Es klingt nach Klischee, entspricht aber den Tatsachen: Frauen hören mehr auf ihren Körper und tun ihm mehr Gutes an als Männer; auch wissen sie mehr über Gesundheit und Krankheit. Trotzdem sind sie nicht gesünder als Männer. Was vor allem mit der männlich geprägten Medizin zu tun hat: Studien weisen darauf hin, dass Ärzte (und auch Ärztinnen) die Beschwerden von Männern ernster nehmen als diejenigen von Frauen. Das kann fatale Folgen haben: Weil bei Patientinnen mehr psychologische Leiden vermutet werden, besteht die Möglichkeit, dass Vorboten mancher Krankheiten nicht erkannt werden. «Das gilt besonders für den Herzinfarkt, wo die Frühsymptome bei Frauen mit psychischen Belastungen verwechselt werden», schreibt Ursula Härtel im Buch «Geschlecht, Gesundheit und Krankheit».

Frauen sind zwar seltener von Herzinfarkt betroffen als Männer. Ihr Risiko, daran dann zu sterben, ist aber fast doppelt so hoch. Auch deshalb, weil Frauen weniger Herzuntersuchungen und Behandlungen erhalten als Männer. Ein wichtiger Grund für die unterschiedliche Deutung der Symptome bei Männern und Frauen liegt nach Expertenmeinung darin, dass der Herzinfarkt bis heute als typische Männerkrankheit gilt.

Laut Elisabeth Zemp, Leiterin der Abteilung Frau und Gesundheit am Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Uni Basel, basierte die biomedizinische Forschung zu lange auf männlichen Modellen: «Frauen wurden aus vielen Studien ausgeschlossen, um allfällige negative Auswirkungen bei Schwangerschaften zu vermeiden. Ich bezweifle aber, dass an Männern gewonnene Ergebnisse ohne Überprüfung auf Frauen übertragen werden können.» Dagegen spreche eine ganze Reihe von Unterschieden zwischen den Geschlechtern, von der Konstitution über den Stoffwechsel bis zum Hormonhaushalt.

Dennoch sind die Konsumenten von Medikamenten sehr häufig Frauen. «Zwei Drittel aller beruhigenden Psychopharmaka werden weiblichen Patienten verschrieben», kritisiert die Frauengesundheitsforscherin Petra Kolip, Professorin am Fachbereich Human- und Gesundheitswissenschaften der Uni Bremen. So werden viele Frauen abhängig, da sich der weibliche Körper rasch an die Therapie gewöhnt. Während Frauen bei Stress, Angst und Alltagsproblemen häufiger Medikamente nehmen, greifen Männer eher zum Alkohol.

Mehr Essstörungen bei Frauen

Klar ist, dass sich Patientinnen und Patienten unterschiedlich über ihre Leiden äussern. «Frauen sehen ihre Beschwerden eher in einem psychosozialen Zusammenhang», so Petra Kolip. «Wenn sie Magen- oder Kopfschmerzen haben, berichten sie über Schwierigkeiten mit den Kindern oder dem Partner. Männer dagegen reden gern von körperlichen Ursachen. Das ist mit ein Grund, weshalb Frauen häufiger Medikamente verschrieben bekommen, die auf das Nervensystem wirken.» Zwar kommt es bei Frauen tatsächlich häufiger zu Angststörungen, Depressionen und Selbstmordversuchen als bei Männern; bei diesen treten aber mehr Persönlichkeitsstörungen und Suchterkrankungen auf, und auch der Anteil vollendeter Suizide ist höher.

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Frauen achten mehr auf ihren Körper und ihre Gesundheit. Die Kehrseite davon ist, dass sie häufiger mit ihrem Äusseren unzufrieden sind, was sowohl das Selbstwertgefühl wie die Lebensqualität einschränkt. Frauen leiden deutlich häufiger an Essstörungen wie Magersucht oder Ess-Brech-Sucht. Ausserdem riskieren mehr Frauen ihre Gesundheit, indem sie mit Medikamenten oder chirurgischen Eingriffen nach der Traumfigur streben.

Da Frauen auch in der Familie traditionell für den Bereich Krankheit zuständig sind, pflegen meistens sie die kranken Familienmitglieder. Dies kann sich wiederum negativ auf ihre Gesundheit auswirken, gleich wie die körperliche und die psychische Mehrfachbelastung durch Haus-, Familien- und Erwerbsarbeit eine Belastung für die Frau bedeuten.

Ein Umdenken in medizinischer Forschung und Praxis scheint nur zögerlich stattzufinden. Laut Petra Kolip sollten die Bedürfnisse von Patientinnen bereits im Medizinstudium ihren Platz haben: «Alles, was getan wird, muss darauf überprüft werden, ob es den Unterschieden zwischen den Geschlechtern gerecht wird.»

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