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Polio

(Poliomyelitis)
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1. Überblick

Polio (Poliomyelitis, Kinderlähmung) ist eine hochansteckende Infektionskrankheit, die zu bleibenden Lähmungen und zum Tod führen kann. Hierzulande ist Polio durch die vorbeugende Impfung seit Jahrzehnten sehr selten.

Allerdings nimmt die Durchimpfung in der Gesellschaft heutzutage wieder ab. Damit aus den Impflücken kein Risiko für eine neue Polio-Endemie in Europa entsteht, ist es wichtig, dass Kinder wie Erwachsene stets über einen ausreichenden Impfschutz gegen Poliomyelitis verfügen.

Ursache für die Polio sind verschiedene Polioviren (Typ I, II und III). Die Infektion mit den Viren verläuft meist (zu mehr als 95%) unbemerkt beziehungsweise ohne Symptome. In selteneren Fällen beginnt sie mit wenig kennzeichnenden Beschwerden, die meist nach etwa 14 Tagen abklingen. In Einzelfällen (zu etwa 1%) kommt es in der Folge zu Lähmungserscheinungen (darum Kinderlähmung) oder zur Gehirnhautentzündung (Meningitis), was nur symptomatisch behandelbar ist und meist bleibende Schäden hinterlässt, weil keine ausreichend wirksamen Medikamente verfügbar sind. Die Diagnose der Poliomyelitis erfolgt durch den Erregernachweis in Stuhl, Hirnwasser (Liquor) oder Rachensekret.

2. Definition

Polio (Poliomyelitis, Kinderlähmung) ist eine akute fieberhafte Viruserkrankung, deren Erreger bevorzugt die Teile des Rückenmarks befallen, welche die Bewegungen kontrollieren. Dies kann im ungünstigsten Fall zu Lähmungen und Tod führen.

Häufigkeit

Polio weist dank der verfügbaren Schutzimpfung nur noch eine geringe Häufigkeit auf: In der Schweiz und anderen Ländern mit hoher Durchimpfungsrate tritt die Poliomyelitis nur vereinzelt bei Impflücken durch eingeschleppte Erreger auf. Der letzte durch einen Wildvirus ausgelöste Fall trat in der Schweiz 1982 auf.

Die Bekämpfung von Polio durch Impfungen erfolgt weltweit. Es gibt nur vier Länder, in denen bis heute noch gehäuft Polio-Infektionen auftreten: Nigeria, Indien, Pakistan und Afghanistan. Allerdings kann es vor allem durch aus diesen Ländern eingeschleppte Polioviren in bereits poliofreie Gebiete immmer wieder zu Rückschlägen kommen. So traten beispielsweise im Jahr 2010 zum ersten Mal wieder Poliofälle in Europa auf: Durch aus Indien eingeschleppte Polioviren brach die Poliomyelitis in Tadschikistan aus. Das Virus gelangte nachfolgend aus Tadschikistan in die Russische Föderation, nach Kasachstan und Turkmenistan. Dennoch zeigen die weltweiten Massnahmen gegen Polio insgesamt Erfolge: Die Häufigkeit der Polio ist inzwischen auf weltweit unter 1'000 gemeldete Fälle pro Jahr gesunken.

Vor Einführung der Schluckimpfung gegen Polio gab es in den Industrienationen regelmässig verheerende Epidemien: Damals traten Krankheitsverläufe mit Tod, Atemlähmung und zurückbleibenden Schäden mit grosser Häufigkeit auf. Im Jahr 1952 kam es vor allem in den USA zu einer Polio-Epidemie mit geradezu katastrophalen Ausmassen: Rund 58'000 Menschen infizierten sich. Davon starben 3'145 infolge der Krankheit, während 21'259 (also nahezu 37%) bleibende Lähmungserscheinungen davontrugen.

Historisches

Im Jahre 1949 gelang es den US-amerikanischen Wissenschaftlern John Franklin Enders, Frederick Chapman Robbins und Thomas H. Weller, den Erreger der Polio (Poliomyelitis, Kinderlähmung), das Poliovirus, in verschiedenen Geweben zu kultivieren, wofür die drei 1954 den Nobelpreis für Medizin und Physiologie bekamen.

Ab dem Jahr 1952 begann der amerikanische Bakteriologe Jonas Edward Salk mit ersten experimentellen Impfversuchen gegen die Polio. Zunächst probierte er den Impfstoff an sich selbst und anschliessend an seiner Familie aus. Bis zum Jahr 1954 erfolgte in den USA auf diese Weise die Impfung von insgesamt 1,8 Millionen Kindern gegen Poliomyelitis. Diese Salk-Impfung besteht aus dreimaliger Gabe des Impfstoffs per Spritze (Injektion), der abgetötete (inaktive) Polioviren der Erregertypen I, II und III enthält. Die ersten beiden Impfungen erfolgen im Abstand von vier bis sechs Wochen, die dritte frühestens nach sieben Monaten. In Zeiträumen von etwa zehn Jahren war, beziehungsweise ist, jeweils eine Auffrischung erforderlich. Albert Bruce Sabin entwickelte diese Impfungen zu der jahrelang praktizierten Schluckimpfung weiter, die man mit einem Stückchen Zucker verabreichte. 1955 gab die amerikanische Zulassungsbehörde FAD (Food and Drug Administration) den Impfstoff zur allgemeinen Anwendung frei.

Der gegen die Poliotypen I, II, und III wirksame Lebendimpfstoff kam in der Schweiz seit 1961 als Sabin-Schluckimpfung (OPV = orale Polio-Vakzine) zum Einsatz. Die Schluckimpfung gegen Polio ist naturgemäss einfacher als die Impfung per Spritze nach Salk und etwa um ein Drittel preiswerter. Man verabreicht sie im 4., 6. und 18. Lebensmonat. Auch hier ist etwa alle zehn Jahre eine Auffrischung notwendig. Seit dem Jahr 2001 empfiehlt das Bundesamt für Gesundheit jedoch IPV (= inaktivierte Polio-Vakzine) als Polio-Impfstoff, der nun auch zum Einsatz kommt. Die Impfung mit diesem Impfstoff erfolgt per Spritze, also nicht als Schluckimpfung. Er verfügt über eine hohe Wirksamkeit und verursacht keine vakzineassoziierte paralytische Poliomyelitis (VAPP). Auch Menschen mit einer Immunschwäche (Aids) lassen sich ohne Risiko mit diesem Impfstoff impfen. Man ist also zu der alten, aber mittlerweile verbesserten Impfungsart von Salk zurückgekehrt.

3. Ursachen

Erreger

Der Polio (Poliomyelitis, Kinderlähmung) liegen als Ursachen Infektionen mit einem bestimmten Erreger zugrunde: dem sogenannten Poliovirus. Polioviren sind RNA-Viren aus der Gruppe der sogenannten Picornaviren. Es lassen sich drei Typen von Polioviren unterscheiden (Typ I, II, III). Diese Erreger sind hochansteckend.

Übertragung

Für Polio kommen als Ursachen vor allem fäkal-orale Ansteckungen infrage. Das bedeutet: Die Übertragung der hochansteckenden Polioviren erfolgt meist durch Aufnahme von Nahrungsmitteln oder Getränken, die mit infektiösem Kot erkrankter Menschen kontaminiert sind. Dieser Übertragungsweg ist vergleichbar mit dem von Hepatitis A. Eine Übertragung der Poliomyelitis über Tröpfchen – also durch Niesen, Husten, Küssen – ist äusserst selten.

Nach ihrer Übertragung vermehren sich die Polioviren im Körper und lösen erste wenig kennzeichnende Krankheitssymptome aus (= erste Phase der Polio). Nach einem darauffolgenden symptomfreien Intervall dringen die Viren in das zentrale Nervensystem (ZNS) ein und lösen die zweite Phase der Poliomyelitis aus.

Inkubationszeit

Bei der Polio beträgt die Inkubationszeit, also die Zeit von der Infektion bis zum Ausbruch der Krankheit, 3 bis 35 Tage.

4. Symptome

Infektionen mit dem Erreger der Polio (Poliomyelitis, Kinderlähmung) laufen meistens ohne Symptome ab. Wenn es zu Anzeichen einer Erkrankung kommt, sind drei unterschiedlich schwere Krankheitsverläufe möglich:

  • Abortive (gemilderte) Polio: Sechs bis neun Tage nach der Infektion (wobei das Zentralnervensystem, d.h. Gehirn und Rückenmark, nicht infiziert ist) treten wenig kennzeichnende Symptome wie Fieber, Übelkeit, Halsschmerzen, Kopfschmerzen auf.
  • Nicht-paralytische Polio (aseptische Meningitis): Ist das ZNS infiziert, treten drei bis sieben Tage nach abortiver Polio Symptome wie Fieber, Nackensteifigkeit, Rückenschmerzen und Muskelschmerzen auf; betroffen sind etwa 1 bis 2 Prozent der Polio-Infizierten.
  • Paralytische Polio: Ist das ZNS infiziert, können sich auch ein bis zwei Tage nach nicht-paralytischer Polio Symptome wie asymmetrische Lähmungen (v.a. der Beine) und bleibende Körperschäden zeigen; betroffen sind etwa 0,1 bis 1 Prozent der Polio-Infizierten.

Die erste Krankheitsphase der Poliomyelitis äussert sich durch wenig kennzeichnende Symptome:

  • Kopfschmerzen und Gliederschmerzen
  • Appetitlosigkeit
  • Durchfall
  • Fieber
  • Schluckbeschwerden

In der zweiten Krankheitsphase zeigen sich die typischen Symptome der Polio:

  • Hirnhautentzündung (Meningitis)
  • Lähmungen (z.B. auch Atemlähmung, die zum Tod führt)
  • Rückenschmerzen
  • Muskelschmerzen
  • Erhöhte Sensibilität auf äussere Reize

Wenn sich neben der Poliomyelitis zusätzlich bakterielle Infektionen der Luftwege entwickeln, kann dies Atemlähmungen hervorrufen. Ausserdem kann es zu einer Herzmuskelentzündung kommen, die später zu einer Herzschwäche führen kann.

5. Diagnose

Bei Polio (Poliomyelitis, Kinderlähmung) erfolgt die Diagnose zum einen anhand der auftretenden Symptome (Lähmungserscheinungen usw.), zum anderen durch den Erregernachweis.

Während der ersten Krankheitsphase der Polio kommen aufgrund der wenig kennzeichnenden Symptome fast alle fieberhaften Infektionen als Diagnose infrage. Die bei der Poliomyelitis später auftretenden Lähmungen können auch bei Coxsackie- und ECHO-Virus-Infektion, Frühsommer-Meningo-Enzephalitis (FSME), Diphtherie, Neuritis und Guillain-Barré-Syndrom auftreten. Diese Erkrankungen sind daher auszuschliessen, um eine Polio eindeutig diagnostizieren zu können (sog. Differenzialdiagnose).

Mit Beginn der zweiten Krankheitsphase der Poliomyelitis ist eine sogenannte Liquoruntersuchung zur Diagnose geeignet, da nun im Hirnwasser (Liquor) eine Entzündung nachweisbar ist: Diese äussert sich unter anderem durch erhöhte Eiweisswerte und normale Glukosewerte.

Das für Polio verantwortliche Virus lässt sich aus Stuhl, Rachensekret oder Gehirnflüssigkeit isolieren und nachweisen. Aus dem Stuhl (Kot) gelingt die Diagnose durch Virusnachweis zu 80 Prozent innerhalb der ersten 14 Krankheitstage.

6. Therapie

Bei Polio (Poliomyelitis, Kinderlähmung) zielt die Therapie immer darauf ab, die Symptome zu lindern. Eine ursächliche Behandlung ist nicht möglich: Es gibt bisher keine Medikamente, mit denen sich das für Polio verantwortliche Virus direkt bekämpfen lässt. Zu den gegen Polio verfügbaren und geeigneten Behandlungsmassnahmen gehören:

  • strenge Bettruhe, auch schon bei Verdacht auf eine Poliomyelitis-Infektion
  • muskelentspannende, wechselnde Lagerung der Betroffenen bei auftretenden Lähmungen
  • Krankengymnastik
  • eventuell maschinelle Beatmung (bei Atemlähmungen) und intensivmedizinische Betreuung

7. Verlauf

Eine Polio (Poliomyelitis, Kinderlähmung) nimmt in den meisten Fällen einen symptomlosen Verlauf, so dass die Betroffenen nichts von der Infektion merken. Manchmal zeigt sich die Polio durch allgemeine Krankheitssymptome, die meist nach etwa zweiwöchigem Verlauf abklingen (sog. abortiver Verlauf).

Schwere Verläufe, bei denen Lähmungen auftreten, sind bei einer Poliomyelitis selten. Allerdings haben solche Verlaufsformen eine Sterblichkeitsrate (Letalitätsrate) von 2 bis 20 Prozent. Bei etwa 50 Prozent der anfangs vollständig Gelähmten bleiben unterschiedlich schwere Restlähmungen bestehen. In vielen Fällen ist bei Polio mit dem Auftreten von Spätfolgen zu rechnen:

Post-Polio-Syndrom (PPS)

Nach einer überstandenen Polio können im weiteren Verlauf des Lebens (manchmal erst nach Jahrzehnten) als Post-Polio-Syndrom (PPS) bezeichnete Spätfolgen auftreten: Darunter versteht man eine nach einer Polioinfektion auftretende Schwäche, die mit Muskelschwund, Schmerzen und völligen Erschöpfungszuständen verbunden ist. Das Post-Polio-Syndrom kann nach jeder Verlaufsform der Polio auftreten – auch wenn während der Infektion keine Krankheitszeichen aufgetreten sind.

Das Post-Polio-Syndrom verläuft fortschreitend. Die Ursachen für die Beschwerden sind weder mit bildgebenden Verfahren noch labordiagnostisch nachweisbar. Möglicherweise steckt diese Spätfolge der Poliomyelitis hinter vielen Erkrankungen, deren Gründe weitgehend im Dunklen liegen (z.B. chronisches Erschöpfungssyndrom). Bei einem Post-Polio-Syndrom ist es zur Therapie vor allem wichtig, den Mangel an in den Muskeln wirksamem L-Carnitin (Gamma-Trimethylamino-beta-Hydroxybuttersäure) auszugleichen. Carnitin spielt bei der Energiegewinnung von Zellen und damit des Organismus eine Rolle.

8. Vorbeugen

Der Polio (Poliomyelitis, Kinderlähmung) können Sie am besten mit einer Impfung vorbeugen. Durch den Impfschutz infolge konsequenter Massenimpfungen ist es in vielen Ländern gelungen, die Polio nahezu vollständig auszurotten.

Zur Vorbeugung von Polio kommt seit dem Jahr 2001 in der Schweiz nicht mehr die Schluckimpfung zum Einsatz, sondern der Polio-Impfstoff IPV (= inaktivierte Polio-Vakzine). Diesen Impfstoff verabreicht man per Spritze. Auch wenn Sie eine Immunschwäche (Aids) haben, können Sie sich ohne Risiko gegen die Poliomyelitis impfen lassen.