Das Probem:

Mein achtjähriger Göttibub hat sich für das Geburtstagsgeschenk nicht bedankt. Ich weiss nicht einmal, ob es angekommen ist. Bin ich überempfindlich, wenn mich dies ein wenig kränkt? Erwarte ich zu viel von einem Kind in diesem Alter?

Susanne F.

Koni Rohner, Psychologe FSP:

Wer etwas schenkt, möchte Freude bereiten und von dieser Freude auch etwas mitbekommen. Deshalb finde ich Ihre Kränkung gerechtfertigt. Ich bin aber auch der Ansicht, dass es zu viel verlangt ist, von einem achtjährigen Kind zu erwarten, dass es selber darauf kommen sollte, sich zu bedanken. Ich kann mir nämlich vorstellen, dass es für ein Kind tatsächlich schwierig ist, nach Weihnachten oder einem Geburtstag noch zu wissen, was man von wem bekommen hat, und auch die Selbstdisziplin aufzubringen, allen Schenkenden zu danken.

Meiner Meinung nach ist es Aufgabe der Mutter oder des Vaters, dafür zu sorgen, dass dies geschieht. Kinder sollten das Danken unbedingt lernen, auch wenn es ihnen schwer fällt. Idealerweise wird es vorerst zu einer unreflektierten Gewohnheit, zu einer Geste der Höflichkeit, wie zum Beispiel Grüssen oder Sichverabschieden. Im späteren Leben und mit zunehmender Bewusstheit kann sich dann plötzlich zeigen, dass die Fähigkeit zur Dankbarkeit eine grosse Lebenshilfe ist.

Dankbarkeit führt nämlich zu einer inneren Entspannung und geht einher mit einem Glücksgefühl. Sie erleichtert zum Beispiel schwere und schmerzhafte Abschiede. Wenn bei einem Todesfall oder einer Trennung von einem geliebten Menschen zu wenig Trauerarbeit geleistet wird, können Bitterkeit, Lebensangst oder allenfalls gar Depressionen die Folge sein. Dasselbe gilt auch für andere grosse Veränderungen, die im Leben eintreten.

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Anderseits kann man einen Menschen oder eine Lebensphase leichter loslassen, wenn man sich mit Dankbarkeit an die schönen Momente erinnert; man braucht die schlechten deswegen nicht zu verdrängen. Hass, Nachtragendsein, Auflehnung sind Gefühle, die binden. Man sollte intensiv durch alles Negative hindurchgehen und sich dann dem Guten, das es in jeder Situation gegeben hat, zuwenden und dafür danken. Dem betreffenden Menschen, dem Schicksal oder Gott, wenn man religiös ist.

Dankbarkeit wirkt befreiend auf die Seele, Hadern verengt sie. Ausserdem besänftigt Dankbarkeit die Gier nach Neuem und verringert damit Konsumbedürfnis und Reizhunger. Sie lässt einen für einen Moment innehalten und mit dem Erreichten zufrieden sein. Auch das bedeutet Entspannung.

Schliesslich schätzen es die meisten Mitmenschen, wenn man dankbar ist: Sagt jemand Danke zu einem, darf man sich für einen Moment als guter Mensch fühlen. Seltsamerweise gibt es Leute, die Dank oder Komplimente nicht annehmen können. Ich kann mir das nur so erklären, dass sie sich im tiefsten Innern für wertlos halten und deshalb nicht glauben können, dass jemand ihre Leistung oder ihre Hilfe schätzt und sich dafür bedankt.

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Anderen wiederum fällt es unglaublich schwer, selber ein Danke über die Lippen zu bringen. Vielleicht fürchten sie, abhängig zu werden, wenn sie zugeben, dass ihnen jemand etwas zuliebe getan hat. In Wirklichkeit ist das Gegenteil der Fall: Wenn man das Gefühl hat, jemandem Dank schuldig zu sein, spricht man den Dank am besten aus, denn dann hat man seine Schuld beglichen. Grundsätzlich sind dankbare Menschen für andere sympathischer als Nörgler und Jammerer. Noch unsympathischer sind solche, die Hilfe, Unterstützung und Gefälligkeiten einfach kommentarlos hinnehmen, als ob dies selbstverständlich wäre.