Ab und zu ist das Knarren einer massiven Holztür oder der Vogelgesang im Kreuzgarten zu hören. Sonst ist es ruhig auf den Gängen des Frauenklosters Namen Jesu in Solothurn. Reden ist hier nur erlaubt, wenn es sein muss. Neben den Meditationsräumen und dem Chor ist auch der Korridor ein «Ort der Stille». Doch allzu streng nehmen es die Kapuzinerinnen nicht. «Wenn ich einer älteren Schwester im Gang begegne, dann frage ich sie, wie es ihr gehe», sagt die 67-jährige Schwester Luzia, eine grosse Frau in einfacher, brauner Tracht mit einem Schleier. Sie ist stellvertretende Leiterin des Klosters. Gäste, die an die Pforte klopfen, werden von ihr im «Stübli» empfangen. Hier stehen ein antiker Sekretär mit vielen Schubladen, ein Bürotisch und in der Ecke ein Computer «daran habe ich Freude».

Die Schwestern öffnen ihre Gemeinschaft für Frauen, die «Tage der Stille» verbringen möchten. Gestresste Managerinnen, Hausfrauen oder Studentinnen, die sich auf eine Prüfung vorbereiten müssen, finden hier Zeit zur Besinnung. «In unserem Kloster dürfen Frauen einfach sein. Sie können einmal die Erfahrung des Empfangens machen und müssen nicht immer nur leisten», sagt Schwester Luzia. Die Kapuzinerinnen wollen jedoch keine Ferien im Kloster anbieten es wird erwartet, dass die Gäste ihren Tagesablauf nach Möglichkeit mitmachen. Laudes, Terz und Vesper sind Gebetszeiten, die einen festen Stellenwert haben. Genauso wie die «stille Betrachtung» oder Meditation. Schwester Luzia stellt fest, dass die Gäste im Kloster gut abschalten können. «Sie spüren den Rhythmus und bekommen wieder Freude an ihrer alltäglichen Arbeit. Gut ist auch die Erfahrung, sich selber auszuhalten.» Doch auch Reden ist im Kloster möglich: Je nach Bedürfnis stehen Schwestern für Gespräche zur Verfügung. Sie bieten Lebenshilfe für den Alltag für psychologische Betreuung fehlt jedoch das entsprechend ausgebildete Personal.

Immer mehr Menschen gönnen sich eine Auszeit. Sie ziehen sich zurück in die Abgeschiedenheit. «Es tut allen Leuten gut, sich hin und wieder aus dem Verkehr zu ziehen», sagt Willi Nafzger, Theologe und Psychotherapeut. Er selber verbringt jedes Jahr einige Tage im Kloster. «Bewusst aussteigen», sagt Nafzger, «heisst Ordnung ins Leben bringen.» Er vergleicht den Alltag mit einem Haufen Holzscheite: Jeden Tag stürmen Unmengen von Nachrichten, Bildern und Geräuschen auf uns ein. So wird es unmöglich, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Darum ist der Rückzug wichtig. «Wenn ich die Holzscheite aufschichte und vor dem fertigen Holzstoss stehe, habe ich wieder einen Überblick über mein Leben», sagt Nafzger.

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Tage im Kloster zu verbringen liegt im Trend: Gerade erst ist in Rheinau ZH auf der ehemaligen Klosterinsel der Grundstein für ein «Haus der Stille» gelegt worden. Die Schwestern der Spirituellen Weggemeinschaft Kehrsiten öffnen in der Rheinschlaufe die Tore für Suchende. In der Broschüre «Innehalten» sind über hundert Häuser aufgeführt, die «Kloster auf Zeit» anbieten. In den meisten ist für den Aufenthalt ein bescheidener Tagesansatz zu bezahlen. Je nach Ordensgemeinschaft ist Mitarbeit möglich oder sogar erwünscht. Das Kloster Einsiedeln bietet ab 2003 einwöchige Wallfahrten speziell für Leute an, die nicht mehr viel mit der Kirche anfangen können oder die sogar ausgetreten sind.

Auch Schwester Luzia stellt fest, dass sich die Leute verstärkt zurückziehen und entspannen möchten. «Es ist schon auch Modetrend, aber der Beweggrund, ins Kloster zu gehen, liegt tiefer. Es ist die Sehnsucht nach einem Lebenssinn, die die Menschen hierher bringt.» Hinter Klostermauern erfährt der Gast etwas anderes als Wohlstand. In einfachen Verhältnissen und stiller Umgebung lernt er, zu sich selber zu finden. In Solothurn bieten die Schwestern auch Kurse in Meditation an.

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Kathrin L. besucht das Kloster Namen Jesu regelmässig. Neben den religiösen Aspekten ist für sie die Tagesstruktur besonders wichtig. «Im Alltag habe ich oft das Gefühl, dass der Tag so schnell verrinnt. Hier klingelt die Glocke, wenn es Zeit ist fürs Gebet, und ich kann die Arbeit auch unfertig beiseite legen.» Durch die Zeit im Kloster sei sie toleranter geworden. Hier habe sie zuhören gelernt.

«Das ist eine Eigenschaft, die viele Menschen verloren haben», sagt Theologe Nafzger. «Zuhören kann ich aber nur, wenn ich mir Zeit nehme.» Entspannen, abschalten und die innere Stimme wahrnehmen das geht auch zu Hause in den eigenen vier Wänden. «Es braucht dafür so wenig», sagt Nafzger. «Manchmal genügt es, ohne Radio und ohne Zeitung ein Essen zu geniessen.»

Die Welt bleibt nicht draussen

Beim Mittagessen im Kloster Namen Jesu dürfen die Kapuzinerinnen miteinander reden. Zur Vorspeise gibt es Suppe, dazu selbst gebackenes Brot. Der Hauptgang ist einfach: Nudeln, Bohnen und Krautstiel. Da Schwester Klara ihren 81. Geburtstag feiert, steht ein spezielles Dessert auf dem Menüplan: Vermicelles.

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Die Schwestern diskutieren angeregt am Mittagstisch: Thema ist die Gewaltspirale im Nahen Osten. Sie leben zwar hinter dickem Klostergemäuer, doch die Schwestern sind nicht weltfremd. «Es wird so viel Not an uns herangetragen. Begriffe wie Mobbing, Arbeitslosigkeit oder Drogen kennen wir nicht aus Erfahrung, aber wir wissen, was sie bedeuten», sagt Schwester Luzia. «Wir leben nicht auf einer Insel, sondern wir helfen Menschen in Notsituationen.» Informationen von aussen erhalten die Kapuzinerinnen über Zeitungen, Fernseher, Telefon und auch E-Mail.

Die Aufgaben der Schwestern haben sich geändert. Früher gab es im Kloster Namen Jesu eine Schule. Diese musste wegen Personalmangels geschlossen werden. Heute befinden sich in diesem Hausteil die Gästezimmer. Es werden jeweils vier Besucher aufs Mal beherbergt. Den Gästen steht neben der Bibliothek auch eine kleine Küche zur Verfügung.

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Oft sind die Gästezimmer ausgebucht. Für ein Leben im Kloster entscheiden sich heute aber nur wenige: Im Kloster Namen Jesu leben lediglich siebzehn Schwestern. Trotzdem fühlen sie sich in ihrer neuen Aufgabe bestätigt. Wer nur auf Zeit zu ihnen kommt, braucht nicht strenggläubig zu sein. Ein gewisses Interesse an der Lebensweise und der Tradition der Kapuzinerinnen wird aber vorausgesetzt. Für Schwester Luzia ist klar: «Es braucht von beiden Seiten Offenheit.»

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