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Progerie Typ II

(Werner-Syndrom)
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1. Überblick

Progerie Typ II (Werner-Syndrom) ist eine Krankheit, welche Betroffene frühzeitig altern lässt. Progerie bedeutet wörtlich übersetzt «vorzeitiges Altern» und kommt bei verschiedenen Erbkrankheiten vor. Es gibt zwei Formen der Progerie, die jeweils unterschiedlich verlaufen. Die Progerie Typ I heisst auch Hutchinson-Gilford-Progerie-Syndrom (HGPS) und betrifft Kinder. Die Progerie Typ II, das Werner-Syndrom, hingegen ist eine Erkrankung im Erwachsenenalter. Beide Progerie-Typen kommen sehr selten vor.

Ursache des Werner-Syndroms ist ein Gendefekt. Das betroffene Gen dient als Vorlage für ein spezielles Eiweiss, eine sogenannte DNA-Helikase. Die DNA trägt die Erbinformation. Sie liegt im Ruhezustand stark gewunden im Zellkern vor. Die DNA-Helikasen sind spezielle Enzyme, welche die zusammengerollte DNA entwinden und dafür sorgen, dass die Erbinformation abgelesen und kopiert werden kann. Auch spielen sie eine Rolle in der Reparatur des Erbguts.

Arbeitet wie im Fall der Progerie Typ II eine DNA-Helikase (sog. Werner-Helikase) nicht richtig, wird die genetische Information fehlerhaft umgesetzt und es kommt zu vielfältigen Entwicklungsstörungen und Begleiterkrankungen.

In der Kindheit treten keine Anzeichen des Werner-Syndroms auf. Als eines der ersten Symptome der Progerie Typ II bleibt der normale Wachstumsschub in der Pubertät aus. Veränderungen der Haut und der Haare, Muskelschwund und Osteoporose (Knochenschwund), Keimdrüsenschwächen, Arteriosklerose (Arterienverkalkung) mit Herzinfarkten sowie ein erhöhtes Krebsrisiko kennzeichnen später das Vollbild der Krankheit.

Menschen mit Progerie Typ II haben eine geringere Lebenserwartung als die Normalbevölkerung, sie liegt bei durchschnittlich 50 Jahren. Eine ursächliche Therapie des Werner-Syndroms ist zurzeit nicht möglich, doch lassen sich die Symptome der Progerie behandeln.

2. Definition

Der Begriff Progerie bedeutet laut Definition «vorzeitiges Altern» und leitet sich von der lateinischen Vorsilbe pro für «vor» und dem griechischen Wort geras für «Alter» ab. Das Werner-Syndrom, die Progerie Typ II, ist eine Erkrankung bei Erwachsenen. Ursachen und Symptome des Syndroms unterscheiden sich eindeutig von der Progerie beim Kind, dem Hutchinson-Gilford-Progerie-Syndrom (Progerie Typ I).

Erstmals beschrieb der Kieler Arzt C.W. Otto Werner die Progerie Typ II im Jahr 1904. Er ist damit Erstbeschreiber und Namensgeber der Erkrankung. Das Werner-Syndrom kommt sehr selten vor.

3. Ursachen

Bei Progerie Typ II (Werner-Syndrom) liegen die Ursachen in einem Fehler in der Erbinformation, der DNA. Dieser Fehler führt dazu, dass ein spezielles Eiweiss, die sogenannte DNA-Helikase, fehlerhaft ist.

Die DNA ist ein Träger der Erbinformationen, der Gene. Sie befindet sich im Zellkern. Im «Ruhezustand» ist sie stark in sich verzwirbelt. Sind Gene aktiv oder Reperaturarbeiten an der DNA nötig, muss sie entwunden werden. Solche Aufgaben erledigen spezielle Werkzeuge (Enzyme), sogenannte DNA-Helikasen. Bei Progerie Typ II ist eine dieser DNA-Helikasen (Werner-Helikase) verändert. Das Enzym verliert seine Funktion und kann demnach seine Aufgaben an der DNA nicht mehr erfüllen.

Beim Werner-Syndrom mangelt es im Zellkern an funktionsfähiger Helikase. Andere DNA-Helikasen können die defekte Werner-Helikase nicht ersetzen. Dadurch kommt es zu Fehlern bei der

  • Zellteilung: Bevor sich eine Zelle teilt, verdoppelt sie ihre DNA (Replikation), damit beide Tochterzellen die gleiche Erbinformation erhalten. Dazu muss zunächst die verdrillte DNA entwunden werden.
  • Reparatur der DNA: Die Werner-Helikase beseitigt Fehler im Erbgut. Fällt diese Funktion aus, sammeln sich Defekte an – als Folge erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken.
  • Häufigkeit der Zellteilung und der Zellalterung: Die Werner-Helikase schützt die «Enden» des Erbguts (Telomere der Chromosomen) vor frühzeitigem Abbau. Sind die Enden der Chromosomen zu stark verkürzt, kann sich eine Zelle nicht mehr teilen. Damit verliert das Körpergewebe die Fähigkeit, sich zu regenerieren.

Warum es zu dieser Genveränderung und damit zum Werner-Syndrom kommt, ist nicht hinreichend geklärt. Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Progerie Typ II vererbt werden kann – allerdings nur, wenn beide Elternteile das defekte Gen tragen (sog. rezessiver Erbgang).

4. Symptome

Bei Progerie Typ II (Werner-Syndrom) zeigen sich die ersten Symptome im Erwachsenenalter. Der Wachstumsschub in der Pubertät bleibt aus. Bereits im Alter von 30 bis 40 Jahren erscheinen die Betroffenen auffallend alt. Ihr Gesicht wird bisweilen als vogelartig beschrieben. Die Stimme ist schwach und piepsig. Die Haut wirkt dünn und faltig, fest oder gespannt. Stellenweise geht das Unterhautfettgewebe verloren, es kommt zu einer übermässigen Verhornung (Hyperkeratose) der Haut oder es treten Pigmentveränderungen auf. Das Haar wird grau, dünn und fällt aus.

Weitere Progerie-Symptome beim Werner-Syndrom (Progerie Typ II) sind Muskelabbau, Knochenschwund (Osteoporose) mit Neigung zu Knochenbrüchen und Weichteilverkalkung. Auch sind beim Werner-Syndrom die Keimdrüsen in ihrer Funktion gestört (Hypogonadismus), so dass Betroffene unfruchtbar sind. Weitere Symptome der Progerie Typ II sind typische Erkrankungen des Alters wie Grauer Star (Katarakt), Netzhautschäden, Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), Arteriosklerose (Arterienverkalkung) mit erhöhtem Risiko von Herzinfarkten und Schlaganfällen. Auch bösartige Neubildungen (Krebs) treten bei Progerie Typ II häufiger als gewöhnlich auf. Eine von der Arteriosklerose unabhängige vorzeitige Alterung des Gehirns konnte bisher nicht bewiesen werden.

5. Diagnose

Bei Progerie Typ II steht die Diagnose meist erst spät fest. So erscheinen Menschen mit dem Werner-Syndrom in ihrer Kindheit äusserlich unauffällig. Erst nach der Pubertät zeigen sich erste Symptome des vorzeitigen Alterns. Die Merkmale sind so auffallend, dass sie den Verdacht auf eine Progerie Typ II lenken. Bei Verdacht auf das Werner-Syndrom schlägt der Arzt zur sicheren Progerie-Diagnose eine genetische Untersuchung vor. Handelt es sich um Progerie Typ II, ist ein bestimmtes Gen verändert (RECQ-2-Gen).

6. Therapie

Bei Progerie Typ II (Werner-Syndrom) ist keine Therapie der Ursachen möglich. Im Mittelpunkt der Behandlung steht daher, möglichen Beschwerden und Komplikationen vorzubeugen und bereits bestehende Symptome zu behandeln. Ziel der Progerie-Therapie ist vor allem, die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.

7. Verlauf

Prognose

Bei Progerie ist die Prognose eher ungünstig: Menschen mit Progerie Typ II (Werner-Syndrom) haben mit knapp 50 Jahren eine geringere Lebenserwartung als die Normalbevölkerung.

Komplikationen

Progerie Typ II (Werner-Syndrom) zeigt einen typischen Verlauf und kann zu bestimmten Komplikationen führen. Menschen mit Progerie Typ II altern sehr schnell. Durch einen Fehler in ihrem Erbgut entwickeln sich im Verlauf der Erkrankung häufig Komplikationen wie Arteriosklerose (Arterienverkalkung). Bei Menschen mit Progerie Typ II treten deshalb häufig Komplikationen wie Herzinfarkte und Schlaganfälle auf. Durch den verstärkten Knochenabbau kommt es zum Knochenschwund (Osteoporose), Knochen können dann ohne grössere Belastungen brechen. Auch treten beim Werner-Syndrom – im Gegensatz zur kindlichen Progerie Typ 1 – häufiger Krebserkrankungen auf.

8. Vorbeugen

Einer Progerie Typ II lässt sich im eigentlichen Sinne nicht vorbeugen. Sind Sie Eltern, die bereits ein Kind mit Progerie haben oder sind in Ihrer Familie Fälle von Werner-Syndrom aufgetreten, können Sie sich humangenetisch beraten lassen, um das Risiko einer Progerie für Ihr geplantes Kind abzuschätzen.