Zumindest so sehe ich sie heute, wenn ich in der Schachtel mit den alten Fotografien stöbere. Damals, als Kind, war meine Oma für mich ein geschlechtsloses Wesen, das uns Bonbons zusteckte und dafür sorgte, dass der Sonntagsbraten rechtzeitig auf den Tisch kam. Ihre Haare trug sie hochgesteckt, und ihre weisse Schürze legte sie nur ab, wenn sie ins Dorf einkaufen ging – in einem schwarzen Rock und dicken braunen Strümpfen.

Wie alt war sie damals eigentlich, meine Grossmutter? Ich rechne und stelle fest, dass die Frau, die auf mich so uralt gewirkt hat, bei meiner Geburt 51 Jahre jung gewesen ist. Wie Madonna oder Ursula von der Leyen, die deutsche Familienministerin.

Wie wäre es gewesen, wenn sie erst jetzt in ihre «besten Jahre» gekommen wäre? Wenn sie gesagt hätte: «Kinder, diesen Sonntag habe ich keine Lust, in der Küche zu stehen. Und um Opa müsst ab sofort ihr euch kümmern.» Wenn sie ihren Koffer gepackt hätte, in der Welt herumgereist wäre und uns hin und wieder eine Postkarte geschrieben hätte, aus Madeira oder Madagaskar (sie liebte Blumen und Gärten). Die Realität sah freilich anders aus: Meine Grossmutter schaffte es zeitlebens gerade bis auf die Insel Mainau.

Die reifen Frauen von heute haben mehr von Madonna als von meiner Oma. Sie tragen dieselben T-Shirts wie ihre Enkelinnen, fahren Töff, sind ihr eigener Chef, verlieben sich nochmals neu und benehmen sich nicht immer damenhaft. Die neue Freiheit scheint ihnen gut zu bekommen, wie die Beispiele in diesem Themenheft «50 plus» zeigen. Ein Grund, sich aufs Älterwerden zu freuen? Zumindest kein Grund mehr, deswegen in Panik zu geraten.

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