von Onmeda-Ärzteteam

1.  Überblick

Ob Spinnenphobie oder Angst vor Menschenmengen: Je nach Form und Ausprägung kann eine Angststörung das Leben erheblich beeinträchtigen – manchmal sogar so sehr, dass man nicht mehr arbeiten oder das Haus verlassen kann. Mithilfe einer geeigneten Therapie ist eine Angststörung jedoch in vielen Fällen gut behandelbar.

Jeder Mensch kennt das Gefühl der Angst. Diese Emotion ist eine völlig natürliche Reaktion auf eine mögliche Gefahr. Angst ist sinnvoll, da sie uns unter Umständen vor Gefahren bewahrt, indem wir etwa eine Situation vermeiden oder die Flucht ergreifen. Die schützende Alarmfunktion der Angst war schon immer (überlebens)wichtig: Hätten unsere Vorfahren beim Anblick eines wilden Tieres aus Angst nicht die Flucht ergriffen, hätte sie das vermutlich das Leben gekostet. Und auch heutzutage hält uns Angst häufig davon ab, ein zu hohes Risiko einzugehen.

Wenn man jedoch auf eine Situation oder ein Objekt mit unangemessen starker Angst reagiert, kann sich eine Angststörung entwickeln. Unter Angststörungen versteht man eine Gruppe von Erkrankungen, die durch seelische und körperliche Beschwerden gekennzeichnet sind, die auch bei einer normalen Angstreaktion auftreten. Im Unterschied zur «normalen Angst» gibt es jedoch keinen objektiven Grund für diese Reaktion. So ist zum Beispiel die Angst vor Spinnen hierzulande objektiv gesehen unbegründet, denn eine Spinne stellt keine Gefahr da. Menschen mit einer Spinnenphobie reagieren jedoch mit körperlichen Symptomen, bestimmten Gefühlen, Gedanken und Verhaltensweisen auf den Anblick einer Spinne, die eigentlich nicht angemessen sind.

Eine Angststörung hat viele Gesichter:

  • Panikstörung: Bei einer Panikstörung leiden die Betroffenen unter Panikattacken, die ohne äusseren Anlass auftreten.
  • Phobien: Phobien sind Ängste, die durch bestimmte, jedoch ungefährliche Auslöser hervorgerufen werden. Beispiele für Phobien sind die Agoraphobie (Platzangst), Klaustrophobie (Angst in bzw. vor geschlossenen Räumen), soziale Phobien und Flugangst.
  • generalisierte Angststörung: Bei einer generalisierten Angststörung handelt es sich um eine lang anhaltende, unbestimmte Angst, die nicht nur auf bestimmte Situationen oder Objekte begrenzt ist. Wird eine Angststörung nicht behandelt, kann dies dazu führen, dass sich die Angst immer weiter verstärkt.

Angststörung ist der Oberbegriff für eine Gruppe von Erkrankungen, bei denen eine Person starke Angstreaktionen zeigt, obwohl es dafür keinen objektiven Grund gibt. Der Betroffene kann die Angst kaum oder nicht kontrollieren. Ein veralteter Begriff für Angststörung ist Angstneurose.

Grundsätzlich lässt sich Angst als ein Gefühl von Bedrohung beschreiben. In diesem Rahmen hat Angst durchaus eine nützliche Funktion: Sie ist ein Alarmsignal, welches dabei hilft, einer Bedrohung zu entkommen. Ist die Bedrohung vorbei, sollte aber auch die Angst verschwinden. Bei der krankhaften Angst (Angststörung) nimmt man jedoch eine Bedrohung wahr, die objektiv nicht vorhanden ist.

Es gibt unterschiedliche Formen von Angststörungen:

  • generalisierte Angststörung: Bei der generalisierten Angststörung stehen unbestimmte (sog. frei flottierende) Ängste und Gefühle der Anspannung im Vordergrund. Die Ängste können sich auf verschiedene Lebens- oder Alltagssituationen beziehen.
  • Panikstörung: Charakteristisch für die Panikstörung sind plötzlich auftretende Panikattacken, die mit einem starken Angstgefühl und körperlichen Reaktionen verbunden sind.
  • Phobien: Phobien äussern sich in starker Angst vor bestimmten Situationen und Objekten, obwohl der Betroffene weiss, dass diese Angst unbegründet ist. Phobien unterteilt man in:
    • Agoraphobie (Platzangst): Agoraphobiker meiden bestimmte Orte oder Situationen wie etwa öffentliche Plätze, Menschenmengen oder auch Reisen. Personen mit Agoraphobie fürchten, während einer Panik nicht flüchten zu können oder sie haben Angst, im Notfall keine Hilfe zu bekommen.
    • soziale Phobie: Menschen mit einer sozialen Phobie haben eine übertriebene Angst vor anderen Menschen (z.B. Treffen fremder Personen, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen).
    • spezifische (isolierte) Phobien: Hierzu zählen Ängste vor bestimmten Objekten oder Situationen wie z.B. vor Spinnen, Hunden, Blut oder geschlossenen Räumen.

Darüber hinaus gibt es Mischformen, die man nicht exakt der einen oder anderen Form zuordnen kann.

Je nach Form und Ausprägung kann eine Angststörung das Leben des Betroffenen stark beeinträchtigen. So können einige Menschen ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen oder sich aus Angst nicht – oder nur in Begleitung – in bestimmte Situationen begeben.

Häufigkeit

Angststörungen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Schätzungen zufolge leiden etwa 15 Prozent der Menschen mindestens einmal in ihrem Leben an einer Angststörung. Dabei sind Frauen häufiger betroffen als Männer. Eine Angststörung entwickelt sich meist vor dem 45. Lebensjahr.

Die spezifischen Phobien (z.B. Höhenangst, Klaustrophobie, Flugangst, Tierphobien) sind am weitesten verbreitet, müssen aber nur relativ selten psychiatrisch oder psychotherapeutisch behandelt werden. Dahingegen tritt die Panikstörung zwar seltener auf, ist aber am häufigsten behandlungsbedürftig.

Bei einer Angststörung sind die Ursachen noch nicht eindeutig geklärt. Es gibt verschiedene, vielschichtige Theorien darüber, wie eine Angststörung entsteht.

Psychoanalytische Theorien

Anhänger der psychoanalytischen Theorien gehen davon aus, dass innere Konflikte zu Angst führen können. Auch nimmt man an, dass die betroffene Person nicht die Fähigkeit entwickeln konnte, mit normaler Angst umzugehen. In Konfliktsituationen fühlt sich die Person daher überfordert, so dass alte kindliche Ängste in ihr aufsteigen können. Auch treten besonders bei drohendem Verlust (z.B. einer nahestehenden Bezugsperson oder sozialer Anerkennung) akute Ängste wie Trennungsangst auf.

Bei Phobien vermutet man, dass der Betroffene seine inneren Konflikte (z.B. verdrängte sexuelle Phantasien) durch Abwehrmechanismen nach aussen verlagert. Der Phobiker hat dann nicht eigentlich Angst vor dem Objekt, auf das er phobisch reagiert (z.B. eine Spinne), sondern er fürchtet in Wahrheit die unbewusste Phantasie, die im übertragenen Sinne mit diesem Objekt in Verbindung steht. Die äussere steht also für eine innere Angst.

Lerntheoretische Erklärungen

Mithilfe der lerntheoretischen Ansätze kann man vor allem erklären, wie eine Phobie entsteht. Man nimmt an, dass ein mehrstufiger Prozess zu einer Phobie führt. Zunächst «erlernt» eine Person die Angst vor einer ehemals neutralen Situation. Am Beispiel der Flugangst bedeutet das: Eine Person, die nie Angst vor dem Fliegen hatte, erlebt etwa bei einem unruhigen Flug die Angst abzustürzen. Die ehemals neutrale oder sogar als angenehm erlebte Situation des Fliegens ist nun mit Angst besetzt. Würde diese Person sich danach wiederholt dieser Situation aussetzen und dabei sehen, dass die Angst unbegründet ist, würde das Fliegen seinen bedrohlichen Charakter verlieren. Die erworbene Angst vor dem Fliegen hält aber die Person davon ab, sich dieser Situation erneut auszusetzen. Dadurch, dass die Person die angstmachende Situation vermeidet, wird die Angst weiterhin aufrechterhalten – durch das Vermeiden der Situation wird das Ausbleiben der Angst «belohnt».

Man kann auch eine phobische Angst vor einer Situation oder einem Objekt erwerben, mit der/dem man selbst noch nie schlechte Erfahrungen gemacht hat. So kann beispielsweise ein Kind Angst vor Mäusen entwickeln, weil es gesehen hat, mit welcher Angst seine Mutter auf den Anblick einer Maus reagiert hat. Durch diese Beobachtung hat es gelernt, dass eine Maus etwas ist, wovor man Angst haben muss.

Bei der Entstehung von Angststörungen spielt auch die Wahrnehmung körperlicher Symptome eine wichtige Rolle. Verspürt eine Person Angst, stellen sich bei ihr körperliche Reaktionen wie zum Beispiel Herzrasen, Schweissausbrüche oder Zittern ein. Diese Symptome deutet der Betroffene subjektiv als Gefahr, was dazu führt, dass die Angst noch grösser wird. Durch die damit verbundene Stressreaktion verstärken sich wiederum die körperlichen Symptome. Es hat sich auf diese Weise ein Teufelskreis der Angst gebildet, der bewirkt, dass die Angst immer weiter zunimmt.

Die Lerntheorie kann auch erklären, warum es im Zusammenhang mit Panikstörungen zu Erwartungsängsten kommt. Tritt eine Panikattacke wiederholt auf, bekommt die Person Angst vor weiteren Attacken; es entsteht eine Angst vor der Angst.

Neurobiologische Aspekte

Die psychoanalytischen und lerntheoretischen Ansätze suchen die Ursachen für Angststörungen in bestimmten Umweltbedingungen. Experten gehen jedoch davon aus, dass nicht allein schlechte Lernerfahrungen zu einer Angststörung führen. Vielmehr muss eine Person aus biologischer Sicht besonders anfällig dafür sein, eine Angststörung zu entwickeln.

Ein Faktor, der hierbei eine Rolle zu spielen scheint, ist das vegetative  Nervensystem. Das vegetative Nervensystem reguliert und kontrolliert die Funktionen der inneren Organe, etwa Herz und Atmung. Bei Menschen, die an einer Angststörung leiden, scheint das vegetative Nervensystem labil zu sein – es wird durch verschiedenste Reize sehr schnell erregt. Dies führt dazu, dass sich Angstsymptome besonders schnell ausbilden können. Diese Labilität des vegetativen Nervensystems ist offenbar angeboren.

Man vermutet, dass bestimmte Botenstoffe (Neurotransmitter) im Gehirn von Angstpatienten aus dem Gleichgewicht geraten sind (z.B. Serotonin, Noradrenalin oder Gamma-Aminobuttersäure (GABA)). Weitere neurobiologische Befunde zeigen, dass bei Menschen mit einer Angststörung eine spezielle Hirnregion Besonderheiten aufweist: das sogenannte limbische System. Das limbische System spielt unter anderem bei der Verarbeitung und Empfindung menschlicher Gefühle eine grosse Rolle.

Auch scheinen genetische Faktoren an der Entstehung von Angststörungen beteiligt zu sein. Untersuchungen haben ergeben, dass Verwandte ersten Grades von Personen, die unter einer Angststörung leiden, eher erkranken als Verwandte Nichtbetroffener. Es ist jedoch nicht bekannt, ob diese Ergebnisse nur auf genetische Faktoren zurückgeführt werden können, denn Verwandte ersten Grades leben häufig auch in der gleichen Umwelt oder waren ähnlichen Einflüssen ausgesetzt. Falls also Umweltfaktoren die Entstehung von Angststörungen beeinflussen, könnte das der Grund für die höhere Erkrankungswahrscheinlichkeit im verwandtschaftlichen Umfeld Betroffener sein.

Angst kann auch im Zusammenhang mit bestimmten Substanzen, wie Alkohol, Koffein oder Drogen, auftreten. So erleben manche beispielsweise die durch Aufputschmittel bedingte Kreislaufreaktion als Panikattacke. Baut der Betroffene daraufhin die Erwartungsangst auf, dass es zu einer weiteren Angstattacke kommen könnte, ist der Grundstein für eine Panikstörung gelegt.

Eine Angststörung kann sich durch viele verschiedene Symptome äussern. Die Erkrankung betrifft dabei nicht nur das seelische Erleben, sondern auch den Körper. Oft steht beim Betroffenen nicht das subjektive Gefühl von Angst im Vordergrund. Vielmehr sind es meist körperliche Beschwerden, die ihn dazu veranlassen, einen Arzt aufzusuchen. Aus diesem Grund werden Personen, die unter einer Angststörung leiden, häufig erst auf den Verdacht einer Herzerkrankung oder Ähnlichem hin untersucht und behandelt, bevor die körperlichen Symptome als Anzeichen einer Angststörung erkannt werden.

Typisch für eine Angsterkrankung ist das Vermeidungsverhalten: Aus Angst vor der Angst beginnt die Person, bestimmte Situationen oder Objekte zu vermeiden. So meidet ein Mensch mit einer Flugangst in Zukunft zum Beispiel das Fliegen. Menschen mit einer Agoraphobie verlassen das Haus nur noch in Begleitung – oder auch gar nicht mehr. Je länger man angstmachende Situationen vermeidet, desto mehr verstärkt sich die Angst. In der Folge vermeidet die Person immer mehr Situationen.

Personen mit einer Angststörung befürchten in der Regel, die Kontrolle zu verlieren. So deuten sie beispielsweise körperliche Symptome als drohende Herzattacke oder befürchten, das Bewusstsein zu verlieren, zusammenzubrechen oder verrückt zu werden.

Generalisierte Angststörung

Bei einer generalisierten Angststörung handelt es sich um eine lang anhaltende Angst, die nicht nur auf bestimmte Situationen oder Objekte begrenzt ist (sog. frei flottierende Angst). Die Angst kann sich auf verschiedene Lebensumstände oder Alltagssituationen beziehen. Sie tritt über Monate oder Jahre hinweg immer wieder auf. Der Betroffene kann sich nur kurzfristig von dieser Angst ablenken oder distanzieren. Bei einer generalisierten Angststörung zeigen sich typische Symptome wie:

  • starke innere Anspannung, die durch Zittern, Muskelanspannung und Ruhelosigkeit gekennzeichnet ist,
  • unkontrollierbare Übererregbarkeit, die sich durch Beklemmungsgefühle, Schwitzen, Mundtrockenheit und Schwindel äussert,
  • übermässige Wachsamkeit und erhöhte Aufmerksamkeit, die sich durch ein Gefühl der Anspannung, übermässige Schreckhaftigkeit, Schlafstörungen und Reizbarkeit bemerkbar macht.

Panikstörung

Eine Panikstörung äussert sich in wiederholten, unerwarteten Panikattacken. Bei einer Panikattacke tritt plötzlich – wie aus heiterem Himmel – eine intensive Angst auf. Innerhalb weniger Minuten steigert sich die Angst zu einem Höhepunkt. Neben psychischen Anzeichen treten auch ausgeprägte körperliche Symptome auf, so zum Beispiel:

Viele Betroffene empfinden starke Todesangst. Häufig haben sie Angst vor der nächsten Attacke (Erwartungsangst) und ziehen sich zurück.

Eine Panikattacke kann einige Minuten bis zu einigen Stunden anhalten – in den meisten Fällen dauert sie aber etwa 10 bis 30 Minuten an. Wenn sich die körperlichen Symptome einer Panikstörung auf das Herz konzentrieren (z.B. Herzrasen, Engegefühl in der Brust), spricht man von einer Herzphobie. Von dieser Form der Panikstörung sind vor allem Männer im mittleren Lebensalter betroffen. Auslöser einer Herzphobie ist oft eine Herzerkrankung im näheren Umfeld des Betroffenen oder auch eine allzu intensive Beschäftigung mit diesem Krankheitsbild.

Phobien

Personen mit einer Phobie haben eine unbegründete Angst vor bestimmten Gegenständen oder Situationen. Obwohl der Phobiker weiss, dass die Angst unsinnig ist, verspürt er den Drang, die Situationen oder Objekte zu meiden. Es gibt verschiedene Arten von Phobien, die man grob in drei Kategorien einordnen kann:

Agoraphobie

Personen mit einer Agoraphobie (Platzangst) haben Angst vor Situationen, in denen sie sich ausserhalb ihrer gewohnten Umgebung aufhalten. Die Betroffenen fürchten in solchen Situationen, nicht flüchten zu können, wenn hilflos machende oder peinliche Symptome wie Schwindel oder Verlust der Blasenkontrolle auftreten. Infolge dieser Befürchtungen meidet der Betroffene die Angst auslösenden Situationen, so dass er zunehmend in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt ist. Eine Agoraphobie tritt häufig in Verbindung mit einer Panikstörung auf.

Typische Situationen, die Agoraphobiker vermeiden, sind:

  • der Aufenthalt auf öffentlichen Plätzen
  • der Aufenthalt in Menschenmengen
  • das Anstehen in einer Warteschlange
  • Reisen in Zug, Bus oder Auto
  • weite Entfernungen von zu Hause

Soziale Phobie

Eine soziale Phobie äussert sich durch eine anhaltende, starke Angst vor sozialen Situationen, in denen der Betroffene im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht. Personen mit einer sozialen Phobie haben beispielsweise Angst davor:

  • einen Vortrag zu halten
  • vor anderen Personen zu essen
  • vor anderen Personen zu schreiben
  • an Veranstaltungen teilzunehmen
  • an Geselligkeiten teilzunehmen

Der Betroffene weiss, dass die Angst unvernünftig und übertrieben ist, kann sich aber kaum dagegen wehren und versucht deshalb, die Angst auslösenden Situationen zu vermeiden. Die soziale Phobie geht weit über eine normale Schüchternheit hinaus und tritt häufig in Verbindung mit niedrigem Selbstwertgefühl und Furcht vor Kritik auf. Typische Symptome sind:

Spezifische Phobie

Eine spezifische Phobie ist durch die anhaltende Angst vor einem spezifischen Objekt oder einer bestimmten Situation gekennzeichnet. Die häufigsten Formen sind:

  • Angst vor Tieren, insbesondere vor Hunden (Kynophobie), Insekten, Spinnen (Arachnophobie), Schlangen (Ophidiophobie) oder Mäusen (Suriphobie)
  • Angst vor Blut (Hämatophobie)
  • Angst vor geschlossenen Räumen (Klaustrophobie)
  • Höhenangst (Akrophobie)
  • Flugangst (Aviophobie)
  • Angst vor Ansteckung (Pathophobie)

Diese Ängste sind auch in der Normalbevölkerung weit verbreitet. Sie werden erst dann als krankhaft bezeichnet, wenn sie den Tagesablauf, die üblichen sozialen Aktivitäten oder Beziehungen beeinträchtigen oder erhebliches Leid verursachen. So kann es zum Beispiel sein, dass ein Betroffener aus Angst, auf der Strasse einem Hund zu begegnen, nicht mehr allein das Haus verlässt.

Um bei einer vermuteten Angststörung die Diagnose zu stellen, wird der Arzt, Psychiater oder Psychotherapeut ein ausführliches Gespräch mit dem Betroffenen führen, in dem er die bestehenden Symptome erfasst. Als Hilfestellung für das diagnostische Gespräch kann er strukturierte Interviewleitfäden oder Fragebögen einsetzen.

Häufig wird eine Angststörung erst diagnostiziert, wenn der Betroffene bereits einen langen Leidensweg hinter sich hat. Gerade bei Personen, deren Angst sich vor allem körperlich niederschlägt, kommt es oft zu Fehldiagnosen, weil man die Ursache für die Beschwerden im körperlichen Bereich sucht.

Zunächst wird der Mediziner oder Psychologe abklären, ob es sich bei der Angst um eine normale oder eine krankhaft Angst handelt. Zudem ist es für die Behandlung wichtig zu wissen, ob die Angst im Vordergrund steht oder ob sie im Rahmen einer anderen psychischen Erkrankung (z.B. Depression) auftritt. Um auszuschliessen, dass die Angstsymptome auf eine körperliche Ursache zurückzuführen sind (z.B. eine Schilddrüsenüberfunktion, Angina pectoris, Einnahme bestimmter Medikamente, erhöhter Hirndruck), sollte man den Betroffenen umfassend körperlich untersuchen.

Entscheidend für die Diagnose einer Angststörung ist nicht nur, dass typische Angstsymptome vorliegen, sondern auch, wie ausgeprägt diese Symptome sind und wie lange sie schon bestehen. So wird beispielsweise eine Panikstörung nur dann diagnostiziert, wenn die Angstanfälle mehrfach innerhalb eines Monats aufgetreten sind und zwischen den Attacken angstfreie Zeiträume bestanden.

Als wichtiges diagnostisches Hilfsmittel werden häufig auch sogenannte Angsttagebücher eingesetzt. Der Betroffene hält im Tagebuch über einen längeren Zeitraum fest, wie oft, in welchen Situationen und wie stark die Angst aufgetreten ist. Das Angsttagebuch erleichtert dem Therapeuten, die Behandlung individuell zu planen.

Je früher Personen mit einer Angststörung eine angemessene Therapie bekommen, desto grösser ist auch die Chance auf Heilung. In der Therapie hat sich eine Kombination aus medikamentösen sowie psycho- und soziotherapeutischen Ansätzen als besonders wirkungsvoll erwiesen. Die Behandlung richtet sich auch danach, um welche Angststörung es sich handelt und wie ausgeprägt diese ist.

Verhaltenstherapie

In der Verhaltenstherapie geht es vor allen Dingen darum, den Betroffenen dazu zu bringen, die Angst auslösenden Situationen und Objekte nicht mehr zu meiden. Wichtig ist, dass die Person lernt, wie eine Angststörung entsteht. Die Verhaltenstherapie hat sich insbesondere zur Behandlung von spezifischen Phobien bewährt.

Bei der kognitiven Therapie soll der Betroffene erkennen, welche Denkabläufe dazu geführt haben, dass die Angst aufrecht erhalten wird. Diese Denkmuster soll er anschliessend mithilfe des Therapeuten korrigieren.

Bei der systematischen Desensibilisierung erstellt der Betroffene gemeinsam mit dem Therapeuten eine Angsthierarchie. Dabei ordnen sie die angstmachenden Situationen nach dem Grad der Angst ein. Anschliessend lernt die Person, sich gezielt zu entspannen. Die Situation, die einem am wenigsten Angst macht, soll man sich dann im entspannten Zustand vorstellen. Da körperliche Entspannung und ängstliche Erregung nicht gleichzeitig bestehen können, baut man die Angst so langsam ab. Schrittweise wird der Betroffene dann mit Situationen konfrontiert, vor denen er grössere Angst hat – zunächst in Gedanken, später auch in der Realität.

Im Expositionsverfahren begibt sich der Betroffene unter therapeutischer Anleitung in die gefürchtete Situation – meist zunächst in der Vorstellung und später real. Ziel ist es, so lange in der Situation zu verbleiben, bis die Angst spürbar nachlässt, so dass die Person erkennt, dass es keinen Grund für die Beschwerden gibt.

Entspannungsverfahren

Da das Erleben von Angst meist mit einer hohen Anspannung verbunden ist, ist es besonders effektiv, wenn der Betroffene lernt, sich in einen Zustand der Entspannung zu bringen. Dazu sind folgende Entspannungstechniken geeignet:

  • Autogenes Training: Beim autogenen Training entspannt man gezielte Körperbereiche allein durch die Vorstellungskraft.
  • Progressive Muskelentspannung: Bei der progressiven Muskelentspannung entspannt man gezielte einzelne Muskelgruppen, indem diese zuerst angespannt und wieder locker gelassen werden.
  • Biofeedback: Beim Biofeedback erhält der Übende Rückmeldung darüber, wie stark und an welchen Körperpartien er angespannt ist und lernt so sich zu entspannen.

Tiefenpsychologische Verfahren

Das tiefenpsychologische Verfahren beruft sich auf die psychoanalytische Erklärung für Angststörungen. Der Konflikt, der nach dieser Erklärung der Angst zugrunde liegt, wird in der Therapie aufgedeckt und bearbeitet. An erster Stelle steht dabei, Ängste besser bewältigen zu können. Das tiefenpsychologische Verfahren erstreckt sich meist über mehrere Jahre.

Soziotherapie

Bei der Soziotherapie geht es insbesondere darum, durch Einsatz von Gruppentherapie und stufenweise berufliche (Wieder-)Eingliederung die soziale Isolierung, die häufig mit einer Angststörung einhergeht, zu vermindern.

Medikamentöse Therapie

Bei der medikamentösen Therapie einer Angststörung kommen meist Antidepressiva zum Einsatz. Manchmal verschreibt der Arzt auch Wirkstoffe aus der Gruppe der sogenannten Benzodiazepine. Diese darf der Betroffene jedoch nicht länger als nötig einnehmen, da sie zur Abhängigkeit führen können.

Antidepressiva

Antidepressiva können angstlösend und beruhigend wirken. Bei Angststörungen haben häufig sogenannte selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) oder Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (sSNRI) wie Citalopram, Fluoxetin oder Venlafaxin positive Effekte.

Antidepressiva greifen im Gehirn in den Stoffwechsel und in die Konzentrationen der Botenstoffe (Neurotransmitter) zwischen den Nervenzellen ein. Mithilfe der Botenstoffe werden elektrische Reize von einem Nerv zum anderen zu übertragen. Dazu setzt die Endigung des gereizten Nervs am Übergang zum Nachbarnerv einen Botenstoff frei. Der Botenstoff dockt an einen entsprechenden Bindestelle (Rezeptor) des Nachbarnervs an. Das löst im Nachbarnerv ein elektrisches Signal aus, welches er weiterleitet. Hat der Botenstoff so seine Aufgabe erledigt, wird er anschliessend entweder abgebaut oder wieder in die ausschüttende Nervenzelle aufgenommen. Die Konzentrationverhältnisse von Botenstoffen wie Serotonin oder Noradrenalin sind bei einer Angststörung häufig aus dem Gleichgewicht geraten. SNRI und SSRI verhindern, dass die Botenstoffe Serotonin beziehungsweise Serotonin und Noradrenalin in die Nervenzellen wiederaufgenommen werden und verlängern so deren positive Wirkung. Nebenwirkungen können Herz-Kreislauf-Beschwerden, Kopfschmerzen, Übelkeit und Verdauungsprobleme sein. SNRI dürfen nicht in Kombination mit Triptan-Präparaten verwendet werden (z.B. Migräne-Medikamente).

Neben den SSRI und SNRI setzt die Therapie von Angstzuständen auch auf sogenannte MAO-Hemmer wie Moclobemid sowie tri- und tetrazyklische Antidepressiva wie Doxepin. MAO-Hemmer verhindern den Abbau der sogenannten Monoamine (Dopamin, Adrenalin, Noradrenalin, Serotonin), sodass diese in höherer Konzentration vorliegen und somit depressions- und angstlindernd wirken.

Sogenannte tri- und tetrazyklische Antidepressiva lindern Angstzustände und innere Unruhe. Sie greifen in die Konzentration der Botenstoffe im Gehirn ein, indem sie die Aufnahme der Botenstoffe in die Nervenzellen hemmen. Somit stehen die Botenstoffe in höherer Konzentration zur Weiterleitung zwischen den Nervenzellen zur Verfügung. Bis Antidepressiva ihre volle Wirkung entfalten, dauert es mindestens zwei Wochen.

Benzodiazepine

Um die Zeit bis zur Wirkung der Antidepressiva zu überbrücken, setzt Ärzte häufig auf sogenannte Benzodiazepine. Sie gehören zur Gruppe der Beruhigungs- und Schlafmittel. Benzodiazepine zeigen sehr rasch ihre beruhigende Wirkung, können aber abhängig machen. Daher sollte man sie nur kurze Zeit und nur so lange wie nötig einnehmen.

Betablocker

Personen, die unter einer Phobie leiden, werden in Einzelfällen mit Betablockern behandelt. Betablocker bewirken, dass psychische und körperliche Symptome nicht mehr so eng miteinander verbunden sind. Es können allerdings Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen, Hautallergien und depressive Verstimmungen auftreten.

Der Betroffene soll erfahren, dass er auch ohne medikamentöse Unterstützung in der Lage ist, sich seiner Angst zu stellen und diese zu überwinden. Daher ist es wichtig, dass zum Beispiel Konfrontationsübungen nicht unter dem Einfluss Angst lösender Medikamente erfolgen.

Bei einer Angststörung hängt der Verlauf davon ab, um welche Form es sich handelt und wie lange die Angst schon besteht. Auch die Intensität der Angst spielt eine Rolle.

Die Agoraphobie verläuft häufig chronisch über Jahre hinweg. Personen mit einer Agoraphobie zeigen oft ein besonders ausgeprägtes Vermeidungsverhalten und eine hohe Erwartungsangst. Dies führt manchmal sogar dazu, dass die Betroffenen das Haus nicht mehr verlassen. Auch soziale Phobien können, wenn sie nicht behandelt werden, chronisch werden und dazu führen, dass sich die Person vollständig von der Aussenwelt isoliert.

Bei spezifischen Phobien wie zum Beispiel der Flugangst oder einer Spinnenphobie hängt die Prognose von dem Erkrankungsalter ab. In der Kindheit erworbene Phobien klingen meist ohne Behandlung ab, bei späterer Erkrankung bleibt die Phobie häufig bestehen. Bei einer Panikstörung kann es zu Phasen kommen, in denen die Panikattacken seltener oder häufiger auftreten. Die Störung bleibt meist über Jahre in unterschiedlicher Intensität bestehen.

Auch die generalisierte Angststörung kann, ohne Behandlung, über Jahre oder Jahrzehnte bestehen bleiben.

Oft ist es nicht die Angst selbst, die für die Betroffenen besonders belastend sind, sondern die damit verbundenen Folgen. Wenn man angstmachende Objekte oder Situationen vermeidet, kann dies die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Gerade bei schon länger bestehenden Angststörungen sind manche Menschen nicht mehr in der Lage, einer Arbeit nachzugehen. Manchmal führt eine Angststörung auch zu Alkoholismus und Medikamentenmissbrauch.

Einer Angststörung kann man nicht vorbeugen. Wichtig ist aber, dass Sie schon frühzeitig reagieren, wenn Sie erste Anzeichen feststellen. Sollten Sie bemerken, dass Sie aus Angst bestimmte Situationen oder Objekte meiden, obwohl diese an sich nicht gefährlich sind, ist es beispielsweise ratsam, dass Sie sich bewusst erneut dort hinbegeben. Somit können Sie erkennen, dass es keinen Grund für die Angst gibt. Zögern Sie nicht, einen Arzt oder Psychologen aufzusuchen, wenn Sie merken, dass Sie die Situation nicht oder nur schwer allein bewältigen können!

Je früher man den Teufelskreis von Angst und Vermeidungsverhalten unterbricht, desto eher kann man verhindern, dass die Angststörung chronisch wird.