdem erfreut es sich zunehmender Beliebtheit.

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