Der Rechtsvertreter des Opfers, der auf Haftpflicht und Firmenrecht spezialisierte St. Galler Anwalt Markus Schultz, zeigt sich vom Urteil «schockiert». Gerade das seelisch schwach entwickelte Kind brauche zusätzlichen Schutz und dürfe nicht «zum Freiwild von Sexualstraftätern» werden.

Urs Hofmann, Leiter der Fachstelle Mira, Prävention sexueller Ausbeutung im Freizeitbereich, bezeichnet den Entscheid als «katastrophal». Dadurch werde das Schutzalter unterlaufen und das Schuldgefühl der Betroffenen zementiert. Die Zentralsekretärin des Cevi, Myriam Heidelberger Kaufmann, betont, das Opfer könne «nie und in keiner Weise» eine Mitschuld treffen. Die Organisation liess dem Opfer ein Dreivierteljahr nach dem Bundesgerichtsentscheid einen Beitrag aus dem Solidaritätsfonds zukommen.

Peter Albrecht, Extraordinarius für Strafrecht und Strafverfahrensrecht an der juristischen Fakultät der Uni Basel, weist auf den «Wertungswiderspruch» hin: Einerseits betrachte das Strafgesetz sexuelle Handlungen mit Kindern (bis 16 Jahre) als schweres Delikt, anderseits werfe das Bundesgericht einem solchen Kind, welches das Strafrecht schützen will, ein Mitverschulden an den strafbaren Handlungen vor. Es sei damit zu rechnen, dass künftig in Strafverfahren wegen sexueller Handlungen mit Kindern bei Zivilforderungen das allfällige Mitverschulden des Opfers vermehrt vor Gericht thematisiert werde: «Das widerspricht evident den Intentionen des Opferhilfegesetzes, gerade auch seit dessen letzter Revision.»

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Buchtipp

Urs Hofmann: «Grenzfall Zärtlichkeit in Familie, Schule,
Verein»; Rex-Verlag, 2004, 127 Seiten, Fr. 24.90