Gaga, psycho, nicht ganz dicht – wie wir über psychisch Kranke reden, verrät viel über uns selbst. Über den Wunsch, das Thema nicht zu nah kommen zu lassen und sich klar als «Gesunde» abzugrenzen. Kein Wunder: Eigentlich kann man nur staunen, welche Arbeit das Gehirn jeden Tag leisten muss. Unser Bewusstsein ist ja nicht einfach da, sondern das Produkt immer neuer chemischer und elektrischer Prozesse. Es ist eine faszinierende Leistung, wenn das Ich dabei stabil bleibt – und sich nicht etwa über Nacht in die eine oder andere Richtung verrückt hat. Die Angst vor dem Verrücktwerden hat dazu geführt, dass der Umgang mit psychisch Kranken über Jahrhunderte eine Geschichte des Ausgrenzens und Versteckens war – aus den Augen, aus dem Sinn.

Auch heute treffen wir in der Öffentlichkeit selten auf Menschen, die uns mit einer offensichtlichen psychischen Erkrankung verstören könnten. Die Kliniken sind dafür umso voller. Und die offiziellen Zahlen klingen alarmierend: Danach wird in der Schweiz jeder Zweite im Lauf seines Lebens psychisch krank, jeder Vierte leidet irgendwann einmal unter einer Angststörung, jeden Fünften sucht eine Depression heim.

Sind wir verweichlicht?

Unsere Titelgeschichte (siehe Artikel zum Thema) zeigt, dass psychische Erkrankungen auch eine Folge des Wohlstands sind. Denn mehr als frühere Generationen können wir es uns leisten, solche Krankheiten ernst zu nehmen. Was einst ignoriert oder als unabänderliches Schicksal hingenommen wurde, gilt heute als Einschränkung der Lebensqualität und Fall für den Therapeuten. Sind wir einfach nicht mehr so hart im Nehmen? Zum Teil mag das sein, aber es ist dennoch ein Fortschritt, dass psychisch Kranke heute eher behandelt werden, als dass man sie weiter leiden lässt.

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Die Kehrseite: Die Kosten laufen aus dem Ruder. Denn die Schweiz leistet sich eine teure Psychiatrie, die stark auf Kliniken und stationäre Therapien baut. Allmählich setzt sich aber die Erkenntnis durch, dass viele Patienten auch ambulant oder zu Hause betreut werden könnten – genauso gut und billiger.

Dabei muss auch die Gesellschaft umdenken. Kranke, die bisher in Kliniken verschwinden, würden wieder sichtbar. In einer Gesellschaft, in der reibungsloses Funktionieren und munteres Auftreten zum guten Ton gehören, mag das mancher als Zumutung empfinden. Doch sie dürfte heilsam sein. Psychisch Kranke würden seltener abgeschoben, und mit ihrer Anwesenheit erinnerten sie die Gesunden daran, wie zerbrechlich und schützenswert deren eigene seelische Konstitution ist. Beide Seiten wären in bester Gesellschaft.