Wie viel Zeit brauchen Sie für die Lektüre Ihres Beobachters im Schnitt? Bitte antworten Sie schnell, wir haben nicht viel Zeit. Sind es 30 Minuten? Eine Stunde? Oder sogar mehr?

Wenn Sie unter 60 Minuten brauchen und anschliessend trotzdem sehr genau zusammenfassen können, was drinsteht, sind Sie gut. Dann lesen Sie effizient. Das heisst, Sie haben den grösstmöglichen Nutzen erzielt mit möglichst wenig Zeiteinsatz.

In einer ersten Betrachtung ist das toll. Denn Effizienz ist das Mass der Wirtschaftlichkeit. Zeit ist Geld. Und weil immer nur jene gewinnen, die schneller sind als die meisten, beschleunigen wir weltweit unser Lebenstempo.

Wir Schweizer sind besonders erfolgreich darin. Auf einer Rangliste des Lebenstempos in 31 Ländern belegt unseres den ersten Platz (siehe Artikel zum Thema «Tempo Teufel»). Doch unter dem Diktat der Beschleunigung ringen wir bald alle so atemlos nach Luft, dass wir kaum mehr realisieren, dass es auch ausserhalb der Rennbahn noch immer Leben gibt. Dass auch die wenigen Zuschauer dort nichts verpassen und sich höchstens verwundert fragen: Wo rennen die denn alle hin?

Denn das Seltsame ist: Keiner kennt das Ziel unseres steten Steigerungslaufs. Wir alle rennen nur, um einen Vorsprung auf die anderen herauszuholen.

Die Menschheit wird weder klüger noch besser durch den Dauersprint. Das hat der grosse französische Geschwindigkeitstheoretiker Paul Virilio schon vor über 20 Jahren erkannt: «Je mehr gewusst wird, desto mehr ist auch unbekannt. Oder vielmehr: Je rascher die Informationen einander jagen, desto klarer wird uns auch, wie fragmentarisch und unvollständig sie sind.» Elektronische Medien und drahtlose Vernetzung liefern uns einen permanenten Bilder- und Schlagzeilenschwall. Weltfetzen ersetzen ein Weltbild.

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Die Geschwindigkeit bringt uns also nur scheinbare Vorteile. Ja schlimmer noch: Sie ist, wie Virilio kritisiert, das «Ende aller Freiheiten». Statt einen überschaubaren Ort zu begreifen, versuchen wir, jederzeit überall dabei zu sein, und sind am Ende nirgends wirklich. Es ist, so Virilio, «das Ende der realen Präsenz».

Gibts ein Rezept dagegen? Kann sich die Welt entschleunigen? Der deutsche Soziologieprofessor Hartmut Rosa glaubt nicht daran: Der Kulturkampf zwischen Beschleunigern und Entschleunigern endete bisher stets «mit dem Sieg der Beschleuniger». Wer nicht das nötige finanzielle Ruhekissen hat, wird unruhig sitzen neben der Rennbahn.

Rosa rät deshalb zu einem anderen Trick. Mitrennen ja, aber nicht dauernd. Man müsse sich, sagt Rosa, «Entschleunigungsinseln» schaffen.

Wie Sie das tun können, erfahren Sie in diesem Beobachter – nehmen Sie sich ruhig etwas mehr Zeit dafür.

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