Wir gehen nun an die Kraftgeräte», sagt Fitnesstrainerin Kathrin Hofmeier. «Jippie!» – die ganze Kinderhorde stürmt auf die Maschinen los. Joris, 8, schnappt sich den Platz am Schulterkräftigungsgerät, Philipp, 10, setzt sich auf die Beinmaschine, und die siebenjährige Sabrina zwängt sich unter den Lenden- und Beinmuskulaturkräftiger. «Eins, zwei, drei», Hofmeier zählt bis 15, und die sieben Kinder ziehen und hebeln an den schwarzen Gummigriffen.

Es ist Dienstagabend, Trainingsstunden im Kid’z Fit, dem ersten Fitnessklub der Schweiz für Kinder im SPA Medical Wellness Center im aargauischen Zurzach. Unter der Anleitung von Sportlehrerin Hofmeier erhalten zuerst Vier- bis Acht- und in einer späteren Lektion Acht- bis Zwölfjährige ein Fitnessprogramm mit Spielen und Kraftgeräten. Jedes Kind hat seine persönliche Mitgliederkarte, wie in einem Klub für die Grossen. «Damit soll eine gewisse Disziplin und Identifikation erreicht werden», sagt Klubleiter Dominik Keller, «damit sie wissen: Einmal in der Woche gehts ins Training.» Die Stunde kostet zwischen Fr. 5.– und Fr. 6.50.

Die Geräte sind speziell für Kindergrössen gefertigt und funktionieren nicht mit Gewichten, sondern mit Luftdruck. Keller liess die Geräte vor Jahren eigens aus Houston, Texas, importieren. «Wir wurden damals ziemlich belächelt», erinnert er sich, «doch die Entwicklung in den letzten Jahren hat uns Recht gegeben.»

Jedes fünfte Kind ist zu schwer

In den letzten 20 Jahren hat sich die Zahl übergewichtiger Kinder verdreifacht, in der Schweiz ist jedes fünfte Kind zu schwer. In Deutschland haben 80 Prozent der Schulkinder Haltungsschwächen und zu geringe Knochendichten. Gemäss Keller kommen aber auch regelmässig Kinder in den Fitnessklub, um abzunehmen.

In der Schweiz sind die Kinder-Gyms an einer Hand abzählbar. Doch «Kinder-Krafttraining ist die Zukunft», sagt auch Martin Steinhauer, Präsident des Schweizerischen Fitness Center Verbands. Auch er will Kinder-Fitnessgeräte für sein Studio anschaffen, denn in seinem Center trainieren bereits 12- bis 16-Jährige, die von ihren Eltern vorbeigebracht werden.

Ärzte und Fachleute sind seit längerem alarmiert über den körperlichen Zustand des träge gewordenen Nachwuchses. Genaue Daten zur Physis von Kindern bis zu zehn Jahren in der Schweiz existieren aber nicht. Das soll sich nun ändern: Ab August startet das Institut für Sportwissenschaft der Universität Basel eine Studie mit 600 Kindern im Alter von sieben bis elf Jahren. 250 Kinder werden während eines Jahres täglich eine Sportstunde, Bewegungspausen und Bewegungsaufgaben machen. «Wir wollen herausfinden, wie sich die Kinder, die jeden Tag ein gewisses Mass an Bewegung haben, im Vergleich zu den anderen entwickeln», sagt Lukas Zahner, Leiter der Basler Studie.

Was ist los mit dem Nachwuchs in der Schweiz? «Zu wenig», sagt Alain Dössegger vom Bundesamt für Sport, «viele Kinder bewegen sich nicht genug.» Ihr natürlicher Bewegungsdrang werde durch äussere (zunehmender Strassenverkehr) und innere Umstände (die Angst vieler Eltern vor Unfällen) unterbunden. Zudem ziehen sie je länger, je mehr den Bildschirm dem Fussballplatz vor.

Bewegung in den Kinderalltag bringen

Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO sind zwei Drittel der Kinder zu wenig aktiv. Um wieder mehr Bewegung in den Kinderalltag zu bringen, hat das Bundesamt für Sport zusammen mit den Winterthur-Versicherungen und dem Basler Institut für Sportwissenschaft Anfang 2005 das Projekt «Aktive Kindheit» lanciert. Damit sollen Erziehungspersonen Anstösse für bewegungsreichere Schul- und Freizeitaktivitäten erhalten.

In Zurzach wechseln die Jungsportler die Geräte. Am schnellsten ist immer die Beinmaschine besetzt. «Weil man sich hier am wenigsten anstrengen muss», meint der achtjährige Sven.

Auf die Frage, ob sie gerne an den Geräten trainieren, antworten die Kinder im Chor: «Ja!» Nur aus einer Ecke tönt ein «Nein» herüber. Sabrina spielt lieber «Fangis», «weil man an den Maschinen so schnell ins Schwitzen kommt». Dennoch macht sie die Kräftigungsübungen mit. Neben ihr gibt sich Joris, der sagt, er wolle stärker werden als Obelix, alle Mühe, den Anweisungen der Trainerin zu folgen. «Gerader Rücken», sagt sie zu ihm, und Joris versucht, die vorgezeigte Stehposition einzuhalten. Er kneift die Augen zusammen und zieht den Hebel der Oberarmmuskelmaschine rauf und runter.

War es vor sechs Jahren, als in Zurzach das SPA Medical Wellness Center mit dem integrierten Kinder-Fitnessklub gebaut wurde, noch schwierig, die passenden Geräte zu bekommen, lassen sich mittlerweile ähnliche Kinder-Fitnessgeräte auch in Europa besorgen. Hersteller Panatta aus Italien exportiert in die ganze Welt, hauptsächlich aber nach Grossbritannien, Deutschland und in die USA. «Viele Fitnessklubs werden zu Familienklubs», sagt Carlo Aquilanti von Panatta. Seit vier Jahren stellt Panatta die bunten, blinkenden und Comicfiguren ähnlichen Maschinen her, letztes Jahr haben sie gemäss seinen Angaben den Marktdurchbruch geschafft. Die Nachfrage nach Kinder-Fitnessgeräten steige immer noch markant an.

Für Fitness brauchts emotionale Reife

Wieso bringen Eltern ihre Kinder ins Kid’z Fit, wo das Training etwa 200 Franken im Jahr kostet? Siebenjährige können in Zurzach für 20 Franken pro Jahr Minihandball spielen, für 30 Franken Badminton oder für 60 Franken im FC Klingnau Mitglied werden. «Es ist die einzige Möglichkeit, damit er in diesem Alter schon richtig Sport treiben kann», sagt Gaby Ammann, Mutter des vierjährigen Janick. «Ich bin eine ängstliche Mutter», so Mireja Meier, Mutter der fünfjährigen Esperanza und der zehnjährigen Katharina. «Zu Hause bremse ich die Kinder oft und ermahne sie ständig: ‹Nicht so schnell mit dem Rollbrett! Passt auf!›» Damit sich die Kinder dennoch genug bewegen, bringt sie sie ins Fitness.

Die Mütter der trainierenden Kinder sind überzeugt, dass die wöchentliche Fitnesslektion ihren Sprösslingen gut bekommt. Viel verbreiteter ist aber die Meinung, dass sich Krafttraining negativ auf den wachsenden Körper auswirkt. «Zu gefährlich! Bringt nichts! Verlangt nur teure Geräte!» Dies sind gemäss Michael Siewers, Sportmediziner und Trainingswissenschaftler an der Universität Kiel und einer der weltweit führenden Wissenschaftler in Sachen Krafttraining bei Kindern, die häufigsten Vorbehalte.

«Anhand einer Analyse sämtlicher Studien, die weltweit zum Thema Krafttraining bei Kindern gemacht wurden, konnten wir alle Vorurteile widerlegen.» Die Verletzungsgefahr beim Krafttraining ist laut Siewers nicht höher als bei anderen Sport- oder Freizeitaktivitäten. «Aber es ist enorm wichtig, dass die Kinder eine emotionale Reife aufweisen und Anweisungen diszipliniert ausführen können.» Diese müssen von speziell geschulten Betreuungspersonen kommen, «die um die Besonderheiten der Sehnen, Bänder, Muskeln, Knochen und Gelenke im Kindes- und Jugendalter Bescheid wissen».

Pflicht führt zu Lustlosigkeit

Zur Frage, ob spezielle Geräte wirklich notwendig sind, will Siewers diesen Sommer eine weitere Studie anfangen. «Wir wollen sehen, welchen Effekt Krafttrainingsgeräte im frühen und späten Schulkindalter haben.» Denn für Siewers sind spezielle Fitnessklubs für Kinder gar nicht unbedingt nötig: «Fünf- bis Zwölfjährige sehe ich viel lieber in einem Sportverein mit einem vielseitigen Bewegungsangebot als in einem Fitnessstudio», sagt er, «doch für übergewichtige Kinder, die schwer zu motivieren sind, können Krafttrainingsgeräte nützlich sein.» Das Erfolgserlebnis, das sie haben, wenn sie ihre Masse in Bewegung bringen, sporne sie an.

Aus pädagogischer Sicht werden Fitnessklubs für Kinder nicht schlecht bewertet. «Entscheidend ist die Haltung dahinter», sagt Georg Stöckli vom Pädagogischen Institut der Universität Zürich. «Alles, was mit Pflicht verbunden ist, ist meist auch mit Lustlosigkeit verbunden.» Werden die Kinder also gezwungen, in die Geräte zu steigen, wird es ihnen ziemlich schnell verleiden.

Mit einem Wettlauf durch ein Labyrinth wird die Fitnessstunde in Zurzach abgeschlossen. Jeder versucht, seinen Rekord zu brechen. Die wartenden Kinder feuern die anderen mit Hopp-Rufen an. Klar, dass sie nächste Woche wiederkommen. Und während draussen bereits die Mütter warten, denkt einer weit über die nächste persönliche Bestleistung hinaus: «Ich will stark werden», sagt der zehnjährige Philipp. «Nicht übermässig, aber einfach so wie ein normaler Mann.»

Quelle: Nik Hunger
Anzeige