Beobachter: Frau Moser, die Grünliberalen sind im Aufwind - und ein gesunder und nachhaltiger Lebensstil (englisch «Lohas») ist im Trend. Besteht da ein Zusammenhang?
Tiana Angelina Moser: Ja, das kann ich mir gut vorstellen. Vielen Menschen in unserem Land sind eine intakte Umwelt und gesunde Ernährung ein Anliegen. Zugleich fühlen sie sich vom verzichtsorientierten, antikapitalistischen und aus meiner Sicht rückwärtsgewandten Ansatz der klassischen Grünen nicht angesprochen. Dies entspricht ja ungefähr dem Profil der Lohas.

Beobachter: Rückwärtsgewandt?
Moser: Ja. Man muss den Realitäten ins Auge sehen. Wir gehen nicht zurück in den Wald wohnen. Unser Wohlstand und Komfort sind Errungenschaften, die es zu bewahren gilt. Das muss aber nachhaltig geschehen.

Beobachter: Umwelt und Konsum lassen sich also miteinander vereinbaren?
Moser: Der Lohas-Ansatz ist wichtig. Viel wäre schon erreicht, wenn zahlreiche der heute angebotenen Produkte ökologisch produziert würden. Oder sehen Sie: Man kann heute ein Haus bauen, das keinen Tropfen Öl braucht, doch kaum jemand macht es. Das ist absurd, denn die Lebensqualität würde ja nicht eingeschränkt, sondern im Gegenteil teilweise sogar noch erhöht.

Beobachter: Sie wollen hier - ganz unliberal - regulieren?
Moser: Wir setzen in Wirtschafts-, Finanz- und Gesellschaftsfragen auf Eigenverantwortung. Zugleich geben wir der Ökologie ihren Stellenwert - etwa, indem höhere Isolationsstandards auf Minergieniveau vorgeschrieben werden sollen. Der Staat muss ein Signal geben, dass es sich lohnt, in diesem Bereich zu investieren.

Beobachter: Die Forschung im Bereich der alternativen Energien muss gefördert werden?
Moser: Ja. Aber vor allem muss man Investitionen in die alternative Energieproduktion begünstigen. Es muss attraktiver werden, Solarzellen auf dem Dach zu montieren. Entweder durch Verteuerung des Öls oder durch finanzielle Anreize der erneuerbaren Energien.
Beobachter: Technologie löst alle Probleme, wir werden uns nirgends einschränken müssen?
Moser: Doch. Ich bin überzeugt, dass wir uns über längere Zeit den derzeitigen Mobilitätslevel nicht mehr werden leisten können, so wie heute in der Welt herumgejettet wird. Was ist der konkrete Nutzen dieser Mobilität? Wenn man einfach über das Wochenende nach London zum Shoppen fliegt, um dann im gleichen Laden einzukaufen wie zu Hause, hat das etwas Dekadentes.

Beobachter: Über Kompensation durch Myclimate können Flüge CO2-neutral sein.
Moser: CO2-Kompensation oder auch energieeffiziente Autos sind eine sehr vernünftige Sache. Der Lebensstil der Lohas darf nicht zur puren Marketinghülse verkommen, zu einer Art Ablasshandel: Man kompensiert den CO2-Ausstoss, fliegt aber dafür fünfmal so viel herum.

Beobachter: Halten Sie sich persönlich an diese Vorgabe?
Moser: Ja. Ich reise wann immer möglich mit dem Zug, beispielsweise wenn ich, was oft vorkommt, nach Barcelona fahre. Um andere Kontinente zu erreichen, kommt man leider um das Flugzeug nicht herum. Ich bin in einem Alter, wo ich noch etwas sehen will von der Welt. Aber es braucht ja nicht jedes Jahr eine Weltreise. Bei den Nahrungsmitteln bin ich sehr konsequent. Ich bestelle auch im Restaurant nur, was aus regionaler Produktion kommt.

Beobachter: Wie stehen Sie zur Offroader-Initiative der grünen Konkurrenz, die Motorfahrzeuge mit übermässigem Ausstoss schädlicher Emissionen verbieten will?
Moser: Die grossen Autos sind meines Erachtens eine Absurdität. Ich kann absolut nicht nachvollziehen, wie die Leute auf die Idee kommen, ein solches Fahrzeug für den Alltag zu kaufen. Doch das Problem kann nicht über ein Verbot geregelt werden.

Beobachter: An den Versammlungen der Grünliberalen sollen manche jeweils erstaunt sein, wie viele Deuxpièces und Anzüge man da sieht...
Moser: Am Anfang zumindest war das so. Dem äusseren Auftreten kommt eine gewisse Bedeutung zu. Es schadet nichts, wenn man anständig gekleidet daherkommt. Wir sind nicht die Sandalen- und Wollpulli-Grünen, sondern legen Wert auf eine gewisse Ästhetik.

Beobachter: Haben die Grünliberalen eine Zukunft?
Moser: Wir haben sehr viele Anfragen, aus allen Kantonen. Es ist wirklich enorm, und die Tendenz ist sogar steigend. Wir decken offensichtlich ein echtes Bedürfnis ab.