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1. Überblick

Die bakterielle Ruhr (Shigellose, Shigellenruhr) ist eine meldepflichtige Durchfallerkrankung, deren Erreger zwar weltweit verbreitet sind – die meisten auftretenden Fälle sind jedoch die Folge einer Ansteckung im Ausland (z.B. bei Reisen in die Türkei, nach Nordafrika oder Indien).

Als Ursachen für die bakterielle Ruhr kommen verschiedene Bakterien der Gattung Shigella infrage. Diese Shigellen sind hochansteckend, wobei warmes Klima und schlechte sanitäre Verhältnisse die Ausbreitung der bakteriellen Ruhr begünstigen. Die Übertragung der Shigellose erfolgt meist direkt von Mensch zu Mensch (wobei auch sexuelle Kontakte ein Ansteckungsrisiko bedeuten). Vor allem in wärmeren Ländern stellen aber auch infizierte Gegenstände, verunreinigte Lebensmittel, verseuchtes Trinkwasser sowie kontaminierte Badegewässer mögliche Infektionsquellen dar.

Meist ein bis drei Tage nach Aufnahme der Erreger zeigt sich die bakterielle Ruhr, wobei das Krankheitsbild fast immer leichter ausgeprägt ist: Erste Symptome der Darmerkrankung sind Fieber und wässriger Durchfall, der in schwereren Fällen nachfolgend blutig-schleimig-eitrig sein kann. Dann können zusätzlich starke Bauchkrämpfe, ein Flüssigkeitsmangel des Körpers (Dehydratation) sowie ein Elektrolyt- und Eiweissverlust hinzukommen. Wenn sich im Verlauf der Shigellose Geschwüre im Dickdarm entwickeln, kann es im Extremfall zur Aufweitung und zum Durchbruch des Darms kommen. Eine schwere – auch lebensbedrohliche – Shigellenruhr ist vor allem bei Menschen möglich, die älter sind oder deren Immunsystem geschwächt ist, sowie bei Kleinkindern.

Um die bakterielle Ruhr zu diagnostizieren, sind die vorliegenden Symptome der Krankheit und eine Stuhluntersuchung ausreichend. Zur Behandlung der Shigellose sind Antibiotika in jedem Fall empfehlenswert: Sie verkürzen die Dauer der Erkrankung, senken die Erregerausscheidung (und damit die Ansteckungsgefahr) und beugen Komplikationen vor. Daneben ist es wichtig, den mit der Shigellenruhr einhergehenden Flüssigkeits- und Elektrolytverlust auszugleichen.

2. Definition

Der Begriff bakterielle Ruhr (Shigellose, Shigellenruhr) bezeichnet per Definition eine durch weltweit verbreitete Bakterien der Gattung Shigella hervorgerufene Darminfektion, die sich vor allem durch starken Durchfall äussert. Schlechte sanitäre Verhältnisse und warmes Klima begünstigen die Ausbreitung der Darmerkrankung, weshalb sie besonders häufig in Entwicklungsländern vorkommt.

Nach dem Infektionsschutzgesetz ist die bakterielle Ruhr eine meldepflichtige Krankheit. Diese Meldepflicht bezieht sowohl Verdachts- und Erkrankungsfälle als auch Ausscheider und Todesfälle ein.

Häufigkeit

In der Schweiz werden jährlich zwischen 200 und 400 Fälle der bakteriellen Ruhr (Shigellose, Shigellenruhr) gemeldet. In erster Linie kommt sie jedoch in warmen Ländern vor.

Typischerweise tritt die bakterielle Ruhr hierzulande gehäuft in den warmen Monaten (Sommer und Frühherbst) auf und betrifft vor allem Kinder unter 10 und Erwachsene im Alter zwischen 20 und 49 Jahren.

3. Ursachen

Erreger

Die bakterielle Ruhr (Shigellose, Shigellenruhr) hat ihre Ursachen in Infektionen mit Bakterien der Gattung Shigella (auch als Shigellen bezeichnet). Diese Erreger sind weltweit verbreitet und kommen hauptsächlich beim Menschen vor. Shigellen sind eng verwandt mit dem Bakterium Escherichia coli; sie sind unbeweglich und sehr empfindlich gegen Austrocknung. Man unterteilt sie in vier Gruppen:

  1. Gruppe A (Shigella dysenteriae)
  2. Gruppe B (Shigella flexneri)
  3. Gruppe C (Shigella boydii)
  4. Gruppe D (Shigella sonnei)

Alle Shigellen besitzen ein Zellgift (Endotoxin), das mit für die entzündliche Reizung der Darmschleimhaut bei der Shigellose sorgt. Nur ein Erreger-Typ der Gruppe A sondert zusätzlich einen Giftstoff (Exotoxin) ab – wenn dieser Erreger die bakterielle Ruhr verursacht, kann ein schweres toxisches Krankheitsbild entstehen. 

Hierzulande überwiegen leichtere Krankheitsverläufe, wobei die Infektionen dennoch plötzlich und heftig beginnen und sehr ansteckend sein können.

Übertragung

Die bakterielle Ruhr (Shigellose, Shigellenruhr) hat ihre Ursachen in Schmierinfektionen – die Übertragung der ursächlichen Bakterien (= Shigellen) erfolgt also fäkal-oral. Das bedeutet: Die Infektionsquelle der bakteriellen Ruhr ist der Stuhl akut erkrankter oder auch symptomloser Menschen, bei denen sich Shigellen im Stuhl befinden (sog. Ausscheider) und die Krankheitserreger gelangen über den Mund (oral) in den Körper. Mangelnde Hygiene spielt demnach bei der Verbreitung der Bakterienruhr eine grosse Rolle.

Meist führt ein direkter Kontakt von Mensch zu Mensch zur Übertragung der Shigellose. Dabei gelten auch sexuelle Kontakte als mögliche Übertragungswege für die Shigellenruhr. In wärmeren Ländern sind darüber hinaus infizierte Gegenstände und verunreinigte Lebensmittel (wohin auch Fliegen die Erreger übertragen können) sowie verseuchtes Trinkwasser häufig die Ursachen für die bakterielle Ruhr; hier kommt auch eine Ansteckung in kontaminierten Badegewässern infrage.

Zur Übertragung der Shigellenruhr kommt es sehr schnell. Dies hat seine Ursachen darin, dass Shigellen hochansteckend sind und schon mit einer vergleichsweise geringen über den Mund aufgenommenen Dosis krank machen können: Bereits 10 bis 100 Keime genügen, um die bakterielle Ruhr zu verursachen. Wer sich mit der Krankheit angesteckt hat, scheidet die Shigellose-Erreger meist noch 1 bis 4 Wochen nach der akuten Krankheitsphase (sehr selten länger) aus. Während dieser Zeit ist man ansteckend, wobei das Ansteckungsrisiko in der akuten, durch Durchfall gekennzeichneten Phase der Bakterienruhr am grössten ist.

Inkubationszeit

Die bakterielle Ruhr (Shigellose, Shigellenruhr) zeigt sich meistens nach 1 bis 3 Tagen. Die Inkubationszeit (d.h. die Zeit von der Infektion bis zum Ausbruch der Darminfektion) kann aber auch nur 12 Stunden oder bis zu 4 Tage betragen.

4. Symptome

Eine bakterielle Ruhr (Shigellose, Shigellenruhr) ruft typischerweise plötzliche und heftige Symptome hervor. Während der ersten zwei Krankheitstage entsteht meist ein wässriger Durchfall. Wie sich die Darmerkrankung weiterentwickelt, hängt unter anderem vom ursächlichen Erreger ab: Es sind leichte bis schwere Erkrankungen mit mehr oder weniger stark ausgeprägten Anzeichen möglich. Es sind fast immer Shigella sonnei und Shigella flexneri für die bakterielle Ruhr verantwortlich und lösen ein meist leichteres Krankheitsbild aus. Die Symptome der Krankheit verschwinden nach etwa einer Woche; die Betroffenen können aber trotzdem sehr ansteckend sein.

In schwereren Fällen kann die Shigellose jedoch Symptome auslösen, von denen die Bezeichnung bakterielle Ruhr beziehungsweise Shigellenruhr für die Darminfektion herrührt: Der anfangs wässrige Durchfall kann in blutigen oder schleimig-eitrigen Durchfall übergehen, was eine Ruhr ausmacht. Daneben kann eine schwerer verlaufende Bakterienruhr mit folgenden Beschwerden verbunden sein:

  • Fieber
  • Bauchkrämpfe
  • schmerzhafter Stuhldrang
  • Koliken
  • herdförmige Entwicklung von Geschwüren im Dickdarm; im Extremfall kann der Darm sich aufweiten und durchbrechen
  • Flüssigkeitsmangel des Körpers (Dehydratation), Elektrolytverlust und Eiweissverluste
  • Bewusstseinsstörungen infolge des Flüssigkeits- und Elektrolytverlusts

In der Regel bleibt auch eine schwere bakterielle Ruhr auf den Dickdarm beschränkt. Nur in seltenen Fällen können ausserhalb des Darms komplizierte Symptome auftreten: Dann können sich infolge der Shigellose ein hämolytisch-urämisches Syndrom (HUS) mit Nierenversagen und Zersetzung der roten Blutkörperchen, artritische Gelenkveränderungen als Reaktion auf die Infektion (sog. Infektarthritiden) und das sogenannte Reiter-Syndrom (mit entzündlicher Gelenkerkrankung, Harnröhrenentzündung und Bindehautentzündung) entwickeln.

5. Diagnose

Besteht der Verdacht auf eine bakterielle Ruhr (Shigellose, Shigellenruhr), erfolgt die Diagnose über eine Stuhlprobe. Der Verdacht auf eine Bakterienruhr ergibt sich oft anhand der typischen Beschwerden wie plötzlich und heftig auftretende wässrige Durchfälle, Fieber und Bauchkrämpfe.

Eine mikroskopische Stuhluntersuchung zeigt bei der Shigellose eine vermehrte Anzahl weisser Blutkörperchen (Leukozyten). Um die Diagnose zu sichern, kann man in der Stuhlprobe den für die bakterielle Ruhr ursächlichen Erreger (das Bakterium der Gattung Shigella) nachweisen. Da Shigellen sehr empfindlich ist, ist es nötig, hierzu eine frische Probe am besten in einem speziellen Transportbehälter sofort zum Labor zu transportieren. Um im Anschluss an die Diagnose die wirksamste Behandlung der Shigellenruhr festlegen zu können, kann man dort auch direkt prüfen, ob die nachgewiesenen Shigellen widerstandsfähig (resistent) gegen bestimmte Antibiotika sind.

6. Therapie

Gegen die bakterielle Ruhr (Shigellose, Shigellenruhr) kommt am besten in jedem Fall eine antibiotische Therapie zum Einsatz, denn: Auch bei leichten Verläufen können Antibiotika die Dauer der Darminfektion verkürzen, die Erregerausscheidung – und damit die Ansteckungsgefahr – senken und Komplikationen vermeiden.

Für diese ursächliche Antibiotika-Therapie der Shigellenruhr stehen Ampicillin, Tetracyclin, Doxycyclin, Thrimethroprim-Sulfamethoxazol und Chinolone zur Verfügung. Dabei ist Ampicillin vor allem geeignet, um Menschen über einen längeren Zeitraum zu behandeln, in deren Stuhl sich Shigellose-Erreger (Shigellen) finden, ohne dass sie Symptome der bakteriellen Ruhr zeigen (sog. Ausscheider). Manche Shigellen haben eine Resistenz gegen bestimmte Antibiotika entwickelt (und sind somit unempfindlich gegen diese Medikamente). Bevor Ihr Arzt Ihnen Antibiotika gegen die bakterielle Ruhr verabreicht, kann er daher austesten lassen, welches Antibiotikum gegen die in Ihrem Stuhl nachgewiesenen Shigellen wirksam ist.

Da die bakterielle Ruhr aufgrund der Durchfälle mit einem starken Flüssigkeits- und Elektrolytverlust einhergehen kann, ist es zur Therapie auch wichtig, diese Verluste auszugleichen. Können Sie selbst nicht genug trinken, erhalten Sie hierzu Infusionen. Eine Flüssigkeits- und Elektrolytzufuhr per Infusion ist auch bei kleinen Kindern, alten Menschen und solchen mit chronischen Grunderkrankungen nötig. Wenn Sie sich in einem guten Allgemeinzustand befinden, ist es auch möglich, auf eine Antibiotika-Behandlung zu verzichten und ausschliesslich durch diesen Flüssigkeitsersatz gegen die Symptome der Shigellose anzugehen. Mittel, welche die Darmbewegung (Peristaltik) hemmen (sog. Motilitätshemmer) sind zur Behandlung des Durchfalls bei Shigellenruhr nicht empfehlenswert.

7. Verlauf

Rechtzeitig behandelt zeigt die bakterielle Ruhr (Shigellose, Shigellenruhr) einen guten Verlauf, dauert etwa eine Woche und heilt vollständig aus. Ist die Darminfektion überstanden, besteht ausserdem eine gewisse, zeitlich begrenzte Immunität gegenüber einer Neuinfektion. Bei fehlender oder unzureichender Behandlung kann die bakterielle Ruhr jedoch schwere bis tödliche Komplikationen hervorrufen – besonders bei Kleinkindern, alten Menschen und Immungeschwächten.

Die bakterielle Ruhr kann auch einen symptomlosen Verlauf nehmen. Menschen, welche die krankheitsauslösenden Bakterien (die Shigellen) über den Stuhl übertragen, ohne selber Shigellose-Symptome zu zeigen, nennt man Ausscheider. Dabei kann es sein, dass die Erreger entweder nach vier Wochen spontan wieder verschwinden oder sich dauerhaft im Dickdarm ansiedeln und über den Stuhl ausgeschieden werden. Menschen, bei denen dies der Fall ist, bezeichnet man als Langzeitausscheider.

Komplikationen

Die bakterielle Ruhr (Shigellose, Shigellenruhr) führt im weiteren Verlauf eher selten zu Komplikationen. Die häufigste Komplikation der Bakterienruhr ist ein Flüssigkeits- und Elektrolytverlust durch den Durchfall. Dies kann unbehandelt im Kreislaufversagen enden.

Ausserdem kann die bakterielle Ruhr über die Entzündung in der Dickdarmschleimhaut dazu führen, dass dort Geschwüre entstehen. Im Extremfall kann im Verlauf der Geschwürbildung der Darm sich aufweiten und die Darmwand einreissen, was lebensbedrohliche Komplikationen der Shigellose sind.

Meistens bleibt die bakterielle Ruhr auf den Dickdarm beschränkt. In seltenen Fällen können jedoch ausserhalb des Darms Komplikationen auftreten: Durch die geschwürige Schädigung der Schleimhautbarriere im Darm können sich im Verlauf der Shigellenruhr zusätzlich andere Bakterien im Körper verteilen. Wenn bei den Betroffenen eine entsprechende erblich bedingte Anfälligkeit besteht (d.h. wenn sie ein bestimmtes Erbmerkmal – HLA-B27 – aufweisen) und eine chronische Infektion vorliegt, können sie das Reiter-Syndrom entwickeln, das durch einseitige Entzündungen der grossen Gelenke, Bindehautentzündungen und Harnröhrenentzündungen gekennzeichnet ist. Weitere mögliche Shigellose-Komplikationen ausserhalb des Darms sind ein hämolytisch-urämisches Syndrom (HUS), bei dem die Nieren versagen und sich die roten Blutkörperchen zersetzen, sowie artritische Gelenkveränderungen als Reaktion auf die Infektion (sog. Infektarthritiden).

8. Vorbeugen

Um die bakterielle Ruhr (Shigellose, Shigellenruhr) zu verhindern, ist Hygiene das wichtigste Mittel. Wenn Sie einer Ansteckung vorbeugen möchten, waschen Sie sich unbedingt regelmässig die Hände, denn: Die für die Darmerkrankung verantwortlichen Bakterien (die Shigellen) übertragen sich vor allem durch direkten Kontakt von Mensch zu Mensch. Darüber hinaus ist es ratsam, auch beim Umgang mit Nahrungsmitteln und Trinkwasser auf Hygiene zu achten sowie Fliegenbefall zu vermeiden.

Die bakterielle Ruhr ist sehr ansteckend – und gerade in wärmeren Ländern mit schlechten hygienischen Verhältnissen finden sich die Shigellen schnell auf Gegenständen, Lebensmitteln, im Trinkwasser und in Badegewässern. Besonders dort ist es daher ratsam, dass Sie zum Vorbeugen der Shigellose Wasser und Nahrungsmittel vor dem Verzehr abkochen und auf alle nicht erhitzten, gekochten oder geschälten Lebensmittel (z.B. Salat) ganz verzichten.