Von

1. Überblick

Migräne ist eine Art von Kopfschmerz, der meist einseitig auftritt und pulsiert. Häufig begleiten weitere Beschwerden wie Licht- und Lärmscheu (Photo- /Phonophobie), Übelkeit sowie Sehstörungen und neurologische Ausfälle einen Migräneanfall.

Etwa 6 bis 8 Prozent der Männer und ungefähr 12 bis 14 Prozent der Frauen haben wiederholte Migräneanfälle. Bei rund jeder vierten Frau tritt im Laufe ihres Lebens einmal Migräne auf. Auch Kinder können schon Migräne haben: Vor der Pubertät sind etwa 4 bis 5 Prozent von dieser Art von Kopfschmerzen betroffen.

Nach der internationalen Klassifikation unterscheiden Mediziner verschiedene Formen der Migräne. Die wichtigsten Formen sind die Migräne ohne Aura und die Migräne mit Aura. Am häufigsten ist die Migräne ohne Aura. Eine Aura – also neurologische Symptome, vor allem Sehstörungen – tritt nur bei etwa 10 bis 15 Prozent der Personen mit Migräne auf.

Forscher nehmen an, dass eine Störung des Serotonin-Gleichgewichts die Ursache der Migräne ist. Dieses kommt zustande, wenn bestimmte Botenstoffe im Gehirn vermehrt ausgeschüttet werden. Widerlegt ist hingegen die Theorie, nach welcher die Erkrankung durch eine mangelhafte Durchblutung des Gehirns entstehen.

Hormonelle Einflüsse können Auslöser eines Migräneanfalls sein. Möglicherweise beeinflussen auch bestimmte Nahrungsmittel, Schlafmangel und Stress Migräne. Die auslösenden Faktoren sind aber individuell sehr unterschiedlich.

Die Diagnose erfolgt durch die Krankengeschichte (Anamnese) und vor allem durch die Beschreibung der Kopfschmerzen und möglicher weiterer Beschwerden. Bei neu aufgetretenen Kopfschmerzen schliesst der Arzt andere Ursachen mittels Elektroenzephalogramm (EEG), Computertomographie (CT) und/oder Magnetresonanztomographie (MRT) aus.

Bei der Behandlung der Migräne kommen verschiedene Verfahren zum Einsatz. Bei akuten Anfällen helfen Medikamente gegen Kopfschmerzen und weitere Symptome. Verschiedene nicht-medikamentöse Verfahren können die Behandlung ergänzen, zum Beispiel Sport, Entspannungsverfahren oder Stressbewältigungstraining.

2. Definition

Migräne ist laut Definition eine bestimmte Form von Kopfschmerzen. Der Begriff Migräne ist von dem französischen Wort la migraine (der Kopfschmerz) abgeleitet. Da die Schmerzen meist nur auf der einen Seite des Kopfs auftreten, verwenden Ärzte manchmal auch die griechische Bezeichnung Hemikranie (Kopfschmerz in einer Kopfhälfte).

Migräne-Kopfschmerzen sind anfallsartig auftretende, periodisch wiederkehrende Kopfschmerzen, die meistens nur eine Kopfhälfte betreffen. Gleichzeitig treten oft weitere Beschwerden wie Übelkeit und Erbrechen auf. Häufig treten diese Kopfschmerzen zusammen mit einer sogenannten Aura auf. Darunter versteht man verschiedene Wahrnehmungsstörungen, wie zum Beispiel Schwindel, Flimmern oder Schwarzwerden vor den Augen, falsche Geschmacks- oder Geruchsempfindungen, Lähmungserscheinungen (Paresen), Sprachstörungen (Aphasie) oder Geräuschwahrnehmungen, ohne dass ein entsprechender äusserer Reiz vorhanden ist.

Eine Migräneattacke kann in verschiedenen Phasen verlaufen. Allerdings müssen nicht bei jedem Betroffenen alle Phasen tatsächlich auftreten – manche durchlaufen alle Phasen, andere nur zwei oder drei. Die vier Phasen der Migräne sind:

  1. Vorphase (Prodromalphase): In der Vorphase kann sich eine Migräne durch sogenannte «Plus-Faktoren» ankündigen. Dabei handelt es sich um eine erhöhte Reizbarkeit, Anfälle von Heisshunger, Hyperaktivität und eine Überempfindlichkeit der Sinneseindrücke als erste Zeichen einer nahenden Migräneattacke. Ihnen stehen entsprechende «Minus-Faktoren» gegenüber, unter denen Mediziner Müdigkeit, Abgeschlagenheit und Verstopfung (Obstipation) zusammenfassen. Etwa bei der Hälfte der Betroffenen kündigt sich eine akute Migräne in einer Vorphase an.
  2. Kopfschmerzphase: Die für Migräne typischen Kopfschmerzen (stechend, bohrend, pochend, krampfartig oder pulsierend) nehmen meist langsam über Stunden zu. Der Schmerz tritt meistens nur einseitig auf – allerdings kann die Seite während des akuten Migräneanfalls wechseln. Die Kopfschmerzphase bei Migräne geht häufig einher mit Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Lärmüberempfindlichkeit. Bei Bewegungen bzw. Anstrengung werden die Beschwerden stärker. Aufgrund dieser Begleiterscheinungen ist es für die Betroffenen häufig angenehm, in abgedunkelten Räumen zur Ruhe zu kommen. Die Dauer der Kopfschmerzphase liegt normalerweise zwischen 4 und 72 Stunden, bei Kindern auch kürzer.
  3. Rückbildungsphase: Die Migräne-Symptome nehmen ab, die Betroffenen fühlen sich müde und abgespannt. Ausserdem treten häufig Symptome auf, die denen der Vorphase entgegenstehen, zum Beispiel Appetitlosigkeit.
  4. Erholungsphase: Bis zur vollständigen Erholung von der Migräneattacke kann einige Zeit vergehen.

Bei etwa 10 bis 15 Prozent der Betroffenen mit Migräne tritt neben diesen Phasen auch eine sogenannte Aura auf. Dabei handelt es sich um Sehstörungen wie Lichtblitze oder Flimmern vor den Augen. Teilweise treten auch Sprach- und Sprechstörungen auf. In schweren Fällen sind Betroffene für die Dauer des Migräneanfalls halbseitig gelähmt.

Häufigkeit

Es gibt für die Migräne keine genauen Zahlen zur Häufigkeit. Schätzungsweise beträgt der Anteil der insgesamt erkrankten Männer etwa 6 bis 8 Prozent, bei den Frauen sind es etwa 12 bis 14 Prozent. Bei Frauenzwischen dem 35. und 45. Lebensjahr kommt die Migräne am häufigsten vor. In dieser Altersgruppe sind Frauen dreimal häufiger betroffen als Männer. Insgesamt bekommt durchschnittlich jede vierte Frau im Laufe ihres Lebens einmal einen Migräneanfall.

Auch Kinder können bereits Migräne haben: Vor der Pubertät tritt sie bei etwa 4 bis 5 Prozent der Kinder auf. In diesem Alter sind Mädchen und Jungen etwa gleich häufig betroffen.

3. Ursachen

Die genauen Migräne-Ursachen sind noch nicht endgültig geklärt. Genetische Faktoren scheinen dabei eine Rolle zu spielen, da oft mehrere Mitglieder einer Familie von dieser Krankheit betroffen sind. Es wird vermutet, dass bestimmte Genveränderungen einen Einfluss auf die Nervenerregbarkeit haben. Eine Theorie der mangelhaften Durchblutung (Ischämie) des Gehirns gilt inzwischen als widerlegt.

Serotonin

Der Neurotransmitter Serotonin spielt eine Schlüsselrolle bei der Entstehung von Migräne. Ein Neurotransmitter ist ein Botenstoff, mit dem Nervenzellen Signale übermitteln. Nervenzellen speichern den Neurotransmitter und setzen ihn bei Aktivierung frei. Dadurch gelangt der Neurotransmitter aus einer Nervenzelle über den sogenannten synaptischen Spalt – der Spalt zwischen den Nervenzellen – in die dahinter liegende Nervenzelle und löst dort einen bestimmten Effekt aus: Ein Neurotransmitter kann sowohl hemmen als auch aktivieren, abhängig von der Art des Neurotransmitters. Diese Wirkung an der Nervenzelle setzt sich dann auch auf die von der jeweiligen Nervenzelle versorgten Organe fort, zum Beispiel Blutgefässe, Muskeln, Herz oder den Magen-Darm-Trakt.

Als Schlüsselursache der Migräne wird eine Störung des Serotonin-Gleichgewichts angenommen, also eine gestörte Nervenerregbarkeit. Migräne, und vor allem die Symptome einer Aura, haben ihre Ursachen wahrscheinlich darin, dass die Nervenfasern in der Hirnrinde (kortikale Neuronen) weniger erregbar sind, weil bestimmte Botenstoffe vermehrt freigesetzt werden. Ausgangspunkt ist dabei der Gesichtsnerv (Trigeminusnerv). Die mangelnde Nervenerregbarkeit breitet sich anschliessend auch über andere Bereiche der Hirnrinde aus (sog. spreading depression). Verschiedene «Trigger» (Auslöser) – zum Beispiel Stress oder hormonelle Faktoren – rufen hervor, dass die verantwortlichen Botenstoffe ausgeschüttet werden.

Migräne-Kopfschmerz entsteht durch die Wirkung des Serotonins auf die Blutgefässe. Durch Serotonin werden die Gefässwände durchlässiger (erhöhte Gefässpermeabilität). An den Blutgefässen entstehen dadurch schmerzhafte Entzündungen.

Da die Botenstoffe auch auf den Magen-Darm-Trakt wirken, sind sie möglicherweise auch für die Begleitsymptome der Migräne die Ursachen, zum Beispiel Übelkeit und Erbrechen.

Genetische Faktoren

Für Migräne sind ausserdem genetische Faktoren als Ursachen bekannt – so tritt sie in einigen Familien gehäuft auf. Dies ist ein Hinweis dafür, dass Migräne vererbbar ist. Bisher liessen sich in Familien, in denen mehrere Personen an Migräne mit Aura leiden, bei den Betroffenen verschiedene Gen-Veränderungen nachgewiesen. Zumindest eine davon ist vermutlich für die Störung der Nervenerregbarkeit verantwortlich. Weitere Studien stehen jedoch derzeit noch aus.

Triggerfaktoren

Neben den eigentlichen Migräne-Ursachen spielen die Auslöser, die sogenannten Triggerfaktoren (engl.: trigger = Auslöser), eine wichtige Rolle. Trigger sind verschiedenartige Auslöser, die eine Migräneattacke bewirken können. Betroffene verwechseln häufig diese Triggerfaktoren mit den biologischen Migräne-Ursachen. Es sind verschiedene auslösende Faktoren für Migräne-Anfälle bekannt, zum Beispiel hormonelle Einflüsse, Stress oder bestimmte Nahrungsmittel. Sehr wahrscheinlich spielen aber weniger einzelne Faktoren eine Rolle bei der Migräne, sonder mehr das Zusammentreffen verschiedener Auslöser.

Stress

Typischerweise treten Migräneattacken nicht dann auf, wenn der Stress am grössten ist, sondern entweder in der Erwartung des kommenden Stresses oder in der Phase des Entspannens. Die sogenannten «Wochenend-Migränen» treten also genau dann auf, wenn nach einer anstrengenden Woche die ersehnte Erholung am Wochenende folgt.

Gestörter Schlaf-Wach-Rhythmus

Der Auslöser einer Migräneattacke kann ausserdem ein Wechsel im Schlaf-Wach-Rhythmus sein. Folgende Situationen sind dafür typisch: Die Nacht ist plötzlich kürzer als gewöhnlich, ein unvorhergesehenes «Schläfchen» am Tag oder das Ausschlafen am Wochenende bringen den gewohnten Rhythmus durcheinander.

Hormonelle Einflüsse

Als Auslöser von Migräne sind ausserdem hormonelle Einflüsse bekannt. Solche hormonelle Schwankungen sind besonders bei Frauen gegeben: Sie sind bei Frauen typische Migräne-Auslöser. So leiden viele Betroffene gerade während der Periode oder des Eisprungs unter Migräne. Auch orale Kontrazeptiva wie die Pille oder Hormonpräparate zur Behandlung von Beschwerden in den Wechseljahren können Migräne-Anfälle auslösen. Andererseits können während der Schwangerschaft die Anfälle oft völlig ausbleiben oder in den Wechseljahren (Klimakterium) in ihrer Häufigkeit abnehmen.

Nahrungsmittel

Manche Menschen reagieren auch empfindlich auf bestimmte Nahrungsmittel wie Schokolade oder Käse. Dabei ist aber noch nicht klar, ob diese tatsächlich eine Migräneattacke auslösen können. Auch Alkohol (insbesondere Rotwein), aus der asiatischen Küche bekannte Geschmacksverstärker (z.B. Glutamat) sowie Schwankungen des Koffeinspiegels können als Migräne-Ursachen nicht ausgeschlossen werden. Die Auslöser (Trigger) einer Migräne sind jedoch individuell sehr unterschiedlich.

Kombination

Meist kommen mehrere Triggerfaktoren zusammen, die zu einer Migräneattacke führen. Dies erklärt auch, warum ein Faktor allein nicht jedes Mal als Migräne-Auslöser erkennbar ist. Es gibt aber auch Migräneanfälle, die sich ohne erkennbare oder erklärbare äussere Einflüsse bemerkbar machen.

4. Symptome

Bei einer Migräne treten unterschiedliche Symptome auf. Wie sich ein Migräneanfall äussert, ist je nach Form der Migräne verschieden. Es gibt unter anderem folgende Arten

  • Migräne ohne Aura
  • Migräne mit Aura
  • ophthalmoplegische Migräne
  • retinale Migräne
  • Migräne bei Kindern (sog. periodische Syndrome als Vorläufer einer Migräne)

Migräne ohne Aura

Die Migräne ohne Aura, die früher auch als «einfache Migräne» bezeichnet wurde, ist die am häufigsten auftretende Form. Symptome sind allmählich zunehmende, meist einseitige Kopfschmerzen, die im Allgemeinen 4 bis 72 Stunden anhalten. Die Kopfschmerzen sind häufig von Übelkeit begleitet oder die Betroffenen sind geräusch- und lichtüberempfindlich und halten sich bevorzugt in ruhigen, abgedunkelten Räumen auf.

Diagnostische Kriterien der Migräne ohne Aura:

  • Dauer der Kopfschmerzattacke 4 bis 72 Stunden
  • Mindestens 2 der folgenden 4 Kriterien sind erfüllt:
    • Schmerz einseitig (Seitenwechsel während und zwischen den Attacken möglich)
    • pulsierender Schmerz
    • mittlere bis hohe Schmerzintensität, die Betroffene in ihrem Alltag belastet
    • Schmerz nimmt bei Belastung zu (z.B. beim Treppensteigen)
  • Zusätzlich mindestens ein Begleitsymptom wie:
    Übelkeit oder Erbrechen
    Licht- oder Geräuschüberempfindlichkeit

Migräne mit Aura

Eine Migräne mit Aura unterscheidet sich von der Migräne ohne Aura durch neurologische Symptome, die als Aura bezeichnet werden. Sie wird auch als «klassische» oder «begleitete» Migräne (migraine accompagnée) bezeichnet. Bei einer Migräne mit Aura können beispielsweise folgende zusätzliche Symptome auftreten :

  • Sehstörungen, z.B. zackenförmige Lichterscheinungen (Flimmerskotom), bis vollständiger Gesichtsfeldausfall, grelle Lichtblitze, Halluzinationen
  • Sprachstörungen
  • Lähmungen oder Empfindungsstörungen: Sie treten typischerweise einseitig auf der dem Kopfschmerz gegenüberliegenden Seite auf. Sie äussern sich z.B. durch Kribbeln in den Händen oder Füssen.

Diese besonderen Migräne-Symptome dauern nicht länger als 60 Minuten. Sie können jedoch vereinzelt auch länger auftreten. Ein Sonderfall wäre in diesem Zusammenhang das Auftreten einer Aura ohne Kopfschmerzen (migraine sans migraine).

Eine weitere Sonderform der Migräne mit Aura, die sich durch schwerwiegende Symptome äussert, ist die Basilarismigräne. Zusätzlich zu Kopfschmerzen im Hinterkopf sowie Sehstörungen leiden die Betroffenen unter Gangunsicherheit, Ohrgeräuschen, Schwindel und Empfindungsstörungen in den Händen und im Gesicht.

Migräne mit Augenmuskellähmung (ophthalmoplegische Migräne)

Die ophthalmoplegische Migräne leitet ihren Namen ab von Ophthalmoplegie (Augenmuskellähmung). Die Symptome entstehen durch Lähmungen der Hirnnerven, die für die Beweglichkeit der Augen verantwortlich sind. So treten bei der ophthalmoplegische Migräne Symptome wie das Sehen von Doppelbildern auf. Diese seltene Form der Migräne muss in jedem Fall sofort von einem Arzt untersucht werden, da sich hinter einer gelähmten Augenmuskulatur auch ernste Erkrankungen verbergen können, zum Beispiel Durchblutungsstörungen oder eine Hirnblutung.

Migräne mit Netzhautbeteiligung (retinale Migräne)

Die retinale Migräne äussert sich ebenfalls durch Symptome, die mit dem Auge zusammenhängen. Anders als die ophthalmoplegische Migräne betrifft die retinale Migräne die Netzhaut (Retina) und damit die Wahrnehmung von visuellen Reizen. Sie zeigt sich neben den typischen Migräne-Symptomen in wiederholtem Auftreten von Gesichtsfeldausfällen oder Flimmersehen – meist auf einem Auge. Gelegentlich erblinden Betroffene auf dem beeinträchtigten Auge vorübergehend.

Migräne bei Kindern

Migräne tritt schon bei Kindern auf – ungefähr vier bis fünf Prozent der Kinder vor der Pubertät haben bereits Migräne. Die Symptome ähneln denen der Erwachsenen. Als Unterschied treten die Kopfschmerzen häufig beidseitig auf und konzentrieren sich auf den Stirn-, Schläfen- und Augenbereich. Weniger stark ausgeprägt sind die Begleitsymptome und die Länge des Anfalls, diese nehmen aber mit dem Alter zu. Migräne bei Kindern geht mit kürzeren Attacken einher als bei Erwachsenen, sie dauern aber mindestens eine Stunde. Typische Begleiterscheinungen sind auch hier Übelkeit und Erbrechen. Diese Migräne-Symptome bei Kindern können in seltenen Fällen auch ohne Kopfschmerzen auftreten. Bei manchen Kindern äussert sich die Migräne in Form von Schwindelattacken mit Übelkeit und Erbrechen. Auch kann es vor einer Attacke zu neurologischen Ausfällen – also einer Aura – kommen.

Migräne und Kopfschmerzen bei Kindern bewirken oft, dass sich die Kinder anders verhalten als sonst. Die Kinder unterbrechen gewohnte Tätigkeiten, ziehen sich zurück und suchen Ruhe.

5. Diagnose

Bei Verdacht auf Migräne stellt der Arzt die Diagnose anhand:

  1. Anamnese (Erhebung der Krankheitsgeschichte)
  2. Beschreibung der Kopfschmerzattacke
  3. Körperlich-neurologische Untersuchungen

Beschreibung der Kopfschmerzattacke

Um bei Migräne eine genaue Diagnose zu stellen zu können, benötigt der Arzt im Anschluss an die Anamnese eine genaue Beschreibung der Beschwerden, die bei einer Kopfschmerzattacke auftreten. Eine Checkliste mit notierten Symptomen und möglichen Fragen dient hier als gute Orientierung, um sich auf das Arztgespräch vorzubereiten. Zusammen mit dem Arzt können die einzelnen Punkte dann besprochen werden. Der Arzt kann die Migräne-Diagnose dann anhand der verschiedenen Kriterien stellen.

Körperlich-neurologische Untersuchungen

Bei Migräne zieht der Arzt ausserdem körperliche neurologische Untersuchungen heran, um die Diagnose zu sichern. Dabei achtet er zum Beispiel darauf, ob die Hirnnerven richtig funktionieren, ob die Sehfähigkeit ungewöhnlich eingeschränkt ist oder ob Gefühlsstörungen wie Kribbeln in den Händen oder Füssen auftreten. Ausserdem prüft er, ob der Betroffene Probleme mit der Halswirbelsäule, den Zähnen oder dem Kiefer hat – denn auch sie können Kopfschmerzen verursachen. Im Zusammenhang mit dem Beschwerdebild sind zur Migräne-Diagnose meist keine weiteren Untersuchungen erforderlich.

Kann der Arzt die Migräne-Diagnose noch nicht sicher stellen, veranlasst er weitere Untersuchungen, um andere Erkrankungen auszuschliessen. Ein Elektroenzephalogramm (EEG) kann bei Personen mit Migräne verändert sein, ohne dass die Veränderungen sicher auf eine Migräne schliessen lassen.

Bildgebende Verfahren wie die Computertomographie (CT) und die Magnetresonanztomographie (MRT) zeigen in der Regel bei der Migräne keine Auffälligkeiten. Diese Untersuchungen setzt der Arzt teilweise dann ein, wenn Kopfschmerzen erstmalig auftreten oder sich die bisherige Kopfschmerz-Symptomatik wesentlich ändert. Da neu aufgetretene Kopfschmerzen vielfältige Ursachen haben können, ist es wichtig, die Auslöser zu erkennen.

Andere Kopfschmerzformen wie Spannungskopfschmerz, Kombinationskopfschmerz (tägliche Kopfschmerzen vom Spannungstyp, die von Migräneattacken überlagert werden), Schmerzmittel-Kopfschmerz oder Cluster-Kopfschmerz grenzt der Arzt bei der Diagnose von einer Migräne ab. Auch schliesst er symptomatische Kopfschmerz-Ursachen aus, wie beispielsweise Tumoren, Blutungen, Entzündungen oder Verletzungen im Kopfbereich.

6. Therapie

Besteht eine Migräne über Jahre, ist eine erfolgreiche Therapie meist nicht in kurzer Zeit zu erreichen. Langfristig verspricht eine Kombination von medikamentösen und nicht-medikamentösen Massnahmen am ehesten Erfolg. Die Art der Therapie richtet sich nach dem Ausmass der Migräne. Eine vollständige Heilung ist aber nicht möglich. Bei der Migräne-Therapie geht es letztlich darum, die Symptome zu lindern und weitere Migräneanfälle zu vermeiden.

Bei einer Migräneattacke helfen kalte Kompressen (z.B. Migränebrille), ein erholsamer Schlaf sowie der Rückzug in einen abgedunkelten, ruhigen Raum, um optische oder akustische Reize weitestgehend auszuschliessen. Langfristig kann man versuchen, die persönlichen Triggerfaktoren zu beeinflussen: Je nach den individuellen Auslösern, kann das zum Beispiel ein Verzicht auf bestimmte Nahrungsmittel wie Käse, Schokolade, Alkohol und Glutamat, ebenso wie ein regelmässiger Schlaf-Wach-Rhythmus sowie das Training bestimmter Methoden der Stressbewältigung sein.

Bei der Therapie der Migräne lässt sich zwischen der Therapie des Migräneanfalls und der Migräne-Prophylaxe, also einer vorbeugenden Behandlung im sogenannten krankheitsfreien Intervall unterscheiden.

Selbstmedikation bei leichten bis mittelschweren Migräne-Kopfschmerzen

Eine Selbstmedikation empfiehlt sich bei leichter bis mittelschwerer Migräne. Verschiedene Schmerzmittel (sog. Analgetika) sind rezeptfrei in der Apotheke erhältlich, zum Beispiel Acetylsalicylsäure, Paracetamol oder Ibuprofen. Besonders wirksam sind auch Kombinationspräparate aus Acetylsalicylsäure, Paracetamol und Coffein. Diese Zusammensetzung ist wirksamer als die Kombination ohne Koffein und auch wirksamer als die Einzelsubstanzen.

Treten neben Kopfschmerzen weitere Symptome auf, ist es ratsam, zur Migräne-Therapie einen Arzt aufzusuchen. Dieser verschreibt beispielsweise bei Schwindel und Übelkeit ein sogenanntes Antiemetikum. Dieses bewirkt auch, dass die Analgetika, also die eigentlichen Schmerzmittel, besser vom Körper aufgenommen werden und besser wirken können. Zum einen fördern Antiemetika, dass die Medikamente schneller aus dem Magen in den Darm gelangen, wo sie aufgenommen werden und damit wirken können. Zum anderen vermeiden sie, dass die Schmerzmittel erbrochen werden. Die Schmerzmittel sollten Betroffene deshalb etwa 15 bis 20 Minuten nach dem Antiemetikum einnehmen..

Triptane

Bei schwerer Migräne kommen sogenannte Triptane zur Therapie zum Einsatz. Triptane sind sogenannte selektiv wirksame Serotonin-Agonisten. Das sind Wirkstoffe mit der gleichen Wirkung wie der körpereigene Botenstoff Serotonin. Triptane, die sich zur Migräne-Therapie eigenen, sind zum Beispiel Sumatriptan und Naratriptan.

Triptane sind die Substanzen mit der besten Wirksamkeit bei einer akuten Migräneattacke. Sie wirken zu jedem Zeitpunkt innerhalb der Attacke – sie müssen also nicht notwendigerweise zu Beginn eines Anfalls eingenommen werden. Sie wirken aber umso besser, je früher sie eingesetzt werden. Triptane in der Migräne-Therapie helfen auch gegen die typischen Begleiterscheinungen wie Übelkeit und Erbrechen. Bei lang andauernden Attacken können – häufiger als bei Acetylsalicylsäure oder Ergotaminen – die Kopfschmerzen trotz Einnahme von Triptanen wieder auftreten (sog. headache recurrence) – dann ist eine zweite Dosis erforderlich.

Bei einer Migräne mit Aura sollten Triptane erst eingenommen werden, wenn die Aurasymptome vorüber sind. Nicht angewendet werden sollten Triptane bei Erkrankungen der Herzkranzgefässe, bei Durchblutungsstörungen der Hände (Raynaud-Krankheit) oder der Hirngefässe sowie bei eingeschränkter Leber- oder Nierenfunktion. Ausserdem sind Triptane nicht geeignet zur Migräne-Therapie bei Kindern und Personen über 65 Jahren sowie in der Schwangerschaft und Stillzeit.

Triptane können Nebenwirkungen hervorrufen wie Druck- beziehungsweise Engegefühl im Brust- und Halsraum, Kribbeln in Händen und Füssen oder Herzrhythmusstörungen sowie ein Hitze- oder Kältegefühl.

Es empfiehlt sich, vor allem bei Erstauftreten der Migräne, mit einem Arzt zu sprechen, bevor man Triptane einnimmt. Nur so lassen sich mögliche andere Ursachen der Kopfschmerzen ausschliessen.

Achtung: Nehmen Sie Triptane niemals gleichzeitig mit Ergotaminen ein! Die Wartezeit nach der Gabe von Ergotaminen beträgt 24 Stunden. Es ist wichtig, sich bei Medikamenten immer an die Dosierung und empfohlene Anwendung zu richten. Sollten sich die Kopfschmerzen trotz Einnahme eines Medikaments nicht bessern, ist es notwendig, einen Arzt aufzusuchen.

Ergotamine

Tritt bei der Migräne keine Besserung ein, so kann der Arzt als zweite oder dritte Wahl nach den Triptanen die sogenannten Mutterkornalkaloide verschreiben, zum Beispiel Ergotamin. Heute werden Mutterkornalkaloide nicht mehr empfohlen, höchstens noch bei sehr langen Migräneattacken oder wenn die Kopfschmerzen wiederholt hintereinander auftreten (multiplen «recurrences»). Wer allerdings bislang erfolgreich damit behandelt wurde und sie gut verträgt, sollte sie nicht absetzen.

Nehmen Sie Schmerzmittel (Analgetika) nicht längere Zeit ohne ärztliche Kontrolle ein. Wenn Sie häufig Kopfschmerzen haben, lassen sie die Ursachen von einem Arzt abklären. Für alle Präparate (Analgetika, Triptane, Ergotamine) gilt: Die Einnahme darf nicht häufiger als zehnmal im Monat oder an mehr als drei Tagen hintereinander erfolgen, sonst besteht die Gefahr eines durch Medikamente ausgelösten Kopfschmerzes.


Weder die genannten Schmerzmittel noch die Mutterkornalkaloide eignen sich für eine Therapie im krankheitsfreien Intervall, da eine Dauereinnahme zum Dauerkopfschmerz sowie zu Magenunverträglichkeiten führen kann. Wer Mutterkornalkaloide länger oder dauerhaft einnimmt, setzt sich ausserdem der Gefahr des Ergotismus aus. Dabei handelt es sich um eine Vergiftung mit Mutterkornalkaloiden, die unter anderem zu Durchblutungsstörungen bis hin zum Gefässverschluss und damit verbundenen Taubheitsgefühlen in den Armen und Beinen führt.

Nicht medikamentöse Therapie

Neben der medikamentösen Therapie gibt es noch andere, nicht-medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten bei Migräne, die die Migräne-Therapie sinnvoll ergänzen können.

Bei einem akuten Migräneanfall hilft es vielen Betroffenen, sich in einem abgedunkelten Raum aufzuhalten, Reize von aussen zu vermeiden, zu schlafen und sich auszuruhen. Um den Schmerz zu lindern, können kalte Kompressen (z.B. Migränebrille) angewendet werden.

7. Verlauf

Bisher gibt es keine sicheren Erkenntnisse zum Migräne-Verlauf. Mit einer angemessenen Behandlung und vorbeugenden Massnahmen lässt sich der Migräne-Verlauf positiv beeinflussen – heilbar ist Migräne aber nicht, so dass immer wieder Migräneanfälle auftreten können.

Komplikationen

Im Migräne-Verlauf kann es zu verschiedenen Komplikationen kommen, zum Beispiel dem sogenannten Status migraenosus oder einem migränösen Infarkt.

Vom Status migraenosus spricht man, wenn trotz angemessener Therapie ein Migräneanfall länger als 72 Stunden andauert. Wegen des anhaltenden Erbrechens sind die Betroffenen oft dehydriert (ausgetrocknet), so dass ihr Kreislauf zusammenbricht. In diesem Fall ist eine stationärere Behandlung notwendig.

Der migränöse Infarkt kann bei einer Migräne mit Aura auftreten. Gehen die Aura-Symptome nicht innerhalb von sieben Tagen vollständig zurück, kann dies ein Anzeichen für einen Schlaganfall (ischämischer Insult) sein. Ein migränöser Infarkt kommt aber nur selten vor.

Kopfschmerztagebuch

Um mit der Migräne im Verlauf besser zurechtzukommen, kann ein Kopfschmerztagebuchs sinnvoll sein. Darin erfassen Betroffene alle Symptome, mögliche Auslöser (Trigger) und die Behandlung. Ein Kopfschmerztagebuch hilft bei Migräne nicht nur bei der Diagnose, sondern auch, persönliche Triggerfaktoren zu erkennen. Je besser die Auslöser bekannt sind, desto eher lassen sie sich vermeiden.

Sie können sich ein Kopfschmerztagebuch einfach selber erstellen. Tragen Sie dazu über mehrere Wochen folgende Angaben in einen Kalender ein:

  • Schweregrad, Dauer und Lokalisation des Kopfschmerzes
  • Begleitsymptome (z.B. Augenflimmern, Übelkeit)
  • besondere, nicht alltägliche Vorkommnisse (z.B. Stress, Aufregung, Diät, Veränderung der Schlafzeiten)
  • Genuss bestimmter Nahrungsmittel, z.B. Käse, Alkohol, Koffein, Schokolade, Speisen mit Glutamatzusatz, Würstchen
  • Art und Menge der eingenommenen Medikamente beziehungsweise andere eingesetzte Massnahmen

8. Vorbeugen

Migräne lässt sich teilweise mit bestimmten Mitteln vorbeugen. Um für einen Migräneanfall weniger anfällig zu sein, kann es während der beschwerdefreien Zeiten in bestimmten Fällen sinnvoll sein, vorbeugende Medikamente einzunehmen. Dies ist zum Beispiel dann der Fall, wenn die Migräneattacken öfter als dreimal pro Monat auftreten und auf Akutbehandlungen nicht ausreichend ansprechen oder wenn die Nebenwirkungen für den Behandelten nicht tolerierbar sind. Auch Migräneattacken, die länger als 48 Stunden dauern, sollten durch vorbeugende Massnahmen vermeiden werden, ebenso wie solche, die Betroffene subjektiv als unerträglich empfinden. Auch die komplizierten Migräneattacken mit lang anhaltenden Aura-Symptomen bedürfen einer zusätzlichen medikamentösen Vorbeugung.

Die Prophylaxe kann die Häufigkeit, Schwere und Dauer der Migräneattacken im Idealfall spürbar reduzieren und einem medikamenteninduzierten Dauerkopfschmerz vorbeugen. Häufig verwendete Medikamente, die Migräne vorbeugen, sind die Betablocker Metoprolol und Propranolol sowie der Kalziumantagonist Flunarizin. Auch Valproinsäure und Topiramat können Migräne vorbeugen.

Verhaltenstherapeutische Techniken

Auch verhaltenstherapeutische Techniken können Migräne vorbeugen. Sie dienen dazu, bestimmte Verhaltensmuster, die man im Laufe seines Lebens erlernt hat, im positiven Sinn zu verändern. Migräne-Erkrankte sollen vor allem solche Verhaltensmuster überwinden lernen, die einen Triggerfaktor – also einen Auslöser der Migräne – begünstigen. Geeignete Verfahren sind zum Beispiel kognitive Techniken, die progressive Muskelentspannung, Biofeedback, Stressbewältigungstraining und Ausdauersport.

Weitere Verfahren sind Autogenes Training, Akupunktur, Homöopathie oder Hypnose, deren Wirksamkeit allerdings umstritten ist.

Weitere nützliche Massnahmen zur Vorbeugung

  • Halten Sie einen regelmässigen Schlaf-Wach-Rhythmus ein.
  • Entspannen Sie sich regelmässig.
  • Hüten Sie sich vor grossem Lärm.
  • Gehen Sie starken Klimaschwankungen aus dem Weg.
  • Mit Ausdauersport können Sie Migräne vorbeugen.
  • Vermeiden Sie Druck und Stress: keine Überforderung der eigenen Persönlichkeit.
  • Geniessen Sie das Leben nach Ihrem Rhythmus.