Wo isch miis Mässer?», schallt es durch den Raum. «Am beschte gar nöd aneluege», sagt Säli-Chefin und «Linde»-Wirtin Annarita Müller, «dänn passiert am wenigschte.» Der wilden Messerstecherei fallen glücklicherweise nur Gemüse und Obst zum Opfer: Flinke kleine Hände vierteln Kartoffeln, als würde die Arbeit im Akkord bezahlt. Elvis entsteint Zwetschgen. Martina schnetzelt Peperoni. Zwiebeln werden gehackt. «Ich bruuch en Sparschäler», ruft ein Jungkoch.

17 mit bunten Schürzen bewehrte Kinder im Alter zwischen sieben und zwölf Jahren nehmen an diesem Mittwochnachmittag an der «Kinderakademie zur Entdeckung kulinarischer Nuancen» teil, die Annarita Müller bereits zum wiederholten Mal in ihrem Schlieremer Restaurant Linde durchführt. «Ich habe selber zwei übergewichtige Söhne und finde es einfach entsetzlich, dass viele Kinder heute kaum mehr wissen, wie ein gutes Rüebli schmeckt», sagt die quirlige Italienerin. «Bei mir sollen sie lernen, dass Erbsli nicht in der Büchse wachsen und eine Treibhausgurke anders schmeckt als eine Gartengurke.»

Dunkelviolette Karotten


Ein komplettes Menü werden die Knirpse innerhalb von drei Stunden kochen und verspeisen. Auf dem Speiseplan stehen Gurkenkaltschale mit Dill, Hähnchenbrust mit Rosmarin, Ratatouille und Rosmarinkartoffeln mit Knoblauch. Zum Nachtisch gibts mit Mascarpone überbackene Zimtzwetschgen.

Dem Geschnetzel gehen ein Rundgang durch die Restaurantküche und eine kleine Warenkunde am marktfrischen Objekt voraus. Die Kursteilnehmer erfahren, dass Karotten früher dunkelviolett waren und erst Mitte des 19. Jahrhunderts in Frankreich orangefarbene gezüchtet wurden. Sie lernen, dass Tomaten ursprünglich vom amerikanischen Kontinent stammen, einst gelb waren und erst seit Kolumbus bei uns auf dem Speiseplan stehen. Und dass grüne Peperoni nichts anderes als unreif geerntete rote Peperoni sind.

So manche Mutter würde sich wundern, mit welchem Eifer ihr Sprössling mithilft. «Zu Hause helfe ich fast nie, ich bin einfach zu faul», erklärt beispielsweise Melanie. Doch hier, ja, hier mache es ihr Spass. Während in der Küche alles brutzelt, gehts im Säli den Karotten an den Kragen, sprich ans Kraut.

«Probiert wird alles»


Welche Rüebli besser schmecken? «Natürlich die aus dem Garten», erklärt Martina, offensichtlich über die blöde Frage erstaunt. Tatsächlich knabbern fast alle Kinder an rohen, ungeschälten Karotten, vertilgen Minitomaten und Gurkenschnitze, als würden sie es bezahlt bekommen. «Die Rüebli sind immer das Highlight», erklärt Annarita Müller. «Es stimmt nämlich gar nicht, dass Kinder Gemüse nicht mögen.»

Es ist so weit, das Essen ist bereit. Tische werden abgewischt und gedeckt, Kerzen hingestellt, Servietten gefaltet. Wobei sich unter den Serviettenfaltern relativ schnell die Spreu vom Weizen trennt.

«Probiert wird alles, und sei es auch nur ein Löffelchen», sagt Annarita Müller im Säli bestimmt. Keines der Kinder wagt zu widersprechen. Allerdings wird sich herausstellen, dass der Begriff «ein Löffelchen» sehr dehnbar sein kann, wenn Kinder und kalte Gurkensuppe aufeinander treffen – mit dem Entree bekunden etliche der Jungküchenmeister Mühe. Trotzdem: Obwohl viele Köche am Werk waren, haben sie den Brei keineswegs verdorben. Das Essen schmeckt sehr gut.

Es ist gegen halb sechs. Die Ersten müssen gehen, der Turnverein ruft. «Schade», meint Serviertochter Ljiliana, «die waren alle normal.» Und meint: normalgewichtig. «Na ja, vielleicht kommen ja nächstes Mal die Richtigen.»

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