Die Zahl schafft Unbehagen: «In der Schweiz sterben jedes Jahr 400 bis 1000 Personen an Grippe», schreibt das Bundesamt für Gesundheit (BAG). Wird die Zahl in Beziehung zu den jährlich rund 550 Verkehrstoten gesetzt, ist die Botschaft doppelt klar: Die Grippe ist eine ernste Sache, weshalb sie mit einer Impfung verhindert werden sollte.

Wer anderer Meinung ist, sieht sich gleich diskreditiert. «Einwände gegen eine Grippeimpfung beruhen häufig auf falschen oder unvollständigen Informationen», mahnt das BAG in einer Broschüre für medizinische Fachpersonen. «Helfen Sie mit, solche Fehlinformationen zu berichtigen, und empfehlen Sie die Grippeimpfung.» Gezeichnet: Pascal Couchepin, Bundesrat.

Fragwürdige Praxis der Bundesbehörde


Für den Krienser Allgemeinmediziner und Impfkritiker Peter Mattmann ist diese Haltung inakzeptabel. Ebenso ärgert ihn, dass eine Behörde «Werbung macht für ein schlechtes Produkt, das niemand will». Tatsächlich lässt sich in der Schweiz nur jeder Siebte gegen Grippe impfen.

Auch aus medizinischer Sicht sind die BAG-Informationen zweifelhaft. Man stirbt nicht «an Grippe», sondern an Komplikationen wie Lungen- oder Herzentzündungen. Ausserdem litten die meisten, die nach einer Grippe sterben, an mehreren schweren Krankheiten – zwei Drittel der Verstorbenen sind über 85 Jahre alt. Hochbetagte zu impfen gilt aber selbst unter Impfbefürwortern als fragwürdig. Gleichwohl empfiehlt das BAG allen Personen über 65 eine jährliche Grippeimpfung.

Auch handelt es sich bei den «400


bis 1000 Grippetoten» um eine Hochrechnung: Das BAG vergleicht die Zahl der Verstorbenen in einer Zeitspanne ohne Grippeepidemie mit den Sterbefällen in einer gleich langen Grippephase – die zusätzlich Verstorbenen gelten dann als «Grippeopfer».

Diese Methode ist zwar weltweit gebräuchlich, liefert aber «kein ideales Zahlenmaterial», wie Daniel Koch, Leiter der Sektion Impfungen im BAG, einräumt. Auch sei die Todesursache «Grippe» unbrauchbar, weil sie kaum zu bestimmen sei. Zudem gibt es keine Zahlen zur Frage, wie viele der angeblichen Grippetoten geimpft respektive nicht geimpft waren.
Kritiker Peter Mattmann bezweifelt überdies die vom BAG propagierte Schutzwirkung der Grippeimpfung – 70 bis 90 Prozent bei jungen Erwachsenen und 30 bis 80 Prozent bei älteren Personen. Diese Daten basierten im Wesentlichen auf Beobachtungen und nicht, wie in der Medizin üblich, auf kontrollierten Vergleichsstudien. Mattmann selbst geht von einer Wirksamkeit von höchstens zehn Prozent aus.

Pharma und Arbeitgeber profitieren


Unbestritten ist dagegen, dass der Verkauf von Impfstoffen ein gutes Geschäft ist.

Gemäss Finanzanalysten ist das weltweite Wachstum mit 12 bis 14 Prozent pro Jahr rund doppelt so hoch wie jenes für Medikamente. Reichlich Potenzial sieht das BAG auch in der Schweiz: «Heute lassen sich fast dreimal mehr Menschen gegen Grippe impfen als vor zehn Jahren», schreibt das Amt in einer Mitteilung, «und diese steigende Tendenz ist ungebrochen.»

Gern gesehen ist die staatliche Impfkampagne bei den Arbeitgebern. Viele bieten ihren Mitarbeitenden die Impfung kostenlos an. Doch auch hier ist der Nutzen umstritten, wie «Jama», eine der weltweit führenden Medizinzeitschriften, berichtet: «Die Grippeimpfung von gesunden vollbeschäftigten Personen unter 65 Jahren kann aus volkswirtschaftlichen Gründen nicht empfohlen werden.»