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Veröffentlicht am 21. Januar 2021 - 13:46 Uhr

1. Überblick

Ob Spinnenphobie oder Panik vor Menschenmengen: Eine Angststörung kann sehr belastend sein. Ein wichtiger Schritt aus der Angst ist, sich ihr zu stellen.

Je nach Form und Ausprägung kann eine Angststörung das Leben erheblich beeinträchtigen – manchmal sogar so sehr, dass man nicht mehr arbeiten oder das Haus verlassen kann. Mithilfe einer geeigneten Therapie ist eine Angststörung jedoch in vielen Fällen gut behandelbar.

Jeder Mensch kennt das Gefühl der Angst. Diese Emotion ist eine völlig natürliche Reaktion auf eine mögliche Gefahr. Angst ist sinnvoll, da sie uns unter Umständen vor Gefahren bewahrt, indem wir etwa eine Situation vermeiden oder die Flucht ergreifen. Die schützende Alarmfunktion der Angst war schon immer (überlebens)wichtig: Hätten unsere Vorfahren beim Anblick eines wilden Tieres aus Angst nicht die Flucht ergriffen, hätte sie das vermutlich das Leben gekostet. Und auch heutzutage hält uns Angst häufig davon ab, ein zu hohes Risiko einzugehen.

Angst ist also ganz normal und sogar (über-)lebenswichtig. Bei Menschen mit einer Angststörung ist die Angst jedoch krankhaft gesteigert. Erst wenn eine Angst unangemessen stark ist und in keinem Verhältnis zur Situation steht, spricht man von einer Angststörung. Viele Menschen verspüren etwa ein Unwohlsein oder Ekel, wenn sie eine Spinne sehen – aber nur ein Bruchteil von ihnen hat tatsächlich eine Spinnenphobie. Andere wiederum halten nur ungern eine Rede, was jedoch noch lange nicht heisst, dass sie unter einer behandlungsbedürftigen Angststörung leiden.

Eine Frau sitzt mit angezogenen Beinen und verschränkten Armen neben ihrem Hund am Boden.

Angststörungen können sehr einschränkend sein und soweit gehen, dass Betroffene das Haus nicht mehr verlassen.

Quelle: Getty Images
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2. Definition von Angststörung

Angststörung ist der Oberbegriff für eine Gruppe von Erkrankungen, bei denen eine Person starke Angstreaktionen zeigt, obwohl es dafür keinen objektiven Grund gibt. Der Betroffene kann die Angst kaum oder nicht kontrollieren. Ein veralteter Begriff für Angststörung ist Angstneurose.

Es gibt unterschiedliche Formen von Angststörungen:

  • generalisierte Angststörung: Bei der generalisierten Angststörung stehen unbestimmte (sog. frei flottierende) Ängste und Gefühle der Anspannung im Vordergrund. Die Ängste können sich auf verschiedene Lebens- oder Alltagssituationen beziehen.
  • Panikstörung: Charakteristisch für die Panikstörung sind plötzlich auftretende Panikattacken, die mit einem starken Angstgefühl und körperlichen Reaktionen verbunden sind.
  • Phobien: Phobien äussern sich in starker Angst vor bestimmten Situationen und Objekten, obwohl der Betroffene weiss, dass diese Angst unbegründet ist. Phobien unterteilt man in:
    • Agoraphobie (Platzangst): Agoraphobiker meiden bestimmte Orte oder Situationen wie etwa öffentliche Plätze, Menschenmengen oder auch Reisen. Personen mit Agoraphobie fürchten, während einer Panik nicht flüchten zu können oder sie haben Angst, im Notfall keine Hilfe zu bekommen.
    • soziale Phobie: Menschen mit einer sozialen Phobie haben eine übertriebene Angst vor anderen Menschen (z.B. Treffen fremder Personen, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen).
    • spezifische (isolierte) Phobien: Hierzu zählen Ängste vor bestimmten Objekten oder Situationen wie z.B. vor Spinnen, Hunden, Blut oder geschlossenen Räumen (Klaustrophobie).

Darüber hinaus gibt es Mischformen, die man nicht exakt der einen oder anderen Form zuordnen kann. Auch können Angst und Depression gemischt vorkommen, ebenfalls eine Kombination mit Zwang.

Häufigkeit

Angststörungen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Schätzungen zufolge leiden etwa 15 Prozent der Menschen an einer Angststörung. Dabei sind Frauen deutlich häufiger betroffen als Männer.

Die spezifischen Phobien (z.B. Höhenangst, Klaustrophobie, Flugangst, Tierphobien) sind am weitesten verbreitet, müssen aber nur relativ selten psychiatrisch oder psychotherapeutisch behandelt werden. Dahingegen tritt die Panikstörung zwar seltener auf, ist aber am häufigsten behandlungsbedürftig.

3. Ursachen von Angststörung

Es gibt verschiedene Theorien und Erklärungsansätze über die Ursachen einer Angststörung. Aus lerntheoretischer Sicht entwickelt sich eine Angst durch ungünstige Lernprozesse. Aus psychodynamischer Sicht können innere Konflikte hinter einer starken Angst stehen.

Psychosoziale Faktoren

Traumatische Ereignisse in der Kindheit, aber auch in der aktuellen Lebenssituation, können eine Angststörung begünstigen. Dazu zählen zum Beispiel der Tod eines Elternteils, Scheidung der Eltern, sexueller Missbrauch, eine lebensbedrohliche Erkrankung oder der Verlust des Arbeitsplatzes.

Ungünstiger Erziehungsstil

Möglicherweise spielen bestimmte Erziehungsstile bei der Entstehung mancher Angststörungen eine Rolle, so etwa in Form von Überbehütung oder Abweisung.

Neurobiologische Aspekte

Bei Menschen mit einer Angststörung weisen einige Hirnregionen Besonderheiten auf. Unter anderem ist eine Überaktivität im Mandelkern (Amygdala) im limbischen System zu beobachten. Der Mandelkern ist eine zentrale Schaltstelle im Gehirn. Er bestimmt, ob äussere Reize eine Gefahr oder einen Nutzen für den Körper darstellen und nimmt sogar bei chronischen Angststörungen an Volumen zu. Auch vermutet man, dass sich bei Angstpatienten bestimmte Botenstoffsysteme im Gehirn von denen gesunder Menschen unterscheiden. Vor allem Botenstoffe wie Serotonin, Noradrenalin und Gamma-Aminobuttersäure (GABA) sind daran beteiligt. Darüber hinaus scheint bei Angstpatienten das vegetative Nervensystem sehr leicht erregbar zu sein. Dies führt dazu, dass sich Angstsymptome besonders schnell ausbilden können.

Genetische Faktoren

In manchen Familien kommen Angststörungen gehäuft vor. Wissenschaftler gehen davon aus, dass genetische Einflüsse an der Entstehung einer Angststörung beteiligt sind.

4. Symptome

Eine Angststörung kann sich durch viele verschiedene Symptome äussern. Die Erkrankung betrifft dabei nicht nur das psychische Erleben, sondern auch den Körper.

Personen mit einer Angststörung befürchten in der Regel, die Kontrolle zu verlieren. So deuten sie beispielsweise körperliche Symptome als drohende Herzattacke oder befürchten, das Bewusstsein zu verlieren, zusammenzubrechen oder verrückt zu werden.

Für eine Angsterkrankung sprechen folgende Anzeichen:

  • unverhältnismässig starke Angst
  • Vermeidungsverhalten
  • Körperliche Symptome
  • Angst vor der Angst und Katastrophendenken
  • Die Angst beeinträchtigt den Alltag

Generalisierte Angststörung

Bei einer generalisierten Angststörung handelt es sich um eine lang anhaltende oder immer wiederkehrende übersteigerte Angst, die nicht auf bestimmte Situationen oder Objekte begrenzt ist (sog. frei flottierende Angst). So machen sie sich zum Beispiel übertriebene Sorgen, es könne ihren Angehörigen irgendetwas zustossen. Wovor sie genau Angst haben, können Betroffene jedoch oft nicht sagen. Die Angst kann sich auf verschiedene Lebensumstände oder Alltagssituationen beziehen. Sie tritt über Monate oder Jahre hinweg immer wieder auf. Der oder die Betroffene kann sich nur kurzfristig von dieser Angst ablenken oder distanzieren.

Bei einer generalisierten Angststörung zeigen sich typische Symptome wie:

  • starke innere Anspannung, die mit Zittern, Muskelanspannung und Ruhelosigkeit einhergeht,
  • unkontrollierbare Übererregbarkeit, die sich durch Beklemmungsgefühle, Schwitzen, Mundtrockenheit und Schwindel äussert,
  • übermässige Wachsamkeit und erhöhte Aufmerksamkeit, die sich durch ein Gefühl der Anspannung, übermässige Schreckhaftigkeit, Schlafstörungen und Reizbarkeit bemerkbar macht.

Panikstörung

Eine Panikstörung äussert sich in wiederholten, unerwarteten Panikattacken. Bei einer Panikattacke tritt plötzlich – wie aus heiterem Himmel – eine intensive Angst auf. Innerhalb weniger Minuten steigert sich die Angst zu einem Höhepunkt und flaut dann langsam ab. Neben psychischen Anzeichen treten auch ausgeprägte körperliche Symptome auf, so zum Beispiel:

Viele Betroffene empfinden starke Todesangst. Häufig haben sie Angst vor der nächsten Attacke (Erwartungsangst) und ziehen sich immer mehr zurück.

Wenn sich die körperlichen Symptome einer Panikstörung auf das Herz konzentrieren (z.B. Herzrasen, Engegefühl in der Brust), spricht man von einer Herzphobie. Von dieser Form der Panikstörung sind vor allem Männer im mittleren Lebensalter betroffen. Auslöser einer Herzphobie ist oft eine Herzerkrankung im näheren Umfeld des Betroffenen oder eine allzu intensive Beschäftigung mit diesem Krankheitsbild.

Phobien

Personen mit einer Phobie haben eine unbegründete Angst vor bestimmten Gegenständen oder Situationen. Obwohl der Phobiker weiss, dass die Angst unsinnig ist, verspürt er den Drang, die Situationen oder Objekte zu meiden. Es gibt verschiedene Arten von Phobien, die man grob in drei Kategorien einordnen kann:

Agoraphobie

Personen mit einer Agoraphobie (Platzangst) haben Angst vor Situationen, in denen sie sich ausserhalb ihrer gewohnten Umgebung aufhalten. Die Betroffenen fürchten in solchen Situationen, im Notfall nicht flüchten zu können – zum Beispiel wenn sie ohnmächtig werden oder ein Verlust der Blasenkontrolle auftritt. Infolge dieser Befürchtungen meiden Betroffene die Angst auslösenden Situationen, so dass sie zunehmend in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt sind. Eine Agoraphobie tritt häufig in Verbindung mit einer Panikstörung auf.

Typische Situationen, die Agoraphobiker vermeiden, sind:

  • der Aufenthalt auf öffentlichen Plätzen
  • der Aufenthalt in Menschenmengen
  • das Anstehen in einer Warteschlange
  • Reisen in Zug, Bus oder Auto
  • weite Entfernungen von zu Hause

Soziale Phobie

Eine soziale Phobie äussert sich durch eine anhaltende, starke Angst vor sozialen Situationen, insbesondere das Bewerten durch andere. Personen mit einer sozialen Phobie haben beispielsweise Angst davor:

  • einen Vortrag zu halten
  • vor anderen Personen zu essen
  • vor anderen Personen zu schreiben
  • an Veranstaltungen teilzunehmen
  • an Geselligkeiten teilzunehmen

Der oder die Betroffene weiss, dass die Angst übertrieben ist, kann sich aber kaum dagegen wehren und versucht deshalb, die Angst auslösenden Situationen zu vermeiden. Die soziale Phobie geht weit über eine normale Schüchternheit hinaus und tritt häufig in Verbindung mit niedrigem Selbstwertgefühl und Furcht vor Kritik auf.

Typische Symptome sind:

  • Erröten
  • Vermeidung von Blickkontakt
  • Händezittern
  • Übelkeit
  • Harndrang
  • Sprachschwierigkeiten in der Öffentlichkeit

Spezifische Phobie

Eine spezifische Phobie ist durch die anhaltende Angst vor einem spezifischen Objekt oder einer bestimmten Situation gekennzeichnet. Die häufigsten Formen sind:

  • Angst vor Tieren, insbesondere vor Hunden (Kynophobie), Insekten, Spinnen (Arachnophobie), Schlangen (Ophidiophobie) oder Mäusen (Suriphobie)
  • Angst vor Blut (Hämatophobie)
  • Angst vor geschlossenen Räumen (Klaustrophobie)
  • Höhenangst (Akrophobie)
  • Flugangst (Aviophobie)
  • Angst vor Ansteckung (Pathophobie)

Diese Ängste sind weit verbreitet. Sie werden erst dann als krankhaft bezeichnet, wenn sie den Tagesablauf, die üblichen sozialen Aktivitäten oder Beziehungen beeinträchtigen oder erhebliches Leid verursachen.

5. Diagnose

Häufig vergeht viel Zeit, bis eine Angststörung diagnostiziert wird. Dies kann verschiedene Gründe haben. Zum einen äussert sich bei manchen Personen die Angst vor allem durch körperliche Symptome. Möglicherweise sucht der Arzt daher die Ursache für die Beschwerden zunächst im körperlichen Bereich.

Zum anderen kann eine Angststörung das Leben so sehr einschränken, dass der Erkrankte den Arztbesuch meidet. Dies kann etwa der Fall sein, wenn der Betroffene eine Agoraphobie hat und das Haus vor Angst nicht verlassen kann. Nicht zuletzt schämen sich viele Betroffene für ihre Ängste und es fällt ihnen schwer, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Das betrifft vor allem Männer.

Um bei einer vermuteten Angststörung die Diagnose zu stellen, wird die Ärztin, der Psychiater oder die Psychotherapeutin ein ausführliches Gespräch mit dem oder der Betroffenen führen und fragen:

  • in welchen Situationen die Angst auftritt,
  • wie stark die Angst ist,
  • seit wann die Beschwerden bestehen,
  • ob die Ängste plötzlich oder schleichend aufgetreten sind,
  • welche körperlichen Symptome während einer Angst auftreten und
  • ob der Patient weitere Beschwerden bemerkt hat.

Als Hilfestellung für das diagnostische Gespräch kann der Arzt strukturierte Interviewleitfäden oder Fragebögen nutzen.

Bestimmte körperliche Erkrankungen können mit Symptomen einhergehen, die denen einer Angststörung ähneln. Zu solchen Krankheiten zählen zum Beispiel

  • eine Schilddrüsenüberfunktion,
  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen,
  • einige neurologische Erkrankungen oder
  • bestimmte Lungenerkrankungen.

Auch manche Medikamente können Beschwerden hervorrufen, die an eine Angststörung erinnern.

Um auszuschliessen, dass die Angstsymptome auf eine körperliche Ursache zurückzuführen sind, sollte eine Ärztin die Betroffene daher umfassend körperlich untersuchen.

Darüber hinaus ist für die Behandlung entscheidend, ob die Angst im Vordergrund steht oder ob sie als Begleiterscheinung einer anderen psychischen Erkrankung (z.B. Depression) auftritt.

Als wichtiges diagnostisches Hilfsmittel werden häufig auch sogenannte Angsttagebücher eingesetzt. Der Betroffene hält im Tagebuch über einen längeren Zeitraum fest, wie oft, in welchen Situationen und wie stark die Angst aufgetreten ist. Das Angsttagebuch erleichtert dem Therapeuten, die Behandlung individuell zu planen.

6. Therapie

Je früher Personen mit einer Angststörung eine angemessene Therapie bekommen, desto grösser ist auch die Chance auf Heilung. In den meisten Fällen lässt sich eine Angststörung gut therapieren.

Zur Behandlung von Angststörungen ist vor allem eine Psychotherapie geeignet. In manchen Fällen kann es hilfreich sein, wenn der behandelnde Arzt zusätzlich Medikamente verschreibt.

Die Behandlung richtet sich auch danach, um welche Angststörung es sich handelt und wie ausgeprägt diese ist. Zum anderen sind die individuellen Wünsche und Vorlieben des Patienten von Bedeutung.

Insbesondere die kognitive Verhaltenstherapie hat sich bei der Behandlung von Angststörungen als wirksam erwiesen. Manche Menschen fühlen sich jedoch mit einer anderen Therapieform wohler. Eine Entscheidungshilfe bietet das Gespräch mit der Ärztin oder Psychotherapeutin. Sie kann gemeinsam mit der Betroffenen herausfinden, welche Behandlung am besten geeignet ist. 

Kognitive Verhaltenstherapie

Grundannahme der kognitiven Verhaltenstherapie ist, dass sich Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen gegenseitig beeinflussen.

Ein Beispiel: Herrn M. kommt beim Spazierengehen eine Frau mit einem Hund entgegen. Herr M. hat den Gedanken, der Hund könne ihn beissen. Ihm fällt ein, dass er erst neulich von einer Attacke durch einen Hund gelesen hat. Er stuft die Situation als gefährlich ein, bekommt Angst und wechselt die Strassenseite. Ein anderer Mensch würde dieselbe Situation möglicherweise ganz anders bewerten. So würde er sich zum Beispiel freuen, den Hund zu sehen und ihn streicheln.

Wie eine Person etwas bewertet, hängt unter anderem davon ab, welche Erfahrungen sie in der Vergangenheit gemacht hat. Bestimmte Ereignisse oder Erfahrungen können dazu führen, dass ein Mensch fehlerhafte beziehungsweise für ihn ungünstige Überzeugungen entwickelt.

In der kognitiven Therapie soll die Person erkennen, inwiefern sich Denken, Fühlen und Verhalten gegenseitig beeinflussen. Sie lernt, welche ihrer Denkabläufe und Verhaltensweisen dazu führen, dass die Angst aufrechterhalten wird.

Im Expositionsverfahren begibt sich die Person unter therapeutischer Anleitung in die gefürchtete Situation – meist zunächst in der Vorstellung und später real. Ziel ist es, so lange in der Situation zu verbleiben, bis die Angst spürbar nachlässt. So kann die Person erkennen, dass ihre Angst unbegründet ist. Ist eine Exposition nicht oder nur schwer möglich – etwa bei Flugangst –, kommt bei spezifischen Phobien auch eine Virtuelle-Realität-Exposition zum Einsatz: Statt der realen Situation lernt der Patient in einer virtuellen Welt, seine Ängste abzubauen.

Psychodynamische Verfahren

Zu den psychodynamischen Verfahren zählen die analytische sowie die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie.

Anhänger der psychodynamischen Psychotherapie gehen von einem psychoanalytischen Ansatz aus: Alles, was ein Mensch denkt, fühlt oder tut, wird demnach durch unbewusste Erfahrungen beeinflusst. So können vor allem innere, meist unbewusste Konflikte hinter starken Ängsten stehen. Diese Konflikte können zum Beispiel durch bestimmte Ereignisse aus der Kindheit entstanden sein und sich in Form von Angst äussern.

In der Behandlung decken Therapeut und Angstpatient in Gesprächen zunächst den zugrundeliegenden Konflikt auf, um ihn anschliessend zu bearbeiten.

Medikamentöse Therapie

Bei der medikamentösen Therapie einer Angststörung kommen meist Antidepressiva zum Einsatz. Wichtig zu wissen: Bis Antidepressiva ihre volle Wirkung entfalten, dauert es mindestens zwei Wochen.

Wünscht man einen Soforteffekt, wenn zum Beispiel die Angst so gross ist, dass sie eine Psychotherapie sehr erschwert, gibt es auch die sogenannten Anxiolytika (meist aus der Familie der Benzodiazepine). Diese angstlösenden Medikamente sind aber wegen ihres Abhängikeitspotenzial nur vorübergehend geeignet.

Antidepressiva

Antidepressiva können angstlösend und beruhigend wirken. Bei Angststörungen haben häufig sogenannte selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) wie Sertralin, Paroxetin, Escitalopram und Citalopram oder Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (sSNRI) wie Venlafaxin positive Effekte.

Im Gehirn befinden sich Milliarden von Nervenzellen. Sie sorgen dafür, dass Informationen im Gehirn verarbeitet werden können. Informationen werden in Form von elektrischen Reizen von Nervenzelle zu Nervenzelle weitergeleitet – bis sie ihren Zielort erreicht haben.

Benachbarte Nervenzellen sind nicht direkt miteinander verbunden. Damit ein elektrischer Reiz von einer Zelle zur nächsten gelangen kann, benötigt er bestimmte Botenstoffe, die sogenannten Neurotransmitter. Die Neurotransmitter werden bei Bedarf von der gereizten Nervenzelle ausgeschüttet. Haben sie ihre Aufgabe erfüllt, werden die Transmitter entweder abgebaut oder wieder von der Zelle aufgenommen.

Die Konzentration von Botenstoffen wie Serotonin oder Noradrenalin ist bei einer Angststörung häufig aus dem Gleichgewicht geraten. Es stehen zum Beispiel nicht ausreichend Transmitter zur Verfügung oder aber sie werden von der Zelle zu schnell wiederaufgenommen.

Antidepressiva greifen in den Hirnstoffwechsel und die Konzentrationsverhältnisse bestimmter Botenstoffe zwischen den Nervenzellen ein. So verhindern manche Antidepressiva etwa gezielt, dass Serotonin in die Nervenzellen wiederaufgenommen wird, und verlängern so deren positive Wirkung.

Mögliche Nebenwirkungen von SSRI/SNRI sind zum Beispiel

Neben den SSRI und SNRI setzt die Therapie von Angstzuständen auch auf sogenannte MAO-Hemmer wie Moclobemid sowie trizyklische Antidepressiva wie Clomipramin. MAO-Hemmer verhindern den Abbau der sogenannten Monoamine (Dopamin, Adrenalin, Noradrenalin, Serotonin), sodass diese in höherer Konzentration vorliegen, was eine depressions- und angstlindernde Wirkung hat. Zu möglichen Nebenwirkungen von MAO-Hemmern zählen Mundtrockenheit, Unruhe, Magen-Darm-Probleme und Kopfschmerzen.

Sogenannte trizyklische Antidepressiva lindern Angstzustände und innere Unruhe. Sie greifen in die Konzentration der Botenstoffe im Gehirn ein, indem sie die Aufnahme der Botenstoffe in die Nervenzellen hemmen. Dadurch sind die Botenstoffe in höherer Konzentration im Gehirn vorhanden. Unerwünschte Nebenwirkungen sind zum Beispiel niedriger Blutdruck, ein trockener Mund oder Schwindel.

Nach dem Ende der medikamentösen Therapie spüren manche Patienten Absetzerscheinungen, die längere Zeit andauern können. Um diese Beschwerden zu vermeiden, sollte das Medikament nicht abrupt abgesetzt, sondern langsam ausgeschlichen werden. 

Benzodiazepine

Bei starker Angst verschreiben Ärzte manchmal Benzodiazepine. Sie gehören zur Gruppe der Beruhigungs- und Schlafmittel.

Benzodiazepine zeigen sehr rasch ihre beruhigende Wirkung. Sie können jedoch schon nach wenigen Wochen abhängig machen. Dann sind immer höhere Dosen nötig, um einen angstlösenden Effekt zu erzielen.

Daher gilt: Nehmen Sie Benzodiazepine immer nur für kurze Zeit und nicht länger als nötig ein. Halten Sie regelmässig Rücksprache mit Ihrem behandelnden Arzt. Wichtig ist, in einer Therapie zu erfahren, dass es auch ohne Medikament möglich ist, die Angst zu überwinden.

Weitere Wirkstoffe

Weitere Wirkstoffe, die bei Angststörungen zum Einsatz kommen können, sind etwa:

  • Pregabalin: Dieser sog. Kalziumkanalmodulator kann insbesondere bei der generalisierten Angststörung hilfreich sein.
  • Buspiron: Buspiron hat eine angstlösende Wirkung und kann bei Personen mit generalisierter Angststörung Sinn machen, wenn andere Therapien keinen Erfolg gebracht haben.
  • Opipramol: Opipramol hat eine angstlösende und beruhigende Wirkung und wird bei der generalisierten Angststörung empfohlen, wenn andere Therapiemöglichkeiten nicht den gewünschten Erfolg erzielt haben.

Entspannung und Sport zur Unterstützung

Regelmässige Bewegung und gezielte Entspannung steigern das persönliche Wohlbefinden und tragen dazu bei, das Angstniveau zu senken.

Mit Entspannung und Sport allein lässt sich eine Angsterkrankung zwar nicht heilen. Jedoch können sie die Symptome deutlich lindern und die Behandlung unterstützen. Erst seit kurzer Zeit weiß man, dass Muskeln sogenannte Myokine bilden, die nicht nur das Immunsystem, sondern auch die Psyche stabilisieren.

Angst ist nicht nur mit starkem psychischem Stress verbunden. Sie führt auch zu körperlicher Anspannung. Viele Angstpatienten profitieren von regelmässigen Entspannungsübungen. Gut geeignet ist zum Beispiel die progressive Muskelentspannung nach JacobsonDer Anwender entspannt einzelne Muskelgruppen, indem er diese zuerst anspannt und anschliessend wieder locker lässt. Ziel dieser Technik ist, sich in Zukunft gezielt körperlich entspannen zu können und so zugleich auch eine psychische Entspannung zu verspüren.

Eine Abwandlung der progressiven Muskelentspannung ist die angewandte Entspannung (Applied Relaxation). Bei dieser Methode lernt der Anwender, eine innere Anspannung bewusst wahrzunehmen und schnell wieder abzubauen. Der entspannte Zustand kann dabei mit einem Signalwort verknüpft werden. Nach einiger Zeit der Übung ist es möglich, allein mithilfe des Signalworts eine Entspannung zu erreichen.

Neben der progressiven Muskelentspannung gibt es viele weitere Entspannungstechniken, so zum Beispiel das autogene Training. Welche Methode am besten geeignet ist, hängt auch von den persönlichen Vorlieben ab.

Auch körperliche Aktivität kann sich bei einer Angststörung positiv auswirken. Es muss kein Hochleistungssport sein: Wichtig ist vielmehr, sich regelmässig zu bewegen – am besten an der frischen Luft. Gut geeignet sind Ausdauersportarten wie Joggen (Beispiel: dreimal pro Woche fünf Kilometer).

7. Verlauf von Angststörung

Bei einer Angststörung hängt der Verlauf davon ab, um welche Form es sich handelt und wie lange die Angst schon besteht. Auch die Intensität der Angst spielt eine Rolle sowie ob die Person in Behandlung ist.

Die Agoraphobie verläuft häufig chronisch über Jahre hinweg. Personen mit einer Agoraphobie zeigen oft ein besonders ausgeprägtes Vermeidungsverhalten. Dies führt manchmal sogar dazu, dass die Betroffenen das Haus nicht mehr verlassen.

Auch soziale Phobien können, wenn sie nicht behandelt werden, chronisch werden und dazu führen, dass sich die Person vollständig von der Aussenwelt isoliert.

Bei spezifischen Phobien wie zum Beispiel der Flugangst oder einer Spinnenphobie hängt die Prognose auch von dem Erkrankungsalter ab. In der Kindheit erworbene Phobien klingen meist ohne Behandlung ab, bei späterer Erkrankung bleibt die Phobie ohne Psychotherapie häufig bestehen.

Eine Panikstörung bleibt unbehandelt meist über Jahre in unterschiedlicher Intensität bestehen. Auch die generalisierte Angststörung kann, ohne Behandlung, über Jahre oder Jahrzehnte bestehen bleiben.

Oft ist es nicht die Angst selbst, die für die Betroffenen besonders belastend sind, sondern die damit verbundenen Folgen. Je nach Form und Ausprägung kann eine Angststörung das Leben eines Menschen stark beeinträchtigen. Manche Betroffene können ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen. Andere fliegen nicht mehr in den Urlaub, weil sie Flugangst haben. Und wieder andere igeln sich zu Hause ein und haben kaum soziale Kontakte. Depressionen, Alkoholismus und Medikamentenmissbrauch können mögliche Folgen sein.

8. Vorbeugen

Einer Angststörung kann man nicht direkt vorbeugen. Wichtig ist aber, dass Sie schon frühzeitig reagieren, wenn Sie erste Anzeichen feststellen. Die Grenzen zwischen normaler und krankhafter Angst sind fliessend. Eine Angststörung könnte möglicherweise vorliegen, wenn Sie

  • sich den Grossteil des Tages mit Ihrer Angst beschäftigen,
  • die Angst erheblich in Ihrer Lebensqualität einschränkt,
  • aufgrund der Angst Probleme im privaten oder beruflichen Umfeld bekommen haben,
  • sich durch die Angst depressiv fühlen,
  • wegen der Angst zu Medikamenten, Alkohol oder Drogen greifen oder wenn
  • Sie aus Angst bestimmte Situationen oder Objekte meiden.

Je früher man den Teufelskreis von Angst und Vermeidungsverhalten unterbricht, desto eher kann man verhindern, dass die Angststörung chronisch wird. Ein erster Ansprechpartner kann der Hausarzt, aber auch ein Psychotherapeut oder eine Expertin in einer Beratungsstelle sein. Machen Sie den ersten Schritt!

«Wissen, was dem Körper gut tut.»

Chantal Hebeisen, Redaktorin

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