«Haben Sie es gewusst? Ein einfacher und günstiger Labortest kann Ihr Leben retten.» So preist ein amerikanisches Privatlabor im Internet seine Dienste an. Für rund 750 Franken kann man online einen Test-Kit bestellen, zu Hause eine Blutprobe nehmen und diese mit A-Post nach Übersee schicken. Tage später weiss der Kunde, wie gross das Risiko ist, dereinst an einer Krebsart zu erkranken. Schnell, anonym, unkompliziert. Der Arztbesuch wird überflüssig. Wirklich?

Bei der Suche im Internet kommen selbst dem kostenbewussten Laien Zweifel. Ob Allergie-, Hormon- oder Alzheimertests: Von 13 Franken aufwärts ist in den USA alles zu haben. Selbst HIV-Tests werden angeboten, und eine Analyse der Gene soll zeigen, welches ethnische Blut in den Adern des Geprüften fliesst.

Falsche Resultate machen krank

«Das ist gefährlich», sagt Hansjakob Müller, Humangenetiker an der Universität Basel, lakonisch. Zwar geht er davon aus, dass die meisten dieser Gesundheitschecks zuverlässige Resultate liefern, schränkt aber ein: «Für solche Tests braucht es einen klaren medizinischen Anlass, etwa eine Erbkrankheit in der Familie. Die Resultate müssen für die untersuchte Person in sinnvolle genetische Informationen umgewandelt werden.» Gefährlich sei es, wenn dabei die ärztliche Beratung ausbleibe.

«Nicht die Ergebnisse sind ausschlaggebend, sondern was die Testperson damit anfängt», sagt auch Felix Gutzwiller, Leiter des Instituts für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Zürich. Doch genau dies ist ohne Arzt kaum denkbar. So sind zum Beispiel Brustkrebs-Gentests für Laien äusserst schwierig zu interpretieren – vor allem wenn sie selber betroffen sind. Das Testergebnis kann zwar Mutationen der für diese Krebsart relevanten Gene erkennen, nur: Wann und ob der Krebs überhaupt je ausbrechen wird, darüber sagt der schnelle Check im Badezimmer nichts aus.

Zudem besteht auch beim zuverlässigsten Labor die Möglichkeit falscher Resultate. Bei Gesunden kann ein positives Testergebnis – womöglich unbegründet – grosse Ängste und Sorgen auslösen. Das hat Auswirkungen auf die Psyche, die Familie und könnte sogar den Krankheitsverlauf beeinflussen. Und ist das Resultat negativ, wiegt sich die Patientin unter Umständen in falscher Sicherheit und vernachlässigt die Vorsorgeuntersuchungen.

Unbekanntes Zusammenspiel der Gene

Gleichwohl werden Schnelltests auch in Schweizer Arztpraxen und Spitälern angewandt. Daniel Lüthi von der Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH) schränkt aber ein: «Ein solcher Test ist nur eines von vielen Hilfsmitteln, um eine Diagnose zu stellen. Der Arzt prüft zusätzlich andere Indikatoren, die zusammen mit dem Test ein zuverlässiges Resultat ergeben.»

Doch gerade bezüglich Gentests ist auch bei Ärzten Vorsicht geboten, denn über das Zusammenspiel verschiedener Gene ist noch wenig bekannt. Und Humangenetiker Müller weiss: «Schweizer Ärzte hatten während ihres Studiums bisher wenig Gelegenheit, viel über Genetik zu lernen.»

Umso heikler ist der Heimgebrauch solcher Untersuchungen – das gilt auch für Blutuntersuchungen. Besonders problematisch findet Isabel Scuntaro vom Heilmittelinstitut Swissmedic HIV-Tests, die in der Schweiz für den Privatgebrauch verboten sind. «Unmittelbar nach dem Geschlechtsverkehr zeigt ein solcher Test kein HI-Virus an – das muss man wissen.» Zudem entgingen der Statistik für die Aidsprävention wichtige Daten, wenn HIV-Tests in Eigenregie durchgeführt würden.

Während in den USA das Geschäft mit der Angst floriert, dominiert hierzulande die Vorsicht: In den Apotheken finden sich nur Schwangerschaftstests, Blutdruck-, Insulin- sowie Blutgerinnungs-Kits. Und die privaten Labors warten ab: einerseits wegen ethischer Bedenken, anderseits, weil Mitte 2006 das Gesetz über genetische Untersuchungen beim Menschen in Kraft tritt. Danach dürfen Gentests nur über Ärzte verwendet werden, und eine begleitende genetische Beratung ist vorgeschrieben, sobald eine noch nicht ausgebrochene Veranlagung abgeklärt werden soll. Die Labors brauchen dann eine Bewilligung. «Dieses Gesetz wird einen Wildwuchs im amerikanischen Stil verhindern», glaubt Experte Hansjakob Müller.

Doch gegen den Markt im Internet sind letztlich auch die Gesetzeshüter machtlos: Wer will, findet ausserhalb der Landesgrenzen mit Sicherheit ein Labor, das einen heimlichen Vaterschaftstest, ein DNA-Profil eines Mitarbeiters oder einen Darmkrebs-Gentest ohne ärztliche Beratung durchführt.

Das beste Argument gegen Gesundheitstests in Eigenregie hat Isabel Scuntaro von Swissmedic: «Wer ein positives Resultat erhält, muss ohnehin zum Arzt. Und wer ein negatives erhält, geht ebenfalls, weil er nicht sicher ist, ob das Testergebnis auch stimmt.» Gezielte Gesundheitschecks beim Arzt seien sinnvoller – «und die werden in der Regel erst noch von den Krankenkassen bezahlt».

Quelle: Archiv
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