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Kompartmentsyndrom

(Muskelkompressionssyndrom)
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1. Überblick

Beim Kompartmentsyndrom liegt eine gestörte Durchblutung der Muskeln und begleitenden Nerven infolge eines stark erhöhten Gewebedrucks vor. Auslöser hierfür sind überwiegend Verletzungen, bei denen sich Blutergüsse oder entzündliche Flüssigkeit bilden. Daher sind häufig Knochenbrüche die Ursache für ein Kompartmentsyndrom.

Die von einem Kompartmentsyndrom betroffenen Muskeln liegen in wenig dehnbaren Muskelkammern und sind von einer derben Muskelhaut, der sogenannten Faszie, umhüllt. Wenn eine Verletzung zu einem Bluterguss führt oder sich entzündliche Flüssigkeit in einer Muskelkammer ansammelt, verhindert die straffe Faszie eine Ausdehnung der darin liegenden Muskulatur. Dadurch entsteht ein erhöhter Druck auf die Muskeln, der Blutgefässe und Nerven zusammendrückt und so die bei einem Kompartmentsyndrom vorherrschende Durchblutungsstörung verursacht. Grundsätzlich kann jeder durch Faszien umschlossene Raum im Körper von einem Kompartmentsyndrom betroffen sein. Das Syndrom tritt jedoch vor allem am Unterarm und Unterschenkel auf, besonders im Bereich des vorderen Schienbeins (sog. Tibialis-Anterior-Syndrom = Schienbein-Kanten-Syndrom).

Die Diagnose erfolgt bei einem Kompartmentsyndrom anhand der typischen Beschwerden und einer Druckmessung im Gewebe von Unterarm beziehungsweise Unterschenkel. Die nachfolgende Behandlung hängt vom Stadium des Syndroms ab.

Die für ein akutes Kompartmentsyndrom typischen Symptome sind erhebliche Schmerzen und ein starkes Spannungsgefühl in der Muskulatur. Die mangelhafte Blutversorgung kann dazu führen, dass im betroffenen Arm oder Bein Muskelgewebe abstirbt und Lähmungserscheinungen auftreten: Durch ein Kompartmentsyndrom im Unterschenkel beispielsweise können die Betroffenen oft nicht mehr aktiv den Fuss oder die Zehen heben. Ein akutes Kompartmentsyndrom ist immer als Notfall zu behandeln und erfordert schnelle Gegenmassnahmen. Daher erfolgt bei akutem Verlauf möglichst bald eine Operation der betroffenen Gliedmasse, um Folgeschäden zu vermeiden. Ein chronisches Kompartmentsyndrom (auch funktionelles Kompartmentsyndrom genannt) führt durch sportliche Aktivität zu Schmerzen, die in Ruhe von selbst abklingen. Zu seiner Behandlung reichen nicht-operative Massnahmen aus (d.h.: betroffenen Körperteil tief lagern und kühlen, Belastung vermeiden).

Ein Kompartmentsyndrom hat bei erfolgreicher Therapie eine gute Prognose. Bleibt das Kompartmentsyndrom unbehandelt, kommt es nachfolgend zu bleibenden Funktionseinschränkungen von Muskeln und Gelenken.

2. Definition

Das Kompartmentsyndrom (engl. compartment = Kompartiment bzw. Abteilung, abgeschlossener Raum) ist per Definition eine Durchblutungsstörung von Muskeln, die in engen, wenig dehnbaren und von sehnenartiger Muskelhaut (Faszie) umschlossenen Kammern – sogenannten Muskellogen – liegen. Unmittelbare Ursache für die gestörte Durchblutung ist ein stark erhöhter Gewebedruck. Dieser erhöhte Druck schädigt auch die begleitenden Nerven.

Ein Kompartmentsyndrom kann sich grundsätzlich in jedem durch Faszie umschlossenen Raum im Körper entwickeln, meist bildet sich ein Kompartmentsyndrom jedoch in Unterarm und Unterschenkel. Es kann sowohl akut als auch chronisch auftreten. Ein akutes Kompartmentsyndrom ist dabei immer als Notfall anzusehen und erfordert ein schnelles Handeln.

3. Ursachen

Für ein Kompartmentsyndrom kommen vielfältige Ursachen infrage, denen jedoch der gleiche Entstehungsmechanismus zugrunde liegt:

Die Muskeln im Unterarm beziehungsweise Unterschenkel liegen in abgeschlossenen, engen Kammern (sog. Muskellogen), die jeweils von einer sehnenartigen Muskelhaut oder -binde (lat. Faszie = Binde) aus straffem Bindegewebe umhüllt sind. Bildet sich infolge einer Verletzung ein Bluterguss oder sammelt sich entzündliche Flüssigkeit in einer dieser Kammern an, verhindert die straffe Muskelbinde eine Ausdehnung der in der Kammer liegenden Muskulatur. Auf diese Weise entsteht ein erhöhter Druck auf die Muskeln, der die unmittelbare Ursache für die ein Kompartmentsyndrom kennzeichnende Durchblutungsstörung ist: Durch den erhöhten Gewebedruck sind die versorgenden Blutgefässe und die ebenfalls in der Kammer verlaufenden Nerven zusammenpresst, was eine nur noch mangelhafte Durchblutung der Muskeln und eine Schädigung der Nerven zur Folge hat. Gelingt es nicht, die Blutversorgung innerhalb einiger Stunden wiederherzustellen, sterben das Muskel- und das Nervengewebe rasch ab. Es entstehen bleibende Störungen. Infolge der Schädigung kommt es zu einem narbigen Umbau des Gewebes. Nachfolgend verkürzen sich die betroffenen Muskeln und Gelenke und verlieren ihre Funktion.

Einem Kompartmentsyndrom liegen als Ursachen in der Regel Gewalteinwirkungen zugrunde. In etwa 70 Prozent aller Fälle sind Verletzungen, wie zum Beispiel Knochenbrüche, Auslöser für seine Entstehung. In selteneren Fällen kann das Kompartmentsyndrom auch ein Zeichen dafür sein, dass die Muskeln überlastet sind: Es tritt zunehmend bei Sportlern auf, vor allem bei Langstreckenläufern. Ein übermässiges Muskelwachstum bei Bodybuildern kann ebenfalls den Blutfluss in den kleinen Venen der betroffenen Muskeln stören und auf diese Weise ein Kompartmentsyndrom hervorrufen. Manchmal verursachen auch zu straff angelegte Verbände oder eine zu enge Naht nach operativer Behandlung einer Muskelloge ein Kompartmentsyndrom.

4. Symptome

Die für ein akutes Kompartmentsyndrom typischen Symptome sind starke Schmerzen in Verbindung mit einem Spannungsgefühl und einer Schwellung der betroffenen Region. Es können Lähmungen der Muskulatur auftreten. Wo sich die Symptome zeigen, hängt davon ab, welcher Muskel betroffen ist: Grundsätzlich kann das Kompartmentsyndrom an jedem von Muskelbinden (Faszien) umschlossenen Muskel auftreten. Am häufigsten ist der Unterschenkel betroffen: In dem Fall bezeichnet man das Kompartmentsyndrom als Tibialis-Anterior-Syndrom oder Schienbein-Kanten-Syndrom. Menschen mit einem solchen Kompartmentsyndrom im Unterschenkel sind häufig nicht mehr in der Lage, aktiv den Fuss oder die Zehen zu heben. Bleibt das Kompartmentsyndrom unbehandelt, treten später Gefühlsstörungen in dem von den geschädigten Nerven versorgten Gebieten hinzu. Beim Tibialis-Anterior-Syndrom betrifft das vor allem die Haut über dem Fussrücken in Höhe der Grosszehe und deren benachbarter Zehe.

Liegt ein chronisches Kompartmentsyndrom (bzw. funktionelles Kompartmentsyndrom) vor, entstehen durch sportliche Betätigung Schmerzen. In Ruhe klingen diese Symptome von selbst wieder ab.

5. Diagnose

Beim Kompartmentsyndrom ergibt sich eine erste Diagnose in der Regel aus der Vorgeschichte der Betroffenen in Verbindung mit den bestehenden Beschwerden. Der Arzt überprüft Motorik, Durchblutung und Empfindungsvermögen in der betroffenen Region genau, um den Verdacht auf ein Kompartmentsyndrom zu bestätigen und das Ausmass des Schadens festzustellen. Eine genaue Diagnostik bietet eine Druckmessung mithilfe einer in das betroffene Gewebe eingeführten Kanüle.

6. Therapie

Die gegen ein chronisches Kompartmentsyndrom eingesetzte Therapie umfasst ausschliesslich konservative (d.h. nicht-operative) Massnahmen. Dazu gehört, die betroffene Region vor allem tief zu lagern und zu kühlen. Ausserdem ist eine Belastung der betroffenen Muskulatur – zum Beispiel durch Sport – zu vermeiden.

Ein akutes Kompartmentsyndrom ist als Notfall anzusehen und macht zur Therapie eine Operation nötig. Treten nach einer Verletzung oder einer Operation akute Beschwerden auf, die auf ein Kompartmentsyndrom hindeuten, sind rasche Massnahmen zur Behandlung zu ergreifen. Dabei ist es ratsam, die vom Kompartmentsyndrom betroffene Region zunächst tief zu lagern, zu kühlen und von allem zu befreien, was äusserlich Druck aufbaut – zum Beispiel Verbände. Es ist wichtig, das akute Kompartmentsyndrom rechtzeitig zu erkennen und früh durch eine operative Druckentlastung zu behandeln. Dabei spaltet der Operateur die Muskelbinde (Faszie) der betroffenen Muskelgruppe operativ und entfernt gegebenenfalls abgestorbenes Muskel- und Nervengewebe.

7. Verlauf

Bei einem Kompartmentsyndrom hängt der Verlauf vom Ausmass und von der Behandlung des Syndroms ab. Gelingt es, den erhöhten Druck im Gewebe rechtzeitig zu mindern und so die Durchblutungsstörung zu beheben, ist die Prognose beim Kompartmentsyndrom gut. Die Muskulatur erholt sich normalerweise vollständig.

Ein unbehandeltes Kompartmentsyndrom führt infolge der länger anhaltenden Durchblutungsstörung der Muskulatur im weiteren Verlauf dazu, dass das Muskelgewebe abstirbt und sich totes Gewebe bildet (Nekrosen, griech. nekros = tot). In der Muskulatur entstehen Narben, die die Funktion der betroffenen Gliedmasse erheblich einschränken – bis hin zur Gelenkversteifung. Im Bereich des Unterarms ist meist die Hand- und Fingerbeugemuskulatur betroffen. In diesem Fall führt das Kompartmentsyndrom zu einer krankhaften Beugestellung der Gelenke von Hand und Finger (sog. Volkmannsche Kontraktur). Bleiben bei einem Kompartmentsyndrom die Nerven über einen längeren Zeitraum zusammengedrückt, kann dies zu ihrer dauerhaften Schädigung führen. Lähmungserscheinungen, wie zum Beispiel die Lähmung der Fuss- und Zehenhebemuskulatur beim Tibialis-Anterior-Syndrom (bzw. Schienbein-Kanten-Syndrom), sind die Folge. Ist durch zu späte oder unzureichende Behandlung beim Kompartmentsyndrom bereits eine Gelenkversteifung oder Lähmung eingetreten, lässt sich diese nicht mehr vollständig heilen. Physiotherapie und Operationen können dann lediglich die Beweglichkeit der Betroffenen verbessern.

8. Vorbeugen

Einem Kompartmentsyndrom lässt sich durch angemessene und rechtzeitige Versorgung von Durchblutungsstörungen wirksam vorbeugen. Bei schwerwiegenderen Verletzungen am Unterarm oder Unterschenkel ist es wichtig, den Arm beziehungsweise das Bein hoch zu lagern, damit das Blut leichter aus dem Gewebe abfliessen kann. Wenn viel Blut oder grössere Mengen entzündlicher Flüssigkeit in das Gewebe eintreten, ist es mitunter sinnvoll, diese Flüssigkeit aus dem Wundgebiet über einen operativ angelegten Schlauch (Drainage) abzuleiten. Eine sorgfältige Blutstillung und eine regelmässige Kontrolle der Gefäss- und Nervenfunktion helfen, ein Kompartmentsyndrom zu vermeiden oder frühzeitig zu erkennen. Beim Anlegen von Verbänden ist darauf zu achten, dass sie die Muskulatur nicht einschnüren. Wenn Sie nach einer Verletzung oder Operation Anzeichen für ein Kompartmentsyndrom verspüren, ist es wichtig, dass Sie die betroffene Region tief lagern und umgehend ärztlich versorgen lassen.