Von Veröffentlicht am 24.11.2016

1. Überblick

Als Azoospermie bezeichnet man das Fehlen von reifen männlichen Samenzellen im Ejakulat. Männer mit Azoospermie bleiben ungewollt kinderlos.

Die Azoospermie kann viele Ursachen haben: Infrage kommen zum Beispiel Entwicklungsstörungen der Spermien, Verengungen und Unterbrechungen im Bereich der ableitenden Samenwege oder genetische Defekte.

Die Diagnose der Azoospermie wird anhand verschiedener Untersuchungen und mithilfe eines Spermiogramms, einer Analyse des Spermas, gestellt. Zur Diagnose der Ursache der Azoospermie sind weiterführende Untersuchungen notwendig, die von hormonellen über bildgebenden Verfahren bis hin zu genetischen Tests reichen können. Die Behandlung der Azoospermie richtet sich nach den zugrunde liegenden Ursachen, in vielen Fällen ist eine erfolgreiche Therapie jedoch nicht möglich. Daher ist die Prognose der Azoospermie sehr unterschiedlich.

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2. Definition

Unter einer Azoospermie versteht man das Fehlen von Spermien im Ejakulat. Spermien sind die reifen männlichen Samenzellen, die im Hoden gebildet werden. Die Azoospermie gehört zu den Störungen der Fruchtbarkeit (Fertilitätsstörungen) beim Mann. Von einer Fruchtbarkeitsstörung wird dann gesprochen, wenn trotz regelmässigem Geschlechtsverkehr ohne Schwangerschaftsverhütung nach einem Jahr keine Befruchtung stattgefunden hat. Jede sechste Ehe bleibt heutzutage kinderlos. Dabei ist bei etwa 40 Prozent der kinderlosen Paare die Ursache für die ungewollte Kinderlosigkeit beim Mann zu finden. Die Azoospermie gilt dabei als eine der Ursachen.

Spermien

Im Hoden befinden sich als Ursamenzellen die sogenannten Spermatogonien. Zusätzlich sind Stützzellen (Sertoli-Zellen) zu finden. Die Stützzellen ernähren die Samenzellen. Sie bilden ein schwammartiges Netzwerk, welches die Entwicklung von Spermatogonien bis hin zu reifen Samenzellen fördert.

Wenn sich eine Spermatogonie teilt, entstehen zwei Zellen. Eine dieser Zellen nimmt den Platz der ursprünglichen Spermatogonie ein und bleibt somit eine Ursamenzelle, die sich später erneut teilen kann. Die zweite bei der Teilung entstandene Zelle entwickelt sich zu einem sogenannten Spermatozyt. Aus den Spermatozyten entstehen nach Reifeteilungen die Spermatiden, die mit 23 Chromosomen bereits nur noch den halben Chromosomensatz besitzen. Aus den Spermatiden entwickeln sich schliesslich die reifen Samenzellen (Spermien). Der Prozess der Entwicklung eines reifen Spermiums aus der Spermatogonie wird als Spermatogenese bezeichnet und dauert beim Menschen etwa 90 Tage.

Spermien bestehen aus Kopf, Hals, Mittelstück und Schwanz. Der Kopf des Spermiums enthält den Zellkern und das wie eine Kappe auf dem Zellkern sitzende Akrosom. Das Akrosom enthält Enzyme, welche die Schutzhülle der Eizelle auflösen und das Eindringen der Spermien in die Eizelle ermöglichen. Die Spermien bilden zusammen mit dem Sekret der Nebenhoden, der Samenbläschen, der Prostata und einiger weiterer kleinerer Drüsen das Sperma beziehungsweise Ejakulat.

Das Sperma wird umgangssprachlich als Samenflüssigkeit oder kurz als Samen bezeichnet. Es handelt sich um eine weisslich trübe, schwach alkalische, klebrige, fadenziehende Flüssigkeit mit einem charakteristischen Geruch. Im Allgemeinen werden bei einer Ejakulation etwa drei bis sechs Milliliter Sperma abgegeben.

Im Regelfall sind pro Milliliter Sperma mehrere Millionen Spermien vorhanden. Bei der Azoospermie dagegen fehlen die Spermien und der Mann ist unfruchtbar. Von einem normalen Sperma (Normospermie) spricht man, wenn mehr als 40 Millionen Spermien pro Milliliter Sperma vorhanden sind und mehr als 60 Prozent aller Spermien ein normales Aussehen und eine normale Beweglichkeit aufweisen.

3. Ursachen

Die Azoospermie kann verschiedene Ursachen haben. In den meisten Fällen entsteht sie durch primäre Störungen der Spermienproduktion und -entwicklung. Aber auch Störungen des Spermientransports führen häufig zu einer Azoospermie. Selten sind hormonelle Störungen des Gehirns die Ursache der Erkrankung.

Jede dieser Ursachen der Azoospermie kann durch genetische Veränderungen bedingt und somit angeboren sein. In 40 bis 50 Prozent der Fälle kann jedoch keine Ursache für die Störung gefunden werden.

Primär gestörte Spermienentwicklung und Störung der ableitenden Samenwege

Die Entwicklung und Ableitung der Spermien mit nachfolgender Azoospermie kann auf vielfältige Weise gestört werden, wobei zwischen einer vorübergehenden und einer bleibenden Azoospermie unterschieden wird. Die Spermienentwicklung kann etwa durch eine übermässige Erwärmung der Hoden (heisse Bäder, Saunabesuche oder sehr enge Unterwäsche) vorübergehend gehemmt werden. Einige Medikamente (Cimetidin oder Sulfasalazin) oder Genussmittel wie Alkohol, Zigaretten oder Drogen, können die Entwicklung von Spermien stören und ebenfalls zu einer Azoospermie führen. Eine weitere Ursache können Umweltgifte wie Pestiziden, Schwermetallen oder Lösungsmitteln sein, welche die Spermienentwicklung negativ beeinflussen.

Im Rahmen einer Virusinfektion kann es zu einer Entzündung der Hoden (Orchitis) kommen, welche die Spermienentwicklung vorübergehend beeinträchtigt. Eine bleibende Störung mit Azoospermie tritt bei Mumps auf, wenn die Erkrankung während der Kindheit oder Pubertät auftritt. Entzündungen im Bereich der Nebenhoden, beispielsweise im Rahmen von sexuell übertragbaren Krankheiten wie der Gonorrhö, können zu einer Verklebung der Samenleiter führen und dadurch den Weg der Spermien aus den Hoden in die Harnröhre dauerhaft versperren. Das Resultat ist eine bleibende Azoospermie. Eine Durchtrennung der Samenleiter bei Operationen hat denselben Effekt und führt ebenfalls zur Azoospermie. Eine solche Operation kann geplant und gewünscht sein, wenn der Mann keine Kinder mehr zeugen möchte. Manchmal kommt es aber versehentlich zu einer Durchtrennung der Samenleiter, zum Beispiel bei der Operation eines Leistenbruchs im Kindesalter.

Zur Therapie von bösartigen Tumorerkrankungen sind häufig Chemotherapien notwendig. In Abhängigkeit der verwendeten Medikamente kann eine vorübergehende oder eine bleibende Azoospermie auftreten. Wird eine Strahlentherapie im Bereich der Hoden notwendig, ist ab Gesamtdosen von etwa 20 Gray ebenfalls mit einer bleibenden Azoospermie zu rechnen. In jedem Fall ist es ratsam, wenn Betroffene vor dem Beginn der Chemotherapie oder Strahlentherapie bei bestehendem Kinderwunsch eine Samenspende einfrieren lassen.

Hormonelle Störungen des Gehirns

Die Produktion des männlichen Geschlechtshormons Testosteron wird durch bestimmte Hormone aus dem Gehirn angeregt. Testosteron ist wichtig für die Spermatogenese. Die sogenannte Hypothalamus-Hypophysenvorderlappen-Genital-Achse besteht aus verschiedenen Hormonen, die jeweils zu einer Hormonausschüttung im nächsten Organ beitragen und mit der Bildung von Spermien enden. Liegt an einem Punkt der Achse eine Störung vor, wird die Produktion der Samenzellen beeinträchtigt oder verhindert. Die Störung ist im Gegensatz zu den anderen Ursachen der Azoospermie selten und kann sowohl erworben als auch angeboren sein.

Genetische Faktoren

Eine Azoospermie kann auf genetische Veränderungen zurückzuführen und somit angeboren sein. Es handelt sich dann vorwiegend um Abweichungen in der Anzahl der Geschlechtschromosomen XY. Beispiele für genetische Defekte bei der Azoospermie sind das Klinefelter- oder das Prader-Willi-Syndrom. Azoospermie wird aber ebenso bei Männern mit Trisomie 21 beobachtet.

4. Symptome

Bei einer Azoospermie ist das charakteristische Symptom die Störung der Fruchtbarkeit des Manns mit nachfolgender ungewollter Kinderlosigkeit. Bleibt ein Paar trotz regelmässigen Geschlechtsverkehrs über ein Jahr lang kinderlos, liegt definitionsgemäss bei einem oder beiden Partnern eine Störung vor.

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5. Diagnose

Bei einer Azoospermie beginnt die Diagnose mit einem ausführlichen Gespräch mit dem Arzt. Dabei wird auch nach relevanten Gegebenheiten wie in der Vergangenheit erfolgreiche Schwangerschaften der Partnerin, Pubertätsentwicklung, Erkrankungen in der Vorgeschichte und in der Familie, Operationen und Medikamenteneinnahmen, Infektionen im Genitalbereich und beruflicher Exposition mit schädigenden Mitteln gefragt. Auch Angaben zum sexuellen Verhalten können die Diagnose erleichtern.

Bei der körperlichen Untersuchung werden meist nicht nur die Genitalien, sondern der gesamte Körper untersucht. Es wird nach Zeichen von Verminderung männlicher Geschlechtshormone gesucht, welche die Azoospermie begleiten können. Der Fokus liegt dabei auf den sekundären Geschlechtmerkmalen (Behaarung, Stimmlage, Fettverteilung etc.) und Zeichen der Feminisierung, wie Brustentwicklung. Darüber hinaus werden Penis und Hoden auf Auffälligkeiten untersucht.

Die Diagnose einer Azoospermie wird anhand einer Analyse des Spermas (Spermiogramm) gestellt. Das dazu benötigte Ejakulat wird durch Masturbation nach einer vier bis sechstägigen sexuellen Karenzzeit gewonnen. Dabei sollten mindestens zwei bis drei separat gewonnene Spermaproben untersucht werden. Diese werden bezüglich verschiedener Parameter auf Azoospermie überprüft:

  • Farbe, Geruch, Konsistenz/Viskosität (Zähigkeit)
  • pH-Wert, Fruktosegehalt, Volumen
  • bakterielle Besiedlung
  • Spermiendichte, Beweglichkeit, Vitalität, Aussehen der Spermien

Zur Diagnose der Azoospermie ist eine Untersuchung des Spermas unter dem Mikroskop notwendig. Dabei werden die Beweglichkeit, die Anzahl und das Aussehen der Spermien beurteilt. Bei der Azoospermie sind im Ejakulat keine Spermien vorhanden. Des Weiteren können andere abnorme Parameter des Ejakulats auffallen, welche Hilfe bei der Suche nach Ursachen der Azoospermie liefern. Da eine Azoospermie sowohl durch eine gestörte Entwicklung der Spermien als auch durch eine Störung im Bereich der ableitenden Samenwege oder aber durch genetische Faktoren verursacht werden kann, sind vielfältige weitere Untersuchungen notwendig, um die Ursache abzuklären. Dazu gehören unter anderem:

  • Hormonuntersuchungen
  • genetische Tests
  • Immunologische Untersuchungen
  • Durchgängigkeitsprüfungen der ableitenden Samenwege
  • Probeentnahmen aus dem Hoden
  • bildgebende Verfahren der Hoden
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6. Therapie

Bei einer Azoospermie richtet sich die Therapie nach den zugrunde liegenden Ursachen. Die Behandlung ist teilweise mit erheblichen Problemen behaftet, da einige Ursachen der Azoospermie nicht oder nur unzureichend oder begrenzt therapierbar sind.

Eine gestörte Spermienentwicklung kann manchmal verbessert werden, indem bestimmte Medikamente vermieden werden, der Alkoholkonsum eingeschränkt und auf Drogen und Nikotin verzichtet wird. Hat die Azoospermie hormonelle Ursachen, können mithilfe geeigneter Präparate gute Erfolge erzielt werden. Liegt bei der Azoospermie eine bakterielle Infektion aufgrund einer sexuell übertragbaren Erkrankung vor, werden Antibiotika zur Therapie eingesetzt. Der negative Einfluss einer Überwärmung der Hoden ist ebenfalls behandelbar. Ist die Azoospermie durch eine Behinderung der Samenleiter bedingt, kommen operative Massnahmen infrage. Sind diese nicht möglich, können bei manchen Arten der Azoospermie durch eine Gewebeprobe (Biopsie) aus den Hoden gesunde Spermien entnommen und für reproduktive Massnahmen mittels künstlicher Befruchtung verwendet werden.

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7. Verlauf

Männer beziehungsweise Paare mit Kinderwunsch leiden sehr unter der Azoospermie. Da die Prognose stark von der auslösenden Ursache der Azoospermie abhängig ist, reicht sie von sehr gut über unzureichend bis schlecht. Bei einigen Erkrankungen wie zum Beispiel genetischen Defekten kann Männern mit Azoospermie mitunter nicht geholfen werden. In diesem Fall ist es ratsam, eine psychologische Unterstützung und gegebenenfalls andere Möglichkeiten der Vaterschaft (zum Beispiel Adoption) zu erwägen.

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8. Vorbeugen

Einigen Ursachen der Azoospermie kann man vorbeugen. Die Qualität der Spermien wird durch eine gesunde Lebensweise mit Meidung von Alkohol, Zigaretten, Drogen, bestimmten Medikamenten und Strahlung verbessert. Ist aufgrund einer Krebserkrankung eine Chemotherapie oder Strahlentherapie unabwendbar, gibt es die Möglichkeit, Sperma für einen späteren Kinderwunsch an dafür zuständigen Stellen aufbewahren zu lassen. Die Vermeidung von sexuell übertragbaren Krankheiten schützt vor einer Azoospermie infolge einer Infektion. Für die Erkrankung Mumps gibt es eine von der Ständigen Impfkommission (STIKO) empfohlene Impfung. Dadurch wird eine Azoospermie als Komplikation der Erkrankung vermieden.

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