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Haarausfall

Überblick

von Onmeda-Ärzteteam

Unter Haarausfall versteht man einen übermässigen Verlust von Kopfhaaren (Effluvium capillorum), dabei fallen laut Definition über 100 Haare pro Tag aus. Eine sichtbare Haarausdünnung oder Kahlheit bezeichnen Mediziner als Alopezie. Haarausfall kommt sowohl bei Männern als auch bei Frauen vor und kann verschiedene Ursachen haben. In den meisten Fällen besteht eine erbliche Veranlagung, die die Haarfollikel empfindlicher gegenüber männlichen Geschlechtshormonen reagieren lässt.

Diese sogenannte androgenetische Alopezie (erblich bedingter Haarausfall, anlagebedingter Haarausfall) betrifft im Laufe des Lebens jeden zweiten Mann. Sie reicht von Geheimratsecken bis zur ausgeprägten Glatze. Auch unter Frauen ist die androgenetische Alopezie die häufigste Form des Haarausfalls – geschätzt leidet etwa jede fünfte darunter. Allerdings unterscheiden sich die Symptome bei erblich bedingten Haarausfall der Frauen: Meist werden die Haare der Scheitelregion dünner und weniger, das für Männer typische Muster des Haarverlusts findet sich nur in wenigen Fällen.

Deutlich seltener ist kreisrunder Haarausfall (Alopecia areata, Pelade) die Ursache für den Verlust von Haaren. Er äussert sich durch kahle Areale an umschriebenen Bereichen des Kopfs oder Körpers. Auslöser ist wahrscheinlich eine Autoimmunreaktion. In vielen Fällen wachsen die Haare ohne Therapie nach einer gewissen Zeit wieder nach, Rückfälle sind allerdings häufig.

Ebenfalls selten kommt diffuser Haarausfall (diffuse Alopezie, symptomatische Alopezie) vor. Ursächlich für diese Form des Haarausfalls sind zumeist Krankheiten wie eine gestörte Funktion der Schilddrüse, Diabetes mellitus und Infektionen (z.B. Lungenentzündung). Auch die Einnahme bestimmter Medikamente, eine Chemotherapie, hormonelle Umstellungen, Stress oder eine ungesunde Ernährung können mit diffusem Haarausfall einhergehen.

Auch wenn Haarausfall in den meisten Fällen keinen unmittelbaren Krankheitswert hat, belastet er Betroffene mitunter schwer. Personen mit vollen, glänzenden Haaren wirken auf andere vital, jugendlich und gesund. Den Verlust von Haaren hingegen verbinden viele Menschen mit Krankheit und Alter. Haarausfall und Alopezie können daher sehr belastend sein und weitreichende Folgen haben: Das Selbstbewusstsein schwindet, Betroffene finden sich nicht mehr schön und attraktiv, unter Leuten fühlen sie sich unwohl und beobachtet. All dies beeinträchtigt die Lebensqualität.

Bevor der Arzt Haarausfall wirksam behandeln kann, muss er eine klare Diagnose stellen. Hierzu fragt er den Betroffenen zum Beispiel nach dem Verlauf des Haarausfalls und seiner Krankengeschichte (Anamnese).

Die Therapie richtet sich nach der jeweiligen Ursache des Haarverlusts. Die unzähligen zum Verkauf angebotenen Mittel gegen Haarausfall spiegeln den hohen Leidensdruck vieler Betroffener wider. Allerdings halten nur sehr wenige Wirkstoffe das, was die Werbung verspricht: den Haarausfall zu stoppen und im besten Fall die Haardichte sichtbar zu erhöhen. Der Grossteil der Präparate wird diesem Anspruch nicht gerecht. Beispiele für gut wirksame Medikamente sind beim erblich bedingten Haarausfall des Mannes die beiden Wirkstoffe Minoxidil und Finasterid, bei Frauen Minoxidil oder Präparate, die weibliche Geschlechtshormone beziehungsweise Gegenspieler männlicher Hormone (sog. Antiandrogene) enthalten. Die Therapie des kreisrunden Haarausfalls ist deutlich schwieriger.

Definition

Haarausfall liegt laut Definition dann vor, wenn pro Tag mehr als 100 Haare ausfallen. Dieser übermässige Ausfall von Kopfhaaren heisst in der Fachsprache Effluvium capillorum. Fallen so viele Haare aus, dass die Haare sichtbar ausgedünnt sind oder kahle Stellen bestehen, nennen Ärzte dies Alopezie.

Die medizinische Fachrichtung, die sich am intensivsten mit Ursachen und Therapie des Haarausfalls beschäftigt, ist die Dermatologie, also die Lehre der Hautkrankheiten. Haare sind Anhangsgebilde der Haut und zählen daher zu diesem Gebiet.

Die Grenze zwischen natürlichem und therapiebedürftigem Haarausfall verläuft fliessend. Ein gewisses Mass an Haarverlust ist völlig normal, da sich das einzelne Haar ständig erneuert. Dabei durchläuft die «Produktionsstätte» eines Haares, der Haarfollikel mit seiner Haarwurzel, einen Zyklus aus drei Phasen:

  • Wachstumsphase (Anagenphase)
  • Übergangsphase (Katagenphase)
  • Ruhephase (Telogenphase), nach dieser Phase fällt das Haar aus

In der Anagenphase wird das Haar über die Wurzel mit Nährstoffen versorgt und wächst. Dieser Teil des Zyklus dauert bei Gesunden mehrere Jahre – während der Wachstumsphase sind die Zellen besonders anfällig für Störungen. Tritt eine solche auf, endet die Anagenphase meist frühzeitig.

In der nur etwa zwei Wochen langen Katagenphase stoppt die Versorgung des Haars, die Zellen teilen sich nicht mehr. Schliesslich tritt das Haar in der Telogenphase in eine Ruhepause, die etwa zwei bis vier Monate dauert. An ihrem Ende fällt das Haar aus und ein neuer Zyklus beginnt. Ist dieser Kreislauf gestört, kann es zu Haarausfall kommen.

Formen von Haarausfall

Ärzte unterscheiden verschiedene Formen von Haarausfall, wie zum Beispiel:

  • Androgenetische Alopezie (Alopecia androgenetica, erblich bedingter Haarausfall, anlagebedingter Haarausfall)
    • Erblich bedingter Haarausfall bei Männern
    • Erblich bedingter Haarausfall bei Frauen
  • Kreisrunder Haarausfall (Alopecia areata, Pelade)
  • Diffuser Haarausfall (diffuse Alopezie, symptomatische Alopezie)

Diese Formen zählen zu den sogenannten nicht-vernarbenden Alopezien. Hierbei handelt es sich um Haarausfall, der theoretisch heilbar ist – allerdings hängt dies von vielen Faktoren wie etwa dem Typ, der Dauer und dem Ausmass des Haarausfalls ab.

Eine weitere Gruppe bilden die sogenannten vernarbenden Alopezien. Sie sind irreversibel, das heisst, bei ihnen ist der Haarausfall nicht umkehrbar. Dieser Artikel beschreibt nur die nicht-vernarbenden Formen des Haarausfalls.

Häufigkeit

Vor allem Männer sind von Haarausfall betroffen: Jeder zweite leidet unter mehr oder weniger starkem Haarausfall des Typs androgenetische Alopezie (anlagebedingter Haarausfall). Diese Form steckt bei neun von zehn Männern hinter dem Haarverlust. Auch unter Frauen ist der erblich bedingte Haarverlust die häufigste Ursache: Im Laufe des Lebens verliert etwa jede fünfte Frau Haare aufgrund einer androgenetischen Alopezie.

Weitaus seltener tritt kreisrunder Haarausfall (Alopecia areata) auf: Etwa eine bis zehn von tausend Personen entwickeln im Laufe ihres Lebens eine Alopecia areata – Männer und Frauen sind etwa gleich oft betroffen. Ebenfalls eher selten ist diffuser Haarausfall (diffuse Alopezie).

Ursachen

Haarausfall hat verschiedene Ursachen: Sie reichen von einer erblich bedingten, erhöhten Empfindlichkeit der Haarfollikel gegenüber männlichen Geschlechtshormonen über Infektionen und häufigen Stress bis hin zu Störungen des Immunsystems und Eisenmangel. Oft führen auch Medikamente, etwa im Rahmen einer Chemotherapie, zu Haarausfall.

Androgenetische Alopezie (erblich bedingter Haarausfall)

Der Begriff androgenetische Alopezie steht für Haarausfall, dessen Ursachen in den Erbanlagen, also den Genen, liegen. Daher heisst er auch erblich bedingter oder anlagebedingter Haarausfall. Es besteht eine genetisch bestimmte Überempfindlichkeit der Haarfollikel gegenüber männlichen Hormonen, den Androgenen.

Es gibt keine einfache Antwort, warum der Kopf an den typischen Stellen kahl wird – für Haarausfall kommen mehrere Ursachen in Betracht. Oft finden sie sich in den Haarfollikeln. Diese «Produktionsstätten» der Haare liegen unter der Haut und reagieren mitunter empfindlich auf bestimmte Veränderungen. So etwa, wenn die Follikel bei entsprechender Veranlagung eine erhöhte Anzahl an Bindungsstellen, sogenannten Rezeptoren, für die männlichen Hormone Testosteron und Dihydrotestosteron (DHT) tragen. DHT entsteht unter dem Einfluss des Enzyms 5-alpha-Reduktase aus Testosteron.

DHT wirkt verstärkt an den Rezeptoren der Haarfollikel – dadurch verkürzt sich die Wachstumsphase. Dies beschleunigt den gesamten Haarzyklus. Die Folge: Haare und Haarfollikel werden kontinuierlich dünner; letztlich schrumpfen die Haarfollikel. Fachleute bezeichnen dies als Miniaturisierung der Follikel.

Kreisrunder Haarausfall (Alopecia areata)

Typischerweise tritt kreisrunder Haarausfall ohne von aussen wirkende Ursachen plötzlich auf und befällt ein umschriebenes, kreisrundes oder ovales Gebiet. Es handelt sich nach derzeitigem Kenntnisstand um eine Autoimmunkrankheit. Kreisrunder Haarausfall kommt in jedem Alter vor und tritt familiär gehäuft auf, eine gewisse Ballung zeigt sich dabei bis zum 30. Lebensjahr.

Da die Auslöser der Alopecia areata unbekannt sind, erübrigt sich die Suche nach möglichen anderen Ursachen wie Hormonstörungen, etwaigen Belastungen des Körpers mit Giften und Ähnlichem. Ebenso hat kreisrunder Haarausfall in aller Regel keine psychischen Ursachen.

Erblich bedingter Haarausfall der Frau

Haarausfall bei Frauen hat vielfältige Ursachen, die häufigste ist wie bei Männern der erblich bedingte Haarausfall, die androgenetische Alopezie. Etwa jede fünfte Frau neigt dazu. Auch bei ihnen entwickelt sie sich aufgrund einer genetischen Veränderung der Follikel, die sie sensibler für männliche Geschlechtshormone (Androgene) macht. Der Haarausfall schreitet meist mässig schnell voran. Etwa ein Drittel bis die Hälfte der betroffenen Frauen entwickelt schon im Alter von 20 bis 30 Jahren einen deutlich sichtbaren Haarverlust.

Besonders anfällig für die androgenetische Alopezie sind Frauen in den Wechseljahren: In dieser Zeit kommt es zu einer hormonellen Umstellung, die den Haarausfall beschleunigt. Bei Frauen sind meist nicht alle Haarfollikel einer Haarregion betroffen, sondern nur ein Teil. Daher entsteht bei ihnen keine kahle Stelle oder Glatze – die Haare dünnen vielmehr aus und die Kopfhaut wird sichtbar.

Ein weiterer Unterschied zum erblich bedingten männlichen Haarausfall besteht bei der Frau in der Rolle der beteiligten Enzyme. Diese speziellen Eiweisse wandeln bestimmte Hormone um. Während beim Mann ein Enzym namens 5-alpha-Reduktase eine wichtige Rolle spielt, kommt bei Frauen der sogenannten Aromatase grosse Bedeutung zu. Sie wandelt männliche Hormone (Androgene) in weibliche (Östrogene) um. Bei Frauen mit androgenetischem Haarausfall ist die Aromatase weniger aktiv als bei gesunden Frauen. Als Folge steigt die Konzentration der Androgene an den genetisch vorbelasteten Haarfollikeln – die männlichen Hormone schädigen die Follikel und führen somit zum Haarausfall. Bei diesem Prozess schrumpfen die Haarfollikel (sog. Miniaturisierung).

Diffuser Haarausfall (diffuse Alopezie)

Diffuser Haarausfall führt in den meisten Fällen zu einer Ausdünnung der Haare, die gleichmässig über den Kopf verteilt ist. Dies unterscheidet diese Form vom typischen Erscheinungsbild der androgenetischen Alopezie und des kreisrunden Haarausfalls.

Diffuser Haarausfall entwickelt sich aufgrund unterschiedlichster Ursachen:

  • Krankheiten (z.B. gestörte Schilddrüsenfunktion, Infektionen, Diabetes mellitus)
  • falsche, einseitige Ernährung (Eiweissmangel)
  • Eisenmangel
  • hormonelle Umstellungen (z.B. nach der Geburt eines Kindes oder nach Absetzen von Verhütungsmitteln wie der Pille)
  • Medikamente, z.B. ACE-Hemmer, Betablocker, Heparin oder eine Chemotherapie mit sog. Zytostatika
  • schädliche Strahlen, etwa durch eine Strahlentherapie oder Strahlenunfälle
  • äussere Umstände wie Stress

Vererbung

Ob ein Mensch eine androgenetische Alopezie entwickelt, richtet sich massgeblich nach den Erbanlagen (Genen). Daher der Begriff «anlagebedingter» oder «erblicher Haarausfall». Hierbei spielen mehrere Gene eine Rolle, es handelt sich um eine sogenannte polygene oder multifaktorielle Vererbung. Dies erklärt, warum beispielsweise innerhalb einer Familie die Fülle der Haare von Grossvater (mütterlicher- wie väterlicherseits), Vater und Sohn sehr unterschiedlich sein kann.

Die Neigung zum Haarausfall wird laut wissenschaftlicher Studien zu einem nicht geringen Teil über die Mutter vererbt: Der Androgenrezeptor, also die Bindungsstelle des Haarfollikels für männliche Geschlechtshormone, wird über das X-Chromosom weitergegeben. Da Männer das X-Chromosom ausschliesslich von ihrer Mutter erben können, entspricht ihr Risiko für Haarausfall eher dem der Mutter oder des Grossvaters mütterlicherseits als dem des Vaters. Zum Haarausfall trägt aber nicht nur eine Erbanlage bei: Es gibt Hinweise auf weitere Gene, die unabhängig vom elterlichen Geschlecht vererbt werden. Mitunter vererbt sich die Veranlagung für Haarausfall daher auch direkt vom Vater auf den Sohn.

Viele verschiedene Faktoren bestimmen die Ausprägung des androgenetischen Haarausfalls bei Männern und Frauen. Das Ausmass ist höchst unterschiedlich: So hat etwa der eine Mann bis ins höhere Alter nur leichte Geheimratsecken, während ein anderer schon recht früh eine Vollglatze trägt. Auch innerhalb einer Familie zeigt erblich bedingter Haarausfall unterschiedliche Ausprägungen: Der Sohn oder die Tochter eines glatzköpfigen Vaters oder einer Mutter mit Haarausfall kann volle Haare haben und behalten, andererseits kann ein Mann oder eine Frau mit vollem Haar Kinder bekommen, denen später die Haare ausfallen.

Haarausfall durch Chemotherapie

Bei einer Reihe von Krebserkrankungen setzen Ärzte eine Chemotherapie ein. Ziel der Therapie ist es, das Wachstum von bösartigen Zellen zu stoppen oder die Zellen zu zerstören. Haarausfall ist eine häufige Nebenwirkung einer solchen Chemotherapie. Dies liegt daran, dass die eingesetzten Medikamente (Zytostatika) besonders stark auf Zellen wirken, die schnell wachsen und sich häufig teilen. Das sind ausser den Krebszellen auch körpereigene Zellen der Schleimhäute (zum Beispiel des Magens und Darms), Blutzellen und die Zellen der Haarfollikel.

Personen, die eine starke Chemotherapie erhalten, verlieren meist innerhalb weniger Wochen einen Grossteil ihrer Haare. Die Medikamente schädigen all jene Haarfollikel, die sich zum Zeitpunkt der Therapie in der Wachstumsphase befinden – normalerweise sind das 80 Prozent aller Haare. Sie brechen etwa zwei bis vier Wochen nach der Schädigung in der Wurzel ab. Auf dem Kopf verbleiben nur diejenigen Haare, die sich während der Chemotherapie bereits in der Ruhephase des Haarzyklus befanden. Da die Ruhephase – auch ohne Chemotherapie – nur zwei bis vier Monate dauert, fallen diese Haare nach dieser Zeit auch aus.

Haarausfall durch Chemotherapie ist eine Form des diffusen Haarausfalls. Die Haare fallen recht gleichmässig an allen Stellen des behaarten Kopfes aus. Endet die Chemotherapie, wachsen die Haare schon nach wenigen Wochen wieder nach, da sich die Haarfollikel meist recht gut von der Schädigung erholen. Beispiele für Wirkstoffe, die besonders häufig zu Haarausfall durch Chemotherapie führen, sind Ifosfamin und Doxorubicin.

Symptome

Haarausfall besteht, wenn pro Tag mehr als 100 Kopfhaare ausfallen. Je nach Ursache kann Haarausfall Symptome an bestimmten Stellen des Kopfes zeigen oder über den gesamten Kopf verteilt sein. Von einer Alopezie sprechen Ärzte, wenn die Haare sichtbar ausgedünnt sind oder sich kahle Stellen finden.

Androgenetische Alopezie (erblich bedingter Haarausfall)

Beim erblichen Haarausfall werden die Haare und Haarfollikel an bestimmten Stellen des Kopfes insgesamt immer dünner und die Haardichte nimmt ab. Diese anlagebedingte Form des Haarausfalls betrifft etwa jeden zweiten Mann und jede fünfte Frau.

Die androgenetische Alopezie verursacht je nach Geschlecht unterschiedliche Symptome: Mediziner sprechen von einem typisch männlichen und einem typisch weiblichen Muster. Männer verlieren meist zuerst im Bereich der Stirn- und oberen Schläfenregion Haare – es bilden sich sogenannte Geheimratsecken. Schreitet die androgenetische Alopezie fort, fallen im weiteren Verlauf häufig weitere Haare am oberen Hinterkopf (Wirbel- oder Vertexregion) und im Stirnbereich aus. Schliesslich nähern sich die kahlen Stellen beider Bereiche schrittweise, bis eine Scheitelglatze entsteht. Wie schnell und weit der Haarverlust fortschreitet, ist von Mann zu Mann aber sehr unterschiedlich.

Je nachdem, wie stark der Haarverlust ausgeprägt ist, weisen Mediziner eine androgenetische Alopezie bei Männern einem von sieben Stadien zu. Die Einteilung wurde nach ihren beiden Urhebern benannt und heisst Hamilton-Norwood-Klassifikation. Stadium I entspricht dem Normalzustand, Stadium VII einer maximal ausgeprägten Glatze. Die meisten Männer, die an erblich bedingtem Haarausfall leiden, verlieren ihre Haare entsprechend dieses Musters. Etwa jeder fünfte Mann mit anlagebedingtem Haarausfall zeigt das eher für Frauen typische Muster des Haarausfalls.

Frauen verlieren in aller Regel hauptsächlich im Bereich des Mittelscheitels Haare. Bei ihnen entstehen nur selten kahle Stellen – vielmehr werden die Haare immer dünner, sodass die Kopfhaut sichtbar wird.

Kreisrunder Haarausfall

Kreisrunder Haarausfall (Alopecia areata) setzt in der Regel plötzlich ein und zeigt typische Symptome: An einer oder mehreren Stellen des Kopfs bilden sich innerhalb kurzer Zeit kreisrunde bis ovale, kahle, nicht-entzündliche Herde, die bis zur völligen Kahlheit führen können.

Kreisrunder Haarausfall kann ebenso die Augenbrauen, Wimpern, die Achsel- und Schambehaarung und bei Männern die Bartbehaarung betreffen.

Diffuser Haarausfall

Diffuser Haarausfall (diffuse Alopezie) ist zumeist nicht auf bestimmte Stellen des Kopfs beschränkt, sondern das Kopfhaar wird vielmehr insgesamt dünn. Die Haarlichtungen verteilen sich dabei meist relativ gleichmässig. Auslöser für diffusen Haarausfall sind zum Beispiel Krankheiten des Stoffwechsels, Eisenmangel, falsche Ernährung oder eine Chemotherapie.

Einen Sonderfall stellt der diffuse Haarausfall infolge einer Syphilis-Erkrankung dar: Hierbei kann der Haarverlust auch fleckförmig sein, also nur einzelne Areale betreffen, und somit kreisrundem Haarausfall ähneln.

Diagnose

Bei Verdacht auf Haarausfall gilt es als Erstes zu klären, welches grundsätzliche Problem besteht: Handelt es sich um einen vermehrten Haarverlust (sog. Effluvium) oder sind kahle Stellen sichtbar (sog. Alopezie)? Es gibt einen Anhaltspunkt, der hilft, den Haarverlust einzuordnen: Verliert jemand regelmässig täglich mehr als 100 Haare und besteht ein erheblicher Unterschied zwischen der Anzahl abgestossener und nachgewachsener Haare, liegt die Diagnose Haarausfall sehr nahe.

Häufig sorgen sich Menschen, wenn sie nach dem Haarewaschen im Waschbecken oder der Duschwanne zahlreiche Haare finden. Doch nicht immer ist die Sorge berechtigt: Denn einerseits können schon einige lange, dicke Haare wie ein ganzes Büschel aussehen, andererseits verliert eine Person, die einmal pro Woche Haare wäscht, zu diesem Zeitpunkt mehr Haare als jemand, der dies täglich tut. Betroffene sollten ihren Haarverlust möglichst objektiv einschätzen und ihre Pflegegewohnheiten berücksichtigen.

Um die Ursache des Haarausfalls zu bestimmen, erfasst der Arzt die Krankengeschichte des Betroffenen und erkundigt sich nach der Dauer und dem genauen Verlauf des Haarausfalls. Ebenfalls erfragt er mögliche Ereignisse der letzte Monate, die mit dem Haarausfall zusammenhängen könnten (zum Beispiel Krankheiten, Infekte). Ebenfalls von Interesse ist, ob die Person mit Haarausfall Medikamente einnimmt oder eingenommen hat (bis zu sechs Monate zurückliegend) und ob sie bereits wegen Haarausfalls behandelt oder untersucht wurde.

Mögliche Fragen sind:

  • Wann ist Ihnen zum ersten Mal aufgefallen, dass Sie viele Haare verlieren?
  • Hat sich seitdem etwas verändert? Fallen mehr, weniger oder gleich viele Haare aus?
  • Haben Sie andere Beschwerden, etwa an der Haut, festgestellt?
  • Haben Sie das Gefühl, dass Sie an einer oder mehreren bestimmten Stellen besonders viele Haare verlieren?
  • Haben Sie in den letzten Monaten Medikamente eingenommen?
  • Bei Frauen: Haben Sie in den letzten Monaten mit der Pille begonnen oder eine laufende Verhütung unterbrochen?
  • Waren Sie in den letzen Monaten krank?
  • Leiden Sie an einer chronischen Krankheit?
  • Wie ernähren Sie sich?

Angaben über bekannte internistische Erkrankungen, wie zum Beispiel Schilddrüsen- oder Autoimmunerkrankungen, zu möglichem erblich bedingtem Haarausfall, zur Häufigkeit der Haarwäsche und zu verwendeten Haarwaschmitteln können ebenfalls hilfreich sein, um eine genaue Diagnose zu stellen. Bei Frauen können darüber hinaus Fragen zu Geburten, Fehlgeburten, Zyklusunregelmässigkeiten oder zu den Wechseljahren erhellend sein.

In der klinischen Untersuchung des Kopfes prüft der Arzt die Struktur und Menge der Haare und sichtet den Haaransatz. Zudem stellt er fest, wie die Kopfhaut beschaffen ist und wie fest die Haare verankert sind. Dies prüft er mit dem Zupf-Test (Pull-Test). Weiterhin kann eine Untersuchung der Kopfhaut mit einem speziellen Vergrösserungsinstrument (sog. Dermatoskop) Aufschluss über die Ursache geben.

In manchen Fällen kann eine mikroskopische Analyse der Haarwurzeln einiger Haare sinnvoll sein, das sogenannte Trichogramm. Laborbefunde können eine Verdachtsdiagnose bestätigen oder untermauern, etwa wenn sie ergeben, dass eine gestörte Schilddrüsenfunktion oder ein Eisenmangel vorliegt.

Therapie

Bei Haarausfall ist eine Therapie aus medizinischer Sicht oft nicht erforderlich, da meist keine Krankheit zugrundeliegt. Besteht ein unmittelbarer Zusammenhang mit einer gesundheitlichen Beeinträchtigung, zum Beispiel bei diffusem Haarausfall, sollte eine Therapie der ursächlichen Krankheit oder Mangelsituation erfolgen.

Unabhängig vom Krankheitswert im körperlichen Sinne leiden viele Menschen erheblich unter dem Verlust ihrer Haare. Vor allem betroffene Frauen finden sich weniger attraktiv, aber auch viele Männer leiden unter lichtem Haar. Die psychischen Probleme werfen bei den Betroffenen einige Fragen auf: Wie kann ich den Haarausfall stoppen? Welche Mittel gegen Haarausfall helfen wirklich? Eine allgemeingültige Antwort darauf gibt es nicht, da sich die Behandlung nach der jeweiligen Ursache richtet.

Androgenetische Alopezie

Es gibt nur sehr wenige Wirkstoffe, die tatsächlich in der Lage sind, bei anlagebedingtem Haarausfall (erblich bedingter Haarausfall) zu helfen. Daher gilt: Achten Sie darauf beziehungsweise fragen Sie nach, ob die angebotenen Produkte (etwa in Drogerien oder Apotheken) eine wissenschaftlich erwiesene, am Menschen bestätigte Wirkung haben. Andernfalls nutzen sie dem Anbieter wohl mehr als dem Betroffenen.

Kreisrunder Haarausfall

Kreisrunder Haarausfall (Alopecia areata) ist grundsätzlich eine reversible, also umkehrbare, Krankheit. Bei der Mehrzahl der Betroffenen mit gering ausgeprägter Alopecia areata tritt eine Besserung ein oder die kahlen Stellen wachsen wieder vollständig zu. Statt einer Therapie mit Medikamenten kommt durchaus auch blosses Abwarten infrage. Dies richtet sich aber nach dem persönlichen Verlauf des Haarausfalls und danach, ob der Patient diese Möglichkeit für sich in Betracht zieht.

Die Behandlung der Alopecia areata hängt vom Stadium und dem Fortschritt des Haarausfalls ab. Da für kreisrunden Haarausfall keine erblich-hormonelle Ursache besteht, unterscheiden sich die zur Behandlung der Alopecia areata eingesetzten Präparate von jenen, die für die Therapie der androgenetischen Alopezie geeignet sind.

Gängig sind die folgenden Therapien:

  • Zink
  • örtliche Therapie mit Kortikoiden (Creme, Lösung, Schaum)
  • systemische Therapie mit Kortikoiden
  • örtliche Immuntherapie mit dem Wirkstoff DCP (Diphenylcyclopropenon)

Als wirkungslos, unzureichend und meist enttäuschend sehen Experten Therapien mit folgenden Wirkstoffen an:

  • Hemmstoffe namens Calcineurin-Inhibitoren (Wirkstoffe wie Tacrolimus und Pemicrolimus)
  • sog. Biologics (gentechnisch hergestellte Eiweisse, die wiederum bestimmte körpereigene Eiweisse hemmen), z.B. Alefacept und Etanercept

Therapie bei Männern

Als Erfolg versprechend haben sich die Wirkstoffe Finasterid und Minoxidil herausgestellt.

Finasterid hemmt die Umwandlung von Testosteron in das stärker auf die Haarfollikel wirkende Dihydrotestosteron (DHT). Die DHT-Konzentration im Blut kann auf diese Weise um bis zu 70 Prozent gesenkt werden. Diese Therapieform ist ausschliesslich für Männer geeignet – Kinder, Jugendliche und Frauen dürfen Finasterid nicht einnehmen. Da der Wirkstoff in den gesamten Hormonstoffwechsel eingreift, können Nebenwirkungen wie Potenzstörungen auftreten.

Wie Minoxidil im Detail auf das Haarwachstum wirkt, ist noch weitgehend ungeklärt. Forscher vermuten, dass Minoxidil die Haarwurzeln stimuliert. Finasterid und Minoxidil vermögen den Haarausfall bei neun von zehn Männern zu stoppen – bei jedem zweiten verdichten sich die Haare sogar sichtbar. Trotz allem fällt es Fachleuten schwer, für den Einzelfall vorherzusagen, wie gut die Behandlung anschlagen wird.

Ein weiterer Wirkstoff, der wahrscheinlich die Umwandlung von Testosteron in DHT hemmt, ist Alfatradiol (17-alpha-Estradiol). Er kommt als Lösung zum Einsatz (topische Therapie). Nachgewiesen ist, dass Alfatradiol den Anteil der Haare in der Wachstumsphase erhöht, den Anteil der Haare in der Ruhephase dagegen senkt. Diese Beobachtungen gelten als Indiz dafür, dass Alfatradiol das Fortschreiten des Haarausfalls verzögern kann. Erneutes Haarwachstum oder eine Verdickung der Haare vermag Alfatradiol nach derzeitigem Stand nicht zu bewirken. Alfatradiol hat kaum Nebenwirkungen.

Generell hängt ein Behandlungserfolg bei erblich bedingtem Haarausfall massgeblich vom Stadium des Haarausfalls ab. Wichtig sind der frühzeitige Beginn und die fortlaufende Behandlung. Da bei erblich bedingtem Haarausfall die Haarwurzeln ohne Therapie verkümmern, ist es nahezu unmöglich, das Wachstum zu reaktivieren, wenn bereits eine kahle Stelle ausgebildet ist. Wer kahle Stellen oder eine Glatze als besonders belastend empfindet, kann eine Haartransplantation erwägen oder ein Toupet oder eine Perücke tragen.

Therapie bei Frauen

In mehreren Studien zeigte eine 2%ige Lösung mit dem Wirkstoff Minoxidil positive Effekte: Bei den meisten Frauen stoppte der Haarausfall, bei etwa jeder zweiten nahm die Haardichte durch die Behandlung wieder zu. Die Verwendung von Minoxidil gilt als Therapie der Wahl.

Minoxidil kann nach Beginn der Therapie zu einem Effekt führen, der viele Frauen stark verunsichert: Etwa nach vier bis acht Wochen kann ein vorübergehender verstärkter Haarverlust auftreten, von Experten als Shedding bezeichnet. Entgegen der Befürchtungen ist dieser Effekt aber ein Hinweis darauf, dass die Therapie gut wirkt. Eine weitere Besonderheit einer Minoxidil-Therapie besteht darin, dass Frauen dunklen Typs (z.B. manche Südeuropäerinnen) während der Behandlung der Kopfhaut mit Minoxidil-Lösung im Gesicht und auf der Stirn mit verstärktem Haarwuchs reagieren.

Ausser Minoxidil kommen auf der Kopfhaut Wirkstofflösungen zum Einsatz, die die Umwandlung von Testosteron in Dihydrotestosteron (DHT) hemmen sollen. Hierzu zählen 17-alpha-Estradiol (Alfatradiol) und 17-ss-Estradiol. Es gibt Hinweise, dass Alfatradiol den Anteil der Haare in der Wachstumsphase erhöht und somit das Fortschreiten des Haarausfalls verzögert. Erneutes Haarwachstum oder eine Verdickung der Haare vermag Alfatradiol nach derzeitigem Stand nicht zu bewirken. Es hat kaum Nebenwirkungen.

Besteht bei Frauen eine stark ausgeprägte und frühzeitig einsetzende androgenetische Alopezie, empfiehlt sich eine Therapie mit Hormonpräparaten in Tablettenform.

Diffuser Haarausfall

Die Therapie des diffusen Haarausfalls (diffuse Alopezie) orientiert sich an der Behandlung der Ursache. Dies kann eine Krankheit, Nebenwirkungen bestimmter Medikamente oder ein Mangelzustand sein (Eiweissmangel, Eisenmangel). Unterstützend kann eine Behandlung mit Wirkstoffen wie Minoxidil (2%ige Lösung zum Auftragen auf die Kopfhaut) angebracht sein.

Umstritten ist, ob auch eine gezielte Nahrungsergänzung einen positiven Therapieeffekt haben kann. Eine Studie hat gezeigt, dass eine Kombination aus schwefelhaltigen Aminosäuren und B-Vitaminen den diffusen Haarausfall reduzieren kann – weitere Untersuchungen sind nötig, um diese Wirkung zu bestätigen.

Im Bereich der medikamentösen Therapie hat eine erste Studie gezeigt, dass eine Kombination aus schwefelhaltigen Aminosäuren und B-Vitaminen den diffusen Haarausfall reduzieren kann.

Verlauf

Haarausfall zeigt je nach Form und individuellen Voraussetzungen einen sehr unterschiedlichen Verlauf. Ausmass und zeitliche Entwicklung der androgenetischen Alopezie (anlagebedingter oder erblich bedingter Haarausfall) hängen massgeblich von den Genen ab. So ist etwa der Zeitpunkt, ab dem die Haarfollikel empfindlich auf männliche Geschlechtshormone wie DHT reagieren, je nach Veranlagung verschieden. Ebenso legen die Gene fest, in welchem Mass der Haarfollikel auf DHT überempfindlich wird. Bei erblichem Haarausfall gilt für den Verlauf: Je später der Haarverlust einsetzt, desto langsamer schreitet er voran.

Der Verlauf des diffusen Haarausfalls hängt von der zugrundliegenden Krankheit ab. Lässt sie sich gut behandeln, vergeht meist auch das Problem mit dem Haarverlust recht schnell.

Vorbeugen

IInwieweit man Haarausfall vorbeugen kann, richtet sich nach der Ursache. Im Allgemeinen ist eine Vorbeugung jedoch nur begrenzt beziehungsweise gar nicht möglich.

Der androgenetischen Alopezie (erblich bedingter Haarausfall) und dem kreisrunden Haarausfall kann man nicht vorbeugen.

Gegen manche Formen des diffusen Haarausfalls hingegen können Sie durch eine gesunde und abwechslungsreiche Ernährung Vorsorge treffen. So verhindern Sie, dass ein Mangel an Eiweiss, Eisen oder anderen Nährstoffen entsteht, welcher Haarausfall begünstigen kann.