Das Problem:

Mein Mann übernimmt sich in seinem Beruf. Er macht oft Überzeit bis gegen Mitternacht und bringt auch noch übers Wochenende Arbeit nach Hause. Er entfernt sich immer mehr vom Familienleben, wird immer nervöser und ungeduldiger. Seine Arbeitswut gleicht einer Krankheit, und ich bekomme langsam Angst, dass das alles ein böses Ende nehmen wird. Was soll ich tun? Wissen Sie einen Rat?

Rahel G.

Koni Rohner, Psychologe FSP:

Falls Arbeitswut eine Krankheit ist, dann ist sie weit verbreitet. Leider fühlen sich viele Männer genötigt, mehr zu arbeiten, als ihnen und ihrer Familie gut tut. Ob es realitätsgerecht ist, was Ihr Mann tut, oder ob er auch mit weniger Arbeit genug Geld verdienen würde, um die Familie zu erhalten, kann ich aber nicht beurteilen.

Sollte er ein neurotischer Workaholic sein, könnte ihm ein Coaching oder eine Supervision bei einer Fachperson helfen. Dazu müsste er aber selber motiviert sein. Sie können ihm einerseits dazu raten und anderseits bei jeder Gelegenheit offen sagen, was sein Verhalten für Gefühle und Sorgen bei Ihnen auslöst. Achtung: Machen Sie keine Vorwürfe, sondern reden Sie nur von den Auswirkungen, die sein Verhalten auf Sie und die Kinder hat. Solche Rückmeldungen führen manchmal dazu, dass jemand selbst erkennt, dass er beratungsbedürftig ist.

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Leben wir, um zu arbeiten – oder arbeiten wir, um zu leben? Priorität hat heute leider die Steigerung der Leistung und nicht der Lebensqualität. Begriffe wie Wachstum, Effizienz, Shareholder Value, Verbesserung der Produktivität, Wettbewerb, internationale Konkurrenzfähigkeit bestimmen den Diskurs. Was im Zeitalter der Globalisierung eine drastische Verschärfung erfahren hat, war in unserer christlichen Kultur aber schon lange angelegt. Der «Geist des Protestantismus» enthält die Idee, dass man hier auf Erden eine Menge arbeiten soll, ohne die Früchte zu geniessen. Belohnung gibt es dann im Jenseits.

Der Soziologe Max Weber war der Meinung, dass es erst durch diese Philosophie zu einer Anhäufung von Kapital kommt, weil man das Geld ja nicht verprassen darf. Das Ersparte liess sich dann wiederum in neue Produktionsanlagen investieren, und so entstand die moderne Wirtschaft. Natürlich wartet heute niemand mehr auf den Lohn im Jenseits, sondern wir wollen Spass im irdischen Leben haben und das verdiente Geld ausgeben.

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Aber noch immer gilt der Krampfer als Ideal. Manager geben in Interviews gern an, dass sie um fünf Uhr aufstehen und bis 22 Uhr arbeiten. Einer, der gern faulenzt, steht im Verdacht, ein Taugenichts zu sein. «Dem lieben Gott den Tag abstehlen», sagte man früher. In der Freizeit muss Sport getrieben werden mit Leistungssteigerung, und in den Ferien muss man alles Mögliche unternehmen, damit man den Nachbarn nachher was erzählen kann.

Eigentlich sollte es jedem einleuchten: Alles Einseitige ist ungesund. In der Natur sorgen Gleichgewichte, Kreisläufe und Rhythmen für harmonische Ordnung. Wir sollten von ihr lernen, statt sie in unserem Wachstumswahn und vom Wettbewerbsdenken geblendet allmählich zu zerstören. Leider haben wir vor lauter Leistungsstreben kaum mehr Zeit, nachzudenken.

Ein Mann in der Midlife-Crisis formulierte es einmal so: «Mit dem Erwachsenwerden habe ich einfach den automatischen Piloten eingeschaltet.»

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Wir sollten uns aber, so meine ich, dringend eine Denkpause gönnen, bevor wir alt oder krank sind.

Dabei könnten wir zum Beispiel entdecken, dass ein idealer und gesunder Rhythmus nur dann entsteht, wenn wir uns zwar manchmal zusammennehmen und hart arbeiten, uns anderseits aber immer wieder Zeit einräumen, in der wir uns gehen lassen können.