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1. Überblick

Ein Hörsturz trifft einen Menschen meist aus heiterem Himmel. Plötzlich kann der Betroffene auf einem oder – seltener – beiden Ohren nur noch schlecht oder gar nicht mehr hören. Ein Hörsturz geht oftmals mit einem dumpfen Gefühl im Ohr, Ohrgeräuschen (Tinnitus) oder Schwindel einher.

Häufigster Auslöser für plötzlichen Hörverlust scheint eine Durchblutungsstörung des Innenohrs zu sein. Um gute Heilungserfolge zu erzielen, sollte möglichst frühzeitig nach dem Auftreten eines Hörsturzes mit der Behandlung begonnen werden. Etwa 50 bis 60 Prozent aller Hörsturz-Fälle bilden sich innerhalb der ersten 24 Stunden spontan zurück. Je geringer der Hörverlust ausfällt, desto besser ist die Prognose.

2. Definition

Beim Hörsturz handelt es sich laut Definition um eine plötzliche Hörminderung von unterschiedlichem Schweregrad. Sie tritt ohne erkennbaren Anlass auf, wobei meist ein Ohr betroffen ist. Dabei ist das Innenohr in seiner Funktion gestört. Im Gegensatz zur sogenannten Schallleitungsstörung, die im äusseren Ohr oder im Mittelohr entsteht, sprechen Mediziner im Rahmen eines Hörsturzes auch von Schallempfindungs-Schwerhörigkeit oder sensorischer Schwerhörigkeit.

Häufigkeit

Der Hörsturz ist die häufigste Funktionsstörung des Innenohrs. Schätzungen zufolge erleiden in der Schweiz pro Jahr rund 1'600 Einwohner einen plötzlichen Hörverlust unterschiedlichen Schweregrads. Ein Hörsturz tritt meist zwischen um das 50. Lebensjahr herum auf. Allerdings steigt der Anteil der Personen, die zwischen dem 30. und 40. Lebensjahr erkranken, stetig an. Frauen trifft es genauso häufig wie Männer. Im Kindesalter tritt ein Hörsturz nur selten auf.

3. Ursachen

Beim Hörsturz konnten Forscher die genauen Ursachen bisher nicht eindeutig klären. Man vermutet, dass mehrere Faktoren zusammenwirken und letztlich dazu führen, dass sich die Durchblutungsverhältnisse im Innenohr ändern. Dort befinden sich die für das Hören zuständigen Sinneszellen, die sogenannten Haarzellen. Geräusche von aussen erzeugen in diesen Zellen ein elektrisches Signal, das über den Hörnerv an das Hörzentrum im Gehirn weitergeleitet wird. Kleine Blutgefässe versorgen die Haarzellen mit Sauerstoff und Nährstoffen. Kommt es in diesen Blutgefässen zu einer Minderdurchblutung, werden die Haarzellen geschädigt und in ihrer Funktion erheblich beeinträchtigt. Hörverlust beziehungsweise ein Hörsturz ist die Folge.

Die häufigsten Ursachen einer gestörten Durchblutung im Innenohr sind kleine Blutgerinnsel (Thromben), welche die Blutgefässe verschliessen – ähnlich den Gefässverschlüssen bei einem Herzinfarkt oder Schlaganfall. Man spricht deshalb auch von einem Innenohrinfarkt.

Alle Faktoren, die eine Verdickung oder erhöhte Gerinnungsneigung des Bluts begünstigen, können also zum Hörsturzbeitragen. Erhöhte Blutfettwerte, insbesondere des Cholesterins, spielen ein wichtige Rolle. Cholesterin lagert sich an den Gefässwänden an, wodurch die Blutgefässe verengt und der normale Blutfluss behindert werden. Auch eine zu hohe Konzentration von gerinnungsfördernden Stoffen im Blut (z.B. Fibrinogen) sind eine mögliche Hörsturz-Ursache. Sie beeinträchtigt die Blutzirkulation in den kleinen Gefässen des Innenohrs. Sind die Blutgefässe durch Arteriosklerose (Arterienverkalkung) vorgeschädigt, besteht eine erhöhte Gefahr, dass sich Blutgerinnsel in den Gefässen festsetzen. Bluthochdruck (Hypertonie) und übermässiger Nikotingenuss fördern die Entstehung von Arteriosklerose und gelten daher ebenfalls als Ursachen eines Hörsturzes.

Auch starke Blutdruckschwankungen, insbesondere ein plötzlicher Abfall des Blutdrucks, und Herzerkrankungen wie Herzmuskelschwäche (Herzinsuffizienz) oder Angina pectoris können eine Minderdurchblutung der Haarzellen im Ohr bewirken. Darüber hinaus wurde ein Zusammenhang zwischen schweren seelischen Belastungs- und Konfliktsituationen und dem Auftreten eines Hörsturzes beobachtet. Die Hörsturz-Ursachen sind folglich sehr vielschichtig.

Neben einer mangelnden Durchblutung des Innenohrs können möglicherweise auch andere Faktoren einen Hörsturz begünstigen, so zum Beispiel:

  • Virusinfektionen
  • Entzündungen
  • Autoimmunerkrankungen
  • eine Verletzung des Ohrs (Durchbruch der dünnen Trennwand zwischen Paukenhöhle und Innenohr)
  • Tumoren (z.B. Akustikusneurinom)

4. Symptome

Bei einem Hörsturz treten die Symptome plötzlich und in der Regel ohne erkennbaren Anlass auf und betreffen meist nur ein Ohr. Der Schweregrad der Hörminderung ist unterschiedlich: Er reicht von leichten Fällen bis zur vollständigen Taubheit. Der Hörverlust kann einzelne oder mehrere Frequenzbereiche betreffen. Personen mit Hörsturz berichten häufig von einem dumpfen Druckgefühl, als hätten sie Watte im Ohr. Einige empfinden ein pelziges Gefühl um die Ohrmuschel herum. Begleitend treten bei etwa 80 Prozent der Fälle Ohrgeräusche (Tinnitus) und bei 30 Prozent Schwindel auf. In einigen Fällen zeigen sich als zusätzliche Symptome eine sogenannte Fehlhörigkeit (Dysakusis). Menschen mit einem Hörsturz nehmen beispielsweise Töne und Geräusche verzerrt wahr oder nehmen sie auf einem Ohr anders wahr als auf dem anderen. Bei einem Hörsturz verunsichern solche Symptome die Betroffenen meist stark.

5. Diagnose

Beim Hörsturz ist eine schnelle Diagnose und Behandlung wichtig – es handelt sich um einen medizinischen Eilfall. Bei Anzeichen für einen Hörsturz sollte der Arzt so rasch wie möglich das Ohr und die Hörfähigkeit untersuchen, um eine gezielte Diagnose stellen zu können. Treten Symptome wie plötzliche Hörminderung, dumpfes Gefühl im Ohr, Ohrgeräusche oder Schwindel auf, sollte man unverzüglich einen Hals-Nasen-Ohren-Arzt (HNO-Arzt) aufsuchen. Nur er kann feststellen, ob es sich um einen Hörsturz oder eine andere Erkrankung beziehungsweise Verletzung handelt. Wird der Hörsturz nicht rechtzeitig erkannt und behandelt, besteht das Risiko, dass sich das Hörvermögen nicht mehr vollständig wiederherstellen lässt oder ganz verloren geht.

Durch die Schilderung des Betroffenen (Anamnese) erhält der HNO-Arzt wichtige Hinweise zur Hörsturz-Diagnose. Verschiedene Untersuchungen zur Funktionsfähigkeit des Ohrs helfen ihm bei der Diagnosefindung. Mit der Ohrspiegelung (Otoskopie) stellt der HNO-Arzt sicher, dass der Verlust der Hörfähigkeit nicht auf einer Verstopfung des äusseren Gehörgangs durch Ohrenschmalz oder auf einer Verletzung des Trommelfells beruht.

Mit Hörtests wie Tonaudiometrie, Stimmgabelprüfung und Sprachaudiometrie kann der HNO-Arzt das Ausmass der Schwerhörigkeit feststellen. Zudem grenzt er so eine Innenohrschwerhörigkeit (Schallempfindungsschwerhörigkeit) von einer Hörminderung aufgrund einer sogenannten Schallleitungsschwierigkeit ab. Diese kann bei Schädigung des äusseren Ohrs beziehungsweise des Mittelohrs auftreten.

Zur gezielten Hörsturz-Diagnose setzt der HNO-Arzt weitere spezielle Untersuchungen ein, um zwischen dem Hörsturz und einer Schwerhörigkeit bei Erkrankung des Hörnervs (sog. neurale Schwerhörigkeit) zu unterscheiden, so zum Beispiel:

 

  • Tonaudiometrie nach Fowler (Recruitmentmessung)
  • Hirnstammaudiometrie (BERA)
  • Messung otoakustischer Emissionen (OAE).

Bei einem Hörsturz überprüft der Arzt ausserdem die Funktion des Gleichgewichtorgans (Vestibularisprüfung) mit verschiedenen Methoden. So kann bei einem Hörsturz auch das Gleichgewichtsorgan betroffen sein. Zusätzlich ist es wichtig, die Eigenschaften des Trommelfells zu untersuchen. Dazu eignet sich die sogenannte Tympanometrie.

6. Therapie

Bei einem Hörsturz zielt die Therapie darauf ab, das Innenohr wieder ausreichend zu durchbluten. Die Haarzellen im Innenohr, die Geräusche als Nervensignal an das Hörzentrum im Gehirn weiterleiten, sind bei einem Hörsturz nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt. Mithilfe der Behandlung soll die Durchblutung wieder verbessert werden. Dabei sind die Heilungschancen umso grösser, je früher die Hörsturz-Therapie erfolgt. Für eine Behandlung stehen unterschiedliche Methoden zur Verfügung – der HNO-Arzt entscheidet, welche im Einzelfall geeignet sein kann. Zum einen kann der Arzt anstreben, mit einer Therapie die Fleisseigenschaften des Bluts zu verbessern. Zum anderen hilft bei einem Hörsturz oftmals die Gabe von Kortison (Glukokortikoide). Bei einem leichten Hörsturz ohne starke Beeinträchtigung des Hörvermögens kann der Arzt auch zum Abwarten raten. So tritt in einigen Fällen eine spontane Besserung ein.

Infusionstherapie

Um die Durchblutung des Innenohrs zu verbessern, wird vorwiegend die Infusionstherapie angewendet. Hierbei erhält der Erkrankte über eine Vene (intravenös) etwa zehn bis 14 Tage lang einmal pro Tag Lösungen, die das Blutvolumen in den Gefässen vergrössern und das Blut verdünnen (sog. Plasmaexpander).

Durch die Verdünnung des Bluts verbessern sich dessen Fliesseigenschaften. Zusätzlich werden Medikamente verabreicht, welche die Blutgefässe erweitern und auf diese Weise den Blutfluss erhöhen. Die verwendeten Wirkstoffe sind Hydroxyethylstärke (HES) und Pentoxifyllin. Als Nebenwirkung der Hörsturz-Therapie kann unter anderem Juckreiz auftreten.

Zusätzlich oder alternativ zu den Plasmaexpandern verabreicht der HNO-Arzt bei der Hörsturz-Therapie häufig auch Medikamente aus der Wirkstoffgruppe der sogenannten Glukokortikoide (z.B. Kortisonpräparate). Sie wirken gegen die Entzündung und Schwellung, die beim Hörsturz im Ohr auftreten können.

H.E.L.P.-Apherese

Ein Verfahren zur Hörsturz-Therapie ist die sogenannte H.E.L.P.- Apherese (Heparin-induzierte extrakorporale LDL-Präzipitation). Hierbei werden in einem einmalig durchzuführenden Blutreinigungsverfahren Stoffe aus dem Blut herausgefiltert, die den Blutfluss in den Gefässen behindern beziehungsweise die Blutgerinnung des Bluts fördern. Zu diesen Stoffen zählen LDL-Cholesterin, Lipoprotein (a) und Fibrinogen.

Das Verfahren verbessert die Fliesseigenschaften des Bluts und reguliert die Gefässweite, so dass die kleinen Gefässe des Innenohrs wieder besser durchblutet werden. Der Erfolg der Behandlung tritt sehr rasch ein, häufig bereits noch während der Behandlung. Wichtig ist allerdings, dass die Therapie möglichst bald nach dem Auftreten eines Hörsturzes durchgeführt wird.

Die H.E.L.P.-Apherese wird ambulant in speziellen Zentren durchgeführt. Sie dauert etwa zwei Stunden und kann ambulant erfolgen. Dem Betroffenen wird dabei über eine Armvene kontinuierlich Blut entnommen. Mithilfe einer speziellen chemischen Reaktion werden ausserhalb des Körpers (extrakorporal) LDL-Cholesterin, Lipoprotein (a) und Fibrinogen aus dem Blut entfernt. Der Erkrankte erhält das so gereinigte Blut zurück. In einer Sitzung werden insgesamt etwa drei Liter Blut «gewaschen». Im Anschluss an die Behandlung kann der Betroffene sofort nach Hause gehen. Nach zwei Tagen wird das Hörvermögen durch einen HNO-Arzt kontrolliert. Um den Verlauf der Erkrankung beobachten zu können, wird eine weitere Untersuchung nach sechs Wochen empfohlen.

Sauerstoffüberdruck-Therapie

Die Therapie eines Hörsturzes durch Sauerstoffüberdruck (hyperbare Sauerstofftherapie, HOB) erfolgt in einer Überdruckkammer. Über eine Atemmaske atmet der Betroffene reinen Sauerstoff ein. Hierdurch reichert sich verstärkt Sauerstoff im Blut und Gewebe an, so dass die Haarzellen wieder besser mit Sauerstoff versorgt werden. Vor der Anwendung sind umfangreiche Voruntersuchungen notwendig. Der HNO-Arzt kann eine hyperbare Sauerstofftherapie einsetzen, wenn eine Therapie mit Infusionen nicht erfolgreich war, möglichst innerhalb von drei Monaten nach einem Hörsturz.

Laser-Ginkgo-Verfahren

Beim Laser-Ginkgo-Verfahren verabreicht der HNO-Arzt eine Spritze mit gelöstem Ginkgo-Extrakt. Ginkgo ist ein pflanzlicher Wirkstoff, der die Fliesseigenschaften des Bluts verbessert und so vor allem das Gehirn besser durchbluten soll. Im Anschluss an die Spritze wird das erkrankte Innenohr eine Stunde lang mit einem sogenannten Low-Laser-Strahl bestrahlt, was zu einer erhöhten Sauerstoffversorgung führen soll. Eine wissenschaftliche Bestätigung für den Erfolg dieser Methode steht bis jetzt noch aus.

7. Verlauf

Ein Hörsturz kann einen unterschiedlichen Verlauf nehmen. In wenigen Fällen bessern sich die Beschwerden von selbst (Spontanremission), in anderen erst mit Hilfe einer Behandlung. Doch können auch dauerhafte Symptome bestehen bleiben. Je früher ein Hörsturz behandelt wird, desto günstiger ist oft auch sein Verlauf.

Komplikationen

Wird ein Hörsturz nicht rechtzeitig behandelt, sind Komplikationen möglich – so besteht die Gefahr einer dauerhaften Hörminderung. In schweren Fällen kann es zur Taubheit auf dem betroffenen Ohr kommen.

Die häufigste Spätfolge eines Hörsturzes ist Tinnitus. Dabei handelt es sich um Störgeräusche im Ohr wie Pfeifen, Klingeln oder Rauschen, die von den meisten Betroffenen als sehr beeinträchtigend erlebt werden.

Prognose

Beim Hörsturz richtet sich die Prognose nach der Schwere der Symptome und dem Zeitpunkt der Behandlung. In etwa der Hälfte der Fälle bessert sich ein Hörsturz auch ohne Behandlung innerhalb von 24 Stunden. In den anderen Fällen steigen die Heilungschancen, je früher mit der Therapie begonnen wird. So kann eine angemessene Therapie die Hörfähigkeit grösstenteils wiederherstellen, wenn sie innerhalb der ersten Stunden beginnt, spätestens aber eine Woche nach Eintreten des Hörsturzes.

8. Vorbeugen

Einem Hörsturz lässt sich teilweise mit einer gesunden Lebensweise vorbeugen. Es gibt einen Zusammenhang zwischen Hörsturz und Stress. Wenn Sie bereits einen Hörsturz erlitten haben, können Sie entsprechend vorbeugen, indem Sie Strategien zur besseren Bewältigung von Konfliktsituationen erlernen. Entspannungstechniken wie Autogenes Training, Yoga oder Meditation können zur Stressreduktion hilfreich sein. Auch sollten Sie eine übermässige Lärmbelastung vermeiden, weil die empfindlichen Haarzellen im Innenohr dadurch geschädigt werden können.

Ein erhöhtes Risiko für einen Hörsturz haben Menschen, deren Blut verdickt ist und schneller als gewöhnlich gerinnt (erhöhte Gerinnungsneigung). Hohe Blutfettwerte können hier eine Rolle spielen, da sie die Fliesseigenschaften des Bluts verändern können. Wer auf eine ausgewogene ballaststoffreiche Ernährung mit viel Obst und Gemüse und einem geringen Fettanteil achtet, kann seine Blutfettwerte senken und damit auch teilweise einem Hörsturz vorbeugen. Ebenso wirkt sich regelmässige Bewegung positiv auf die Werte aus. Risikopatienten sollten beim Arzt regelmässig ihren Cholesterinspiegel im Blut kontrollieren lassen. Da Nikotin die Blutgefässe schädigt und deshalb als Risikofaktor für die Ausbildung eines Hörsturzes gilt, empfiehlt es sich, auf Zigarren- oder Zigarettenkonsum zu verzichten.