Peter Walt, 40, schaffte es sogar auf die Titelseite einer Zeitung. Allerdings nicht so, wie er sich das gewünscht hätte. «Unfallopfer wartete 19 Stunden auf Hilfe», lautete die Schlagzeile. Was war passiert? Walt war mit seiner Vespa auf der Autobahn unterwegs, als er kurz vor der Ausfahrt die Herrschaft über die Maschine verlor, über die Böschung raste und verletzt liegen blieb. Erst am nächsten Morgen entdeckte ihn ein Strassenarbeiter.

Walt ist seit 20 Jahren Diabetiker. Bevor er auf die Maschine steigt, misst er jeweils seinen Blutzuckerspiegel, um ganz sicherzugehen. Das tat er auch vor der verhängnisvollen Fahrt – mit einem fabrikneuen Messgerät. Die Werte waren okay. «Dennoch geriet ich an jenem Sonntagmittag in eine gefährliche Unterzuckerung und verlor die Herrschaft über den Roller», erinnert sich Peter Walt.

Erst später im Spital erfuhr er von den Ärzten, dass sein neues Gerät nach einem andern Verfahren misst – und bis zu 15 Prozent höhere Werte anzeigen kann. Walt ist empört, weil von dieser Differenz nichts in der Bedienungsanleitung stand. Auch der Apotheker, der ihm das Gerät verkaufte, sagte ihm nichts davon.

Walt wandte sich nach dem Unfall im Sommer 2004 an die Schweizer Kontrollbehörde Swissmedic, die für die Sicherheit von medizinischem Gerät zuständig ist. Die Verantwortlichen kamen zum erstaunlichen Schluss, dass die Pharmafirma nicht verpflichtet sei, die Information über die Abweichung an die Patienten weiterzugeben. Die krude Begründung: «Die einschlägige Norm besagt, dass die Bedienung, Ablesung und Interpretation der Resultate in einfacher und dem Laien verständlicher Form beschrieben sein müssen. Das bedeutet, dass dem Laienanwender nicht mittels Gebrauchsanweisung komplexe Zusammenhänge kundgetan werden sollen.» Stattdessen sollten künftig Ärzte und Apotheker besser informiert werden. Mit andern Worten: Dem «dummen» Patienten kann diese Information offenbar nicht zugemutet werden.

Kein signifikantes Risiko?



Ausserdem übernimmt Swissmedic, die eigentlich auf der Seite der Patienten stehen müsste, einfach die Begründung der Herstellerfirma Bayer und gibt dies auch noch zu. Bayer habe nach «Auswertung der Reklamationsstatistik kein signifikantes Risiko» ausgemacht. «Der Fall Walt ist der einzige auf weiter Flur», stützt Isabel Scuntaro von Swissmedic die Haltung des Pharmaunternehmens. Wie viele Fälle müssten denn vorliegen, damit weiter gehende Massnahmen verfügt würden? Scuntaro: «Schon Dutzende bis Hunderte.»

Die Schweizerische Gesellschaft für Diabetologie war laut Scuntaro ebenfalls der Meinung, eine besondere Information für Laienanwender wäre «verwirrend» und «ohne realen Nutzen». Merkwürdig: Deren Präsident Peter Diem, Diabetologe am Berner Unispital Insel, sagt heute: «Ich verstehe nicht, weshalb Bayer die mögliche Messdifferenz von 10 bis 15 Prozent nicht in der Bedienungsanleitung erwähnt.»

Bayer weist in der Anleitung noch heute nicht auf diesen Messunterschied hin. Es sei «unmöglich, exakte Unterschiede bekannt zu geben, denn es gibt keinen Standard für die Messung der Glucose». Der US-Konkurrent Johnson & Johnson machts besser: Er druckt einen Warnhinweis ab. Offenbar traut er den Kunden mehr Verstand zu als die Firma Bayer.

Quelle: Simone Broder
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