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1. Überblick

Bei Nachtblindheit (Hemeralopie) ist die Sehleistung in Dämmerung und Dunkelheit deutlich vermindert, was zum Beispiel beim Autofahren grosse Probleme bereiten kann.

Wer nachtblind ist, hat bei Nacht Sehprobleme, weil sich die Augen nicht an die Dunkelheit anpassen können. Grund für diese gestörte Dunkeladaption ist ein Funktionsausfall der für das Dämmerungssehen verantwortlichen Sinneszellen (sog. Stäbchen) in der Netzhaut des Auges. Die Nachtblindheit kann erbliche oder erworbene Ursachen haben:

  • Eine erbliche Form von Nachtblindheit ist zum Beispiel die angeborene (kongenitale) stationäre Nachtblindheit, die von Geburt an während des ganzen Lebens unverändert besteht. Nachtblindheit ist aber auch das Ergebnis von Vererbung, wenn sie sich im Verlauf einer Erbkrankheit wie der Retinopathia pigmentosa (einer Netzhauterkrankung) langsam immer stärker entwickelt.
  • Eine erworbene Nachtblindheit kann zum Beispiel die Folge von Vitamin-A-Mangel sein oder im Rahmen verschiedener Augenerkrankungen auftreten.

Nachtblinde Menschen nehmen ihre Schwierigkeit, in der Dämmerung oder Dunkelheit zu sehen, oft kaum wahr, da die Nachtblindheit schon immer bestand oder sich die Symptome nur langsam entwickeln. Daher erfolgt auch bei angeborenen Formen von Hemeralopie die Diagnose oft erst zwischen dem 10. und 20. Lebensjahr. Ob jemand nachtblind ist, kann der Augenarzt durch einen Test mit dem sogenannten Adaptometer feststellen: Dabei misst er die Sehleistung sowie die Hell-/Dunkeladaptation der Augen. Neben der Nachtblindheit kann der Test auch zeigen, ob zum Beispiel eine zusätzliche Nachtkurzsichtigkeit oder eine erhöhte Blendungsempfindlichkeit besteht.

Bei Nachtblindheit sind die Möglichkeiten der Behandlung begrenzt und ebenso wie die Prognose wesentlich von der zugrunde liegenden Ursache abhängig. Eine Brille gegen die Nachtsehschwäche gibt es nicht. Auch vorbeugen kann man einer Nachtblindheit nur bedingt: So ist eine gesunde Ernährung mit ausreichender Zufuhr von Vitamin A (auch während der Schwangerschaft und Stillzeit) wichtig, um zu verhindern, dass ein Vitamin-A-Mangel eine Hemeralopie auslöst.

2. Definition

Der Begriff Nachtblindheit (auch Hemeralopie oder Nyktalopie genannt) bezeichnet per Definition eine Sehstörung, die durch ein vermindertes Dämmerungssehen beziehungsweise Nachtsehen gekennzeichnet ist: Wer nachtblind ist, hat eine deutlich verminderte Sehfähigkeit, sobald es dämmert beziehungsweise dunkel ist. Meist sind beide Augen von Nachtblindheit betroffen.

Dunkeladaption

Bei der Nachtblindheit (Hemeralopie) ist die sogenannte Dunkeladaptation gestört, also die Fähigkeit des Menschen, die Augen an die Dunkelheit anzupassen. Diese Störung ist die Folge eines Funktionsausfalls bestimmter reizaufnehmender Zellen (der sog. Rezeptoren) in der Netzhaut des Auges.

In der Netzhaut finden sich verschiedene Rezeptoren: sogenannte Stäbchen und Zapfen. Diese Rezeptoren bestimmen im Zusammenspiel mit der Pupille die Anpassung (Adaption) an unterschiedliche Lichtverhältnisse und ermöglicht es dem Menschen normalerweise, sowohl am Tag als auch in der Dämmerung zu sehen. Die Stäbchen und Zapfen registrieren ins Auge einfallendes Licht und wandeln es in elektrische Impulse um, die über den Sehnerv zum Gehirn gelangen. Die Zapfen sind dabei für das Sehen am Tag verantwortlich und können verschiedene Farbqualitäten unterscheiden. Stäbchen hingegen arbeiten vorwiegend in der Dämmerung. Die bei Nachtblindheit gestörte Dunkeladaption beruht auf einem Funktionsausfall der Stäbchen.

Bei der Aktivierung und Deaktivierung der Stäbchen und Zapfen spielt das in beiden Rezeptortypen enthaltene Eiweiss Rhodopsin (Sehpurpur) eine Rolle: Einfallendes Licht verändert Rhodopsin in seiner Zusammensetzung, die sich aber in der Dunkelheit wieder regenerieren kann. Die Anpassung der Augen an helles Licht erfolgt relativ schnell, während die Dunkeladaption etwa 30 bis 50 Minuten dauert. Bei Nachtblindheit ist jedoch schon nach etwa 5 Minuten die grösstmögliche Anpassung an die Dunkelheit erreicht.

3. Ursachen

Eine Nachtblindheit (Hemeralopie) kann erbliche oder erworbene Ursachen haben. In jedem Fall liegt einer Nachtblindheit ein Funktionsausfall der für das Dämmerungssehen verantwortlichen Sinneszellen (sog. Stäbchen) in der Netzhaut des Auges zugrunde, der eine Dunkeladaptation unmöglich macht: Das bedeutet, dass die Betroffenen ihre Augen nicht an die Dunkelheit anpassen können.

Bei einer erblich bedingten Nachtblindheit kann diese gestörte Dunkeladaptation sowohl angeboren sein als auch erst im Lauf des Lebens auftreten:

  • Die angeborene (kongenitale) stationäre Nachtblindheit besteht von Geburt an und bleibt in der Regel während des gesamten Lebens unverändert bestehen. Als Ursachen kommen verschiedene spontane Veränderung im Erbgut (sog. Mutationen) infrage, die eine Funktionsstörung der Stäbchen hervorrufen.
  • Eine Hemeralopie kann auch (das meist erste) Anzeichen für die Retinopathia pigmentosa sein: Bei dieser erblichen Netzhauterkrankung gehen zunächst die Stäbchen zugrunde – erst im Randbereich der Netzhaut, später auch zur Mitte hin. Die Nachtblindheit nimmt dabei typischerweise zu.

Wer eine erbliche Nachtblindheit hat, kann die zugrunde liegende Erbkrankheit durch Vererbung auch an die eigenen Nachkommen weitergeben. Je nach Ursachen für die Hemeralopie können zusätzlich zum gestörten Dämmerungs- und Nachtsehen eine Kurzsichtigkeit oder auch Veränderungen der für das Sehen am Tag verantwortlichen Sinneszellen der Netzhaut (der sog. Zapfen) bestehen.

Eine erworbene Nachtblindheit entsteht erst im Lauf des Lebens. Zu den möglichen Ursachen gehören:

  • Vitamin-A-Mangel: Vitamin A ist für die Regeneration von Rhodopsin (Sehpurpur) nötig, das bei der Aktivierung und Deaktivierung der Sinneszellen in der Netzhaut eine Rolle spielt. Ein Mangel an Vitamin A tritt entweder durch ungenügende Zufuhr des Vitamins, durch eine Störung der Vitamin-A-Aufnahme in den Körper, bei Magen-Darm-Erkrankungen oder bei Leberversagen auf.
  • Trübungen/Ablagerungen im Auge: Auch erhebliche Trübungen der Hornhaut oder der Linse sowie Eisenablagerungen im Auge (Siderosis) können mitunter eine Nachtblindheit auslösen.
  • Netzhaut- und Sehnerverkrankungen: Auch verschiedene Erkrankungen der Netzhaut oder des Sehnervs, wie beispielsweise das Glaukom, können mit der Zeit zu einer gestörten Anpassung an das Sehen in Dunkelheit führen.

4. Symptome

Die für Nachtblindheit (Hemeralopie) kennzeichnenden Symptome sind Sehprobleme in der Dämmerung und nachts, die durch eine gestörte Anpassung der Augen an Dunkelheit (sog. Dunkeladaption) entstehen. Je nach Ursache für das verminderte Dämmerungs- und Nachtsehen bestehen diese die Symptome von Geburt an oder entwickeln sich im Lauf der Zeit.

Nachtblinde Menschen nehmen ihre Schwierigkeit, in der Dämmerung oder Dunkelheit zu sehen, häufig kaum wahr, da sich die Symptome der Nachtblindheit nur langsam entwickeln oder schon immer vorhanden waren. Die zentrale Sehschärfe bei Helligkeit, das Gesichtsfeld und das Farbsehvermögen sind durch die Hemeralopie nicht beeinträchtigt.

Je nachdem, welche Ursache eine Nachtblindheit hat, können allerdings neben der verminderten Fähigkeit der Augen, sich an die Dunkelheit anzupassen, weitere Beschwerden auftreten: Mögliche zusätzliche Symptome bei einer angeborenen (kongenitalen) Nachtblindheit sind Kurzsichtigkeit oder ein Augenzittern (Nystagmus). Wenn beispielsweise die Retinopathia pigmentosa – eine erbliche Netzhauterkrankung – die Nachtblindheit hervorgerufen hat, ist auch das Gesichtsfeld deutlich eingeschränkt. Bei Leberversagen können die Augen zusätzlich zur (im Spätstadium durch Vitamin-A-Mangel bedingten) Hemeralopie Farbsehstörungen und eine ausgeprägte Trockenheit entwickeln.

5. Diagnose

Bei Nachtblindheit (Hemeralopie) kann zur Diagnose bereits ein Gespräch mit dem Arzt ausreichen. Die bei Nachtblinden gestörte Anpassung (Adaptation) der Augen an Dunkelheit lässt sich durch Untersuchungen mit dem sogenannten Adaptometer überprüfen: Dabei verändert der Augenarzt die Umgebungsbeleuchtung und misst die Sehleistung sowie die Hell-/Dunkeladaptation. Neben der Nachtblindheit kann der Arzt mit dem Test auch die Ausmasse der Störung ermitteln, zum Beispiel eine zusätzliche Nachtkurzsichtigkeit oder eine erhöhte Blendungsempfindlichkeit. Aussagen über Letztere sind vor allem bei nächtlichem Autofahren wichtig.

Steht die Diagnose der Nachtblindheit fest, ist es notwendig, nach den Ursachen für die in Dämmerung und Dunkelheit verminderte Sehleistung zu suchen. Hierbei ist es zum Beispiel hilfreich, den Augenhintergrund und die Funktion der gesamten Netzhaut zu untersuchen. Die Überprüfung der Netzhaut erfolgt mit einem sogenannten Elektroretinogramm: Das Gerät misst die Aktivität der reizaufnehmenden Zellen (Rezeptoren: Stäbchen und Zapfen) der Netzhaut bei angebotenen Reizen. Es ist jedoch nicht gezielt auf Hemeralopie und auf die Funktion der für das Dämmerungssehen verantwortlichen Stäbchen ausgerichtet – auch Veränderungen der für das Sehen am Tag verantwortlichen Zapfen können das Gerät beeinflussen.

6. Therapie

Die gegen eine Nachtblindheit (Hemeralopie) eingesetzte Therapie hängt in hohem Mass von der Ursache für das gestörte Dämmerungs- und Nachtsehen ab:

Eine durch Vitamin-A-Mangel entstandene Nachtblindheit können Sie erfolgreich behandeln, indem Sie Vitamin A einnehmen. Wenn Sie jedoch eine angeborene (kongenitale) Nachtblindheit haben, kann in der Regel keine Therapie die Ursachen der Nachtsehstörung abstellen. Dies bedeutet: Die Hemeralopie ist dann nicht heilbar. Ist die Nachtblindheit durch eine andere Erkrankung entstanden, zielt die Behandlung auf deren Ursache oder Symptome ab.

Anders als andere Störungen der Sehfähigkeit (wie z.B. Kurzsichtigkeit) können Sie eine Nachtblindheit nicht durch eine Brille korrigieren.

7. Verlauf

Bei der Nachtblindheit (Hemeralopie) hängt der Verlauf von den Ursachen für die im Dunkeln verminderte Sehfähigkeit ab:

Eine erblich bedingte Nachtblindheit kann sehr unterschiedlich verlaufen: Die angeborene (kongenitale) Nachtblindheit bleibt ein Leben lang bestehen, wobei sie sich in der Regel im Lauf des Lebens weder verstärkt noch abschwächt. Entsteht die Hemeralopie im Verlauf einer erblichen Retinopathia pigmentosa, ist das Dämmerungs- und Nachtsehen typischerweise zunehmend vermindert.

Die erworbenen Formen von Nachtblindheit können einen zeitlich begrenzten Verlauf nehmen und haben oftmals eine bessere Prognose, die allerdings ebenfalls von der zugrunde liegenden Ursache abhängig ist.

Wer vorübergehend oder chronisch nachtblind ist, gestaltet sein nächtliches Umfeld am besten so, dass es sich trotz Nachtblindheit gut meistern lässt.

8. Vorbeugen

Einer Nachtblindheit (Hemeralopie) können Sie nur bedingt vorbeugen: So ist ausreichende Zufuhr von Vitamin A durch gesunde Ernährung (auch während der Schwangerschaft und Stillzeit) hilfreich, um zu verhindern, dass ein Vitamin-A-Mangel Sie nachtblind macht.

Einer erblich bedingten Hemeralopie können Sie nicht vorbeugen. Wenn bei Ihnen eine erbliche Nachtblindheit besteht, können Sie jedoch durch eine genetische Beratung feststellen lassen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass Sie die Augenerkrankung an Ihre Kinder vererben.