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Veröffentlicht am 08.07.2021

1. Überblick

Wenn jemand ungewöhnlich oder übertrieben reagiert, bezeichnet man sein Verhalten schnell als neurotisch. Aber was ist damit eigentlich gemeint?

Neurose ist ein (veralteter) Oberbegriff für eine psychische Störung ohne erkennbare körperliche Ursache. In den aktuellen Diagnosesystemen findet die Neurose als Sammelbegriff für verschiedene psychische Störungen keine Anwendung mehr. Stattdessen teilt man die ursprünglich als Neurosen bezeichneten psychischen Störungen in unterschiedliche Gruppen ein. Dazu zählen zum Beispiel

  • Angststörungen, z.B. soziale Phobie oder spezifische Phobien wie die Flugangst oder die Klaustrophobie
  • Zwangsstörungen
  • dissoziative Störungen, z.B. multiple Persönlichkeitsstörung, Depersonalisations-Derealisationssyndrom
  • somatoforme Störungen, z.B. Hypochondrie oder somatoforme autonome Funktionsstörung
  • neurotische Depression
Eine Frau wäscht ihre Hände mit extremer Gründlichkeit

Der Begriff Neurose beschrieb früher eine Reihe psychischer Erkrankungen wie zum Beispiel Zwangsstörungen.

Quelle: Getty Images

2. Definition von Neurose

Der Begriff Neurose ist veraltet und in der Medizin heute kaum noch gebräuchlich. Einer der Gründe dafür ist, dass die darunter zusammengefassten psychischen Störungen zu verschieden sind und sich zu unterschiedlich äussern.

Bedeutung bekam der Neurosebegriff vor allem durch die Psychoanalyse. In dieser psychologischen Schule sind zahlreiche Theorien der Neurose (Neurosenlehre) entstanden. Insbesondere Sigmund Freud hat den Begriff der Neurose geprägt.

Die Neurose galt früher als Gegenstück zur Psychose:

  • Bei einer Psychose ist der Bezug zur Realität oder zum eigenen Selbst gestört. Zum Beispiel hat die Person Wahnvorstellungen oder Halluzinationen. Die Bandbreite der möglichen Symptome ist gross. Allen Psychosen gemeinsam ist jedoch, dass der Person in der Regel nicht oder nur eingeschränkt bewusst ist, dass sie krank ist. Wenn sie etwa akustische Halluzinationen hat und dabei Stimmen hört, ist sie fest davon überzeugt, die Stimmen seien real.
  • Ein Neurotiker ist sich hingegen seines Zustands bewusst. Ein Beispiel ist eine Person mit einer Spinnenphobie: Der Betroffene weiss genau, dass seine Angst vor Spinnen hierzulande völlig unbegründet ist, kann dieses Gefühl jedoch nur schwer in den Griff bekommen.

3. Ursachen von Neurose

Je nach psychologischer Ausrichtung gibt es unterschiedliche Theorien über die Ursachen einer Neurose.

Anhänger der Psychoanalyse gehen davon aus, dass eine Neurose auf unbewusste, nicht gelöste Konflikte zurückzuführen ist, die in der Kindheit entstanden sind. Vor allem unterdrückte Ängste und sexuelle Schwierigkeiten spielen dabei eine Rolle. Störungen in der frühkindlichen Entwicklung bleiben nach dieser Ansicht als Komplex im Unbewussten bestehen und haben je nach Art der Störung unterschiedliche neurotische Reaktionen zur Folge. Die Symptome der Neurose werden dabei als Versuch interpretiert, den unbewussten Konflikt zu lösen oder zu verdrängen.

Aus lerntheoretischer Sicht entsteht eine Neurose durch eine erlernte Fehleinschätzung/Fehlanpassung an Situationen oder Beziehungen. Erlernte Muster, die für eine Person in der Vergangenheit einmal nützlich waren, sind in der aktuellen Situation unpassend geworden.

4. Symptome von Neurose

Die Symptome einer Neurose sind sehr vielfältig – denn die Neurose ist lediglich ein (veralteter) Oberbegriff für eine Vielzahl von Störungen. Einige Beispiele für mögliche Symptome:

  • Bei einer Phobie stehen Ängste im Vordergrund, die sich auf eine bestimmte Situation, Person oder ein bestimmtes Objekt beziehen – etwa auf Spinnen, Autofahren oder Fahrstühle.
  • Typische Symptome einer Zwangsstörung sind sich immer wiederholende Handlungen (Zwangshandlungen) oder Gedanken.
  • Bei einer generalisierten Angststörung lebt eine Person nahezu in permanenter Sorge um ganz unterschiedliche Themen.
  • Bei einer Hypochondrie ist die Person fest davon überzeugt, an einer ernsten Krankheit zu leiden, auch, wenn ärztliche Untersuchungen ergebnislos blieben.

Darüber hinaus sind Erkrankungen, die man früher zu den Neurosen zählten, oft mit körperlichen Symptomen verbunden – zum Beispiel mit Herzrasen, Schweißausbrüchen oder Magenproblemen. Auch das Gedächtnis und die Konzentrationsfähigkeit können beeinträchtigt sein.

5. Diagnose von Neurose

Der Begriff Neurose ist in den aktuellen Systemen zur Diagnose nicht mehr als Sammelbegriff zu finden. Die Neurose existiert von daher als Diagnose nicht mehr.

6. Therapie von Neurose

Die bei einer sogenannten Neurose eingesetzten Therapie hängt davon ab, welche Störung genau vorliegt: So wird zum Beispiel eine Phobie ganz anders behandelt als eine somatoforme Störung.

Darüber hinaus spielt bei der Wahl der Therapie eine Rolle, wie schwer die Erkrankung ist und welche Therapieform die Person bevorzugt.

In der Regel wird eine zu den Neurosen zählende Störung mit

  • Psychotherapie und/oder
  • Psychopharmaka behandelt.

Es gibt viele unterschiedliche Formen der Psychotherapie. Die Krankenkassen übernehmen in der Regel die Kosten für ärztliche

  • Verhaltenstherapie,
  • analytische Psychotherapie und
  • tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie.