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Multiple Sklerose

(MS)
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1.  Überblick

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (Gehirn und Rückenmark). Anzeichen und Verlauf der Nervenerkrankung können von Fall zu Fall so unterschiedlich sein, dass sie auch als «Erkrankung mit tausend Gesichtern» gilt. In der Schweiz leben etwa 10'000 Menschen mit MS.

Multiple Sklerose ist die häufigste Erkrankung des Nervensystems im jungen Erwachsenenalter. Eine weitere Bezeichnung der Nervenerkrankung lautet Enzephalomyelitis disseminata (griech. enkephalos = Gehirn, myelos = Mark; lat. disseminare = aussäen, ausstreuen), denn: Auslöser für die multiple Sklerose sind Entzündungen an den Markscheiden der Nervenfasern des zentralen Nervensystems. Deren Ursachen sind noch nicht genau bekannt.

Multiple Sklerose kann sich durch vielfältige Symptome äussern, die auch bei anderen Krankheiten auftreten können, zum Beispiel:

Um festzustellen, ob solche Beschwerden wirklich Anzeichen für multiple Sklerose sind, ist eine neurologischen Untersuchung hilfreich; daneben kommen zur Diagnose einer multiplen Sklerose auch eine Hirnwasseruntersuchung, eine Messung der Nervenaktivität durch eine sogenannte Elektroenzephalographie (EEG) sowie eine Magnetresonanztomographie (MRT) zum Einsatz.

Meistens verläuft die multiple Sklerose in Schüben und führt erst nach längerer Zeit zu einer zunehmenden Einschränkung. Heilen lässt sich MS zurzeit noch nicht. Eine individuell angepasste Behandlung kann jedoch das Fortschreiten der Nervenerkrankung verlangsamen und die Intensität der Schübe mindern. Dabei ist es wichtig, auch die Multiple-Sklerose-Symptome zu behandeln und den Einsatz von Medikamenten in ein ganzheitliches Konzept einzubinden: So ist eine hohe Lebensqualität für Menschen mit multipler Sklerose zu erreichen.

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Multiple Sklerose ist eine Autoimmunkrankheit, bei der die Informationen aus dem...

Die Multiple-Sklerose-Therapie gliedert sich in verschiedene Bereiche:

  • Ein akuter Schub erfordert kurzfristige Massnahmen, um die mit dem Schub verbundenen Symptome zu bekämpfen.
  • Daneben soll eine Dauerbehandlung das Fortschreiten der multiplen Sklerose hemmen.
  • Zusätzlich kommen weitere Massnahmen gegen störend oder einschränkend wirkende Multiple-Sklerose-Beschwerden zum Einsatz.

Da die multiple Sklerose sehr unterschiedlich verläuft, ist eine individuelle Prognose nicht möglich. Allgemein sind die Aussichten jedoch besser als oft angenommen: Auch nach längerem Krankheitsverlauf sind viele Menschen mit multipler Sklerose noch berufstätig oder arbeiten relativ uneingeschränkt im Haushalt. In eher seltenen Fällen verläuft die MS nur mit sehr wenigen Schüben und führt nur zu sehr geringen Einschränkungen.

Der Begriff multiple Sklerose (MS) bezeichnet per Definition eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS = Gehirn und Rückenmark). Die Entzündungen in Gehirn und Rückenmark zerstören die Markscheiden der Nervenfasern. Abwehrzellen, die sonst fremde Erreger oder Stoffe angreifen, schädigen dann körpereigenes Gewebe. Deshalb zählt die multiple Sklerose zu den Autoimmunerkrankungen (griech. auto = selbst).

Die Bezeichnung multiple Sklerose leitet sich aus dem lateinischen multiplex für vielfach und dem griechischen skleros für hart ab. Andere Namen für die Erkrankung sind:

  • Polysklerose (griech. polys = viel, zahlreich)
  • Enzephalomyelitis disseminata (griech. enkephalos = Gehirn, myelos = Mark; lat. disseminare = aussäen, ausstreuen)

Häufigkeit

Multiple Sklerose (MS) weist von allen entzündlichen Erkrankungen des Nervensystems die grösste Häufigkeit auf und ist – nach der Epilepsie – die zweithäufigste neurologische Krankheit. In der Schweiz haben etwa 10'000 Menschen multiple Sklerose, in Mitteleuropa gibt es etwa 30 bis 60 Fälle pro 100'000 Einwohner.

Multiple Sklerose tritt mit grösster Häufigkeit zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr auf. Zunehmend sind jedoch auch Kinder und Jugendliche betroffen. Die in Schüben verlaufenden Formen der Erkrankung kommen bei Frauen doppelt bis dreimal öfter vor als bei Männern. Vor dem 10. und nach dem 60. Lebensjahr tritt ein erster Schub äussert selten auf.

Weltweit zeigt multiple Sklerose eine auffallende geographische Verteilung: Die Multiple-Sklerose-Häufigkeit nimmt immer weiter zu, je grösser der Abstand vom Äquator jeweils nach Norden und Süden ist. Dabei ist jeweils die Bevölkerung europäischer Abstammung besonders betroffen: So ist die multiple Sklerose in Nordamerika beispielsweise häufiger als in Japan. Darüber hinaus sind in jedem Land einzelne Regionen bekannt, in denen multiple Sklerose besonders gehäuft auftritt.

Zerstörung der Markscheiden

Multiple Sklerose (MS) ist mit Entzündungen in Gehirn und Rückenmark verbunden. Dies führt zu einer Zerstörung der Markscheiden und der Oligodendrozyten der Nervenfasern (Axone), die normalerweise Befehle und Reize von den Gehirnzellen an die verschiedenen Regionen des Körpers leiten und umgekehrt.

Markscheiden, auch Myelinscheiden genannt, sind die Fortsätze von speziellen Zellen – den sogenannten Oligodendrozyten. Sie bestehen aus Fetten und Eiweissen und umhüllen die Nervenfasern. Allerdings verlaufen die Markscheiden nicht durchgehend über die gesamte Nervenfaser, sondern sind von Einschnürungen unterbrochen. Eine in die Nervenfaser geleitete Erregung springt von Schnürring zu Schnürring und ist so schneller, als wenn sie die Nervenfaser stetig durchlaufen würde.

Befindet sich die multiple Sklerose im frühen Stadium, sind die Markscheiden zunächst an bestimmten Stellen entzündet. Unter Umständen können sich diese Entzündungen zurückbilden. Meist jedoch zerfallen die Markscheiden an den betroffenen Stellen, woraufhin sich an ihrer Stelle Narbengewebe bildet. Dadurch verhärtet sich das Gewebe krankhaft (sog. Sklerosierung).

Die einzelnen betroffenen Stellen, auch Plaques genannt, sind unterschiedlich gross und wahllos über das zentrale Nervensystem verteilt. Besonders häufig kommen sie an den Sehnerven, im Hirnstamm, im Kleinhirn und an den Hintersträngen des Rückenmarks vor. An den beschädigten Stellen der Markscheiden ist die Weiterleitung der Erregung gestört. Auch die Nervenfasern selbst sind mehr oder weniger stark geschädigt. Eine ungehinderte Weiterleitung der elektrischen Impulse zwischen den verschiedenen Nerven- und Körperzellen (z.B. Muskelzellen) ist nicht mehr möglich. Daher kann multiple Sklerose Störungen der Körperbewegungen (Motorik) und der Körperempfindungen (Sensorik) sowie verschiedene andere Symptome zur Folge haben.

Worin eine multiple Sklerose (MS) ihre Ursachen hat, ist nicht bekannt: Zwar entsteht die Erkrankung nachweislich durch Entzündungen in Gehirn und Rückenmark, die die Markscheiden der Nervenfasern zerstören. Wie es dazu kommt, ist jedoch nicht geklärt.

Allerdings spielen folgende Faktoren unter den Multiple-Sklerose-Ursachen eine wichtige Rolle:

  • Autoimmunprozesse: Die multiple Sklerose gehört zur Gruppe der Autoimmunerkrankungen (auto = selbst). Dabei richtet sich das Immunsystem des Körpers, das sonst fremde Erreger beziehungsweise Stoffe angreift, gegen körpereigenes Gewebe. Die Ursachen hierfür sind bisher nicht geklärt. Möglicherweise sind für diese Fehlreaktion Infektionen mit Erregern verantwortlich, deren Strukturen teilweise mit körpereigenen Strukturen identisch sind. Der Körper bildet dann Antikörper, die auch gegen die eigenen Zellen gerichtet sind. Verbleiben diese Antikörper nach der Infektion im Blut, entwickeln sich chronische Erkrankungen, die in der Regel in Schüben verlaufen und verschiedene Organe und Gewebe betreffen können. Bei multipler Sklerose ist das Nervengewebe betroffen. Weitere Beispiele für ähnlich verlaufende Autoimmunerkrankungen sind: systemischer Lupus erythematodes (SLE) oder rheumatoide Arthritis.
  • Erbliche Faktoren: Enge Verwandte von Menschen mit multipler Sklerose haben ein – im Vergleich zur Gesamtbevölkerung – 10- bis 30-fach erhöhtes Risiko, ebenfalls eine multiple Sklerose zu entwickeln. Und bei einigen Völkern ist multiple Sklerose auffallend seltener zu beobachten als bei anderen. Demnach scheinen für multiple Sklerose erbliche Ursachen mitverantwortlich zu sein. Dennoch ist die multiple Sklerose nicht im klassischen Sinn vererbbar (zählt also nicht zu den Erbkrankheiten), da auch Umweltfaktoren eine wichtige Rolle bei ihrer Entstehung spielen.
  • Infektionen: Auch ausgeheilte Infektionen mit bestimmten Erregern, deren Oberfläche Ähnlichkeiten mit Markscheiden der Nervenfasern aufweisen, könnten zu der immer wieder aufflammenden Entzündung im zentralen Nervensystem führen. Für multiple Sklerose kommen als Ursachen beispielsweise Herpesviren, vor allem das Epstein-Barr-Virus, sowie Chlamydien infrage.

Risikofaktoren

Eine multiple Sklerose kann in Schüben verlaufen. Ursachen für einen akuten Schub können seelische und körperliche Belastungen sein: Sie gelten deshalb als Risikofaktoren für MS-Schübe, weil sie das Immunsystem aktivieren können.

Zu den möglichen Risikofaktoren, die akute Schübe begünstigen, zählen:

  • Stresssituationen, zum Beispiel Operationen und grössere Verletzungen
  • Schwankungen im Hormonhaushalt wie Pubertät oder Wechseljahre
  • Infektionen, besonders Virusinfektionen wie zum Beispiel Grippe
  • bestimmte aktive Impfungen sowie Hyposensibilisierungen bei Allergien
  • Medikamente, die das Immunsystem beeinflussen, zum Beispiel Präparate mit Sonnenhut (Echinacea)

Häufigste Beschwerden

Die durch multiple Sklerose (MS) bedingten Symptome sind sehr vielfältig: Für multiple Sklerose ist weder ein bestimmtes Anzeichen noch ein bestimmter Verlauf typisch. Allerdings treten manche Frühsymptome besonders oft auf.

Als häufigste frühe Multiple-Sklerose-Symptome gelten Gefühlsstörungen, Sehstörungen und Lähmungen der Muskulatur:

  • Empfindungsstörungen: Die Multiple-Sklerose-Symptome umfassen fast immer ein Taubheitsgefühl oder ein Kribbeln (Ameisenlaufen) an Armen und Beinen, Spannungsgefühle um die Gelenk- und Hüftregion (wie ein eiserner Handschuh oder Gürtel), Schmerzen oder auch eine verminderte Empfindlichkeit (z.B. bei der Temperaturwahrnehmung).
    Oft beginnen die Missempfindungen in den Fingerspitzen oder in den Füssen und breiten sich dann auf Arme beziehungsweise Beine aus. Ein verbreitetes Multiple-Sklerose-Anzeichen ist das sogenannte Nackenbeugezeichen: Beugen die Betroffenen den Kopf nach vorne, verspüren sie häufig einen blitzartigen Schlag entlang der Wirbelsäule – manchmal bis in die Hände und Füsse.
  • Sehstörungen: Etwa drei Viertel aller Menschen mit multipler Sklerose haben solche Beschwerden – allerdings in unterschiedlicher Ausprägung. Häufigster Grund für diese Multiple-Sklerose-Symptome ist ein entzündeter Sehnerv (eine sog. Optikusneuritis). Die Sehstörung beginnt oft mit Augenschmerzen, die sich bei einer Bewegung der Augäpfel verstärken. Die Betroffenen sehen ihr Umfeld auf einem Auge plötzlich wie durch einen Schleier oder Nebel. Je nachdem, wie stark die Entzündung ausgeprägt ist, kann auch das Farbensehen beeinträchtigt sein. Ausserdem kann es zu Lichtblitzen oder zu Ausfällen des Gesichtsfelds kommen. In manchen Fällen ist das sogenannte zentrale Sehen beeinträchtigt, so dass es plötzlich schwierig ist, eine kleine Druckschrift zu lesen. Meist bilden sich die Symptome innerhalb von wenigen Wochen bis sechs Monaten nach Abklingen der Entzündung wieder zurück. Bei einer anderen Form der Sehstörung sehen die Betroffenen Doppelbilder. Dies ist auf eine Lähmung der Augenmuskulatur zurückzuführen.
  • Muskellähmungen: Multiple Sklerose führt häufig dazu, dass die Muskeln kraftlos sind, schnell ermüden, angespannt (spastisch) und steif sind; weitere mögliche Multiple-Sklerose-Symptome sind Lähmungserscheinungen in den Armen und Beinen: Oft setzt die Lähmung nur in einem Bein ein. Die Muskulatur kann neben der Spastik zusätzlich eine Schwäche zeigen; die Symptome können Arme und Beine sowie auch eine Körperseite betreffen.

Charakteristischerweise verstärken sich die Multiple-Sklerose-Symptome durch Hitze, Fieber oder Anstrengung. Dies gilt vor allem für die Muskelschwäche.

Weitere Symptome

Die drei wichtigsten Multiple-Sklerose-Symptome – Gefühlsstörungen, Sehstörungen, Muskellähmungen – müssen das Krankheitsbild nicht unbedingt bestimmen: Multiple Sklerose (MS) kann viele weitere Symptome verursachen. Nicht umsonst gilt die multiple Sklerose als Erkrankung mit tausend Gesichtern.

Eine multiple Sklerose kann bestimmte Symptome im Gesicht hervorrufen, wenn verschiedene Hirnnerven an der Erkrankung beteiligt sind: Dann kommt es dort zu Lähmungen (sog. Fazialisparese) oder zu Schmerzen (sog. Trigeminusneuralgie). Weitere mögliche Multiple-Sklerose-Anzeichen sind Geschmacksstörungen und Gleichgewichtsstörungen.

Ist das Kleinhirn durch die multiple Sklerose geschädigt, treten als weitere Symptome Sprachstörungen, Unsicherheiten beim Gehen und zitternde Hände auf. Die Sprachstörungen empfinden Menschen mit einer multiplen Sklerose oft als besonders belastend. Eine bei multipler Sklerose typische Sprachstörung ist die langsame, schleppende Sprache, bei der die Betroffenen die einzelnen Silben abgehackt und explosiv ausstossen.

In etwa zwei Drittel aller Fälle ruft die multiple Sklerose Anzeichen einer Blasenfunktionsstörung hervor. Dadurch sind Alltagsleben und Wohlbefinden der Betroffenen zum Teil schwer eingeschränkt. In frühen Stadien herrscht ein heftiger und kaum zu kontrollierender Harndrang mit unwillkürlichem Harnverlust (Inkontinenz) vor. Später kommt es meist zu ungewolltem Harnverhalt. Weitere mögliche Multiple-Sklerose-Symptome sind eine gestörte Stuhlentleerung (meist Verstopfung), gestörte Sexualfunktionen und gestörte Schweissabsonderung.

Ausserdem kann multiple Sklerose die Psyche beeinflussen und somit Anzeichen für psychische Erkrankungen mit sich bringen: Multiple Sklerose macht anfälliger für Stimmungsschwankungen und depressive Symptome wie Traurigkeit, Schlaflosigkeit und Antriebslosigkeit. Mitunter zeigen Menschen mit multipler Sklerose auch ein sehr euphorisches Verhalten, das mit dem eigentlichen Krankheitszustand nicht in Übereinstimmung zu bringen ist.

Grundsätzlich kann eine multiple Sklerose alle genannten Symptome einzeln oder in Kombinationen zeigen.

Bei Verdacht auf eine multiple Sklerose (MS) besteht der erste Schritt zur Diagnose darin, die Krankenvorgeschichte zu erfassen (Anamnese) und das Nervensystem zu untersuchen (neurologische Untersuchung). Dabei ist es wichtig, zu prüfen, ob die vorliegenden Anzeichen die Kriterien erfüllen, die einen Multiple-Sklerose-Schub definieren.

Ein Multiple-Sklerose-Schub liegt vor, wenn die Symptome:

  • mindestens 24 Stunden lang anhalten,
  • mindestens 30 Tage nach Beginn des letzten Schubs aufgetreten sind,
  • nicht durch eine veränderte Körpertemperatur oder durch Infektionen erklärbar sind.

Bei Verdacht auf eine multiple Sklerose ist die neurologische Untersuchung für die Diagnose unentbehrlich, um zum Beispiel Hirnnerven auf ihre Funktion zu prüfen sowie Empfindungen, Reflexe und Muskelkraft zu testen. Mithilfe einer Skala kann der Arzt den Grad der vorliegenden Einschränkungen einschätzen.

Um die Multiple-Sklerose-Diagnose zu stellen, sind jedoch weitere Untersuchungen nötig. Unter anderem kann eine Untersuchung der Gehirn-Rückenmarksflüssigkeit (sog. Liquorpunktion) die Verdachtsdiagnose bekräftigen: Bei multipler Sklerose bestehen entzündliche Veränderungen im zentralen Nervensystem (ZNS: Gehirn und Rückenmark), die dazu führen, dass die in der gewonnenen Probe gemessenen Werte für bestimmte Abwehrzellen und Antikörper krankhaft erhöht sind. Andere entzündliche Erkrankungen des Nervensystems (z.B. die Hirnhautentzündung) haben jedoch dieselbe Auswirkung. Um die multiple Sklerose sicher zu diagnostizieren, kommen daher zusätzlich andere Verfahren zum Einsatz:

So bietet sich für die Multiple-Sklerose-Diagnose ein Elektroenzephalographie (EEG) an, um die Nervenimpulse zu messen, die als Reaktion auf einen bestimmten, vorgegebenen Seh- oder Hörreiz entstehen. Anhand dieser sogenannten evozierten Potenziale (evozieren = hervorrufen) kann der Arzt erkennen, ob die Leitfähigkeit in einem Seh- oder Hörnerv gestört ist. Bei einer bestehenden multiplen Sklerose können diese Potenziale charakteristische Veränderungen zeigen (typisch für MS ist z.B. eine verzögerte Reaktion auf Lichtblitze oder Klicklaute).

Einen hohen Stellenwert für die Multiple-Sklerose-Diagnose hat die Magnetresonanztomographie (MRT). Hier sind bereits frühzeitig die krankhaft veränderten Entzündungsherde zu erkennen, die für multiple Sklerose charakteristisch sind – schon bevor die ersten MS-Symptome auftreten. Im Vergleich zur MRT ist die Computertomographie (CT) bei der MS-Diagnose wesentlich weniger aussagekräftig.

Wenn Sie eine multiple Sklerose (MS) haben, ist es wichtig, dass die Therapie so früh wie möglich beginnt. Das Ziel der Behandlung besteht darin, die zugrunde liegenden entzündlichen Prozesse zu verringern. Eine vollständige Heilung der multiplen Sklerose ist jedoch nicht möglich.

Bei der Multiple-Sklerose-Therapie unterscheidet man die drei folgenden Behandlungen:

  • Schubtherapie: Behandlung eines akuten Schubs
  • Basistherapie: Dauerbehandlung, die das Fortschreiten der multiplen Sklerose hemmen soll
  • symptomatische Therapie: Behandlung der durch multiple Sklerose bedingten Symptome

Schubtherapie

Multiple Sklerose (MS) verläuft meist in Schüben. Die Therapie während eines Schubs zielt darauf ab, die mit dem Schub verbundenen Symptome zu bekämpfen. Die bei dieser Schubtherapie eingesetzten Medikamente dienen im Wesentlichen dazu, die Prozesse des Immunsystems günstig zu beeinflussen.

Bei einem akuten Multiple-Sklerose-Schub können Ihnen, je nach Schwere, hoch dosierte Entzündungshemmer (Glukokortikoide) helfen. Ein akuter Schub macht sich bemerkbar, wenn bisher unbekannte Beschwerden auftreten, frühere Symptome wiederkehren oder diese sich mindestens 48 Stunden lang verstärken. Bei einer Hochdosis-Schubtherapie bekommen Sie Kortison (z.B. Methylprednisolon) drei bis fünf Tage in die Venen gespritzt und nehmen es unter Umständen anschliessend etwa zehn Tage lang in zunehmend geringerer Dosis als Tabletten ein. Die Beschwerden und auch die ihnen zugrunde liegenden Entzündungsherde gehen rascher wieder zurück. Durch die zeitliche Begrenzung der Therapie fallen die sonst unangenehmen Nebenwirkungen von Kortison deutlich milder aus: Herzklopfen, Heisshunger, Unruhe oder Schlafstörungen sind bei der Kortison-Stosstherapie zunehmend seltener.

Die Wirksamkeit einer solchen Kortison-Therapie bei einem akuten Multiple-Sklerose-Schub ist allerdings von Fall zu Fall sehr unterschiedlich. Ist Kortison zur Schubtherapie unwirksam, besteht die Möglichkeit, den Multiple-Sklerose-Schub in spezialisierten Zentren mit einer Plasmapherese zu behandeln, bei der man das Blutplasma aus Ihrem Blut herausfiltert und gegen eine Ersatzlösung austauscht.

Basistherapie

Gegen multiple Sklerose (MS) kommt auch eine dauerhafte Therapie zum Einsatz, um das Fortschreiten der Erkrankung zu hemmen. Diese Basistherapie soll

  • weitere Schübe verhindern oder abschwächen,
  • das Fortschreiten der Behinderung durch die multiple Sklerose verlangsamen,
  • Ihre Lebensqualität erhalten.


Gegen multiple Sklerose sind als Basistherapie Substanzen geeignet, die das Immunsystem beeinflussen, wie:

  • Interferon beta-1a oder
  • Interferon beta-1b oder
  • Glatirameracetat.


Sie verringern nachweislich die Häufigkeit und Dauer einzelner Multiple-Sklerose-Schübe. Im Idealfall kann diese Therapie zur Schubfreiheit führen. Auch der menschliche Körper selbst bildet Interferone, die unter anderem die Bildung von Botenstoffen der Entzündung regulieren.

Als Tablette verabreichtes Interferon beta würden Sie verdauen, ehe es überhaupt wirken könnte. Deshalb besteht die Multiple-Sklerose-Basistherapie mit Interferon beta aus Injektionen: Der Arzt spritzt diesen Wirkstoff entweder alle zwei Tage beziehungsweise mehrmals pro Woche unter Ihre Haut (subkutan) oder einmal pro Woche in Ihre Muskulatur (intramuskulär). Glatirameracetat bekommen Sie täglich unter die Haut gespritzt. Wenn Sie sich zur Multiple-Sklerose-Therapie ungern so häufig Spritzen verabreichen lassen, können Sie sich nur einmal pro Woche ein Interferon-Präparat in die Muskulatur spritzen lassen (oder es sich nach einer Schulung selbst verabreichen). Unter die Haut gespritzt führt dieser Wirkstoff häufiger zu Hautrötungen und Schwellungen an der Einstichstelle beziehungsweise zu allergischen Reaktionen.

Wenn Sie multiple Sklerose haben, ist es ratsam, möglichst früh mit der Basistherapie zu beginnen: Dies kann die Prognose der multiplen Sklerose günstig beeinflussen. Allerdings können Interferone zahlreiche Nebenwirkungen haben. Meist handelt es sich hierbei um grippeähnliche Symptome wie Fieber, Müdigkeit und Kopfschmerzen oder Gliederschmerzen. Interferone wie auch Glatirameracetat sind nicht bei allen Menschen zur Multiple-Sklerose-Therapie geeignet (z.B. nicht während der Schwangerschaft).

Alternativ kommen in solchen Fällen zur Multiple-Sklerose-Therapie intravenöse Immunglobuline (IVIG) infrage. Eine Basistherapie mit bestimmten Immunsuppressiva (z.B. Azathioprin, Mitoxantron) kommt dann zum Einsatz, wenn die multiple Sklerose schwer beziehungsweise stetig stärker werdend verläuft.

Wenn eine multiple Sklerose trotz Therapie mit Interferon beta hochaktiv ist und schubförmig verläuft oder wenn sie rasch fortschreitet und schubförmig nachlässt, bietet sich als alternative Basistherapie der Wirkstoff Natalizumab oder Fingolimod an: Natalizumab ist ein gezielt wirkender Antikörper, der verhindert, dass bestimmte Zellen des Immunsystems an die Innenwand von Blutgefässen im Bereich des Gehirns (Blut-Hirn-Schranke) andocken. Dadurch können diese Immunzellen nicht ins zentrale Nervensystem einwandern, wo sie schwere Entzündungsreaktionen hervorrufen würden. Im Allgemeinen ist Natalizumab gut verträglich. Mögliche Nebenwirkungen der Therapie sind: Kopfschmerzen, Harnwegsinfektionen, Depressionen, leichte Atemwegsinfektionen, Gelenkschmerzen und Müdigkeit. Mit zunehmender Behandlungsdauer steigt allerdings das Risiko für die Entwicklung einer schwerwiegenden, virusbedingten Erkrankung des zentralen Nervensystems: der progressiven multifokalen Leukenzephalopathie (PML). Dieses Risiko ist zusätzlich erhöht, wenn vor der Behandlung mit Natalizumab ein Mittel zum Einsatz kam, das die Immunabwehr unterdrückt (sog. Immunsuppressivum).

Auch Fingolimod hindert krankheitsverursachende Immunzellen daran, ins zentrale Nervensystem einzuwandern, und verringert so die für multiple Sklerose typische Entzündung und Zerstörung von Nervengewebe. Das Besondere an der Multiple-Sklerose-Therapie mit Fingolimod ist, dass Sie den Wirkstoff als Kapsel über den Mund einnehmen können (orale Therapie). Zu den möglichen Nebenwirkungen der Fingolimod-Behandlung gehören: grippeähnliche Symptome, Darmbeschwerden, verlangsamter Herzschlag (Bradykardie), unregelmässiger Herzrhythmus, depressive Verstimmungen sowie Sehprobleme aufgrund einer Schwellung im zentralen Sehbereich der Netzhaut am Augenhintergrund (Makulaödem).

Begleitmassnahmen

Gegen multiple Sklerose (MS) ist auch eine symptomatische Therapie wichtig: Das bedeutet, geeignete Begleitmassnahmen gegen die als störend empfundenen Beschwerden zu ergreifen.

Durch eine symptomatische Multiple-Sklerose-Therapie können Sie Ihre Lebensqualität verbessern und Funktionseinschränkungen, die aufgrund Ihrer MS-Beschwerden entstanden sind, verringern. Einer Gehbehinderung oder Koordinationsstörung können Sie zum Beispiel durch krankengymnastische Übungen (Physiotherapie) entgegenwirken. Auch Störungen der Blasenfunktion und Sexualität sowie Zittern, Schwindel oder Schmerzen, die durch multiple Sklerose bedingt sind, kann man durch entsprechende Begleitmaßnahmen behandeln: teils durch Medikamente, teils mit ergänzenden oder alternativen Therapien (z.B. Beckenbodentraining, Massagen oder Entspannungsmassnahmen).

Typisch für multiple Sklerose ist, dass sich die Symptome durch Hitze verstärken: zum Beispiel bei Fieber, körperlicher Anstrengung (z.B. Sport) oder hohen Umgebungstemperaturen im Sommer. Daher kommen in solchen Situationen zur symptomatischen Multiple-Sklerose-Therapie auch Begleitmassnahmen infrage, um den Körper abzukühlen. Hierzu sind inzwischen verschiedene Kleidungsstücke mit Kühlelementen (z.B. Kühlweste) verfügbar, mit denen Sie wärmebedingte Multiple-Sklerose-Symptome und somit Ihre Lebensqualität verbessern können.

Multiple Sklerose (MS) nimmt typischerweise einen dauerhaften Verlauf, der im Wesentlichen eine der folgenden Formen zeigt:

  • Schubförmig wiederkehrende multiple Sklerose: Es kommt im Verlauf weniger Tage zu plötzlichen Beschwerden. Diese halten mehrere Tage bis Wochen an und bilden sich anschliessend wieder (meist vollständig) zurück. Je länger die Symptome bestehen, desto wahrscheinlicher bleiben jedoch Restschäden zurück. Zwischen zwei Schüben vergehen durchschnittlich ein halbes bis drei Jahre, in seltenen Fällen mehr.
  • Primär chronisch fortschreitende (progrediente) multiple Sklerose: Der Verlauf der Beschwerden beziehungsweise Behinderungen ist von Anfang an schleichend, aber stetig fortschreitend. Akute Multiple-Sklerose-Schübe treten nicht auf.
  • Sekundär chronisch fortschreitende multiple Sklerose: Die Anzahl auftretender Schübe verringert sich im Verlauf der Erkrankung, bis neue Schübe schliesslich ganz ausbleiben. Die durch die multiple Sklerose hervorgerufene Behinderung schreitet jedoch stetig fort.

Allgemein gilt, dass eine frühzeitige und angemessene Therapie eine multiple Sklerose in ihrem Verlauf günstig beeinflussen kann. Daher ist es wichtig, die multiple Sklerose frühzeitig zu erkennen und zu behandeln. Eine vollständige Heilung der Erkrankung ist derzeit jedoch nicht möglich.

Eine Schwangerschaft und Geburt wirkt sich nicht negativ auf den Multiple-Sklerose-Verlauf aus. Während der Schwangerschaft nimmt die Häufigkeit der Schübe sogar ab. Unmittelbar nach der Entbindung kann sie wieder leicht erhöht sein.

Ein Kind von Eltern mit multipler Sklerose hat mit 3 Prozent ein – im Vergleich zur Gesamtbevölkerung – zwar 30-fach erhöhtes Risiko, ebenfalls eine multiple Sklerose zu entwickeln. Dennoch entwickeln die meisten Kinder (97%) mit betroffenem Elternteil selbst keine MS.

Prognose

Da der Multiple-Sklerose-Verlauf von Fall zu Fall sehr unterschiedlich ist, ist eine allgemeine Prognose nicht möglich.

In seltenen Fällen nimmt die multiple Sklerose einen gutartigen Verlauf: Dann verspüren die Betroffenen zwischen den weit auseinander liegenden Schüben über Jahre hinweg keine Verschlechterung oder bemerken nur minimale Behinderungen, die ein normales Alltags- und Berufsleben zulassen; eine solche milde multiple Sklerose verkürzt auch nicht die Lebenserwartung. Andererseits kann multiple Sklerose vereinzelt auch eine sehr schlechte Prognose haben und innerhalb weniger Jahre zu schweren Behinderungen bis hin zum Tod führen.

Allgemein hat die multiple Sklerose eine bessere Prognose als häufig angenommen: Nach einer mittleren Krankheitsdauer von 18 Jahren ist noch etwa ein Drittel der Menschen mit multipler Sklerose voll berufstätig oder arbeitet relativ uneingeschränkt im Haushalt. Ein günstiger Multiple-Sklerose-Verlauf ist vor allem dann zu erwarten, wenn sich die Symptome nach dem ersten Krankheitsschub weitgehend oder vollständig zurückbilden.

Da die Ursachen für multiple Sklerose (MS) noch nicht geklärt sind, können Sie ihr nicht vorbeugen – allerdings ist es möglich, den Krankheitsverlauf günstig zu beeinflussen: Wer seine multiple Sklerose frühzeitig und dauerhaft behandeln lässt, verringert die Häufigkeit der Schübe.

Wenn Sie Multiple-Sklerose-Schüben vorbeugen möchten, ist es zusätzlich ratsam, alle Risikofaktoren zu meiden, die einen Schub auslösen könnten. Hierzu gehören:

  • Infektionen, vor allem Virusinfektionen (z.B. die Grippe)
  • bestimmte aktive Impfungen sowie die Behandlung von Allergien durch Hyposensibilisierung
  • Medikamente, die das Immunsystem beeinflussen (z.B. Präparate mit Sonnenhut bzw. Echinacea)
  • Stresssituationen (z.B. Operationen und größere Verletzungen)
  • Schwankungen im Hormonhaushalt