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1. Überblick

Es pfeift, piept, brummt und scheppert im Ohr: Ohrgeräusche solcher oder ähnlicher Art tauchen oft plötzlich auf und können den Alltag belasten. Ein Tinnitus ist zwar nicht gefährlich, dennoch ist der Leidensdruck bei Betroffenen oft gross.

Unter Tinnitus (Ohrgeräuschen) versteht man im Allgemeinen die anhaltende oder wiederkehrende subjektive Wahrnehmung eines Tons oder Geräuschs. Andere Personen können den Ton oder das Geräusch dabei nicht hören (subjektiver Tinnitus).

Es gibt jedoch auch Ohrgeräusche, die der Arzt mit speziellen Geräten wahrnehmen kann (objektiver Tinnitus). Der objektive Tinnitus entsteht durch eine körpereigene Schallquelle, die nahe am Innenohr liegt, wie etwa durch anatomische oder physiologische Veränderungen (zum Beispiel Gefässverengungen).

Zwar können Lärmbelastung und Stress das Risiko für einen subjektiven Tinnitus erhöhen. Wie es jedoch tatsächlich zur Entstehung eines subjektiven Tinnitus kommt, ist bislang noch nicht vollständig geklärt.

Da Ohrgeräusche viele Ursachen haben können, müssen zur Diagnose andere Erkrankungen ausgeschlossen werden. Dazu nimmt der Hals-Nasen-Ohren-Arzt eine gründliche Untersuchung vor und führt Hörtests durch.

Im Rahmen einer Tinnitus-Behandlung erhält der Betroffene meist entzündungshemmende und durchblutungsfördernde Wirkstoffe in Form von Infusionen oder Tabletten. Entspannungstechniken können zusätzlich helfen, die Tinnitus-Symptome zu lindern. Im Falle eines akuten Tinnitus, also eines Tinnitus, der seit bis zu drei Monaten besteht, bessern sich mit die Beschwerden in etwa 70 Prozent der Fälle. Die Erfolgsaussichten einer Therapie sind bei Tinnitus umso besser, je früher die Behandlung beginnt.

Als hilfreich für den langfristigen Umgang mit Tinnitus hat sich die sogenannte Tinnitus-Retraining-Therapie erwiesen.

Tinnitus ist genaugenommen keine Krankheit – sondern vielmehr ein Symptom, das verschiedene Ursachen haben kann.

2. Definition

Bei einem Tinnitus (Ohrgeräusche), auch Tinnitus aurium genannt, handelt es sich um die anhaltende oder wiederkehrende subjektive Wahrnehmung (subjektiver Tinnitus) eines Tons oder Geräuschs ohne akustische Stimulation von aussen.

Unter einem objektiven Tinnitus versteht man dagegen Ohrgeräusche, die objektiv, also auch vom Arzt mit speziellen Geräten wahrgenommen werden können. Objektive Ohrgeräusche entstehen durch eine körpereigene Schallquelle, die nahe am Innenohr liegt, zum Beispiel durch anatomische oder physiologische Veränderungen (wie Gefässverengungen). Häufig ist das wahrgenommene Geräusch dann synchron zum eigenen Puls. Verkrampfungen des Binnenmuskels im Mittelohr oder der Gaumenmuskeln führen dagegen eher zu klickenden Geräuschen. Funktioniert der Verschluss der Ohrtrompete (Eustachische Röhre), die das Mittelohr mit dem Nasenrachenraum verbinden, nicht richtig, hört man unter Umständen atemabhängige Geräusche.

In Abhängigkeit von der Dauer der Ohrgeräusche unterscheiden Mediziner drei Formen von Tinnitus:

 

  • akuter Tinnitus: besteht seit bis zu drei Monaten
  • subakuter Tinnitus: besteht seit drei bis zwölf Monaten
  • chronischer Tinnitus: besteht länger als zwölf Monate


Ausserdem kann man Tinnitus in unterschiedliche Schweregrade einteilen:

 

  • kompensierter Tinnitus (Grad I bis II): Der Betroffene nimmt das Ohrgeräusch wahr, kann jedoch damit umgehen. Es kommt nicht zu gesundheitlichen Problemen, die Lebensqualität wird nicht weiter beeinträchtigt.
    • Grad I: kein Leidensdruck
    • Grad II: Ohrgeräusche vorwiegend in Stille, treten verstärkt bei Stress und Belastung auf.
       
  • dekompensierter Tinnitus (Grad III bis IV): Der Tinnitus hat spürbare Auswirkungen auf die Gesundheit und erzeugt einen hohen Leidensdruck.
    • Grad III: Anhaltende Beeinträchtigung im Privat- und Berufsleben; es kommt zu weiteren Beschwerden wie z.B. Konzentrationsstörungen, Muskelverspannungen, Schlafproblemen oder sozialem Rückzug.
    • Grad IV: Betroffene nehmen den Tinnitus ständig wahr und empfinden ihn als Krankheit, die das Privat- und Berufsleben massiv beeinträchtigt. Es treten verstärkt weitere gesundheitliche Probleme auf.

Häufigkeit

Akute Ohrgeräusche sind ein häufiges Phänomen. Schätzungsweise 15 Prozent der Schweizer Bevölkerung – gegen eine Million Menschen – sind in irgendeiner Form vorübergehend oder dauerhaft von Tinnitus betroffen. Rund 30'000 davon dürften therapiebedürftig sein.

Ein chronischer Tinnitus, also anhaltende Ohrgeräusche, kommt dagegen seltener vor. Er kann in jedem Lebensalter auftreten und betrifft rund 4 Prozent aller Erwachsenen. Etwa die Hälfte der Betroffenen fühlt sich durch den Tinnitus stark beeinträchtigt. Frauen sind häufiger betroffen als Männer.

Da die Lärmbelastung in der Freizeit, zum Beispiel durch laute Musik (Smartphones, MP3-PlayerDiscos), bei vielen zunimmt, tritt Tinnitus mittlerweile verstärkt bei jungen Menschen auf. In der Schweiz steigt der Anteil der jungen Männer mit Höreinbussen seit zehn Jahren stark an. Jeder zehnte Jugendliche dürfte in wenigen Jahren die Folgen seines exzessiven Musikkonsums zu spüren bekommen.

3. Ursachen

Tinnitus (Ohrgeräusche) kann zahlreiche Ursachen haben. Ein sogenannter subjektiver Tinnitus, der nur vom Betroffenen wahrnehmbar ist, kann als Begleiterscheinung unterschiedlicher Erkrankungen auftreten. Die Ursachen für die subjektiven Ohrgeräusche können in verschiedene Bereichen des Ohrs oder auch im Gehirn liegen, wie beispielsweise:

  • Gehörgang: zum Beispiel Verschluss des Gehörgangs durch Ohrenschmalz oder Fremdkörper (zum Beispiel Watte), vorspringende Knochen im Gehörgang (Exostosen)
  • Mittelohr: zum Beispiel Trommelfelldefekt durch Riss oder Durchlöcherung, Tubenfunktionsstörung, Paukenerguss, Mittelohrentzündung, Trommelfellunbeweglichkeit
  • Innenohr: zum Beispiel lärmbedingte Gehörstörung wie Knalltrauma oder Lärmschwerhörigkeit, Hörsturz, Morbus Menière (anfallartiger Drehschwindel mit Schwerhörigkeit und Ohrgeräusch), Altersschwerhörigkeit, Medikamente, starker Blutdruckabfall mit nachfolgend verschlechterter Durchblutung des Innenohrs, Akustikusneurinom (Tumor des Hörnerven)
  • Gehirn: Hirnhautentzündung, Hirntumoren, multiple Sklerose


Subjektive Ohrgeräusche können ausserdem auftreten im Zusammenhang mit:

  • emotionalen Belastungssituationen (Stress, Überforderung, Angst)
  • Bluthochdruck (Hypertonie), zu niedrigem Blutdruck (Hypotonie)
  • Blutarmut (Anämie)
  • Alkoholvergiftung
  • Drogen (zum Beispiel Heroin)
  • Narkosemitteln
  • psychiatrischen Erkrankungen (wie Schizophrenie)
  • Problemen der Halswirbelsäule
  • Erkrankungen der Kiefergelenke
  • Zähneknirschen

Entstehung eines subjektiven Tinnitus

Ein subjektiver Tinnitus (subjektive Ohrgeräusche) kann auf unterschiedlichen Wegen entstehen: im Hörnerv, im Hörzentrum des Gehirns (zentraler Tinnitus) sowie durch Stress. Wie das im Detail geschieht, ist nur teilweise geklärt.

Lärmeinwirkungen oder der Einfluss von Innenohrgiften (bestimmte Medikamente) können sich auf die Funktion des Hörnervs im Innenohr auswirken. Normalerweise entstehen in den Nervenfasern spontane elektrische Impulse, die man nicht wahrnimmt. Diese sogenannte Spontanaktivität ändert sich bei Beschallung des Ohrs. Sie enthält dann die Information des Schallreizes in verschlüsselter Form und leitet diese an das Schallzentrum im Gehirn weiter.

Im erkrankten Zustand ist diese Spontanaktivität vermindert oder in ihrer zeitlichen Abfolge verändert. Man vermutet, dass Abweichungen von der normalen Spontanaktivität im Gehirn zur Wahrnehmung eines Höreindrucks führen und so ein subjektiver Tinnitus entsteht.

Das Hörzentrum im Gehirn steht in Wechselwirkung mit dem Innenohr. Nervenfasern, die vom Gehirn kommen, übermitteln Botschaften an spezielle Haarzellen im Innenohr und umgekehrt.

Beim zentralen Tinnitus verarbeitet das Gehirn die von den Hörnerven übermittelten Informationen falsch. Als Folge produziert das Gehirn einen nicht vorhandenen Ton oder ein nicht vorhandenes Geräusch.

Als ein der Hauptursachen von Tinnitus gilt Stress. Ein Stressreiz bewirkt im Organismus eine Fülle von Reaktionen, unter anderem schüttet der Körper vermehrt das Stresshormon Kortisol aus. Dieses verengt die Blutgefässe und verschlechtert die Fliesseigenschaften des Bluts, indem es die Blutplättchen zur Verklumpung anregt. In kleinen Blutgefässen (Kapillaren), etwa im Innenohr, kann es so zu Gefässverschlüssen kommen. Das Innenohr wird dann nicht mehr ausreichend durchblutet. Auf welche Weise dies zum Tinnitus führt, ist noch nicht abschliessend geklärt. Anderseits scheinen Entspannungstechniken keinen direkten Einfluss auf den Tinnitus zu haben, sodass zum Zusammenhang von Tinnitus und Stress weiterer Forschungsbedarf besteht.

Ursachen für einen objektiven Tinnitus

Objektive Ohrgeräusche, die auch der Arzt mit speziellen Geräten wahrnehmen kann, entstehen durch körpereigene Schallquellen, die nahe am Innenohr liegen. Ein objektiver Tinnitus kann zum Beispiel folgende Ursachen haben:

  • Gefässverengungen: Das wahrgenommene Geräusch ist häufig pulssynchron.
  • Verkrampfungen des Binnenmuskels im Mittelohr oder der Gaumenmuskeln: Es entsteht ein klickendes Geräusch.
  • Verschlussdefekt der Ohrtrompete: Die Ohrtrompete (auch Eustachische Röhre genannt) verbindet das Mittelohr mit dem Nasenrachenraum. Funktioniert der Verschluss hier nicht richtig, kann Luft ins Mittelohr gelangen. Betroffene nehmen dann zum Beispiel atemabhängige Geräusche wahr.
  • Kiefergelenke: Bei bestimmten Kiefergelenkproblemen kann es zu Ohrgeräuschen kommen, zum Beispiel weil Knochen-/Knorpelflächen beim Mundöffnen oder -schliessen aneinander reiben. Es entsteht dabei unter Umständen ein knirschendes oder mahlendes Geräusch.

4. Symptome

Ein Tinnitus (Ohrgeräusche) ist genaugenommen keine Krankheit – sondern vielmehr ein Symptom, das unterschiedliche Ursachen haben kann. Ein Tinnitus kann sich in Form von Tönen oder Geräuschen verschiedenster Art - zum Beispiel Pfeifen, Klingeln, Rauschen, Brummen, Sägen - äussern. Die Ohrgeräusche können kontinuierlich oder unterbrochen wahrgenommen, lauter und leiser werden sowie ihre Tonhöhe verändern.

Viele Betroffene erleben einen Tinnitus als bedrohlich und sehr belastend. Zum Teil kommt es als Folge des Tinnitus zu weitere Symptomen oder gesundheitlichen Problemen, wie zum Beispiel:

  • Schlafstörungen
  • Gereiztheit
  • Konzentrationsstörungen
  • Muskelverspannungen im Bereich der Halswirbelsäule (HWS)
  • Muskelverspannungen im Bereich der Kiefer-/Kaumuskulatur
  • Zähneknirschen (Bruxismus)
  • Kopfschmerzen
  • Ohrenschmerzen
  • Benommenheit
  • Schwindel
  • verzerrter Höreindruck, "Hall" (sog. Dysakusis)
  • Überempfindlichkeit für laute Geräusche (sog. Hyperakusis)
  • Angstzustände
  • depressiven Verstimmungen oder Depressionen


Zusammen mit diesen zusätzlichen Belastungen kann der Tinnitus den Lebensalltag bei vielen Betroffenen sehr einschränken und sogar zur Arbeitsunfähigkeit führen. Es entsteht oft ein Teufelskreis, da diese begleitenden Symptome zu weiterem Stress führen und den Tinnitus wiederum verstärken können.

5. Diagnose

Besteht der Verdacht auf Tinnitus (Ohrgeräusche), stellt der Arzt zuerst Fragen zu Art und Häufigkeit der Geräusche. Ausserdem nimmt er verschiedene Untersuchungen vor, um die Ursache näher zu ergründen beziehungsweise die Diagnose zu festigen, so zum Beispiel:

  • Hals-Nasen-Ohren-Untersuchung
  • Hörtests
  • Analyse des Tinnitus-Geräusches: Bestimmung der Frequenz, bei der die Geräusche am stärksten sind, und Bestimmung ihrer Lautstärke mit einem sogenannten Audiometer; anschliessend Beschallung des erkrankten Ohrs mit sogenanntem weissen Rauschen, wobei ein Tonrauschen erzeugt wird, in dem alle für das Ohr hörbare Frequenzen enthalten sind
  • Tympanogramm/Stapediusreflexe: Prüfung des Paukendrucks im Ohr, Fortleitung von rhythmischen Kontraktionen der Mittelohrmuskeln, Funktionsprüfung der Gehörknöchelchen
  • Test auf otoakustische Emissionen (TEOAE, DPOAE): Das Innenohr nimmt Geräusche nicht nur auf, sondern sendet sie auch in nicht hörbarer Intensität wieder wie ein Echo zurück. Diese sogenannten otoakustischen Emissionen lassen sich mit Hochleistungsmikrofonen registrieren. Fehlen diese Emissionen, weist das auf eine Innenohrschädigung hin.


Im Rahmen der Diagnose können darüber hinaus folgende Untersuchungen bei der Diagnose zum Einsatz kommen:

 

  • Hirnstammaudiometrie (BERA): Objektiver Hörtest zur Untersuchung des Hörnervs
  • Gleichgewichtsprüfung: Tinnitus ist in mehr als 20 Prozent der Fälle mit einer Gleichgewichtsstörung kombiniert


Möglicherweise werden umfassendere Untersuchungsmethoden notwendig, wie zum Beispiel:

 

  • Blutuntersuchungen: Differentialblutbild und Entzündungswerte; Tests auf verschiedene Antikörper, um Infektionen mit Herpes simplex, Masern, Mumps, Borreliose oder Syphilis auszuschliessen
  • Magnetresonanztomographie (MRT) des Schädels
  • Computertomographie (CT) des Schädels
  • Funktionsuntersuchungen der Halswirbelsäule (HWS) und des Kauapparates


Die subjektiv wahrgenommenen Ohrgeräusche (subjektiver Tinnitus) müssen von objektiven Ohrgeräuschen (objektiver Tinnitus) unterschieden werden. Letztere sind für den untersuchenden Arzt mit speziellen Geräten hörbar und können beispielsweise durch Verkrampfungen der Gaumenmuskulatur entstehen.

6. Therapie

Bei Tinnitus (Ohrgeräusche) richtet sich die Therapie nicht allein nach der Ursache, sondern vor allem nach der Dauer seines Bestehens. Je früher der Betroffene zum Arzt geht, desto besser sind die Heilungschancen.

Wichtig für die Tinnitus-Therapie ist auch, ob neben dem Tinnitus eine Hörminderung vorliegt. Gleicht man diese mit einem Hörgerät aus, lässt sich ein Tinnitus so häufig schon eindämmen oder gar beseitigen, da Geräusche, die «verloren» waren, wieder bewusst wahrgenommen werden.

Akuter Tinnitus

Ein akuter Tinnitus besteht seit höchstens drei Monaten und wird, wenn seine Ursache im Innenohr liegt oder nicht bekannt ist, in der Regel mit Infusionen mit Zuckerlösungen oder einer Kombination von Kochsalzlösung und entzündungshemmenden Wirkstoffen (Glukokortikoiden) behandelt. Ziel dieser Behandlung ist es, die Sinneszellen im Innenohr zu aktivieren. Wie wirksam solch eine Infusionstherapie bei Tinnitus ist, ist noch nicht genau belegt.

Besteht die Ursache des akuten Tinnitus in einem Ohrschmalzpfropf (häufige Ursache), so kann der Arzt diesen umgehend schmerzfrei entfernen.

Die grössten Erfolgsaussichten in der Behandlung von Ohrgeräuschen bestehen, wenn die Therapie-Maßnahmen so früh wie möglich, günstigstenfalls innerhalb der ersten 24 Stunden nach dem Tinnitus-Ereignis, durchgeführt werden. Ein Tinnitus ist jedoch kein Notfall, sondern ein sogenannter Eilfall. «So früh wie möglich» heisst also nicht unbedingt «sofort».

Verfallen Sie daher nicht in Panik, sondern versuchen Sie Ruhe zu bewahren. In der Regel ist es kein Problem, die kommende Nacht darüber zu schlafen – eventuell verschwinden die Ohrgeräusche auch bis zum nächsten Morgen. Sollten die Ohrgeräusche am Morgen doch noch da sein, sollten Sie noch am selben Tag einen Hals-Nasen-Ohren-Arzt zurate ziehen.

Falls Sie zusätzlich zum Tinnitus das Gefühl haben, schlechter zu hören, gehen Sie möglichst sofort zum HNO-Arzt.

Ein akuter Tinnitus kann auch mit der sogenannten hyperbaren Sauerstofftherapie behandelt werden, wenn eine Behandlung mit Glukokortikoiden keine Besserung bringt – allerdings ist diese Therapieform umstritten. Die hyperbare Sauerstofftherapie beruht auf der Annahme, dass bei Tinnitus ein Sauerstoffmangel im Innenohr vorliegen kann. Beim Aufenthalt in einer Überdruckkammer atmet der Betroffene Sauerstoff über eine Atemmaske ein. Mithilfe des erhöhten Drucks gelangt mehr Sauerstoff ins Gewebe und Blut, sodass auch das Innenohr mit mehr Sauerstoff versorgt wird. Sofern die Ursache des Tinnitus eine Durchblutungsstörung ist, lassen sich die Ohrgeräusche in einigen Fällen mindern. Bei chronischem Tinnitus zeigt die hyperbare Sauerstofftherapie allerdings selten eine Wirkung.

Subakuter und chronischer Tinnitus

Auch bei einem Tinnitus, der bereits seit drei bis zwölf Monaten (subakuter Tinnitus) oder länger (chronischer Tinnitus) besteht, werden Zuckerlösungen beziehungsweise eine Kombination aus Kochsalzlösung und entzündungshemmenden Wirkstoffen (Glukokortikoiden) verabreicht.

Daneben spielt die Psychotherapie bei der Behandlung von Tinnitus eine grosse Rolle. Mithilfe von Entspannungstechniken sollen die Betroffenen lernen, einerseits Stresssituationen besser zu beherrschen und anderseits den Tinnitus zu überhören. Letzteres geschieht, indem man sich auf andere Geräusche konzentriert. Beim Versuch, einen Tinnitus zu kontrollieren, fixieren sich Betroffene oft stark auf die Ohrgeräusche, die sich dadurch noch mehr in den Vordergrund drängen. Entspannungstechniken wie autogenes Training, Yoga oder progressive Muskelentspannung können dabei helfen, Anspannung und Konzentration auf die Ohrgeräusche allmählich abzubauen. Eine direkte Wirkung auf den Tinnitus haben sie jedoch nicht.

Eine weitere Behandlungsmöglichkeit des subakuten und chronischen Tinnitus ist die sogenannte Tinnitus-Retraining-Therapie nach Prof. Jastreboff, die zum Einsatz kommt, wenn andere Behandlungsmethoden keinen Erfolg zeigen.

Die Tinnitus-Retraining-Therapie (TRT) kann bei chronischem Tinnitus zum Einsatz kommen. Grundlage der Methode ist die Erkenntnis, dass es möglich ist, den Tinnitus aus dem Bewusstsein zu verdrängen und Betroffene so zu entlasten. Eine Heilung im eigentlichen Sinne ist mithilfe der TRT jedoch nicht möglich.

Ein subjektiv empfundener Tinnitus kann unterschiedlich laut sein. Wie laut die zunächst harmlosen Ohrgeräusche wahrgenommen werden, kann die Folge eines ungünstigen Lernprozesses sein. Weil man dem Geräusch immer mehr Aufmerksamkeit schenkt, nimmt man es immer stärker wahr und empfindet es zunehmend als unangenehm. Das Geräusch verselbständigt sich. So löst der Tinnitus schliesslich körperliche Stressreaktionen aus, welche wiederum den Tinnitus verstärken können – ein Teufelskreis. So, wie es möglich ist, durch negative Lernprozesse eine Tinnitus-Wahrnehmung zu verstärken, ist es jedoch auch möglich, zu lernen, sich an die Ohrgeräusche zu gewöhnen, sodass man sie kaum noch wahrnimmt beziehungsweise sie nicht mehr als störend empfindet. Auf diese Weise kann eine Tinnitus-Retraining-Therapie den Teufelskreis unterbrechen.

Normalerweise filtert das Gehirn Hintergrundgeräusche aus unserer Wahrnehmung heraus. Beim Tinnitus scheint dies jedoch nicht richtig zu funktionieren. Mithilfe einer TRT kann eine normale Geräuschverarbeitung wieder hergestellt und die akustische Wahrnehmung im Gehirn wieder umtrainiert (retrainiert) werden.

Bei der Tinnitus-Retraining-Therapie arbeiten in der Regel ein HNO-Arzt, ein Psychologe und ein Hörgeräteakustiker mit dem Betroffenen zusammen. Die TRT besteht zunächst aus:

 

  • Beratungen, den sogenannten Counsellings,
  • damit verbundenen diagnostischen Verfahren,
  • einer psychologischen Betreuung sowie
  • einer Abschwächung der Stressreaktionen durch Entspannungstechniken.


Zusätzlich werden in den meisten Fällen sogenannte Rauschgeräte angepasst. Rauschgeräte sind Tongeber, die die Betroffenen wie kleine Hörgeräte hinter oder im Ohr tragen. Sie produzieren ständig ein leises, breitbandiges Rauschen, das den Tinnitus absichtlich nicht verdeckt, aber vom Tinnitus ablenkt und dem Gehirn so eine Gewöhnung an die Ohrgeräusche ermöglicht. Denn insbesondere bei Stille, wie etwa abends beim Einschlafen, nehmen Betroffene den Tinnitus stärker und dadurch auch als störend wahr.

Die Rauschgeräte lassen sich bei einer vorliegenden Hörminderung auch mit einem Hörgerät kombinieren. Die Tongeber kann man selbständig einstellen, sie sollten jedoch nicht lauter als die Ohrgeräusche sein, da der Tinnitus so nicht effektiv abtrainiert werden kann.

Durch die Kombination von Beratungen, Stressminderung und Rauschgeräten lernt das Gehirn wieder, auf akustische Reize normal zu reagieren, sodass der Tinnitus seine negative Bedeutung verliert. Die Tinnitus-Retraining-Therapie kann ambulant durchgeführt werden und dauert zwischen ein und zwei Jahren.

Bei einem chronischen Tinnitus können je nach Ursache weitere Therapiemöglichkeiten in Erwägung gezogen werden:

 

  • Halswirbelsäule: Hängt der Tinnitus mit Veränderungen oder Verspannungen im Bereich der Halswirbelsäule (HWS) zusammen, kann eine Behandlung mittels manualmedizinischer oder osteopathischer Methoden sinnvoll sein.
  • Kiefergelenke/Kauapparat: Auch Veränderungen im Bereich der Kiefergelenke beziehungsweise des Kauapparates können einen Tinnitus hervorrufen. Hier sollten im Rahmen einer Therapie entsprechende Experten hinzugezogen werden, zum Beispiel ein Kieferorthopäde oder ein Zahnarzt mit funktionstherapeutischer Ausrichtung.

Ginkgo-biloba-Präparate sollen unter anderem die Durchblutung fördern. Aus diesem Grund kommt Ginkgo immer wieder auch bei Tinnitus zum Einsatz. Ob er tatsächlich wirkt, ist jedoch fraglich, denn Studienergebnisse zur Wirkung von Ginkgo bei Tinnitus sind widersprüchlich. So kommen neuere grosse Studien und vergleichende Analysen anderer Studien (Metanalysen) beispielsweise zu dem Schluss, dass Ginkgo bei Tinnitus nur wenig besser als ein Scheinmedikament (Placebo) wirkt.

7. Verlauf

In vielen Fällen verschwindet der Tinnitus (Ohrgeräusche) im Verlauf der Behandlung oder bessert sich. Bei etwa 70 Prozent der Betroffenen mit einem akuten Tinnitus gehen die Ohrgeräusche wieder weg.

Wie lange ein Tinnitus auftritt, ist dabei nicht vorherzusagen. Manchmal lösen sich die Ohrgeräusche bereits nach kurzer Zeit auf, oder aber auch erst nach Monaten oder Jahren. Hin und wieder verschwinden die Ohrgeräusche auch spontan. Insgesamt sind Therapieerfolge wahrscheinlicher, je früher Betroffene ärztliche Hilfe suchen.

Allerdings ist es nicht immer möglich, den Tinnitus (vollständig) loszuwerden. Oftmals müssen Betroffene lernen, mit den Ohrgeräuschen zu leben. Sie sollten die Faktoren, die ihre Ohrgeräusche verstärken, kennen und wenn möglich vermeiden.

Auf keinen Fall sollte ein Tinnitus zur sozialen Isolation und Abschottung führen. Tinnitus-Selbsthilfegruppen bieten die Möglichkeit, bei anderen Betroffenen Rat und Unterstützung zu finden.

Selbsthilfe

Im Verlauf einer Tinnitus-Erkrankung ist es hilfreich, als Betroffener selbst aktiv zu werden. Verschiedene Massnahmen können helfen, die Ohrgeräusche zu mindern und mit der Erkrankung zurechtzukommen:

 

  • Stille meiden: Vor allem bei Stille fallen Ohrgeräusche stark auf, da die Ablenkung fehlt. Zum Einschlafen können hier etwas leise Musik, ein Zimmerbrunnen und andere leise Hintergrundgeräusche, die als angenehm empfunden werden, hilfreich sein.
  • Stressabbau: Stress sollte möglichst vermieden oder verringert werden. Entspannungstechniken wie Yoga, autogenes Training oder progressive Muskelentspannung können dies unterstützen.
  • Aktiv sein: Wer sich zurückzieht und dem Tinnitus zu viele Gedanken widmet, gerät in einen Teufelskreis. Hobbys und andere Aktivitäten können helfen, die Aufmerksamkeit auf positive Dinge zu richten.

8. Vorbeugen

Konkrete Massnahmen, mit deren Hilfe Sie einem Tinnitus (Ohrgeräusche) vorbeugen können, sind nicht bekannt. Da unter anderem Lärm Auslöser für Ohrgeräusche sein kann, empfiehlt es sich, diesem so oft es geht auszuweichen oder zum Beispiel bei Konzert- oder Diskobesuchen Ohrstöpsel zu verwenden. Darüber hinaus ist es günstig, einen bewussten und entspannten Umgang mit Stresssituationen zu erlernen.