Eine tote Libelle. Was soll uns daran beunruhigen? Vielleicht gibts nicht mehr so viele Insekten, Käfer, Vögel, Lurche wie vor 50 Jahren. Aber schliesslich kamen in den letzten Jahren durch Einwanderung und Einschleppung auch regelmässig neue Arten hinzu. Und auf dem Satellitenbild erscheint die Schweiz nach wie vor in wunderbarstem Grün.

Dennoch darf uns die tote Libelle nicht egal sein. Denn wo all diese Lebewesen, die wir in unserer Kindheit noch so oft bestaunt haben, kaum mehr anzutreffen sind, ist auch die Landschaft verarmt, selbst wenn sie noch grün erscheint. Fette, monotone Weiden und Rasenflächen haben die Magerwiesen ersetzt, die Natur wird überall zurückgedrängt und zurechtgestutzt.

Das Wildromantische, einst Markenzeichen der Schweiz und unabdingbare Ikone des Tourismus, geht uns in erschreckend hohem Tempo verloren. Die Natur wird, wo sie nicht Strassen und Häusern weichen muss, umgeformt in urbane Gartenlandschaften (siehe Artikel zum Thema «Natur im Würgegriff»).

Dabei tun wir alle so, als ob wir die Natur schätzen würden, wir zeigen sie gern in jeder zweiten Werbung – und behandeln sie doch wie unsern Feind: Wir suchen und erfahren sie allsonntäglich mit dem Auto – eine Art Liebeserklärung durch die Windschutzscheibe –, wir walzen sie platt, überbauen sie, fahren mit schwerstem Gerät in sie ein, zähmen sie und stehlen ihr den Platz, wo wir nur können.

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Naturschutz findet vorab auf dem Papier statt oder dann am Rand von dichtbefahrenen Strassen in winzigst ausgezonten Arealen, die dann voller Stolz auf unübersehbaren Schautafeln als «Schutzgebiete» angepriesen werden. Dabei hat es die Schweizer Politik auf allen Ebenen versäumt, weiträumigere, zusammenhängendere Flächen gegen den Angriff der Baulöwen zu sichern.

«Landschaft ist in den Augen vieler immer noch im Übermass vorhanden und hat keinen eigentlichen Wert», kritisiert Klaus Ewald, ehemaliger ETH-Professor für Natur- und Landschaftsschutz. Selbst Landschaften von nationaler Bedeutung sind nur auf dem Papier geschützt. Denn während der Staat für den Strassenbau auch Land enteignen darf, fehlt ein solches Eingriffsrecht im höheren Interesse für den Naturschutz.

Es ist höchste Zeit, dass wir die letzten zusammenhängenden Freiflächen konsequent schützen. Denn unberührte Natur hilft nicht nur unserem Tourismus, sondern auch unserer Seele. Wenn die ursprüngliche Landschaft erst überall zerstört ist, ist es zu spät. Der Philosoph Arthur Schopenhauer hat das auf den Punkt gebracht: «Jeder dumme Junge kann einen Käfer zertreten. Aber alle Professoren der Welt können keinen herstellen.»