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1. Überblick

Eine Herzneurose (Herzphobie, funktionelle Herzbeschwerden) liegt vor, wenn jemand glaubt, eine Herzerkrankung zu haben oder einen Herzinfarkt zu bekommen – tatsächlich jedoch keine organischen Befunde vorliegen, die das belegen können. Herzneurosen sind häufig: Bei etwa jedem dritten Patienten, der seine Herzbeschwerden beim Herzspezialisten abklären lässt, findet sich keine körperliche Ursache.

Die Betroffenen haben dennoch teils über lange Zeit starke Beschwerden, die scheinbar mit dem Herzen zusammenhängen und in der Regel sehr bedrohlich wirken, wie zum Beispiel Herzrasen, Herzstechen oder in die Schulter ausstrahlende Schmerzen. Patienten mit einer Herzneurose suchen deshalb im Laufe der Zeit häufig mehr als einen Arzt auf, um die Ursache abzuklären.

Eine Herzneurose hat psychosomatische Ursachen. Das heisst, psychische Probleme (wie innere Konflikte) äussern sich bei den Betroffenen über körperliche Beschwerden.

Häufig meiden Betroffene mit einer Herzneurose körperliche Belastungen oder Situationen, die die vermeintlichen Herzbeschwerden auslösen oder verschlimmern. Mit der Zeit verstärkt diese Schonhaltung jedoch oft die bestehenden Beschwerden: Die allgemeine Fitness nimmt ab und schon leichte Belastungen lösen die mutmasslichen Herzbeschwerden aus. Dies vergrössert die Angst vor den vermeintlichen Herzproblemen. So kann schnell eine Spirale aus Vermeidung, Auslösen der Symptome und der Angst davor entstehen.

Eine Herzneurose lässt sich mit psychotherapeutischer Unterstützung behandeln. Mithilfe des Psychotherapeuten können Betroffene herausfinden, was der eigentliche Auslöser ihrer Herzbeschwerden ist. Je eher man eine Herzneurose behandeln lässt, desto rascher ist eine Besserung zu erwarten. Liegen neben einer Herzneurose psychische Erkrankungen wie eine Depression oder Angststörung vor, können Medikamente die Therapie unterstützen.

Im Rahmen einer Therapie sollten Betroffene bestehende Vermeidungshaltungen Stück für Stück abbauen – so können sie lernen, ihrem Körper wieder zu vertrauen. Hilfreich ist es deshalb auch, regelmässig in Massen Sport zu treiben (z.B. Joggen, Walking, Yoga) und Entspannungstechniken einzuüben (wie autogenes Training).

2. Definition

Bei einer Herzneurose (Herzphobie, funktionelle Herzbeschwerden) befürchten Betroffene über einen langen Zeitraum, eine Herzerkrankung zu haben oder einen Herzinfarkt zu bekommen, obwohl körperlich alles in Ordnung ist. Diese Sorge ist häufig mit einer grossen Angst verbunden.

Die Herzneurose zählt zu den psychosomatischen Störungen, genauer gesagt zu den sogenannten somatoformen autonomen Funktionsstörungen. Darunter versteht man Erkrankungen, bei denen Betroffene über anhaltende körperliche Beschwerden berichten, für die sich jedoch keine ausreichende körperliche Ursache feststellen lässt. Eine andere Erkrankung aus dieser Gruppe ist zum Beispiel die Reizblase.

Andere Bezeichnungen für die Herzneurose sind:

  • Herzphobie
  • Kardiophobie
  • funktionelle Herzbeschwerden
  • funktionelle Herzstörung
  • nervöse Herzbeschwerden
  • Da-Costa-Syndrom
  • Herzangstsyndrom

Häufigkeit

Eine Herzneurose kommt relativ häufig vor: Durchschnittlich bis zu 30 Prozent aller Personen, die wegen ihrer Herzbeschwerden einen Herzspezialisten zu Rate ziehen, sind davon betroffen. Eine Herzneurose tritt überwiegend bei Männern zwischen 40 und 60 Jahren auf, aber auch bei jüngeren Menschen.

3. Ursachen

Für eine Herzneurose (Herzphobie, funktionelle Herzbeschwerden) gibt es normalerweise keine körperlichen Ursachen. Sie entsteht in der Regel durch meist unbewusste Ängste des Betroffenen. Die vermeintliche Herzerkrankung lenkt von den eigentlichen Ängsten ab, wodurch diese vorübergehend für den Betroffenen ihre Bedrohlichkeit verlieren. Psychologisch gesehen ist die Herzneurose eine Form der Projektion und damit eine Art Abwehrmechanismus: Innere Konflikte werden auf ein anderes Ziel übertragen, in diesem Fall auf das Herz.

Viele Betroffene haben im engeren sozialen Umfeld (Verwandte, Freunde) eine Person, die tatsächlich eine Herzerkrankung hatte, etwa einen schweren Herzinfarkt. Bei anderen ist ein einschneidendes, belastendes Lebensereignis Auslöser für eine Herzneurose, wie zum Beispiel:

  • der Verlust eines nahestehenden Menschen, etwa durch Trennung oder einen Todesfall
  • berufliche Probleme, z.B. Arbeitsplatzverlust oder die Angst davor

Hin und wieder können auch Missverständnisse in der Kommunikation mit Ärzten eine Herzneurose auslösen, wenn zum Beispiel die Harmlosigkeit mancher Befunde dem Patienten nicht richtig erklärt wird oder Befunde mehr Gewicht bekommen, als angemessen wäre.

Ebenso kann eine Herzneurose im Zusammenhang mit anderen psychischen Erkrankungen auftreten, etwa bei Depressionen oder Angststörungen.

4. Symptome

Bei einer Herzneurose (Herzphobie, funktionelle Herzbeschwerden) liegen keine echten Herzprobleme vor. Dennoch empfinden viele Betroffene über Monate meist bedrohlich wirkende Symptome, deren Ursache sie im Herzbereich vermuten, so zum Beispiel:

  • Schmerzen im Brustkorb, die scheinbar vom Herzen herrühren und bis in die Schulter oder in die Arme ausstrahlen
  • Schmerzen, die durch Druck auf die Zwischenrippenmuskulatur zunehmen
  • unklare Empfindungen in der Brust (z.B. Druck, Stechen, Brennen, Engegefühl)
  • Herzrasen, Herzstolpern
  • Atemnot
  • zu schnelles und tiefes Atmen (Hyperventilation)
  • Klossgefühl im Hals

Die von der Herzneurose Betroffenen neigen zu einer starken auf das Herz bezogenen Selbstbeobachtung und empfinden die Symptome als sehr bedrohlich und beängstigend – umso mehr, je stärker sie ihre Aufmerksamkeit darauf richten. Meist beschäftigen sie sich intensiv mit dem Thema Herzerkrankungen. Die im Rahmen der Herzneurose auftretenden Ängste um die eigene Herzgesundheit treten bei vielen Betroffenen in Anfällen auf und können zu einer Panikattacke führen. (Hinweis: Andererseits kann sich bei Menschen mit einer Angststörung eine Panikattacke auch als Herzphobie äussern.)

Manche Patienten erleben auch regelrechte «Herzanfälle», während derer es zu Herzrasen, Zittern, Schweissausbrüchen, Panikgefühlen und Todesangst kommen kann, obwohl mit dem Herzen alles in Ordnung ist. Der Leidensdruck ist für die Betroffenen meist stark und sehr real.

Personen mit einer Herzneurose lassen ihre vermeintlichen Herzprobleme meist von mehr als einem Arzt untersuchen. Stellt sich bei einer Untersuchung heraus, dass organisch alles in Ordnung ist, fühlen sie sich dadurch häufig nicht besser oder nur für einen kurzen Zeitraum. Viele Menschen mit funktionellen Herzbeschwerden streben danach, ärztlich bescheinigt zu bekommen, dass eine Herzerkrankung vorliegt. So kommt es, dass sie immer neue Ärzte aufsuchen – meist sogar über einen Zeitraum von mehreren Jahren. Vielen Patienten fällt es schwer, die Möglichkeit einer psychosomatischen Ursache zu erwägen, da die Symptome für sie eindeutig vom Herzen zu kommen scheinen.

Aus Angst, die vermeintlichen Herzbeschwerden zu verschlimmern, schränken sich viele Betroffene in ihren Alltagsaktivitäten ein und meiden vor allem Situationen, die den Körper belasten. Durch dieses Schonungsverhalten verschlimmern sich manche Symptome beziehungsweise treten bereits bei leichter Anstrengung auf, da die Fitness des Körpers durch die Schonung unter Umständen beinträchtig ist. Dies kann dazu führen, dass sich das Vermeidungsverhalten weiter verstärkt und eine Spirale entsteht.

5. Diagnose

Um bei einer Herzneurose (Herzphobie, funktionelle Herzbeschwerden) eine Diagnose zu stellen, schliesst der Arzt als erstes aus, dass es für die Herzbeschwerden organische Ursachen gibt, zum Beispiel mithilfe

  • einer körperlichen Untersuchung,
  • einer Blutdruckmessung,
  • einer Blutuntersuchung (Überprüfung der für das Herz wichtigen Werte, wie Troponin),
  • einem EKG (Elektrokardiogramm, Aufzeichnung der elektrischen Vorgänge am Herzen)
  • einem Belastungs-EKG,
  • einer Ultraschalluntersuchung des Herzens (Echokardiographie) oder
  • einer Röntgenuntersuchung des Brustkorbs.

Oft wird die Möglichkeit einer psychosomatischen Störung erst nach vielen Arztbesuchen in Erwägung gezogen.

6. Therapie

Bei einer Herzneurose (Herzphobie, funktionelle Herzbeschwerden) ist das Ziel der Therapie, dem Betroffenen behutsam bewusst zu machen, dass es keine organischen Ursachen für seine Herzbeschwerden gibt, er also körperlich gesund ist. Die Symptome sind vielmehr der körperliche Ausdruck eines inneren Konfliktes. Der Arzt versucht deshalb, im Gespräch darüber aufzuklären, dass die Beschwerden zwar auftreten, aber im Grunde harmlos sind. Dabei ist es wichtig, dass der Arzt den Betroffenen ernst nimmt und die von ihm geschilderten Beschwerden nicht als Fantasie oder Einbildung abtut.

Eine Herzneurose lässt sich vor allem mit psychotherapeutischer Hilfe behandeln. Bei schwereren Fällen setzt der Arzt auch Medikamente oder eine Kombination aus beidem ein. Medikamente, die bei einer Herzneurose zum Einsatz kommen können, sind zum Beispiel:

  • Betablocker
  • Antidepressiva, wie selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI), z.B. der Wirkstoff Citalopram
  • Benzodiazepine, z.B. der Wirkstoff Lorazepam

Wichtig ist, dass die Patienten verstehen, dass die zur Verfügung stehenden Medikamente nicht gegen die Herzbeschwerden an sich wirken. Denn manche Betroffene sehen eine medikamentöse Behandlung als Beleg dafür an, dass sie eigentlich doch körperlich krank sind. Medikamente wie Betablocker setzen Ärzte zwar tatsächlich auch bei manchen Herzerkrankungen ein (etwa bei Symptomen wie Herzrasen), im Fall einer Herzneurose verursacht jedoch nicht das Herz das Herzrasen, sondern es ist die Folge einer psychosomatischen Stressreaktion.

Medikamente aus der Gruppe der Benzodiazepine können vor allem dann sinnvoll sein, wenn zusätzlich eine psychische Erkrankung vorliegt (z.B. eine schwere Angststörung). Antidepressiva kommen infrage, wenn beim Betroffenen gleichzeitig ausgeprägte Symptome einer Depression oder auch einer Angststörung vorliegen.

Falls eine Person mit Herzneurose im Laufe der Zeit ein Vermeidungsverhalten für bestimmte Situationen entwickelt hat, ist es sinnvoll, dieses langsam zu verringern und wieder zu normalen Aktivitäten des Alltags zurückzukehren. Massvoller Sport (z.B. Joggen, Walking, Yoga) und Entspannungstechniken (z.B. autogenes Training) können bei der Therapie der Herzneurose helfen. Der Betroffene soll lernen, dass er sich auf seinen Körper verlassen kann und diesen auch belasten darf.

7. Verlauf

Begibt sich ein Patient mit Herzneurose (Herzphobie, funktionelle Herzbeschwerden) frühzeitig in Behandlung, stabilisiert oder bessert sich sein Zustand meist innerhalb von 12 bis 24 Monaten.

Komplikationen

Bei manchen Patienten mit einer Herzneurose weiten sich bestehende Ängste aus, so dass unter Umständen eine Angst vor der Angst entsteht. Das schränkt den Alltag der Betroffenen oft sehr ein, da sie Situationen, die die vermeintlichen Herzbeschwerden verstärken, noch mehr meiden. Zum Teil geraten die Patienten auf diese Weise in eine soziale Isolation: Kontakte zu Familie, Freunden und Mitmenschen werden immer weniger.

Liegen bereits zum Diagnosezeitpunkt der Herzneurose weitere psychische Erkrankungen vor, kann dies die Therapiedauer verlängern.

Unbehandelt besteht das Risiko, dass die Herzneurose chronisch wird.

8. Vorbeugen

Einer Herzneurose (Herzphobie, funktionelle Herzbeschwerden) können Sie nicht vorbeugen. Für eine Behandlung ist es wichtig, dass Betroffene sich bewusst machen, dass die Herzbeschwerden keine organische Ursache haben und harmlos sind.

Je eher Betroffene jedoch eine psychosomatische Ursache für ihre Erkrankung erwägen, desto früher kann eine geeignete Therapie erfolgen und desto besser sind die Aussichten auf eine Stabilisierung.