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Dissoziative Identitätsstörung

(multiple Persönlichkeitsstörung)
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1. Überblick

Hinweis für Betroffene der dissoziativen Identitätsstörung: Mögliche Auslösereize für Betroffene sind in diesem Text nicht durch Sternchen (*) markiert worden.

Manchen Menschen passiert es, dass sie sich plötzlich an einem unbekannten Ort wiederfinden oder in ihrem Kleiderschrank fremde Kleidungsstücke hängen. Wenn solche oder ähnliche Erinnerungslücken und merkwürdigen Begebenheiten nicht auf die direkte körperliche Wirkung von Substanzen (wie Alkohol) oder Krankheiten zurückzuführen sind, können sie Anzeichen für eine dissoziative Identitätsstörung (DIS) sein – auch bekannt als multiple Persönlichkeitsstörung (MPS).

Die dissoziative Identitätsstörung bezeichnet das Vorhandensein von zwei oder mehr unterscheidbaren Identitäten oder Persönlichkeitszuständen, die wiederholt die Kontrolle über das Verhalten der betroffenen Person übernehmen. Eine multiple Persönlichkeit kann sich oft nicht an wichtige persönliche Informationen erinnern, weil die Identität, die den Grossteil des normalen Alltags bestreitet, sich der weiteren Identitäten oft nicht bewusst ist. Die für eine multiple Persönlichkeitsstörung kennzeichnenden Teilidentitäten unterscheiden sich nicht nur beispielsweise in ihren Namen, Vorlieben und Verhaltensweisen voneinander, sondern können auch physiologische Unterschiede zeigen: So kann beispielsweise eine Teilpersönlichkeit allergisch auf Substanzen reagieren, die bei einer anderen keine Allergie auslöst.

Die dissoziative Identitätsstörung stellt eine Art Schutzmechanismus dar: Als Ursache für die Aufspaltung in zwei oder mehr Teilidentitäten gilt wiederholter Missbrauch in der Kindheit. Die multiple Persönlichkeitsstörung ist also als Versuch zu verstehen, mit dem erlebten Trauma zurechtzukommen: Die Betroffenen trennen das reale Geschehen vom Bewusstsein ab. Im Erwachsenenalter ist die multiple Persönlichkeit bei der Bewältigung des Alltags jedoch hinderlich, so dass sie die Betroffen zunehmend belasten kann.

Die multiple Persönlichkeitsstörung tritt meist zusammen mit einer Reihe anderer Symptome auf (z.B. Depressionen, Aggressionen, selbstverletzendes Verhalten usw.). Dadurch kommt es häufig zu Fehldiagnosen. Um die dissoziative Identitätsstörung richtig diagnostizieren zu können, steht ein Fragebogen zur Verfügung. Die Therapie dissoziativer Identitätsstörungen ist meist langwierig. Ziel der Behandlung ist es, eine grösstmögliche Stabilisierung des Betroffenen zu erreichen. Neben der Alltagsbewältigung stehen dabei das Kennenlernen und die Kooperation der Teilidentitäten untereinander im Vordergrund. Soweit es die dissoziative Identitätsstörung zulässt, ist es ratsam, bei der Therapie auch die traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten – mit dem Ziel, die Teilidentitäten miteinander zu verschmelzen. Dabei ist es aber wichtig, immer die Möglichkeiten und Bedürfnisse jedes einzelnen Betroffenen in den Vordergrund zu stellen: Viele multiple Persönlichkeiten lehnen die Verschmelzung der Teilidentitäten als Therapieziel ab.

2. Definition

Die dissoziative Identitätsstörung (DIS) – früher auch multiple Persönlichkeitsstörung (MPS) genannt – bezeichnet per Definition das Vorhandensein von zwei oder mehr unterscheidbaren Identitäten oder Persönlichkeitszuständen, die wiederholt die Kontrolle über das Verhalten der Betroffenen übernehmen (sog. multiple Persönlichkeit).

Die dissoziative Identitätsstörung führt dazu, dass sich die Betroffenen an wichtige persönliche Informationen nicht erinnern können – nicht, weil sie einfach vergesslich sind, sondern weil die Identität, die den Grossteil des normalen Alltags bestreitet, sich der anderen Identitäten oft nicht bewusst ist und darum auch nicht weiss, was diese tut. Die multiple Persönlichkeitsstörung entsteht nicht durch direkte körperliche Wirkung einer Substanz (wie z.B. Alkohol, dessen Konsum zu Erinnerungslücken führen kann) oder einer Krankheit (wie z.B. bestimmte epileptische Anfälle, die mit Bewusstseinstrübungen und Gedächtnisverlust einhergehen). Stattdessen gilt die Störung als eine Folge von wiederholten schweren, traumatisierenden Misshandlungen oder Missbrauch in der Kindheit:

Dabei dient die dissoziative Identitätsstörung als eine Art Schutzmechanismus: Der Begriff dissoziieren bedeutet trennen oder auflösen. Dissoziation bezeichnet den Prozess, in dem man Teile des Erlebten von anderen inhaltlich trennt, wenn das Erlebte ein Übermass an Angst, Schmerz oder Trauer verursacht.

Viele Menschen setzen umgangssprachlich multiple Persönlichkeitsstörung und Schizophrenie gleich. Obwohl sich die Symptome teilweise überschneiden können, unterscheiden sich die beiden Störungen aber deutlich voneinander: Wie viele Menschen mit Schizophrenie kann auch eine multiple Persönlichkeit «Stimmen im Kopf» hören – Schizophrene empfinden diese Halluzinationen aber als real, während sich die multiple Persönlichkeit ihrer Trugwahrnehmung meist bewusst ist. Für die Schizophrenie wiederum sind – anders als für die dissoziative Identitätsstörung – keine schwerwiegenden Gedächtnisstörungen kennzeichnend. Darüber hinaus sprechen Menschen mit einer dissoziativen Identitätsstörung nicht auf dieselben Medikamente an, die in der Behandlung von Schizophrenie zum Einsatz kommen.

Historisches

Die dissoziative Identitätsstörung (früher: multiple Persönlichkeitsstörung kann man durchaus als historisches Störungsbild bezeichnen: Schon im 19. Jahrhundert waren unter Psychiatern sogenannte gespaltene oder multiple Persönlichkeiten über Jahrzehnte eins der meistdiskutierten Probleme. Der Psychiater Pierre Janet (1859-1947) war in der Fachwelt der Erste, der für die Auflösung und Aufspaltung des Bewusstseins in verschiedene Teile den Begriff «Dissoziation» verwendete und diesen Prozess auf traumatische Erfahrungen zurückführte.

Später geriet die Idee der Dissoziation zeitweise in Vergessenheit und kam erst im Lauf des 20. Jahrhunderts wieder auf. Nachdem in den 1970er Jahren einige Fälle bekannt wurden und die Medien ausführlich darüber berichteten, diagnostizierte man die dissoziative Identitätsstörung zunächst wesentlich häufiger. Damit verbunden wurde auch Kritik laut: Multiple Persönlichkeitsstörungen seien ein Produkt der Therapeuten; die Missbrauchserlebnisse und die multiplen Persönlichkeiten seien den Betroffenen eingeredet worden. Entsprechend galt die dissoziative Identitätsstörung als eine der umstrittensten psychiatrischen Diagnosen. Daneben kam es in den USA zu einigen Gerichtsverfahren, in denen die Angeklagten auf Unzurechnungsfähigkeit plädierten, da sie zur Tatzeit in einem anderen Persönlichkeitszustand gewesen seien – in vielen Fällen konnte man den Angeklagten jedoch nachweisen, dass sie simuliert hatten, um eine Strafe zu umgehen.

Obwohl die dissoziative Identitätsstörung 1980 Einzug in das internationale Diagnosesystem für psychische Störungen gefunden hat, hält die Diskussion über die Existenz dieser Störung weiterhin an. Das in den letzten Jahren gestiegene Bewusstsein für die Häufigkeit sexuellen Missbrauchs und nicht zuletzt die Aufdeckung von Kinderschänderbanden hat aber zu einer grösseren Akzeptanz dieser Diagnose geführt. Dies ist auch wichtig, damit die Betroffenen aus den vorhandenen Behandlungsmöglichkeiten den grösstmöglichen Nutzen ziehen können.

Die multiple Persönlichkeitsstörung weckt nicht nur in der medizinischen Fachwelt Interesse. Dies zeigt sich daran, dass man die multiple Persönlichkeit schon häufig in Buch und Film thematisiert hat. Das wohl bekannteste, obgleich auf die dissoziative Identitätsstörung eher unzutreffende Beispiel hierfür ist die von Robert Louis Stevenson erdachte und unzählige Male verfilmte Geschichte von Dr. Jekyll, die sich in Mr. Hyde verwandelt.

Häufigkeit

Die dissoziative Identitätsstörung (multiple Persönlichkeitsstörung) tritt mit einer Häufigkeit von etwa 0,5 bis 1 Prozent auf. Unter Menschen, die sich in stationärer psychiatrischer Behandlung befinden, liess sich sogar bei etwa 5 Prozent eine dissoziative Identitätsstörung diagnostizieren. Frauen sind etwa 9-mal häufiger als Männer betroffen.

3. Ursachen

Die dissoziative Identitätsstörung (multiple Persönlichkeitsstörung) hat ihre Ursachen in Traumatisierungen in der Kindheit: 96 Prozent aller Betroffenen waren in frühester Kindheit (meist vor dem fünften Lebensjahr) fortgesetzt sexuellem oder körperlichem Missbrauch ausgesetzt oder wurden stark vernachlässigt, bis hin zur Verwahrlosung. Bei 80 Prozent dieser Betroffenen sind alle drei Formen der Traumatisierung nachzuweisen. In besonders schwerwiegenden Fällen waren die Kinder Opfer rituellen Missbrauchs im Rahmen von Sekten oder Kulten. Die übrigen 4 Prozent sind als Kinder während einer Operation aus der Narkose aufgewacht. In diesen Fällen ist die dissoziative Identitätsstörung oder multiple Persönlichkeitsstörung meist weniger stark ausgeprägt und es finden sich weniger Teilidentitäten.

Ein in der frühen Kindheit erlebtes schweres Trauma bildet die Grundlage für die dissoziative Identitätsstörung: Dieser Zeitpunkt gilt als Beginn der Aufspaltung in verschiedene Persönlichkeitsanteile. Die betroffenen Kinder erleben fortgesetzt Gefahr und Erniedrigung, denen sie nicht entfliehen können. Sie können auch nicht um Hilfe rufen, denn meist handelt es sich bei den Tätern um nahe Angehörige, die drohend fordern, nichts von den Erlebnissen zu erzählen. Um diese Situation überstehen zu können, entwickeln die Betroffenen einen Mechanismus, um dem Schmerz zu entfliehen: Sie trennen das reale Geschehen vom Bewusstsein ab und denken sich so aus der Situation hinaus. Daraus entsteht die multiple Persönlichkeitsstörung. Dieser Prozess geschieht unbewusst und lässt sich nicht steuern. Um die wiederholte Traumatisierung überstehen zu können, spalten sich die Betroffenen in zwei oder mehr Identitäten auf: Jede Identität übernimmt bestimmte Funktionen in den jeweiligen Situationen und kann in einer ähnlichen Situation wieder zum Vorschein kommen.

Entstehung von Teilidentitäten

Die für eine dissoziative Identitätsstörung (multiple Persönlichkeitsstörung) verantwortlichen Traumatisierungen in der Kindheit sind die Ursachen für die Entstehung von Teilidentitäten: Als eine Art Schutzmechanismus entwickelt sich ein System von Teilidentitäten, die alle ihre Aufgaben haben. So entstehen zum Beispiel Helferpersönlichkeiten, welche die Rolle des Beschützers für die Betroffenen übernehmen, indem sie Situationen vermeiden, in denen ein Missbrauch stattfinden könnte. Andere Teilpersönlichkeiten sorgen beispielsweise dafür, dass die Betroffenen mit den Anforderungen in der Schule zurechtkommen. Die Aufspaltung ist ein fortschreitender Prozess: Empfinden die Betroffenen die Dissoziation als Erleichterung, gelingt die Aufspaltung bei späteren Traumatisierungen immer leichter. Innerhalb einer Situation können dann mehrere Teilidentitäten abwechselnd zum Vorschein kommen, um so das Leiden zu verteilen. Dieser unbewusst angewendete Schutzmechanismus dient dazu, das zugefügte Leiden psychisch überleben zu können. Im Erwachsenenalter stellt diese Überlebensstrategie aber zunehmend eine Belastung für die Betroffenen dar, da die multiple Persönlichkeit bei der Bewältigung des Alltags hinderlich ist.

Grundvoraussetzung dafür, dass sich Teilidentitäten abspalten können und somit eine dissoziative Identitätsstörung entsteht, ist die psychobiologische Fähigkeit zur Dissoziation. Diese ist vor allem bei Kindern stark ausgeprägt: In besonders bedrohlichen Situationen ist die Informationsweiterleitung im Gehirn teilweise blockiert. Zum Schutz der Betroffenen arbeiten einige Hirnregionen nicht weiter – dies schützt auch vor Erinnerungen an die belastende Situation. Dieser Schutzmechanismus funktioniert aber nicht vollständig, so dass später auch scheinbar neutrale Reize (z.B. die gleiche Tapete wie im Kinderzimmer) einschiessende Gedanken hervorrufen können, die an die belastenden Erlebnisse erinnern. Die Dissoziation löst im System der Teilpersönlichkeiten bei vielen Betroffenen einen grossen inneren Druck aus. Hierin liegen die Ursachen dafür, dass eine multiple Persönlichkeit häufig selbstverletzendes Verhalten zeigt: Dies soll den Druck abbauen und den Kontakt zur Realität wiederherstellen.

4. Symptome

Die dissoziative Identitätsstörung (multiple Persönlichkeitsstörung) äussert sich durch vielfältige Symptome. Gemeinsames Merkmal der verschiedenen Erscheinungsformen ist, dass 2 oder mehr (manchmal bis zu 100) voneinander unterscheidbare Identitäten oder Persönlichkeitszustände in einer Person existieren (sog. multiple Persönlichkeit). Im Durchschnitt liegen bei einer dissoziativen Identitätsstörung 8 bis 10 Teilidentitäten vor, von denen mindestens 2 wiederholt die Kontrolle über das Verhalten übernehmen:

  • Die Person, die bei einer dissoziativen Identitätsstörung den Grossteil des normalen Alltags bestreitet, bezeichnet man als Host (englisch: Gastgeber).
  • Die Teilpersönlichkeiten nennt man Alters (abgeleitet von englisch: alternate, sinngemäss: anders, verändert).

Aus den für die dissoziative Identitätsstörung charakteristischen Teilidentitäten ergeben sich weitere typische Symptome: schwerwiegende Gedächtnislücken. Die Betroffenen können sich an wichtige persönliche Informationen nicht erinnern, denn: Der Host ist sich der anderen Persönlichkeitszustände nur teilweise bewusst, so dass er sich auch nicht an deren Handlungen erinnert. Viele Betroffene wissen manchmal nicht, wie sie an den Ort gekommen sind, an dem sie sich befinden, wer die Person ist, die sie eben gegrüsst hat oder wer den Einkaufszettel auf ihrem Tisch geschrieben hat.

Die verschiedenen Identitäten, die eine dissoziative Identitätsstörung kennzeichnen, unterscheiden sich meist deutlich voneinander: Sie haben verschiedene Namen, unterschiedliche Vorlieben und Verhaltensweisen. Es zeigen sich auch physiologische Unterschiede: So kann eine multiple Persönlichkeit beispielsweise eine Teilpersönlichkeit haben, die bei Kontakt mit bestimmten Substanzen Symptome einer Allergie entwickelt, während andere dagegen nicht allergisch sind. Die Charaktereigenschaften der sogenannten Alters stehen häufig im Gegensatz zum Host. Das Ausmass, in dem bei der multiplen Persönlichkeitsstörung die verschiedenen Identitäten untereinander kooperieren (d.h., untereinander Zugriff auf die Erinnerungen und Handlungen haben und den Wechsel der Teilpersönlichkeiten koordinieren können), ist bei den Betroffenen unterschiedlich stark ausgeprägt.

Liegt eine dissoziative Identitätsstörung beziehungsweise multiple Persönlichkeitsstörung vor, treten begleitend häufig folgende Symptome auf:

  • Depressionen
  • Erinnerungsbilder von traumatischen Erfahrungen (Flashbacks), deren Auslöser oft scheinbar neutrale Reize sind (häufig sind deshalb in Texten zur dissoziativen Identitätsstörung mögliche Reizwörter durch Sternchen maskiert, wie z.B. in: s*xuelle M*sshandlung)
  • Ängste
  • selbstverletzendes Verhalten und Selbstmordversuche
  • Aggressionen
  • Kopfschmerzen
  • Missbrauch von Alkohol oder Drogen
  • Essstörungen
  • zwanghaftes Verhalten
  • Wahrnehmung von Stimmen (der anderen Teilpersönlichkeiten)

5. Diagnose

Da die dissoziative Identitätsstörung (multiple Persönlichkeitsstörung) mit einer Vielzahl von Begleiterscheinungen verbunden ist, gelingt die Diagnose häufig erst spät. Viele Betroffene unterziehen sich zunächst einer erfolglosen Behandlung (z.B. wegen einer Borderline-Persönlichkeitsstörung, Schizophrenie oder Depression), bevor man sie als multiple Persönlichkeit diagnostiziert. Vom Auftreten der ersten Symptome bis hin zur zutreffenden Diagnose vergehen im Durchschnitt sechs bis sieben Jahre.

Viele Betroffene scheuen sich auch, von ihren Gedächtnislücken und merkwürdigen Begebenheiten – zum Beispiel unbekannten Kleidern im Schrank – zu erzählen, die einen wichtigen Hinweis auf eine dissoziative Identitätsstörung darstellen.

Um die dissoziative Identitätsstörung zu erfassen, kann ein Fragebogen zu dissoziativen Symptomen und ein Interviewleitfaden zum Einsatz kommen. Voraussetzung für die Diagnose «multiple Persönlichkeitsstörung» ist, dass folgende Symptome vorliegen:

  • Es bestehen zwei oder mehr unterscheidbare Identitätszustände, von denen mindestens zwei wiederholt die Kontrolle über das Verhalten der Betroffenen übernehmen.
  • Es liegt eine umfassende Unfähigkeit vor, sich an wichtige persönliche Informationen zu erinnern. Diese Beeinträchtigungen sind nicht durch einen Substanzmissbrauch oder eine körperliche Erkrankung zu erklären.

6. Therapie

Die gegen eine dissoziative Identitätsstörung (multiple Persönlichkeitsstörung) eingesetzte Therapie zielt darauf ab, ein grösstmögliches Wohlbefinden und eine Stabilisierung der Betroffenen zu erreichen. Es ist umstritten, ob dies nur nach einer gelungenen Integration der Teilidentitäten gelingen kann: Viele Betroffene lehnen dies als Ziel der Behandlung ab. Bei Bedarf ist es möglich, die dissoziative Identitätsstörung durch Medikamente (Antidepressiva und Beruhigungsmittel) zu behandeln. Diese Behandlung wirkt sich allerdings allein auf die Symptome aus, während die zugrunde liegenden Ursachen der dissoziativen Identitätsstörung unangetastet bleiben.

Die Suche nach einem geeigneten Therapeuten gestaltet sich bei der dissoziativen Identitätsstörung häufig schwierig. Zum einen haben viele Betroffene schon schlechte Erfahrungen mit Behandlungen aufgrund falscher Diagnosen gemacht. Zum anderen fällt es Menschen, die eine dissoziative Identitätsstörung haben, häufig schwer, Vertrauen zu fassen. Dies ist aber eine Voraussetzung für die Fähigkeit, sich auf die Therapie einzulassen. Es empfiehlt sich für die Betroffenen, einen Therapeuten aufzusuchen, der auf die Behandlung von traumatisierten Personen (Traumatherapie) spezialisiert ist. Die multiple Persönlichkeitsstörung macht meist eine mehrjährige Therapie sinnvoll.

Behandlungsphasen

Die gegen eine dissoziative Identitätsstörung (multiple Persönlichkeitsstörung) angewendete Therapie besteht aus verschiedenen Behandlungsphasen. Die einzelnen Phasen der Behandlung sind individuell unterschiedlich lang und erfolgen unter Umständen wiederholt:

  • Zunächst steht der Aufbau der therapeutischen Beziehung im Vordergrund, die es den Betroffenen ermöglichen soll, sich auf die Therapie einzulassen. Daneben stellt die Stabilisierung der Betroffenen ein wichtiges erstes Ziel dar: Dazu erarbeiten Therapeut und Betroffene gemeinsam, wie sich der Alltag besser bewältigen lässt. Zusätzliche belastende äussere Umstände (z.B. unzureichende Tagesstruktur, ungünstige Wohnsituation) sind nach Möglichkeit zu verändern.
  • Im zweiten Schritt der Therapie der dissoziativen Identitätsstörung steht die Förderung der Kommunikation und Zusammenarbeit der verschiedenen Teilidentitäten untereinander im Vordergrund. Es geht dabei darum, die verschiedenen Teilpersönlichkeiten (sog. Alters) kennenzulernen, jede einzelne ernst zu nehmen, ihre Beziehungen untereinander zu klären und eine gegenseitige Unterstützung (z.B. im Umgang mit Erinnerungsbildern) aufzubauen.
  • In der anschliessenden Phase ist eine schonende Bearbeitung des Traumas empfehlenswert. Dies erfordert ein besonders vorsichtiges Vorgehen, da die Betroffenen Unterstützung darin erhalten sollen, sich den belastenden Erinnerungen zu stellen, ohne zu dissoziieren. Das Ziel besteht darin, das Erlebte als Bestandteil der Vergangenheit anzunehmen, ohne dass alte Auslösereize immer weiter die belastenden Erinnerungsbilder hervorrufen. Eine wirksame Technik zur Traumabearbeitung ist das Eye Movement Desensitization Reprocessing (EMDR): Der Therapeut leitet die Betroffenen an, von dem traumatischen Erlebnis zu berichten, während sie schnelle Augenbewegungen ausführen. Diese Kombination von Augenbewegung und Konfrontation mit dem Trauma erleichtert es, das Erlebte zu verarbeiten: Die Augenbewegung regt das Gehirn so an, dass es gelingt, die Blockaden zu lösen.
  • Ziel der abschliessenden Phase der Behandlung der multiplen Persönlichkeitsstörung ist die Integration und Verschmelzung der Teilidentitäten. Die Betroffenen sollen sich wieder als eine einzelne Person erleben können und lernen, ihre Vergangenheit als Teil ihres Lebens zu akzeptieren. Dabei ist zu beachten, ob die Betroffenen diese Integration als Therapieziel anstreben – gegebenenfalls ist ihre Wahl, die Identitätsvielfalt beizubehalten, zu respektieren.

Wenn die dissoziative Identitätsstörung auf rituellen Missbrauch zurückzuführen ist, sind in der Therapie auch Bewusstseins-Kontrolltechniken zu berücksichtigen: Diese kommen zum Beispiel in Kulten zum Einsatz, um Opfer zum Dissoziieren zu programmieren. Ziel der Deprogrammierung ist es, diese Kontrollmuster zu löschen. Bei der gegen die multiple Persönlichkeitsstörung eingesetzten Therapie ist es wichtig, dass immer die individuellen Möglichkeiten und Bedürfnisse der einzelnen Betroffenen im Vordergrund stehen. So kann es im Sinne einer grösstmöglichen Stabilisierung beispielsweise sinnvoll sein, auf die Bearbeitung der traumatischen Erlebnisse zu verzichten, wenn die Betroffenen sich dadurch dauerhaft überfordert fühlen.

7. Verlauf

Die dissoziative Identitätsstörung (multiple Persönlichkeitsstörung) tritt meist in der frühen Kindheit auf, bleibt aber oft bis zum Erwachsenenalter unentdeckt. Im Verlauf zeigen sich häufig Schwankungen – dabei treten die Symptome bei manchen Betroffenen nur phasenweise auf, während sie bei anderen ständig vorhanden sind. Im Zusammenhang mit Belastungen und traumatischen Erfahrungen verstärkt sich die Störung häufig.

Unbehandelt nimmt die dissoziative Identitätsstörung meist einen chronischen Verlauf, wobei sich die Symptome mit steigendem Lebensalter häufig verringern. Aber auch nach langjähriger Behandlung bleiben für eine multiple Persönlichkeit oft in Teilbereichen Probleme bestehen. Durch die Entwicklung der Behandlungsmethode EMDR (Eye Movement Desensitization Reprocessing) für traumatisierte Personen, bei der die Betroffenen vom ursächlichen traumatischen Erlebnis berichten und gleichzeitig schnelle Augenbewegungen ausführen, hat sich allerdings die Prognose in den letzten Jahren deutlich verbessert. Auch vom Ausmass der Traumatisierung hängt es ab, wie die dissoziative Identitätsstörung verläuft: So bestehen zum Beispiel für eine multiple Persönlichkeitsstörung, die durch ein verfrühtes Aufwachen aus der Narkose entstand, meist bessere Aussichten auf Heilung. Eine stark ausgeprägte Begleitsymptomatik (z.B. Essstörungen, Alkoholmissbrauch) kann die Behandlung oft erschweren.

8. Vorbeugen

Eine dissoziative Identitätsstörung (multiple Persönlichkeitsstörung) allgemein zu verhindern ist nicht möglich: Es sind keine Massnahmen bekannt, mit denen man einer Aufspaltung in zwei oder mehr Teilidentitäten vorbeugen könnte. Ob eine erhöhte öffentliche Aufmerksamkeit in Bezug auf Kindesmissbrauch und verstärkte Bemühungen, diesen zu verhindern, eventuell langfristig dazu führen, dass multiple Persönlichkeitsstörungen seltener auftreten, bleibt abzuwarten. Erhalten Menschen, die in früher Kindheit eine entsprechende Traumatisierung erfahren haben, sowie deren Angehörigen frühzeitig Informationen über dissoziative Identitätsstörungen, kann dies dazu beitragen, dass sich die Betroffenen früher um eine geeignete Behandlung bemühen. Dies kann vermeiden, dass die dissoziative Identitätsstörung dauerhaft bestehen bleibt.