Helena konnte die ganze Nacht nicht schlafen – vor Aufregung. «Ich habe mich so gefreut aufs Kochen und Skaten», sagt die 13-Jährige und streicht sich die dunklen Zöpfchen aus dem Gesicht. Helena besucht die erste Real in Sarnen, Kanton Obwalden. «Skaten ist mein Leben», fügt sie hinzu und zeigt, wie zum Beweis, auf ihre Schweissbänder, das schwarze Stirnband und die weiten farbigen Klamotten.

Um halb zehn Uhr morgens versammeln sich drei Schulklassen; 49 Schülerinnen und Schüler und vier Lehrer stehen auf dem Pausenplatz der Realschule. Sie warten auf Kochweltmeister Ivo Adam, 26, und seinen Assistenten Roman Tschäppeler, 25. Die beiden Bieler bestreiten zum Thema gesunde Ernährung das Vormittagsprogramm. Am Nachmittag sind Skaten und Breakdance angesagt.

Die Freestyle-Tour der Stiftung für soziale Jugendprojekte «Schtifti» ist bereits zum zweiten Mal unterwegs. Letztes Jahr wurden über 1500 Kinder und Jugendliche im Skateboarden unterrichtet. In diesem Sommer macht der Freestyle-Bus in 15 Kantonen Halt. «In Obwalden sind wir die einzige Schule, die mitmacht», erklärt Heilpädagoge Res Berchtold nicht ohne Stolz. Die Tour wird von Suisse Balance unterstützt, der nationalen Kampagne für Ernährung und Bewegung von Gesundheitsförderung Schweiz und vom Bundesamt für Gesundheit.

Jedes fünfte Kind in der Schweiz ist zu schwer, jedes zwanzigste gar fettleibig. Die Zahl der jugendlichen Übergewichtigen hat sich seit 1965 mehr als verdreifacht. «Wir wollen den Kids Spass an der Bewegung vermitteln – ohne dass sie es merken», sagt Tourleiter Ernesto Schneider. Der 33-jährige Zürcher skatet seit 13 Jahren. «Mit den Skatekursen zeigen wir den Teenies, dass es mehr gibt als Rumhängen, Fernsehgucken oder Playstation-spielen.»

Die Klassen haben sich in zwei Teams aufgeteilt. Eine Gruppe steht bei Ivo Adam, die andere schart sich in einem Schulzimmer um Roman Tschäppeler. In ihren schwarzen Freestyle-T-Shirts mit blauen und gelben Ärmeln machen die beiden «Lehrer» eine gute Figur. Tschäppeler schiebt seine Baseballmütze in den Nacken und fängt an: Er befragt die Jugendlichen zu ihrem Essverhalten. «Was esst ihr am liebsten?» «Kebab», «Pommes frites», «Pizza» lauten die Antworten. Ziemlich fettige Sachen. Tschäppeler spielt eine CD von Ivo Adam vor. Der Küchen-Champion hat «Räpzepte» aufgenommen, gereimte Koch- und Ernährungstipps, eingebettet in fette Hip-Hop-Beats. Ein Stück behandelt die zehn Ernährungsgebote und die Ernährungspyramide.

Raffael, 14, wiegt den Oberkörper im Takt. Er will später Koch werden und hört genau zu. Er lernt, dass man viel Wasser trinken soll und tierische Fette weniger gut sind als pflanzliche. Für ihn ist klar: «So ein Unterricht ist spannender als Mathematik oder Deutsch.» Auch Lehrer Res Berchtold ist begeistert: «Diese jungen Freestyle-Typen sind ganz anders drauf als wir Lehrer. Die haben die Jungen voll im Griff.»

«Ich fühle mich gut in meinem Körper»


Die Jugendlichen müssen anschliessend einen Geschmacksparcours absolvieren. Sechs Säfte aus verschiedenen Zutaten sollen sie probieren und erkennen. Geschäftiges Treiben, unterbrochen von «Wäh»- und «Gruusig»-Rufen. Bisher hat erst ein Schüler alle Säfte erkannt. Über 700 haben es insgesamt schon probiert. Antonia, 13, hat fünf der sechs Proben richtig beschrieben, ihr Vater ist Gemüseverkäufer. «Der Bananen-Sellerie-Saft ist eklig», findet sie. Das Mädchen mit dem langen, blonden Rossschwanz freut sich schon auf den Nachmittag: «Ich will endlich richtig Skaten lernen, mit Kurventechnik und so.»

Zuerst ist aber noch Birchermüeslizubereiten mit Kochweltmeister Ivo Adam angesagt: Der junge Seeländer legt seine Räpzept-CD ein – und los gehts mit dem Birchermüesli-Rap: «D Nüss söttsch raffle geit aber zlang, drum mach die irgendwie mit äm Schnitzer abenang. Nüss dri, Honig ou. No mau rüere u ietz chaschs Ganze mit äm Refrain probiere.» Adams Birchermüeslirezept für eine Person ist einfach: ein Esslöffel Haferflocken, drei Esslöffel Milch, eine halbe Zitrone, drei Esslöffel Joghurt, wenig Zucker oder Sirup, ein Apfel oder eine Frucht nach Wunsch, flüssiger Honig, ein paar Nüsse. Wem das Rezept zu schnell gerappt wurde, kann es im Internet unter www.rapzept.ch nachschlagen.

Helena und ihre Freundin Tracy probieren ihr Müesli. «Superfein», findet Helena, die sonst nie kocht. Auch Tracy schmeckts. Der 15-Jährigen mit der Strubbelmähne ist zwar noch etwas schlecht vom Saftparcours. Doch die Ernährungstipps haben ihr Spass gemacht: «Es gibt einige, die finden, ich solle abnehmen. Aber nur deswegen magere ich jetzt sicher nicht ab. Ich fühle mich gut in meinem Körper.» Wie ihre Freundin Helena mag Tracy den lockeren Skater-Hip-Hop-Style. Später will sie Hochbauzeichnerin werden. Aber heute will sie Tricks und Sprünge mit dem Skateboard lernen.

Am Nachmittag hat sie Gelegenheit dazu: Alles dreht sich ums Rollbrett. Tourleiter Ernesto Schneider und sein Team sind gut vorbereitet, rund 70 Street-, Slalom- und Longboards warten auf ihre Fahrer. Einige wenige Schülerinnen und Schüler entscheiden sich fürs Breakdance-Training bei Lehrerin Angie. «Aber Achtung, das wird streng», warnt Schneider. Den 16-jährigen Steven schreckt das nicht ab. «Skaten kann ich schon, ich will was Neues lernen.» Er trägt ein schwarzes T-Shirt mit Totenkopfaufdruck: «Das ist eine Skatermarke. Cool, oder?»

Nach Sturz vier Wochen im Koma


Leiter Ernesto Schneider, gelernter Maurer und ehemaliger Kinderskilehrer, erklärt, welche Bretter für wen geeignet sind. Für Zappelige, die immer was Neues ausprobieren wollen, sei das Streetskateboard mit seinen kleinen Rädern ideal, fürs elegante Kurvenfahren das Slalomboard und für Anfänger die Longboards. Pädagoge Res Berchtold schnappt sich ein Longboard: «Ich bin absoluter Beginner.» Tracy und Helena freuen sich auf gewagte Sprünge mit den Streetboards, und Antonia nimmt ein Slalomboard. Bevor irgendjemand losfahren darf, werden alle mit Helm, Knie-, Ellbogen- und Handschonern versorgt. Obligatorisch!

Skateinstruktor Ernesto Schneider erklärt, warum. Er erzählt von seinem Kollegen Flavio Trevisan, Organisator der Freestyle-Tour, der letztes Jahr mit dem Skateboard am Downhillen war. Geschwindigkeiten von 50 bis 60 Stundenkilometern werden dabei schnell erreicht. Trevisan stürzte schwer in einer Kurve und lag vier Wochen im Koma. Heute ist er wie durch ein Wunder wieder ganz der Alte. Nur drei Narben, quer über den ganzen Kopf, sind ihm als Souvenir geblieben. Die Jugendlichen sind beeindruckt und setzen alle den Helm auf.

Sprünge werden geübt, ein Instruktor springt über einen Abfallkorb, Tracy und Helena staunen. Am Schluss des Freestyle-Tages findet ein Skaterwettbewerb statt. Alle Teilnehmer müssen von einer Rampe runter durch einen vorgegebenen Parcours fahren. Je schneller, desto besser. Elegant kurvt Antonia um und über die Hindernisse: «Ich habe echt viel gelernt», strahlt sie. Das zahlt sich aus. Die Gewinnerin bei den Mädchen heisst Antonia! Die grosse Überraschung folgt bei den Buben: Der Sieger heisst Res Berchtold, der Lehrer. Lange Gesichter bei den Jungs. Ein 52-Jähriger hat es ihnen gezeigt. Tourleiter Ernesto Schneider lacht: «Da sieht mans mal wieder: Skaten ist etwas für alle.»

Quelle: Ursula Meisser