Beobachter: Wissen Sie, wie viel das Krebsmedikament gekostet hat, das Ihnen das Leben gerettet hat?
Gerd Nagel: Nein, andere Dinge waren mir wichtiger.

Beobachter: Was fühlten Sie, als Sie als Krebsspezialist selbst an Leukämie erkrankten?
Nagel: Meine Perspektive wechselte. Plötzlich war ich in der gleichen Situation wie meine Patienten. Ich war nicht mehr der Handelnde, sondern der Leidende. Die Verunsicherung, die eine Krebserkrankung mit sich bringt, war wohl kleiner bei mir, weil ich als Arzt wusste, was auf mich zukommt. Aber ich hatte Angst, dass die Chemotherapie meine Kräfte übersteigt.

Beobachter: Wie liessen Sie sich behandeln?
Nagel: Ich passte die Therapie meinen persönlichen Bedürfnissen an. Ich wollte nicht, dass jemand von meiner Krankheit erfährt. Ich glaubte, ein Krebsspezialist, der selber an Krebs erkrankt, verliert an Vertrauenswürdigkeit. Ich fuhr zu einem Kollegen nach England und bestimmte den Ablauf der Therapie selber. Das hat mein Kollege aber nicht gerne gesehen. Und ich habe dabei gelernt, wie schwierig es ist, ein kompetenter Patient zu sein.

Beobachter: Inwiefern hat Ihre Erkrankung Ihre Arbeit mit Patienten verändert?
Nagel: Vorher sah ich nur die Krankheit, deren Diagnose und Therapie. Dann, als Patient, sah ich die ungeheure Dimension des Krankseins, der Betroffenheit, der Orientierungsnot. Diese Dimension kommt in der heutigen Medizin zu kurz. Man kümmert sich vor allem um die Krankheit, gibt dafür sehr viel Geld aus. Krebskranke werden in ihrer Lebenskrise allein gelassen. Und ihre Begleitung, Schulung, Führung und Wiedereingliederung darf nichts kosten.

Beobachter: Wie setzten Sie diese Erkenntnisse um?
Nagel: Ich kündigte meinen Lehrstuhl in Göttingen und baute eine neue Krebsklinik auf, an der Universität Freiburg im Breisgau. An der Krankheitstherapie änderte sich nichts. Aber es gab Zeit, Mittel und Angebote, um den Patienten zu helfen, den Alltag mit der Krankheit leben zu lernen. Aus unmündigen Patienten wurden so kompetente Patienten.

Beobachter: Soll der Arzt mit Kranken über die Kosten einer Therapie sprechen?
Nagel: Unbedingt. Die Kosten sind nebst Aufwand, Nebenwirkungen und Nutzen ein weiterer Faktor, der bei einem Therapieentscheid einfliessen soll.

Beobachter: Damit setzt man die Patienten aber unter Druck und macht ihnen ein schlechtes Gewissen.
Nagel: Nein, man gibt ihnen Verantwortung. In einer Solidargesellschaft sind auch Patienten dafür verantwortlich, dass Kosten gesenkt werden.

Beobachter: Krebsmedikamente werden immer teurer. Können Sie nachvollziehen, wie die Pharmafirmen auf ihre Preise kommen?
Nagel: Nein. Das ist nicht nachvollziehbar.

Beobachter: Stehen Therapiepreise von monatlich 5'000 Franken im Verhältnis zum Nutzen?
Nagel: Wenn es um Heilung geht, lässt sich das rechtfertigen. Aber meist werden solch teure Medikamente bei unheilbarem Krebs eingesetzt. Dabei gelingt es in der Mehrzahl der Fälle nicht, das Leben zu verlängern. Die Schwierigkeit ist, dass man am Therapiebeginn nicht weiss, wie der einzelne Fall verlaufen wird. Um bei wenigen Patienten grossen Erfolg zu haben, muss man die Therapien bei allen ausprobieren. Hier fehlen Leitlinien. Bei chronisch Kranken ist die Übertherapie ein ungelöstes Problem. Hier müssen Grenzen gezogen werden.

Beobachter: Wer soll diese Grenzen ziehen?
Nagel: Solange wir keinen gesellschaftlichen Konsens haben, der medizinische Leistungen beschränkt, sollte der Patient entscheiden.

Beobachter: Wo ziehen Sie als Onkologe die Grenzen?
Nagel: Ich hielt mich prinzipiell immer an den Standard. Wenn alle herkömmlichen Therapien nichts nützen, fängt das Ausprobieren an. An dieser Grenze beginnt das persönliche Ermessen. Dann werden Medikamente eingesetzt, die für die Indikation gar nicht zugelassen wären. Das wird sehr teuer. Ich sagte oft: «Stopp, jetzt warten wir mal ab.» Meist akzeptierten das die Patienten.

Beobachter: Viele Onkologen gehen weiter als Sie.
Nagel: Der selbstständige Arzt ist im Dilemma. Er ist nicht nur Betreuer, sondern auch Unternehmer: Da er an den Medikamenten, die er verschreibt, mitverdient, steht er in der Versuchung, mehr Medikamente zu verkaufen, als es für den Patienten sinnvoll ist. Es gibt Fälle, wo noch im Endstadium der Erkrankung weitertherapiert wird. Niemand kontrolliert das.

Beobachter: Wer muss das kontrollieren?
Nagel: Die Struktur müsste geändert werden: Der Arzt dürfte nicht an den Medikamenten mitverdienen. Im Gesundheitswesen dominieren die ökonomischen Faktoren, nicht die ethischen. Es ist ein Markt. Viel mehr Leute leben vom Gesundheitswesen, als es Kranke gibt. Es herrscht ein Wettbewerb der Anbieter. Hier einen Kostenkonsens und Regulative zu finden, wie es die Politik versucht, ist fast aussichtslos. Hinzu kommt, dass der Patient selbst keine regulative Marktkraft ist. Wir brauchen einen breiten gesellschaftlichen Konsens über Finanzierungsmodelle, Kostenbeschränkungen, Leistungsgrenzen, Zielvorstellungen und Kontrollsysteme in der Medizin.

Beobachter: Sind wir weit weg von einer solchen Lösung?
Nagel: Ja, das geht noch lange. Die Verflechtungen und Einflüsse der grossen Lobbys und Standesverbände, der Politik und der Wirtschaft sind noch zu gross. Vielleicht rebelliert eines Tages das Volk wegen der Versicherungsprämien, der Einseitigkeit der Medizin oder Unmoral der Werbung. Ich bin zuversichtlich. Im 20. Jahrhundert drehte sich alles um die Krankheiten, im 21. wird man den Patienten wiederentdecken..

*Annette Bopp, Delia Nagel, Gerd Nagel: «Was kann ich selbst für mich tun? Patientenkompetenz in der modernen Medizin»; Rüffer & Rub, 2005, 128 Seiten, Fr. 24.80