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1. Überblick

Akutes Nierenversagen (ANV) bezeichnet eine vorübergehende (reversible), plötzlich auftretende, unzureichende oder völlig ausgefallene Nierenfunktion. Die Nieren können das Blut nicht mehr ausreichend reinigen. Als Folge reichern sich Schadstoffe beziehungsweise Abbauprodukte des Stoffwechsels an. Akutes Nierenversagen führt in der Regel dazu, dass die Harnproduktion versiegt – die Betroffenen lassen keinen oder weniger Urin. Allerdings gibt es auch Verläufe, bei denen die Urinausscheidung normal oder sogar gesteigert ist.

Um ein akutes Nierenversagen zu behandeln, müssen die zugrundeliegenden Ursachen beseitigt werden. Begleitend können Störungen des Elektrolyt- und Wasserhaushalts (Ödembildung, Lungenödem) symptomatisch behandelt werden.

Wenn man das akute Nierenversagen rechtzeitig behandelt und die auslösenden Ursachen beseitigt, ist die langfristige Prognose gut. In den meisten Fällen kann die Nierenfunktion komplett wiederhergestellt werden.

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2. Definition

Der Begriff «akutes Nierenversagen» (ANV) beschreibt eine vorübergehende (reversible), akut auftretende unzureichende oder völlig ausgefallene Nierenfunktion. Die Nieren können dann – aufgrund unterschiedlicher Ursachen – das Blut nicht mehr ausreichend reinigen und Schadstoffe beziehungsweise Abbauprodukte des Stoffwechsels reichern sich an. Beim akuten Nierenversagen versiegt in der Regel die Harnproduktion – die Betroffenen lassen wenig (Oligurie) oder keinen Urin (Anurie). Allerdings gibt es auch Verläufe, bei denen die Urinausscheidung normal (Normourie) oder sogar phasenweise gesteigert ist (Polyurie).

Abzugrenzen vom akuten Nierenversagen ist eine irreversible, also dauerhafte und durch eine Behandlung nicht mehr rückgängig zu machende Abnahme der Nierenfunktion, welche als chronisches Nierenversagen bezeichnet wird.

Ein akutes Nierenversagen tritt oft im Rahmen schwerer Erkrankungen (z.B. Schock) auf. Auf der Intensivstation liegt der Anteil der Patienten, die akutes Nierenversagen haben, bei circa fünf bis zehn Patienten. Eine herabgesetzte Nierenfunktion, ob akut oder chronisch, wird auch als Niereninsuffizienz bezeichnet.

Funktion der Niere

Die Nieren sind zwei paarig angelegte Organe, die sich beidseits der Wirbelsäule etwa in Höhe der unteren Rippen befinden. Zusammen wiegen die Nieren etwa 300 Gramm.

Die Funktionen der Nieren sind, den Flüssigkeitshaushalt, den Elektrolyt- und den Säure-Basen-Haushalt zu regulieren, den Blutdruck zu kontrollieren und Erythropoetin zu bilden. Erythropoetin ist ein körpereigenes Hormon, welches die Bildung der roten Blutkörperchen stimuliert.

Die Nieren, vor allem der aussen gelegene Teil (Nierenrinde), sind stark durchblutet. In der Nierenrinde befinden sich viele kleine Blutgefässknäuel, die so genannten Glomeruli. In den Glomeruli ist die Blutgefässwand für verschiedene Bestandteile des Bluts durchlässig. Während Blutzellen, beispielsweise rote und weisse Blutkörperchen sowie Bluteiweiss (Plasmaalbumin), nicht aus dem Blutgefäss austreten können, passieren Blutzucker (Glukose), Harnstoff, Elektrolyte und Wasser die Gefässwände und werden in sogenannten Tubuli aufgefangen. Die in den Tubuli gesammelte Flüssigkeit wird als Primärharn bezeichnet. Pro Minute werden auf diese Weise etwa 125 Milliliter Primärharn gebildet. Dies entspricht fast 180 Litern pro Tag.

Die Tubuli verlaufen geschlängelt durch die Nierenrinde und das zur Nierenmitte angrenzende Mark. Auf diesem Weg werden viele Bestandteile des Primärharns und fast die gesamte Flüssigkeit wieder resorbiert und bleiben dem Körper damit erhalten. Dies führt zu einer Konzentrierung des Primärharns, aus dem dadurch der eigentliche Harn (Urin) wird. Der menschliche Körper scheidet nur etwa 1,4 Liter Wasser pro Tag mit dem Harn aus. Umgekehrt werden weitere Substanzen in den Tubuli zusätzlich in den Harn abgegeben. Dadurch kann zum Beispiel der Säure-Basen-Haushalt des Organismus reguliert werden. Substanzen, die der Körper mit dem Urin ausscheiden muss, um ihre übermässige Konzentration im Organismus zu verhindern, werden als harnpflichtige Substanzen bezeichnet. Wichtige harnpflichtige Substanzen sind Kreatinin und Harnstoff.

3. Ursachen

Ein akutes Nierenversagen (ANV) kann verschiedene Ursachen haben, denen aber gemeinsam ist, dass sie die Nierenfunktion beeinträchtigen. Sie führen zu einer Abnahme des Glomerulumfiltrats, also der in den Nieren gebildeten Urinvorstufe (Primärharn), und somit zu einer Nierenschwäche (Niereninsuffizienz). Akutes Nierenversagen teilt man je nach Ursache in folgende Kategorien ein:

  • Prärenales akutes Nierenversagen: Ursachen vor der Niere, also im Kreislaufsystem. In 60 Prozent der Fälle von ANV handelt es sich um ein prärenales akutes Nierenversagen. Dabei führen beispielsweise Herz-Kreislauf-Erkrankungen, eine Blutvergiftung (Sepsis) oder Wasser- und Elektrolytverluste (Erbrechen, Durchfall) zu einer mangelhaften Durchblutung und somit verminderter Sauerstoffversorgung der Niere. Das Nierengewebe kann nicht mehr ausreichend Giftstoffe und Wasser filtern und die Filterfunktion versagt.
  • Renales akutes Nierenversagen: Ursachen im Nierengewebe. Das Nierengewebe kann aufgrund von Durchblutungsstörungen oder Giftstoffen (z.B. Medikamente) geschädigt und so in seiner Funktion gestört sein. Ungefähr 35 Prozent der ANV-Fälle fallen in diese Untergruppe.
  • Postrenales akutes Nierenversagen: Ursachen "nach" der Niere (Nierenbecken, Harnleiter, Blase, Harnröhre). Dabei handelt es sich vorwiegend um Behinderungen im Urinfluss durch verengte Harnwege. Ursachen hierfür können Nieren-, Harn- oder Blasensteine sein sowie Tumoren oder eine Prostatavergrösserung. Der so entstehende Urinstau schädigt das Nierengewebe. Akutes Nierenversagen ist in circa 5 Prozent der Fälle postrenal bedingt.
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4. Symptome

Ein akutes Nierenversagen (ANV) äussert sich je nach Stadium durch unterschiedliche Symptome. Aussagekräftig ist meistens die Urinmenge, die je nach Stadium deutlich von der normalen Menge von 1 bis 1,5 Liter pro Tag abweicht.

Akutes Nierenversagen – Stadium I:

Im ersten Stadium des akuten Nierenversagens werden es die Nieren aufgrund einer Grunderkrankung (prärenal, renal oder postrenal) geschädigt. Die Urinmenge beträgt etwa 500 Milliliter pro Tag.

Akutes Nierenversagen – Stadium II:

Innerhalb von neun bis elf Tagen verringert sich die Harnmenge deutlich auf unter 500 Milliliter pro Tag (Oligurie). Im Urin können Eiweiss und Blut nachgewiesen werden. Akutes Nierenversagen im Stadium II weist zum Beispiel folgende Symptome auf:

Akutes Nierenversagen – Stadium III: 

Im dritten Stadium des akuten Nierenversagens kommt es innerhalb von zwei bis drei Wochen zu einer übermässigen Harnausscheidung von über zwei Litern pro Tag.

Akutes Nierenversagen – Stadium IV:

Stadium vier des ANV bezeichnet das Abheilen. Die Nierenfunktion wird weitestgehend wieder hergestellt, kann jedoch eingeschränkt bleiben. Die Harnmenge normalisiert sich auf 1 bis 1,5 Liter pro Tag.

Kommt es durch den Rückstau des Urins zu einer Harnvergiftung – Urämie genannt – können folgende Symptome auftreten:

  • Ödembildung: Durch vermehrte Flüssigkeitsansammlungen im Körper kommt es zunächst zu geschwollenen Augen, später auch zu geschwollenen Beinen.
  • Bluthochdruck (Hypertonie) kann sich durch Kopfschmerzen und Sehstörungen äussern.
  • Müdigkeit
  • Fieber
  • Schmerzen und eventuell Juckreiz in der Nierengegend
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5. Diagnose

Akutes Nierenversagen (ANV) erfordert eine Diagnose anhand verschiedener Parameter: Im Blut sind beispielsweise erhöhte Kreatinin- und Harnstoffwerte Zeichen für eine Nierenschädigung.

Das Stadium des akuten Nierenversagens lässt sich über die ausgeschiedene Urinmenge bestimmen.

Mit einer Ultraschalluntersuchung können Mediziner die Lage, Grösse und Beschaffenheit der Nieren beurteilen. Eine Gewebeprobe (Nierenbiopsie) kann Aufschluss über verändertes Nierengewebe geben. Ausserdem können Verschlüsse in den Harnwegen mittels Computertomographie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT) erkannt werden.

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6. Therapie

Ein akutes Nierenversagen (ANV) erfordert eine intensive Therapie im Spital. Sie besteht darin, die auslösenden Ursachen zu beseitigen und gleichzeitig die Symptome oder Komplikationen der Nierenfunktionsstörung zu lindern. Am wichtigsten ist es, die Ursache zu erkennen und zu behandeln, um die natürliche Filterfunktion der Nieren wieder herzustellen.

Therapie der auslösenden Ursache

Bei prärenalem ANV, also akutes Nierenversagen aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, steht die Wiederherstellung einer guten Nierendurchblutung im Vordergrund. Geeignete Medikamente und Infusionen stehen zur Verfügung, die den Kreislauf normalisieren können.

Bei renalem ANV, also Veränderungen im Nierengewebe, muss die Ursache der Schädigung beseitigt werden. Bei medikamentenbedingtem ANV wird das ursächliche Medikament abgesetzt, eventuell unter Gabe eines Gegenmittels.

Bei postrenalem ANV, also Ursachen in den Harnwegen, müssen die behandelnden Ärzte versuchen, die Harnabflussbehinderung (z.B. Harnsteine) zu beseitigen.

Konservative Therapie

Medikamenten wie Furosemid steigern die Harnausscheidung. Gleichzeitig sollte im zweiten Stadium, in dem die Betroffenen nur wenig Urin ausscheiden, die Flüssigkeitszufuhr eingeschränkt werden, um eine Überwässerung zu verhindern. Wichtig ist der Augleich von Elektrolytentgleisungen (Kalium, Kalzium, Natrium, Phosphat), damit es nicht zu weiteren Komplikationen kommt.

Im dritten Stadium (erhöhte Urinproduktion) ist ein Flüssigkeitsersatz für die ausgeschiedene Urinmenge lebenswichtig.

Dialyse

Falls eine konservative Therapie nicht ausreicht, muss die Nierenfunktion vorübergehend mit technischen Hilfsmitteln ersetzt werden (Dialyse). Das Prinzip dieser auch Nierenersatz-Therapie genannten Behandlung ist folgendes: Blut fliesst über einen Katheter, der sich in einer Vene, meistens der Armvene oder seltener der Oberschenkelvene, befindet über Schläuche und Pumpen in ein System von halbdurchlässigen Membranen. Auf der anderen Seite dieser Membranen strömt genau dosiert eine salzhaltige Flüssigkeit (Dialysat) dem Blut entgegen. Über die Membran gelangen die aus dem Blut auszuscheidenden Substanzen in die Salzlösung und werden über diese ausgeschieden. Nach Passieren des Membransystems gelangt das so gereinigte Blut wieder in den Körper des Patienten.

Die vorgestellte Reinigung des Bluts mittels semipermeabler Membranen und dem Dialysat wird als extrakorporale (ausserhalb des Körpers) Dialyse bezeichnet. Die extrakorporale Dialyse muss so lange erfolgen, wie der Funktionsverlust der eigenen Nieren dies erfordert. In besonders schweren Fällen und wenn sich die Nieren dauerhaft nicht wieder erholen, kann eine Nierentransplantation nötig sein.

7. Verlauf

Die Grunderkrankung, die für ein akutes Nierenversagen (ANV) verantwortlich ist, bestimmt auch dessen Verlauf und Prognose. Bei prärenalem und postrenalem akutem Nierenversagen kann die rechtzeitige Beseitigung der Ursache die Nierenfunktion meist vollkommen wiederherstellen. Bei renalem akutem Nierenversagen ist die Prognose schlechter, da das Nierengewebe direkt angegriffen und zerstört wird. Diese Form der Nierenschädigung geht häufiger in ein chronisches Nierenversagen über.

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8. Vorbeugen

Wenn Sie ein akutes Nierenversagen (ANV) vermeiden möchten, können Sie vorbeugen, indem Sie bestehende Nierenerkrankungen oder mögliche Ursachen wie Bluthochdruck rechtzeitig behandeln lassen. Ausserdem sollten Sie eine dauerhafte Einnahme von Medikamenten immer genau mit Ihrem Hausarztbesprechen. Er kann – wenn Ihre Nierenfunktion bereits leicht eingeschränkt ist – geeignete Medikamente in nierenschonender Dosierung verordnen und Ihre Nierenfunktion regelmässig kontrollieren, um eine Verschlechterung frühzeitig zu erkennen.

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