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1. Überblick

Die Synästhesie ist keine Erkrankung, sondern eine angeborene Besonderheit in der Wahrnehmung von Sinnesreizen: Bei Synästhesien löst ein Sinnesreiz neben der normalen Wahrnehmung zusätzliche Sinnesempfindungen aus.

Das Phänomen der Synästhesie zeichnet sich durch seine Vielfältigkeit aus: Unzählige unterschiedliche Reize können ebenso viele verschiedene synästhetische Wahrnehmungen auslösen. Allerdings sind bestimmte Verknüpfungen zwischen normaler Reizwahrnehmung und zusätzlicher Sinnesempfindung immer wieder zu beobachten:

So können zum Beispiel etwa zwei Drittel der Menschen mit Synästhesie (sog. Synästhetiker oder Synästheten) schwarz-weisse Texte und Zahlen in Farbe sehen oder Buchstaben fühlen. Das sogenannte Farbenhören (bzw. Coloured Hearing) ist eine weitere Variante der Synästhesie: Hierbei erleben die Betroffenen Töne, Musik oder Sprache zusammen mit Farben.

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Vieles deutet darauf hin, dass die Synästhesie erblich bedingt ist: Zum einen scheint die Synästhesie angeboren zu sein, da Synästhetiker ihre zusätzlichen Sinnesempfindungen eigenen Angaben zufolge schon immer hatten. Zum anderen treten Synästhesien in Familien deutlich gehäuft auf.

Darüber hinaus kann eine Synästhesie auch vorübergehend im Rahmen von Halluzinationen bei psychischen Erkrankungen oder nach der Einnahme von Halluzinogenen wie LSD sowie bei epileptischen Anfällen als trughafte Wahrnehmung auftreten.

Um festzustellen, ob jemand eine Synästhesie hat, sind Verhaltenstests und Hirnscans geeignet. Ein einfacher Synästhesie-Test kann zum Beispiel darin bestehen, unterschiedliche Töne und Farbtafeln einander zuzuordnen: Ein Nicht-Synästhet ordnet in einem solchen Test helle Töne eher hellen Farben zu, während ein Synästhet von diesem typischen Zuordnungsmuster abweicht.

Daneben können bildgebende Verfahren zeigen, dass das Gehirn eines Menschen mit Synästhesie anders verschaltet ist als das von Nicht-Synästhetikern: Wenn ein Synästhet beispielsweise beim Musikhören Farben wahrnimmt, ist neben seinem Hörzentrum gleichzeitig sein Sehzentrum aktiv. Dies kann zu Beispiel eine funktionelle Magnetresonanztomographie oder eine Positronen-Emissions-Tomographie sichtbar machen.

2. Definition

Der Begriff Synästhesie bezeichnet per Definition eine Kopplung von Sinnesempfindungen: Das Wort Synästhesie setzt sich zusammen aus den griechischen Wörtern syn (= zusammen) und aisthesis (= Empfindung). Synästhesie bedeutet in etwa Sinnesverschmelzung. Ein Mensch, bei dem diese Art der erweiterten Wahrnehmung auftritt, ist ein sogenannter Synästhetiker oder Synästhet.

Bei der häufigsten Form der Synästhesie nehmen die Betroffenen Gehörtes – wie Sprache, Musik oder Geräusche – unwillkürlich zusammen mit Zweitempfindungen (sog. Photismen) wahr. Bei diesen Photismen kann es sich um Farben, geometrische Formen oder Farbmuster handeln. Den ursprünglichen Auslöser, also den über das Ohr wahrgenommenen Reiz, und die optischen Zweitempfindungen erleben die Betroffenen als Einheit.

Synästhesien sind individuell einzigartig: Jeder Betroffene erlebt sie anders. In der Regel sind Menschen mit einer Synästhesie neurologisch und psychisch völlig gesund. Vermutlich haben viele von ihnen dank der Synästhesie grössere Fähigkeiten, zum Beispiel in Sachen Kreativität (was sich oft in der Kunst zeigt). Berühmte Synästhetiker waren die Komponisten Franz Liszt und Jean Sibelius sowie der Schriftsteller Vladimir Nabokov.

Häufigkeit

Die zur Synästhesie vorliegenden Angaben zur Häufigkeit sind sehr unterschiedlich: Schätzungsweise ist mindestens 1 von 2'000 Menschen ein Synästhet; möglicherweise auch bis zu 1 von 200. Dabei kann die Dunkelziffer wesentlich höher sein – unter anderem, weil sich viele Menschen ihrer Synästhesie gar nicht bewusst sind. In etwa 40 Prozent der Fälle treten verschiedene Varianten der Synästhesie bei einem Betroffenen auf, manche Varianten jedoch nur einmal unter 200 Betroffenen.

Historisches

Die Synästhesie ist kein rein modernes Phänomen, sondern ein historisches: In der wissenschaftlichen Literatur finden sich seit etwa 300 Jahren Beschreibungen von Farb-Wort-Synästhesien. So handelt ein Bericht aus dem Jahr 1690 von einem wissbegierigen Blinden, der eines Tages frohlockte: Nun habe er begriffen, was Scharlach bedeute – es sei gleich dem Klang einer Trompete. Eine ähnliche Beschreibung einer Synästhesie stammt aus dem Jahr 1710: Darin ging es um eine blinde Person, die durch Klang ausgelöste Farberlebnisse hatte.

Bis Ende des 19. Jahrhunderts lagen keine Beschreibungen systematischer Studien zur Synästhesie vor. Erst im Jahr 1880 veröffentlichte man einen Bericht über visualisierte Zahlen, der die Synästhesie als Ernst zu nehmendes wissenschaftliches Phänomen betrachtete.

In den Dreissigerjahren des 20. Jahrhunderts stufte man die Synästhesie zeitweise als Form der Geistesstörung ein und behandelte sie entsprechend. Erst im Jahr 1996 griff man das Thema Synästhesie wieder ernsthaft auf.

3. Ursachen

Einer Synästhesie liegen erbliche Ursachen zugrunde: Synästhetiker berichten, dass sie die zusätzlichen Wahrnehmungen schon immer hatten. Dies deutet darauf hin, dass Synästhesie angeboren ist. Die systematische Analyse der Stammbäume von Synästhetikern bestätigt dies: Synästhesien treten familiär deutlich gehäuft auf (bei 25% der Angehörigen ersten Grads).

Die für eine Synästhesie kennzeichnende Verkopplung von Sinneseindrücken hat ihre Ursachen in abweichenden Nervenverknüpfungen: Das Gehirn ist bei Menschen mit Synästhesie anders verschaltet als bei Nicht-Synästhetikern, so dass ein einzelner Sinnesreiz mindestens zwei Sinnesempfindungen verursacht. Dies ist auch messbar: Wenn Menschen mit Synästhesie Musik oder Sprache hören, dann ist in ihrem Gehirn nicht nur das Hörzentrum aktiv, sondern gleichzeitig auch das Sehzentrum, das eigentlich nur Gesehenes verarbeitet. Dies ist ein Beleg dafür, dass die synästhetische Wahrnehmung auf Vorgängen im Gehirn beruht und sich Synästhetiker die wahrgenommenen Farben nicht bloss einbilden.

Halluzinationen

Bei dauerhaft bestehender Synästhesie haben die zusätzlichen Sinnesempfindungen ihre Ursachen nicht in Halluzinationen: Ein Synästhet erlebt die Sinneswahrnehmungen mit offenen Augen im normalen Tagesbewusstsein. Synästhetisches Erleben beruht darauf, dass eine Erstwahrnehmung (wie das Hören von Tönen) eine Zweitwahrnehmung (wie das Sehen von Farben) auslöst. Bei Halluzinationen hingegen ist die Wahrnehmung gestört, das heisst hier ist schon die Erstwahrnehmung krankhaft verändert. Halluzinationen können im Gegensatz zu Synästhesien Anzeichen für Krankheiten sein.

Drogeninduzierte Synästhesie

Allerdings kommen für eine Synästhesie als Ursachen auch drogeninduzierte Halluzinationen infrage: Ein Synästhet erfährt seine Synästhesie zwar ohne Einfluss von Drogen, aber ein Nicht-Synästhet kann unter Drogeneinfluss synästhetische Sinneswahrnehmungen haben.

So ist es beispielsweise mit LSD möglich, eine Synästhesie bei Menschen zu verursachen, die diese Eigenschaft sonst nicht besitzen. Auch andere Drogen können sich auf die Synästhesie auswirken. Unter anderem ist Folgendes zu beobachten:

  • Amphetamine blockieren synästhetische Eindrücke,
  • Alkohol verstärkt sie.

4. Symptome

Die für eine Synästhesie kennzeichnenden Symptome sind verkoppelte Sinnesempfindungen: Ein einzelner Sinnesreiz löst neben der normalen Wahrnehmung (der Erstempfindung) mindestens eine weitere Sinnesempfindung (eine Zweitempfindung) aus. Es sind viele Formen der Synästhesie bekannt. Wie diese ausgeprägt sind und was sie für das alltägliche Denken und Fühlen der Betroffenen bedeuten, ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Allgemein gelten für eine Synästhesie die folgenden Merkmale:

  • Eine Synästhesie ist örtlich schwer bestimmbar, das heisst der Synästhet kann sie in seinem Kopf oder außerhalb seines Körpers wahrnehmen.
  • Ein Synästhet erlebt Synästhesien als reale Erscheinungen.
  • Synästhesien sind individuell einzigartig und lebenslang konstant.
  • Eine Synästhesie ist meistens nicht umkehrbar (One-Way-Effekt) – so ist zum Beispiel eine Fünf jedes Mal mit einem bestimmten Blau verknüpft, aber nicht jedes Blau mit der Fünf.
  • Eine synästhetische Wahrnehmung prägt sich dem Gedächtnis ein: So kann sich ein Synästhet zum Beispiel an Farben beim Hören besser erinnern als an den auslösenden Reiz (Geräusche oder Töne).
  • Die bei Synästhesie typische Verkopplung von Sinnesempfindungen geschieht unwillkürlich und lässt sich nicht unterdrücken.
  • Synästhesien treten gehäuft in Familien auf.
  • Gedächtnisleistungen und Kreativität können bei Menschen mit Synästhesie besonders gut ausgeprägt sein.
  • Eine Synästhesie gleicht eher Empfindungen als einem Gedanken.
  • Die Synästhesie war schon immer vorhanden. Ein Synästhet erinnert sich an diese Wahrnehmungen, soweit seine Erinnerung reicht.

Synästhesie-Varianten

Das Phänomen der Synästhesie zeigt im Hinblick auf die jeweils kennzeichnenden Symptome – die Art der gekoppelten Sinnesempfindungen – unzählige Varianten. Es ist eine Unmenge unterschiedlicher Erstempfindungen bekannt, die viele unterschiedliche Zweitempfindungen auslösen können, zum Beispiel:

  • Eine akustische Erstempfindung (Geräusche, Töne, ...) löst visuelle oder taktile Zweitempfindungen aus. Dabei gilt das sogenannte Farbenhören (auch Coloured Hearing), also durch Geräusche ausgelöste Farbwahrnehmung, als häufigste Art der Synästhesie.
  • Eine visuelle Erstempfindung (Zahlen, Farben, ...) ruft akustische und/oder olfaktorische Zweitempfindungen hervor.
  • Eine olfaktorische Erstempfindung (Gerüche) verursacht akustische, visuelle und/oder taktile Zweitempfindungen (sog. Geruchssynästhesien).
  • Eine taktile Erstempfindung (Gefühltes) löst visuelle, akustische und/oder olfaktorische Zweitempfindungen aus (sog. taktile oder haptische Synästhesien: griech. haptein = berühren, erfassen).
  • Eine gustatorische Erstempfindung (Geschmack) ruft visuelle, akustische oder taktile Zweitempfindungen hervor.

Korrelierende Eigenschaften

Bei manchen Menschen mit Synästhesie sind neben den Besonderheiten bei der Sinneswahrnehmung weitere Symptome in Form bestimmter Fähigkeiten zu beobachten. Diese galten als möglicherweise mit der Synästhesie in Wechselbeziehung stehende (korrelierende) Eigenschaften. Beispiele hierfür sind:

  • Übersteigertes Erinnerungsvermögen (Hypermnesie): überdurchschnittliche bis außergewöhnliche Gedächtnisleistungen wie das Sich-Merken von Zahlenkombinationen (Telefonnummern oder Ähnliches) über Farbkombinationen
  • Verstärkte Reaktionsbereitschaft auf Reize (Hypersensitivität): intensives Erleben, sensibles Gleichgewicht aufgrund des intensiven Erlebens; somit besteht bei Synästhesien bereits in alltäglichen Situationen die Möglichkeit einer Reizüberflutung


Allerdings ist die Synästhesie selbst wahrscheinlich nicht für diese Leistungsvorteile verantwortlich. Möglicherweise sind diese scheinbar korrelierenden Eigenschaften einfach auf individuelle Unterschiedlichkeiten zurückzuführen. Oder aber manche Synästheten nutzen ihre gekoppelten Sinnesempfindungen auf strategische Weise als eine Art Gedächtnisstütze (wie Eselsbrücken bei Nicht-Synästheten).

Ähnliche Wahrnehmungen bei Nichtsynästhetikern

Auch Menschen ohne Synästhesie können Synästhesie-ähnliche Symptome in Form von zusätzlichen Wahrnehmungen haben. Ähnliche Wahrnehmungen bei Nicht-Synästhetikern sind sogar relativ weit verbreitet: Beispiele hierfür sind aufsteigende Erinnerungs- oder Phantasiebilder beim Musikhören. Im Gegensatz dazu erleben Menschen mit einer Synästhesie Mehrfachwahrnehmungen jedoch unwillkürlich, ständig in allen Situationen und mit grösserer Intensität. Ausserdem ordnen Nicht-Synästhetiker Töne und Farben nach bestimmten Zuordnungsgesetzen so zu, dass sie mit den gängigen kulturellen Entsprechungen übereinstimmen (z.B.: heller Ton – helle Farbe). Bei Synästhetikern sind derartige Zuordnungen stark individuell und nicht in gleicher Weise strukturierbar; sie folgen eigenen Gesetzen.

Synästhetiker Nicht-Synästhetiker
unfreiwillig und passiv freiwillig und aktiv
große Varianz innerhalb der Person geringe Varianz innerhalb der Person
häufig absolute Zuordnungen meist relative Zuordnungen
nicht kontextabhängig kontextabhängig, fragebedingt

5. Diagnose

Bei einer Synästhesie bieten sich zur Diagnose Verhaltenstests und Hirnscans an.

Einfache Zuordnungstests zur Synästhesie-Diagnose bestehen zum Beispiel darin, Versuchspersonen Töne mit unterschiedlicher Grundtonfrequenz vorzuspielen, denen sie eine von mehreren Farbtafeln zuordnen sollen:

  • Menschen ohne Synästhesie neigen in einem solchen Test dazu, hellen Tönen helle Farben zuzuordnen,
  • während ein Synästhet die im Test vorgespielten Töne abweichend von diesen typischen Zuordnungsgesetzen visualisiert.

Das Gehirn von Synästheten ist anders verschaltet als das von Nicht-Synästheten. Daher ist, wenn ein Menschen mit Synästhesie beispielsweise Musik oder Sprache hört, nicht nur das Hörzentrum des Gehirns aktiv, sondern gleichzeitig auch das Sehzentrum. Mit bestimmten bildgebenden Verfahren kann man diese Querverschaltung im Gehirn darstellen: So können bei einer Synästhesie zur Diagnose beispielsweise eine funktionelle Magnetresonanztomographie oder eine Positronen-Emissions-Tomographie) zum Einsatz kommen.

6. Therapie

Die Synästhesie macht keine Therapie notwendig, denn: Die Synästhesie ist keine Krankheit, sondern eine erweiterte Form der Wahrnehmung.

7. Verlauf

Die Synästhesie besteht in der Regel von Geburt an und zeigt häufig einen fortschreitenden Verlauf: Viele Synästhetiker berichten, dass ihre synästhetischen Wahrnehmungen zunehmen, je älter sie werden.

8. Vorbeugen

Einer Synästhesie können Sie nicht vorbeugen. Dies ist aber kein Problem, denn: Die bei Synästhetikern erweiterte Wahrnehmung ist nicht krankhaft, sondern eine besondere Fähigkeit, die wahrscheinlich angeboren ist.