Sämtliche Frauen im Alter zwischen 50 und 69 sollen sich alle zwei Jahre ihre Brüste röntgen lassen. Um solche Screening-Programme zur Früherkennung auch in der Deutschschweiz durchzusetzen, ruft die Krebsliga den Oktober wie jedes Jahr zum «Infomonat Brustkrebs» aus.

In der Westschweiz sind Screening-Programme bereits eingeführt. Die Genferinnen, Waadtländerinnen und Walliserinnen im Alter zwischen 50 und 69 erhalten alle zwei Jahre eine schriftliche Einladung zum Gratisröntgen. Wie viel diese Screening-Programme kosten, ist unbekannt. «Ob der Nutzen gross genug ist, um den enormen Aufwand und die Nachteile für viele Frauen zu rechtfertigen, ist zweifelhaft», sagt ein kantonaler Gesundheitsdirektor der Deutschschweiz. Mit Namen will er sich nicht zitieren lassen, weil das Thema Brustkrebs «emotionalisiert» sei. Schon der früheren Bundesrätin Ruth Dreifuss hatten Boulevardmedien vorgeworfen, sie lasse die Frauen im Stich, nachdem sie sich kritisch geäussert hatte.

Die Informationskampagnen der Krebsliga werden nicht zum ersten Mal als zu einseitig gerügt: Bereits vor vier Jahren hatte die Gesundheitsdirektorenkonferenz «eine massive Verbesserung der Information» nicht nur über Vorteile, sondern auch über die Nachteile des organisierten Screenings gefordert.

Erkrankung nicht verhindert

Trotzdem hält die Krebsliga weiterhin an ihrer Informationspolitik fest. Weshalb, bleibt ihr Geheimnis: Die Verantwortlichen wollen gegenüber dem Beobachter keine Stellung nehmen.

Die Schweizer Frauen haben eine falsche Vorstellung über den Nutzen des Mammografie-Screenings – das beweist eine repräsentative Umfrage von Gianfranco Domenighetti, Wissenschaftler in der Gesundheitsdirektion des Kantons Tessin:

  • Zwei Drittel aller Frauen sind der irrigen Meinung, dank der Screenings würden weniger Frauen an Brustkrebs erkranken. Tatsächlich verhindern Screenings keine einzige Erkrankung.

  • Noch bedenklicher: Mehr als die Hälfte glaubt, dank der Screenings würden nur noch halb so viele oder noch weniger Frauen an Brustkrebs sterben. Tatsächlich sind es höchstens 25 Prozent weniger.


Aber auch diese 25 Prozent wecken einen falschen Eindruck von der Wirkung der Früherkennung, denn eine Frau möchte den Nutzen für sich persönlich erfahren: Wenn sie sich zehn Jahre lang an einem Screening-Programm beteiligt, kann sie ihr Sterberisiko infolge von Brustkrebs um höchstens 0,1 Prozent verringern. Bei diesen und den andern Zahlen stützt sich der Beobachter auf die gleichen Statistiken wie die Krebsliga.

Screening-Programme wenden sich ausschliesslich an Frauen im Alter zwischen 50 und 69 Jahren; in diesem Alter stirbt eine von etwa 125 Frauen an Brustkrebs. Mit anderen Worten: 99,2 Prozent der Frauen zwischen 50 und 69 Jahren sterben nicht an Brustkrebs. Wer erkrankt, ist meistens älter als 69 – einige Frauen sind jünger als 50: Ihnen allen bringt das Screening nichts. Auch die Krebsliga spricht ständig vom Brustkrebsrisiko während des ganzen Lebens und von jährlich 5000 Neuerkrankungen jeden Alters. Vor zwei Jahren schrieb sie noch von 4000 neuen Fällen. Auf die Frage, wie diese Hochrechnungen zustande kamen, gibt die Krebsliga keine Antwort.

«Irreale Erwartungen»

Das systematische Röntgen kann höchstens 40 Prozent aller Neuerkrankungen erfassen und nur bei diesen das «Krebstodesrisiko um 25 Prozent verringern», wie die Krebsliga sagt. Die «tatsächlich erzielten» Werte im Ausland hätten bisher «zwischen 5 und 20 Prozent» erreicht. Nur: Wäre der Erfolg so gross, wie dies den Anschein macht, würde niemand mehr über Screening-Programme streiten.

Doch bei den Zahlen der Krebsliga handelt es sich um «relative Risikoreduktionen». Und diese isolierte Darstellung gilt nach internationalen Ethikrichtlinien als nicht zulässig. Bei den Frauen entstünden «Trugschlüsse und irreale Erwartungen», sagt Medizinprofessorin Ingrid Mühlhauser von der Universität Hamburg, Spezialistin der statistischen Darstellung.

Nur mit absoluten Zahlen wird der Nutzen klar: Dank Screenings während zehn Jahren sterben von 1000 Frauen im Alter zwischen 50 und 69 Jahren etwa sechs statt acht Betroffene an Brustkrebs. Mit andern Worten: 998 der 1000 teilnehmenden Frauen haben keinen Vorteil. Im Gegenteil: Laut Experten werden mindestens 200 von ihnen im Lauf der zehn Jahre mit einem falschen Krebsverdacht konfrontiert und geraten deswegen bis zur endgültigen Abklärung häufig in psychischen Stress. «Ein einziger falscher Verdacht kann für das Individuum schlimme Folgen haben», betont der Leiter des britischen Mammografie-Screening-Programms Muir Gray. Bei 60 dieser 200 Frauen zeigt erst eine Gewebeentnahme, dass der Verdacht falsch war.

Bei einzelnen Frauen wird die Brust sogar unnötig operiert, räumt selbst die Krebsliga ein. Der Grund: Mit zunehmendem Alter haben viele Menschen in einem Organ sehr langsam wachsende Krebszellen, die keine Metastasen bilden und bis zum Lebensende unbemerkt bleiben. Mammografien entdecken auch solche harmlosen Tumore. Diese sind von bösartigen kaum zu unterscheiden, weshalb Ärzte einfach alle operieren müssen.

Nach internationalen Schätzungen wird bei etwa einer bis drei von 1000 Frauen im Lauf von zehn Jahren ein Brustkrebs entdeckt, operiert und häufig bestrahlt, der zu Lebzeiten nie Probleme gemacht hätte. «Bei 5 bis 25 Prozent aller mit Screenings diagnostizierten Brustkrebserkrankungen handelt es sich um solche Überdiagnosen», stellt Screening-Spezialist Marcel Zwahlen vom Institut für Präventivmedizin der Universität Bern fest. Solche «Überdiagnosen» sind der Hauptgrund, weshalb die statistisch erfassten Erkrankungen vor allem in Gegenden stark zunahmen, in denen Screenings eingeführt wurden. Auch die Röntgenstrahlen sind nicht harmlos: Die Belastung von zehn Mammografien führt zu 1,5 bis 4,5 zusätzlichen Erkrankungen und zu einem zusätzlichen Todesfall wegen Brustkrebs pro 10000 Frauen. Dies ergab eine bereits 1996 in der US-Fachzeitschrift «Cancer» veröffentlichte Studie.

Rückgang der Sterblichkeit

Wie stark die Belastungen und welches die Nachteile eines allgemeinen Screenings sind, sagen die Krebsliga und die meisten spezialisierten Ärzte praktisch nie. Dafür behauptet die Krebsliga zum Auftakt des «Infomonats Brustkrebs» unverfroren: «In den Kantonen der Romandie, die diese organisierte Mammografie anbieten», habe die Sterbeziffer bis 2002 «um 35 Prozent gesenkt» werden können. Die Grafik, die die Krebsliga dazu verbreitet, zeigt indes nur eine Reduktion der Sterbeziffer um 25 Prozent.

In Genf sei die «Sterblichkeit» sogar auf die Hälfte, in den Deutschschweizer Kantonen ohne organisiertes Screening jedoch «nur um 14 Prozent» geschrumpft. Mit solchen Informationen erhalten Frauen, die sich ans Krebstelefon oder an den Infobus wenden, den falschen Eindruck, die Screening-Programme in der Westschweiz hätten zu einem drastischen Rückgang der Sterblichkeit geführt.

Mit diesen Aussagen verspielt die Krebsliga ihre Glaubwürdigkeit. Sogar ohne Früherkennung leben nach einer Brustkrebsdiagnose über drei Viertel der betroffenen Frauen noch weit länger als fünf Jahre. Die Screening-Programme in der Westschweiz begannen erst vor sechs Jahren. Deshalb können Frauen, bei denen ab 1999 Krebs diagnostiziert wurde, auf die Sterblichkeitsstatistik von 2002 keinen Einfluss haben.

«Es ist epidemiologisch noch viel zu früh und unseriös, eine Sterblichkeitsreduktion der letzten fünf Jahre mit dem Erfolg der Screening-Programme in Verbindung zu bringen», sagt der Berner Professor Matthias Egger vom Institut für Sozial- und Präventivmedizin. Sein Institut hat nachgewiesen, dass die Brustkrebssterblichkeit in der Schweiz schon seit 1990 zurückgeht – lange bevor Screenings eingeführt wurden.

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