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1. Überblick

Morbus Fabry (Fabry-Syndrom) ist eine angeborene Stoffwechselstörung, bei der der Abbau bestimmter Fettsubstanzen gestört ist oder gar nicht stattfindet. Die Fette lagern sich in verschiedenen Zellen an.

Morbus Fabry entsteht durch den erblich bedingten Mangel an einem bestimmten Enzym, das eigentlich für den Abbau der Fettsubstanzen verantwortlich ist: der Alphagalaktosidase. Die Symptome von Morbus Fabry treten bereits im Kindesalter auf und sind vielfältig: Neben allgemeinen Anzeichen wie Schmerzen in Händen und Füssen, Missempfindungen und einer gestörten Regulierung der Schweissbildung kommt es zu Hautveränderungen (rötliche bis bläulich-schwarze Gefässveränderungen in verschiedenen Körperregionen). Ausserdem können die Augen, das Nervensystem, die Nieren und das Herz beteiligt sein.

Der für Morbus Fabry verantwortliche Enzymmangel lässt sich jedoch ausgleichen, wodurch sich die Beschwerden deutlich verringern. Hierzu nehmen die Betroffenen ein Leben lang ein gentechnisch hergestelltes Enzym ein. Unbehandelt verkürzt sich die Lebenserwartung durch Morbus Fabry auf etwa 40 bis 50 Jahre.

2. Definition

Morbus Fabry (Fabry-Syndrom) ist eine seltene Stoffwechselstörung, die zu den Erbkrankheiten zählt. Die bei Morbus Fabry herrschende Störung des Stoffwechsels beruht auf einem erblich bedingten Mangel an einem wichtigen Enzym namens Alphagalaktosidase. Dieses Enzym spielt eine wichtige Rolle beim Abbau von Fettstoffwechselprodukten in den Körperzellen. Beim Morbus Fabry ist dieser Abbau gestört oder findet gar nicht statt, sodass sich die Fette in verschiedenen Zellen anlagern.

Benannt ist der Morbus Fabry nach dem deutschen Hautarzt Johann Fabry, der Ende des 19. Jahrhunderts gleichzeitig mit dem englischen Hautarzt William Anderson erstmals die typischen Symptome der Krankheit beschrieb.

Häufigkeit

Die für Morbus Fabry (Fabry-Syndrom) verantwortliche Schädigung an einem Träger der Erbanlage (Gen) liegt etwa bei 1 von 100'000 Neugeborenen vor. Die männlichen Betroffenen entwickeln bereits ab dem Kindesalter mit einer Häufigkeit von praktisch 100 Prozent die für Morbus Fabry typischen Symptome. Doch auch bei weiblichen Betroffenen zeigen sich nicht selten Anzeichen der Erbkrankheit. Sie treten jedoch in der Regel später auf (erst bei 40- bis 50-jährigen Frauen) und sind weniger stark ausgeprägt als bei Männern.

3. Ursachen

Morbus Fabry (Fabry-Syndrom) hat erbliche Ursachen: Auslöser der Stoffwechselstörung ist eine Veränderung der Erbinformation (sog. Mutation). Durch diese Veränderung ist ein bestimmter Träger der Erbanlage (Gen) geschädigt – das sogenannte Alphagalaktosidase-Gen. Dieser für Morbus Fabry verantwortliche Gendefekt kann unterschiedliche Auswirkungen haben:

 

  • Das Enzym Alphagalaktosidase fehlt im Körper vollständig.
  • Der Körper stellt das Enzym in geringer Konzentration her.
  • Das Enzym liegt in einer inaktiven Form vor.
  • Das Enzym liegt in einer schwach aktiven Form vor.

Die Alphagalaktosidase ist ein für den menschlichen Stoffwechsel lebenswichtiges Enzym: Es ist für den Abbau bestimmter Fettsubstanzen verantwortlich, die Bestandteile der Zellmembran bilden. Bei Morbus Fabry ist die Aktivität dieses Enzyms nur unzureichend oder fehlt ganz, so dass der Körper die Fettsubstanzen kaum oder gar nicht abbaut. In der Folge lagern sich diese Fette in verschiedenen Körperzellen (z.B. Muskelzellen der Blutgefässe, Nervenzellen) ab, was die Ursache für die typischen Symptome von Morbus Fabry ist.

Die dem Morbus Fabry zugrunde liegende Ursachen sind vererbbar: Betroffene können das für die Erbkrankheit verantwortliche Erbmerkmal an ihre Kinder weitergeben. Diese Vererbung geschieht über einen sogenannten x-chromosomalen Erbgang: Das menschliche Erbmaterial besteht aus 46 fadenförmigen Trägern der Erbinformation, den Chromosomen. Diese sind paarweise angelegt, so dass jeder Mensch 23 Chromosomenpaare besitzt. Eins davon besteht aus den sogenannten Geschlechtschromosomen (XX bei Frauen und XY bei Männern). Der für Morbus Fabry verantwortliche Gendefekt liegt auf dem X-Chromosom.

4. Symptome

Bei Morbus Fabry (Fabry-Syndrom) treten die ersten Symptome im Allgemeinen innerhalb der ersten zehn Lebensjahre auf. Sie sind äusserst vielfältig: Zu Beginn entwickeln sich meist Schmerzanfälle. Weitere frühe Anzeichen von Morbus Fabry betreffen die Haut, die Schweissbildung und die Augen.

Mit zunehmendem Alter treten beim Morbus Fabry Symptome in den Vordergrund, welche die Nieren, das Herz und das Gehirn betreffen.

Bei von Morbus Fabry betroffenen Frauen zeigen sich die ersten Symptome der Stoffwechselstörung in der Regel erst in einem späteren Lebensabschnitt. Die Beschwerden und Komplikationen sind im Allgemeinen auch nicht so stark ausgeprägt wie bei Männern.

Allgemeine Symptome

Die ersten Anzeichen von Morbus Fabry (Fabry-Syndrom) treten in der Regel im Vorschulalter auf. Dabei handelt es sich zunächst um allgemeine Symptome: Häufig kommt es zu anfallartigen starken Schmerzen in Händen und Füssen, die meist nach einigen Tagen wieder abklingen. Daneben treten oft dauerhafte Missempfindungen (Parästhesien) beziehungsweise unangenehme Gefühle an Füssen und Händen auf, die durch äussere Temperaturschwankungen stärker werden können. Zudem ist bei Morbus Fabry die Regulation der Schweissbildung gestört, wodurch die Betroffenen entweder vermehrt oder vermindert schwitzen.

Haut

Morbus Fabry (Fabry-Syndrom) äussert sich auch früh durch Symptome an der Haut: Es kommt zu Hautveränderungen in Form von einzelnen oder auch in Gruppen angeordneten, rötlich bis bläulich-schwarzen Gefässerweiterungen (Gefässektasien), die meist in der Nabelregion, an den Knien, am Becken sowie an Hoden und am Penis auftreten.

Diese Hautveränderungen sind meist leicht erhaben, auf ihrer Oberfläche findet sich eine leicht verstärkte Hornhaut (Hyperkeratose). Bei Erwachsenen mit Morbus Fabry können die Hautveränderungen so unauffällig sein, dass sie sich erst bei einer gründlichen Untersuchung feststellen lassen.

Augen

Zusätzlich können sich bei Morbus Fabry (Fabry-Syndrom) Symptome an den Augen zeigen: So können sich Augenbeschwerden in Form von Hornhautveränderungen bis hin zu starken Hornhauttrübungen entwickeln. Ausserdem entstehen beim Morbus Fabry unter Umständen Linsentrübungen (Katarakte) sowie Gefässveränderungen in der Netzhaut und in der Bindehaut. Die Gefässe sind dabei gewunden und weisen stark ungleichmässige Durchmesser auf.

Herz-Kreislauf-System

Später entwickeln sich bei Morbus Fabry (Fabry-Syndrom) Symptome am Herz-Kreislauf-System, die besonders schwerwiegend sind: Die meisten Menschen mit Morbus Fabry weisen eine Herzklappeninsuffizienz auf – meist der Mitralklappen. Späte Herz-Kreislauf-Beschwerden können eine Angina pectoris bis hin zum Herzinfarkt sein. Oft verstärkt ein von den Nieren hervorgerufener Bluthochdruck die Beteiligung des Herzens zusätzlich.

Nieren

Ebenfalls im späteren Verlauf von Morbus Fabry (Fabry-Syndrom) treten Symptome auf, die die Nieren betreffen: Die Beteiligung der Nieren beginnt mit Blut im Urin (Hämaturie) sowie mit Eiweiss im Urin (Proteinurie). Die Nierenschädigung infolge des Morbus Fabry ist ein fortschreitender Vorgang, der am Ende zur Dialysepflicht führt oder eine Nierentransplantation erforderlich macht. Das Nierenversagen (Niereninsuffizienz) ist die häufigste Todesursache bei Morbus Fabry.

Hirngefässe

Morbus Fabry (Fabry-Syndrom) äussert sich auch durch schwerwiegende Symptome der Hirngefässe: Diese späten Anzeichen der Stoffwechselstörung finden sich bei etwa 20 bis 25 Prozent der Menschen mit Morbus Fabry. Es kann ein Schlaganfall in unterschiedlich starker Ausprägung auftreten. Meist ist er durch eine plötzliche Unterbrechung der Gehirndurchblutung (Ischämie) bedingt. Eine Blutung im Gehirn kommt bei Morbus Fabry seltener vor. In manchen Fällen schreiten die Hirngefässveränderungen auch langsam fort, was sich vor allem durch kognitive Störungen (wie Vergesslichkeit) äussert. Daneben können auch Kopfschmerzen oder psychiatrische Symptome wie Angststörungen oder Depressionen auftreten. Nach dem Nierenversagen stellen Komplikationen der Hirngefässe die zweithäufigste Todesursache bei Morbus Fabry dar.

5. Diagnose

Bei Morbus Fabry (Fabry-Syndrom) erfolgt die Diagnose häufig erst spät (im Schnitt etwa acht Jahre nach dem Auftreten der ersten Symptome). Mögliche Hinweise auf Morbus Fabry, die zu einer Verdachtsdiagnose führen, sind:

 

  • Veränderungen an den Augen (ohne Sehverlust)
  • rötliche bis bläulich-schwarze Veränderungen der Haut
  • erhöhte/verminderte Schweissbildung
  • Brennen in Händen oder Füssen
  • Schwerhörigkeit
  • Eiweiss im Urin (Proteinurie)

Liegt ein Verdacht auf Morbus Fabry vor, lässt er sich bei Männern durch eine Messung der Aktivität des Enzyms Alphagalaktosidase im Blut oder in der Tränenflüssigkeit bestätigen beziehungsweise ausschliessen. Ausserdem steht zur Diagnose ein Gentest zur Verfügung, mit dem der für Morbus Fabry verantwortliche Schaden an der Erbanlage (Gendefekt) bei beiden Geschlechtern nachweisbar ist.

Da manche Erkrankungen, wie multiple Sklerose oder rheumatische Erkrankungen, zum Teil ähnliche Symptome aufweisen wie Morbus Fabry, ist es im Rahmen der Diagnostik wichtig, diese auszuschliessen.

6. Therapie

Lange Zeit gab es für Morbus Fabry (Fabry-Syndrom) keine heilende (kurative) Therapie, so dass sich lediglich die Beschwerden lindern liessen. Mittlerweile ist es jedoch möglich, den für Morbus Fabry verantwortlichen Enzymmangel durch Medikamente auszugleichen: Bei dieser Enzymersatztherapie nehmen Sie den entsprechenden Wirkstoff lebenslang regelmässig ein.

Symptomatische Therapie

Um die Symptome von Morbus Fabry (Fabry-Syndrom) zu lindern oder zu verhindern, ist eine symptomatische Therapie geeignet. Dazu empfiehlt es sich,

 

  • etwaige Schmerzauslöser wie Stress und Anstrengung zu vermeiden,
  • viel zu trinken,
  • sich fettarm zu ernähren,
  • nicht zu rauchen.

Schreitet der Morbus Fabry weiter fort, kann zur Therapie eine Dialyse oder Nierentransplantation notwendig sein.

Enzymersatztherapie

Der für Morbus Fabry (Fabry-Syndrom) kennzeichnende Mangel an dem Enzym Alphagalaktosidase lässt sich durch eine geeignete Therapie beheben: Eine sogenannte Enzymersatztherapie gegen Morbus Fabry ist verfügbar. Hierbei erhalten Sie über eine Infusion gentechnisch erzeugte Alphagalaktosidase (Wirkstoff Agalsidasen), um den bestehenden Enzymmangel auszugleichen. Dank dieser Infusion kann Ihr Körper die infolge des Enzymmangels im Körper entstandenen Fettablagerungen abbauen. Da sich das von aussen zugeführte Enzym mit der Zeit wieder abbaut und Ihr Körper es aufgrund Ihrer Erkrankung nicht wieder beziehungsweise nicht ausreichend neu bildet, ist eine lebenslange Enzymersatztherapie in regelmässigen Abständen ratsam.

Bei dieser Therapie des Morbus Fabry können verschiedene Nebenwirkungen auftreten: Der bei der Enzymersatztherapie eingesetzte Wirkstoff kann unter Umständen Fieber, Schüttelfrost oder allergische Reaktionen auslösen.

7. Verlauf

Morbus Fabry (Fabry-Syndrom) zeigt in der Regel einen fortschreitenden Verlauf: Während die ersten im Kindesalter auftretenden Anzeichen der Stoffwechselerkrankung allgemeiner Natur sind, treten im weiteren Verlauf und mit zunehmendem Alter Beschwerden in den Vordergrund, die die Nieren, das Herz und das Gehirn betreffen. Es sind aber auch mildere Verläufe möglich, bei denen die Auswirkungen von Morbus Fabry auf einzelne Organe begrenzt bleiben. Bei Frauen setzt die Erbkrankheit im Allgemeinen später ein und verläuft nicht so ausgeprägt wie bei Männern.

Durch eine frühzeitige Diagnose und schnelle anschliessende Enzymersatztherapie lässt sich der Verlauf von Morbus Fabry positiv beeinflussen: Diese Therapie führt im Allgemeinen zu einer deutlichen Verbesserung der vorliegenden Beschwerden; bei rechtzeitigem Beginn der Behandlung lassen sich grössere Schäden an den Organen verhindern. Unbehandelt ist die Lebensqualität bei Morbus Fabry erheblich beeinträchtigt; die durchschnittliche Lebenserwartung verkürzt sich dann auf 40 bis 50 Jahre.

8. Vorbeugen

Da der Morbus Fabry (Fabry-Syndrom) erblich bedingt ist, können Sie seiner Entstehung nicht vorbeugen. Allerdings können Sie bei einem bestehenden Morbus Fabry rechtzeitig Massnahmen ergreifen, um den Verlauf der Erbkrankheit günstig zu beeinflussen. Dazu ist vor allem eine frühzeitige Diagnose wichtig.

Erfolgt nach der Diagnose des Morbus Fabry rechtzeitig eine Enzymersatztherapie, lässt sich ein Fortschreiten der unbehandelt tödlich endenden Krankheit verhindern und somit grösseren Schäden an den Organen vorbeugen. Mithilfe der Pränataldiagnostik ist es möglich, Morbus Fabry schon bei Ungeborenen bereits in der 15. Schwangerschaftswoche sicher zu diagnostizieren.