Der Aargauer Kantonsarzt Martin Roth nennt die Zahl nicht gern: «Es sind gut 200.» Gemeint sind damit die menschlichen Embryonen, die tiefgekühlt allein im Kantonsspital Baden für eine unbestimmte Verwendung gehortet werden. Er hoffe, fügt Roth hinzu, dass die Zahl nicht überbewertet werde.

Dasselbe befürchtet offenbar auch die Arbeitsgruppe der Schweizerischen Gesellschaft für Fertilität, Sterilität und Familienplanung (Fivnat-ch). Die Dachorganisation der Produzenten von Retortenbabys weiss als einzige Stelle, wie viele Embryonen in den Kühlschränken der Schweizer Kliniken lagern. «Ziel der Fivnat-ch ist unter anderem der Aufbau einer schweizerischen Statistik auf freiwilliger Basis im Interesse der Transparenz», beruhigte der Bundesrat vor anderthalb Jahren das Volk.

Doch mit der Transparenz ist es nicht weit her. Fivnat-ch-Statistiker Costanzo Limoni hat die entsprechenden Zahlen zwar bereit, doch er darf sie ohne den Segen des Vorstands nicht veröffentlichen. Auf diesen Segen wartete der Beobachter vier Wochen lang vergeblich.

Uminterpretation von «Schicksal»
Die Frauenklinik in Baden ist neben Lausanne das grösste Produktionszentrum für Retortenbabys in der Schweiz. Rund 400 Frauen versuchen hier jährlich, mittels In-vitro-Fertilisation schwanger zu werden. Dabei sind in den letzten Jahren etliche Embryonen tiefgefroren worden. Konserviert wurden sie als Reserve für einen erneuten Versuch nach einer missglückten In-vitro-Fertilisation oder um dem Paar später zu einem weiteren Retortenbaby zu verhelfen.

Doch jetzt müssen alle in der Schweiz konservierten Embryonen aufgetaut werden – um sie sterben zu lassen. Denn das Anfang Jahr in Kraft getretene Fortpflanzungsmedizingesetz verbietet das Konservieren von Embryonen. Die Embryonen aus früheren In-vitro-Fertilisationen dürfen noch höchstens drei Jahre aufbewahrt werden. «Wenn endgültig klar ist, dass für einen Embryo keine Transfermöglichkeit besteht, ist der Keimling seinem Schicksal zu überlassen», erläutert der Bundesrat in seiner Botschaft das Gesetz.

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Eine klare Bestimmung, die verhindern soll, dass mit den Embryonen experimentiert wird. Aber genau das beabsichtigen nun einige Wissenschaftler. «Schicksal» wird mittlerweile interpretiert als «der Forschung zu überlassen». Grund: Die Embryonen enthalten wundersame Zellen, die so genannten embryonalen Stammzellen. Diese werden von den Medizinern weltweit als Hoffnungsträger für die Beseitigung der grossen Menschheitsgeisseln wie Krebs, Alzheimer oder Parkinson gepriesen. Mit ihnen könnten Nieren-, Herz- oder Nervengewebe als «Ersatzteile» hergestellt werden. Doch bei der Gewinnung von Stammzellen werden Embryonen getötet; sie ist deshalb in vielen Ländern verboten. Auch in der Schweiz: «Das Ablösen einer oder mehrerer Zellen von einem Embryo in vitro und deren Untersuchung sind verboten», heisst es im Gesetz.

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Wissenschaftler und Juristen nehmen die zahlreichen verwaisten Embryonen jedoch zum Anlass, das Verbot in eine Erlaubnis umzuwandeln. Mit dem Gesetzesartikel, argumentieren sogar Mitglieder der nationalen Ethikkommission für Humanmedizin (NEK), habe das eidgenössische Parlament bloss die Präimplantationsdiagnostik, die genetische Untersuchung am Embryo vor dem Einpflanzen in die Gebärmutter, verhindern wollen. Vom Gesetzesartikel nicht betroffen hingegen sei die Stammzellenforschung.

«Das Verbot lässt sich offenbar unterschiedlich interpretieren», sagt NEK-Präsident Christoph Rehmann. Die Ethikkommission werde deshalb an der nächsten Sitzung darüber diskutieren, ob man die «Embryonen, die keine Aussicht auf ein Leben haben», der Forschung zur Verfügung stellen könne.

Den Basler Ethiker Hans-Peter Schreiber verblüfft diese Auslegung. «Der Gesetzesartikel verbietet Embryonenforschung klipp und klar», sagt er. Genau deshalb wollten die Schweizer Forscher Stammzellen aus dem Ausland importieren – «weil das Gesetz deren Gewinnung verbietet».

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«Ethisch nicht verwerflich»
Dennoch: Der begehrliche Blick auf das Schweizer Embryonenlager beflügelt mancherorts die Fantasie. So erachtete etwa die Schweizerische Akademie der medizinischen Wissenschaften noch vor einigen Monaten den Import embryonaler Stammzellen als ethisch vertretbar. Inzwischen fordert sie sogar die grundsätzliche Zulassung der Embryonenforschung: Überzählige Embryonen seien der Forschung zur Verfügung zu stellen. Ein Embryo sei noch kein Mensch, schreibt die Akademie; zudem «fehlen bei überzähligen Embryonen die äusseren Voraussetzungen dafür, dass aus ihnen ein Mensch hervorgehen kann». Und: «In Anbetracht des ethisch zu würdigenden Ziels der Entwicklung neuer Therapien für schwere Krankheiten kann man es für ethisch vertretbar erachten, sie der Forschung zur Verfügung zu stellen.»

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Auch NEK-Präsident Christoph Rehmann sagt: «Die Embryonen müssen ohnehin sterben. Da ist es ethisch doch nicht verwerflich, sie für die Heilung von Krankheiten einzusetzen. So hätte ihre Existenz zumindest einen Sinn.»

Solche Aussagen beunruhigen die Zürcher Theologin und Ethikerin Ruth Baumann: «Mit dem Argument Heilen dürfen doch nicht jegliche Grenzen überschritten werden.» Menschenwürde, so Baumann, könne nicht an bestimmte inhaltliche Kriterien geknüpft werden; sie existiere nur ganz oder überhaupt nicht. «Das Argument, der Embryo sterbe doch ohnehin und könne deshalb genauso gut den Forschern überlassen werden, kann man bald auch bei geborenen, todkranken Menschen verwenden.»