Da sitzt man voller Erwartung im Kurs über italienische Literatur, und was passiert? Der Kursleiter spricht und spricht. Über die unerfüllte Liebe des grossen Petrarca zu seiner Laura. Über die unsterblichen Verse, die daraus entsprungen sind – interessant. Und immer weiter entfernt sich die Stimme des Vortragenden, bis man am Ende nur noch denkt: Was hat das eigentlich mit mir zu tun?

Dass Frontalunterricht eine ziemlich untaugliche Unterrichtsmethode ist, ist aus der Praxis bekannt. Nun zeigt die neuste Hirnforschung auch weshalb.

Lernen bedeutet, dass sich die Nervenzellen (Neuronen) im Gehirn neu vernetzen. Unser Gehirn besteht aus 100 Milliarden Nervenzellen. Diese Zahl entspricht etwa der Hälfte der Sterne im Milchstrassensystem. Und jede dieser Zellen kann sich mit bis zu 10000 anderen verbinden, wenn sie entsprechend angeregt wird – ein enormes Netz, das jeden Computer in den Schatten stellt. Aber für solche Vernetzungen reicht Zuhören nicht aus. Nur wer aktiv wird, wer sich Gedanken macht über den Stoff und diese Gedanken am besten auch gleich formuliert, kann neue Nervenschaltungen bilden. «Selber tun» ist das A jedes Lernerfolgs. Und das O heisst: Lernen muss Spass machen.

Denn das menschliche Gehirn funktioniert wie ein Nachtklub – am Eingang lässt der Türsteher nur hinein, was er ansprechend findet. Dieser Türhüter heisst Mandelkern und ist etwa so gross wie eine Murmel. Wie bedeutsam diese Hirnstruktur für das Lernen ist, hat die Forschung erst in den letzten Jahren erkannt. Der Mandelkern analysiert jede neue Information blitzartig auf ihre emotionale Qualität. Gut oder schlecht? Freud- oder leidvoll? Alles erhält den subjektiven Stempel dieses Türhüters aufgedrückt und kommt erst danach im Bewusstsein an.

Nicht nur der Lernstoff wird so geprüft, sondern auch die Lernumgebung. «Lerninhalte, die in schäbigen Klassenzimmern, in einer konfliktträchtigen Umgebung von lustlosen Lehrern vermittelt werden, haben eine geringere Chance, dauerhaft im Gedächtnis verankert zu werden», sagt der deutsche Neurobiologe Gerhard Roth.

Das Hirn bleibt lebenslang formbar


Schlechte Gefühle werden beim Lernen ebenso gespeichert wie der Lerninhalt selbst. Wer zum Beispiel als Kind das Rechnen unter Druck und Angst erlebt hat, wird auch als Erwachsener Zahlen zum Fürchten finden. Und umgekehrt: Wenn ein Kind lustvoll lernen kann – sogar wenn das zwischendurch Schweiss kostet –, fördert das die Bereitschaft, sich weiterzubilden – das Leben lang.

«Noch bis vor kurzem hat man geglaubt, dass die Entwicklung des Gehirns bei 20-Jährigen abgeschlossen ist», sagt der Berner Medizinprofessor Norbert Herschkowitz. Inzwischen sei klar, dass das Gehirn bis zum Tod plastisch und wandlungsfähig bleibe. «Die letzte grosse Entwicklungsstufe wird erst zwischen dem 40. und 60. Lebensjahr erreicht», so Herschkowitz. Dann werde die Verbindung intensiver zwischen der Hirnrinde, die für Wissen und rationales Denken zuständig ist, und dem limbischen System (zu dem auch der Mandelkern gehört), das die Gefühle steuert: «Durch diese Verbindung werden die kognitiven und die emotionalen Aspekte in Balance gebracht. Das ist die neurale Basis der Weisheit.»

Wie formbar das Gehirn auch bei Erwachsenen ist, zeigte eine Studie bei Menschen, die Blindenschrift lernten. Innerhalb von wenigen Tagen vergrösserte sich bei ihnen jene Hirnregion, die für den Tastsinn der Fingerspitzen verantwortlich ist. Am grössten ist die Gehirnplastizität jedoch bei kleinen Kindern. Deshalb lernen Kinder unter sieben Jahren Sprachen so schnell. «In dieser Zeit gilt es, darauf zu achten, wofür sich das Kind interessiert, und diesen Bereich zu fördern», so Herschkowitz. Sei das nun Musik, Zeichnen, Tüfteleien mit Sprache oder Zahlen oder auch das Mithelfen in der Küche oder beim Putzen: Für das Kind ist das alles Spiel – und doch auch hochgradiges Lernen. Was es später in seinem Leben aufnehmen wird, baut alles auf diesen ersten prägenden Lernerfahrungen auf – gut, wenn diese positiv sind.

Dieses Bild kann nicht angezeigt werden.