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  4. Polymyalgia rheumatica

Von Veröffentlicht am 01.01.1970

1. Überblick

Die Polymyalgia rheumatica (PMR, kurz: Polymyalgie) ist eine entzündlich-rheumatische Erkrankung, bei der es zu reissenden Muskelschmerzen kommt – vor allem im Schultergürtel, im Nacken, in den Oberarmen, im Beckengürtel und in den Oberschenkeln.

Typischerweise treten diese Schmerzen bei der Polymyalgia rheumatica beidseitig auf und sind nachts beziehungsweise morgens am stärksten. Die betroffenen Muskeln sind vor allem am Morgen steif und unbeweglich. Weitere mögliche Polymyalgie-Symptome sind zum Beispiel:

Meistens tritt die Polymyalgia rheumatica nach dem 65. Lebensjahr auf. Die entzündlich-rheumatische Krankheit ist eine Autoimmunerkrankung, was bedeutet: Das Immunsystem der Betroffenen ist fehlgesteuert und richtet sich gegen den Körper selbst. Die genauen Ursachen hierfür sind unbekannt. Oft entzünden sich bei der Polymyalgia rheumatica grössere Blutgefässe; jeder zweite Mensch mit Polymyalgie hat gleichzeitig eine Gefässentzündung (Vaskulitis) der Schläfenarterie oder anderer Gefässe des Kopfs (sog. Arteriitis temporalis).

Um festzustellen, ob eine Polymyalgia rheumatica für Muskelschmerzen verantwortlich ist, sind eine Blutuntersuchung und die Gabe von Kortison hilfreich: Steckt eine Polymyalgia rheumatica hinter den Beschwerden, sprechen die Betroffenen sofort auf die Medikamente an. Eventuell kann eine Gefäss- beziehungsweise Muskelgewebeprobe (Biopsie) zur Diagnose beitragen.

Zur Polymyalgie-Therapie kommen vor allem Kortisonpräparate zum Einsatz: Sie lindern die Beschwerden schnell und wirkungsvoll. Damit ist die Behandlung aber nicht beendet: Insgesamt ist mit einer Behandlungsdauer von mindestens einem Jahr zu rechnen. Wie hoch dosiert das Kortison dabei sein muss, ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Um mögliche Nebenwirkungen der Kortisonbehandlung (wie Osteoporose) zu vermeiden, ist es ratsam, zusätzlich Kalzium und Vitamin D aufzunehmen. Ergänzend bieten sich bei der Polymyalgia rheumatica ausserdem sogenannte Immunsuppressiva an, also Medikamente, welche die Immunabwehr des Körpers vermindern.

 

Rechtzeitig erkannt und angemessen behandelt hat die Polymyalgia rheumatica eine günstige Prognose.
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2. Definition

Der Begriff Polymyalgia rheumatica (PMR), kurz Polymyalgie genannt, bezeichnet per Definition eine entzündlich-rheumatische Autoimmunerkrankung, die vor allem durch Schmerzen der Schulter- und Beckengürtelmuskulatur gekennzeichnet ist (griech. poly = viel, Myalgie = Muskelschmerz). Darüber hinaus finden sich bei der Polymyalgia rheumatica typischerweise deutliche Entzündungszeichen im Blut.

Oft entzünden sich bei der Polymyalgia rheumatica grössere Blutgefässe. Betrifft die Gefässentzündung (Vaskulitis) die Schläfenarterie oder andere Gefässe des Kopfs, bezeichnet man dies als Arteriitis temporalis: Bei jedem zweiten Fall von Polymyalgia rheumatica liegt gleichzeitig eine Arteriitis temporalis vor.

Häufigkeit

Die Polymyalgia rheumatica (PMR) tritt mit extrem geringer Häufigkeit vor dem 50. Lebensjahr auf – in der Regel sind die Betroffenen über 60 Jahre alt. Frauen sind etwa 3-mal häufiger betroffen als Männer.

3. Ursachen

Worin eine Polymyalgia rheumatica (PMR, kurz: Polymyalgie) ihre Ursachen hat, ist weitgehend unbekannt. Ebenso wie viele andere entzündlich-rheumatische Erkrankungen ist die Polymyalgia rheumatica mit einem fehlgesteuerten Immunsystem verbunden: Das Immunsystem richtet sich nicht gegen eindringende Krankheiterreger, sondern gegen den Körper selbst. Somit zählt die Polymyalgia rheumatica zu den sogenannten Autoimmunerkrankungen. Eine mögliche Ursache für ihre Entstehung könnte sein, dass die im Blut zirkulierenden Zellen des Immunsystems bei Menschen höheren Alters dazu neigen, ausser Kontrolle zu geraten – also unkontrolliert Botenstoffe (sog. Zytokine) zu bilden und so eine Entzündung zu verursachen, die den gesamten Körper betrifft.

Dass sich bei vielen Menschen mit Polymyalgia rheumatica grössere Blutgefässe entzünden, kann seine Ursachen ebenfalls in ausser Kontrolle geratenen Immunzellen haben. Eine solche Gefässentzündung bezeichnet man auch als Vaskulitis. Sind die Schläfenarterie oder andere Gefässe des Kopfs entzündet, bezeichnet man dies als Arteriitis temporalis. Bei jedem zweiten Betroffenen liegt zusammen mit der Polymyalgia rheumatica eine Arteriitis temporalis vor.

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4. Symptome

Die für eine Polymyalgia rheumatica (PMR, kurz: Polymyalgie) kennzeichnenden Symptome sind reissende Muskelschmerzen, vor allem im Schultergürtel, im Nacken, in den Oberarmen, im Beckengürtel und in den Oberschenkeln. Typisch für die Polymyalgia rheumatica ist eine beidseitige Schmerzverteilung. Die Schmerzen setzen meist sehr plötzlich ein. Meistens nehmen die Polymyalgie-Symptome auch einen typischen zeitlichen Verlauf: Sie beginnen nachts, erreichen morgens ihre höchste Stärke und nehmen dann zum Abend hin wieder ab. Die Muskeln sind vor allem in den Morgenstunden steif und unbeweglich.

Neben den Schmerzen und der Steifigkeit der Muskeln verursacht die Polymyalgia rheumatica oft folgende zusätzliche Symptome:

Gelegentlich entwickelt sich bei einer Polymyalgia rheumatica auch Fieber oder eine erhöhte Temperatur. Gelenkschmerzen können hinzukommen, sind aber meist im Hintergrund stehende Symptome.

Wenn Kopfschmerzen oder Sehstörungen als weitere Polymyalgie-Symptome auftreten, kann dies ein Anzeichen dafür sein, dass die Blutgefässe des Kopfs an der entzündlich-rheumatischen Erkrankung mitbeteiligt sind. Dies geschieht bei der Polymyalgia rheumatica häufig: In etwa der Hälfte aller Fälle tritt die Autoimmunerkrankung zusammen mit einer Entzündung der Schläfenarterie (sog. Arteriitis temporalis) auf.

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5. Diagnose

Bei einer Polymyalgia rheumatica (PMR, kurz: Polymyalgie) stellt der Arzt die Diagnose anhand der geschilderten Symptome (Anamnese) und mithilfe verschiedener Untersuchungen:

  • Laboruntersuchungen: Liegt eine Polymyalgia rheumatica vor, finden sich bei einer Blutuntersuchung fast immer die typischen Anzeichen einer schweren Entzündung. Vor allem die Blutsenkungsgeschwindigkeit ist bei der entzündlich-rheumatischen Erkrankung stark erhöht.
  • Feingewebliche Untersuchungen (Histologie): Besteht der Verdacht, dass auch Gefässe entzündet sind (Vaskulitis), kann der Arzt eine Gewebeprobe der Schläfenarterie entnehmen und unter dem Mikroskop untersuchen (Biopsie). In etwa 30 Prozent der Fälle zeigt sich dabei das typische Bild einer sogenannten Riesenzellarteriitis mit charakteristischen mehrkernigen Riesenzellen, die in der entzündeten Gefässwand unregelmässig verteilt sind. Dieser Nachweis unterstützt die Diagnose der Polymyalgia rheumatica.

Als sehr wahrscheinlich gilt die Polymyalgia-rheumatica-Diagnose, wenn mindesten drei der sieben folgenden Kriterien erfüllt sind:

  • beidseitige Schulterschmerzen und/oder Steifigkeit beziehungsweise Schmerzen in Nacken, Oberarmen, Gesäss oder Oberschenkel
  • plötzlich und heftig einsetzender Krankheitsbeginn innerhalb von zwei Wochen
  • auf mehr als 40 Millimeter pro Stunde erhöhte Blutsenkungsgeschwindigkeit
  • morgendliche Muskelsteifigkeit, die länger als eine Stunde andauert
  • Alter der Betroffenen beträgt über 65 Jahre
  • Depressionen und/oder Gewichtsverlust
  • an beiden Oberarmen durch Druck auslösbare Schmerzen

Wenn Menschen mit Polymyalgia rheumatica Kortisonpräparate bekommen, bessern sich ihre Beschwerden typischerweise sofort. Daher gilt dieses sofortige Ansprechen auf Kortison bei der Polymyalgia rheumatica als entscheidendes diagnostisches Zeichen. Bleibt es aus, sind bei der Diagnose andere Erkrankungen (z.B. eine versteckte Infektion oder ein Tumor) in Betracht zu ziehen, die ähnliche Symptome verursachen können.

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6. Therapie

Bei einer Polymyalgia rheumatica (PMR, kurz: Polymyalgie) kommen zur Therapie Kortisonpräparate zum Einsatz, die Ihre Beschwerden schnell lindern: Schon ein paar Stunden – spätestens ein paar Tage – nach Beginn der Behandlung bessern sich die Polymyalgie-Symptome durch Kortison deutlich.

Zu Beginn der Polymyalgie-Therapie erhalten Sie das Kortison in höherer Dosierung; im weiteren Verlauf der Behandlung setzt der Arzt die Dosis langsam (über Wochen bzw. Monate) herab. Um möglichen Nebenwirkungen von Kortison (z.B. Gewichtzunahme oder auch Osteoporose) entgegenzuwirken, erhalten Sie zusätzlich Kalzium und Vitamin D.

Wichtig bei der Polymyalgie-Therapie ist: Auch wenn Ihnen dank des Kortisons die Polymyalgia rheumatica nach kurzer Zeit keine Beschwerden mehr bereitet, dürfen Sie das Medikament auf keinen Fall plötzlich absetzen, denn: Dann können plötzliche Gefässverschlüsse entstehen und zu einem Schlaganfall führen.

Wie lange die Kortisonbehandlung bei der Polymyalgia rheumatica dauert und wie hoch dosiert das Medikament ist, ist von Fall zu Fall unterschiedlich: Die genaue Polymyalgie-Therapie hängt von Ihren Beschwerden sowie von den Entzündungszeichen im Blut ab. Wenn Sie eine einfache Polymyalgia rheumatica haben, reicht zur Therapie weniger Kortison als wenn zusätzlich Ihre Schläfenarterie entzündet ist. Bei dieser sogenannten Arteriitis temporalis, die häufig mit der Polymyalgia rheumatica einhergeht, ist vor allem zu Beginn der Behandlung mehr Kortison nötig, denn: Wenn dabei auch die Blutgefässe entzündet sind, welche die Augen versorgen, könnten Sie bei zu niedriger Dosierung im schlimmsten Fall erblinden.

Neben Kortison können gegen die Polymyalgia rheumatica Medikamente zum Einsatz kommen, welche die Immunreaktionen des Körpers vermindern (sog. Immunsuppressiva wie Methotrexat oder Chloroquin). Dies erlaubt es, die Kortisonmenge bei der Polymyalgie-Therapie möglichst niedrig zu halten.

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7. Verlauf

Bei einer Polymyalgia rheumatica (PMR, kurz: Polymyalgie) sind Verlauf und Prognose umso günstiger, je früher die Therapie mit Kortison beginnt: Die meisten Betroffenen sind so rasch (nach ein paar Stunden bis ein paar Tagen) schmerzfrei. Allerdings ist mit einer Behandlungsdauer von mindestens 1 bis zu 2 Jahren zu rechnen. Sobald die Beschwerden verschwunden sind, kann man die Dosierung im Verlauf der Behandlung jedoch langsam herabsetzen.

Unbehandelt kann die Polymyalgia rheumatica einen mehrjährigen Verlauf nehmen: Dann dauert sie 0,5 bis 5 (in manchen Fällen bis zu 10) Jahre an.

Komplikationen

Wer eine Polymyalgia rheumatica hat und im Verlauf der Behandlung plötzlich das Kortison absetzt, riskiert Komplikationen: Dann sind akute Gefässverschlüsse und ein Schlaganfall möglich; auch Nekrosen (Absterben) der Zunge traten schon auf. Eine weitere Komplikation kann auftreten, wenn bei der Polymyalgia rheumatica die Blutgefässe mitbeteiligt sind und man die Gefässentzündung (Vaskulitis) nicht angemessen behandelt: Sind bei einer Entzündung der Schläfenarterie oder anderer Gefässe des Kopfs (sog. Arteriitis temporalis) die das Auge versorgenden Gefässe beteiligt, besteht das Risiko einer Erblindung.

8. Vorbeugen

Einer Polymyalgia rheumatica (PMR, kurz: Polymyalgie) können Sie nicht vorbeugen. Bei einer bestehenden Polymyalgia rheumatica können Sie jedoch Massnahmen zur Vorbeugung von Begleiterkrankungen beziehungsweise Nebenwirkungen der Kortisontherapie ergreifen:

  • Eine rechtzeitige und angemessene Kortisontherapie begünstigt den Verlauf der Polymyalgia rheumatica und beugt so möglichen Komplikationen vor.
  • Mögliche Nebenwirkungen der Kortisonbehandlung (wie Osteoporose) können Sie weitgehend vermeiden, wenn Sie zusätzlich Kalzium und Vitamin D aufnehmen.
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