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KommentarMachen Sie sich frei, Herr Doktor!

Geld für Ärzte
Mehrere tausend Ärzte nehmen das Geld der Pharmafirmen anonym an. Bild: Thilo Rothacker

Pharmafirmen legen teilweise offen, wie viel Geld sie an Ärzte und Spitäler zahlen. Doch solange das freiwillig ist, kommt nur eins heraus: PR statt Transparenz. Ein Kommentar von Beobachter-Redaktor Otto Hostettler.

von Otto Hostettleraktualisiert am 2017 M08 28

Sponsoring ist nie uneigennützig. Deshalb soll die Öffentlichkeit wissen, welcher Arzt und welches Spital Geld von der Pharmaindustrie erhält. In den USA müssen die Firmen diese Zahlungen per Gesetz offenlegen, in der Schweiz tut es die Pharmabranche freiwillig – dafür lückenhaft.

2013 hat sie eine «Offenlegungspflicht» beschlossen. Jetzt haben die über 50 in der Schweiz tätigen Pharmafirmen zum zweiten Mal veröffentlicht, welchen Ärzten sie Kongressgebühren, Übernachtungsspesen und Beraterhonorare bezahlen oder welche Ärztenetzwerke und Spitäler sie sponsern.

Die Sache ist brisant. Denn solche Geldflüsse können das Verhalten der Ärzte beeinflussen, wie mehrere Studien zeigen. Ärzte, die von der Pharma profitieren, verschreiben deutlich häufiger teure Originalpräparate statt günstiger Generika.

Die Regelung zur Offenlegung kann gar nicht funktionieren

Deshalb haben Patienten ein Recht, zu wissen, ob ihr Arzt auf Kosten der Pharma internationale Kongresse besucht oder lukrative Beraterhonorare einstreicht. Doch trotz den veröffentlichten Zahlen herrscht lediglich Pseudotransparenz. Von fast der Hälfte der gut 155 Pharmamillionen weiss man nicht, wer konkret davon profitiert.

Die Regelung zur Offenlegung kann gar nicht funktionieren – aus drei Gründen:

  1. Erstens ist Transparenz auf der Basis einer «freiwilligen Offenlegungspflicht» ein Widerspruch in sich. Eine freiwillige Pflicht ist keine Pflicht, sondern allenfalls ein moralischer Aufruf. Ehre dem, der sich genau daran hält oder freiwillig einen Schritt weitergeht.

    Aber zu viele Firmen folgen dem Pharma-Kooperations-Kodex nur halbherzig oder widerwillig. Das können sie, weil sie wenig zu befürchten haben. De facto gibt es keine wirksamen Sanktionsmöglichkeiten für diejenigen Unternehmen, die den Auflagen des Branchenverbands nicht vollständig nachkommen. Es braucht sie auch nicht, denn die Regelung ist ohnehin viel zu lasch.
     
  2. Zweitens veröffentlicht jede Pharmafirma ihre Angaben auf der eigenen Website, teils auf völlig unterschiedliche Weise. Nicht einmal die Dateiformate sind einheitlich. Die Folge: Einen Überblick kann man sich nur mit einem unverhältnismässig hohen Aufwand verschaffen. Kein Mensch ruft mehr als 50 Firmenwebsites auf, um zu erfahren, ob ein Arzt Geld angenommen hat.

    Nur weil der Beobachter zusammen mit der Stiftung für Konsumentenschutz und dem deutschen Recherchebüro Correctiv sämtliche Firmenangaben gesammelt, ausgewertet und in eine Datenbank übertragen hat, kann sich jetzt jedermann ganz einfach informieren.
     
  3. Drittens enthält die Selbstregulierung zu viele Schlupflöcher. So nehmen zum Beispiel mehrere tausend Ärzte das Geld der Pharmaindustrie anonym an. Wenn ein Arzt in den Listen der Pharmafirmen nicht auftaucht, heisst das also nicht, dass er kein Geld erhält.


Dass sich Ärzte so leicht verstecken können, liegt an einer besonderen Regelung: Alle Ärzte und Spitäler, die anonym bleiben wollen, werden in einer Sammelrubrik als «aggregierte Empfänger» ausgewiesen. Und weil diese Gelder jeweils als Summe veröffentlicht werden, ist nicht einmal die exakte Zahl der betroffenen Ärzte, Gesundheitsorganisationen und Spitäler bekannt.

«Wenn sich innerhalb nützlicher Zeit nichts ändert, braucht die Schweiz eine klare gesetzliche Regelung.»

 

Otto Hostettler, Beobachter-Redaktor

Die in der Schweiz tätigen Pharmafirmen haben dieses System nicht erfunden, sie haben einfach die Regelung des europäischen Branchenverbands übernommen. Und das nur, weil sonst früher oder später der Gesetzgeber eine verbindliche Offenlegungspflicht eingeführt hätte.

Doch jetzt zeigt sich: Die selbst kreierte «freiwillige Pflicht» hat mehr mit PR als mit Transparenz zu tun. Die Pharmabranche hat bisher den Nachweis nicht erbracht, dass diese Selbstregulierung zu mehr Transparenz führt. Sonst könnten sich nicht mehrere tausend Ärzte und eine unbekannte Anzahl Spitäler dank einer schwammigen Regelung in der Anonymität verstecken. Wenn sich das innerhalb nützlicher Zeit nicht ändert, braucht die Schweiz eine klare gesetzliche Regelung.