Sie stinken, lösen Schwindel und Kopfschmerzen aus, gelten teilweise als krebserregend und sind mitverantwortlich für den Ozonsmog im Sommer: die flüchtigen organischen Verbindungen (VOC), die häufig in Form von Lösemitteln in Farben und Lacken zur Anwendung kommen. Weniger VOC ist deshalb seit Jahren ein wichtiges Ziel der Umweltpolitik des Bundes.

Doch nun droht ein herber Rückschlag: Der Schweizerische Maler- und Gipserunternehmer-Verband (SMGV) empfiehlt der Malerbranche den erneuten massiven Einsatz von VOC-haltigen Lösemitteln. Den Rat zur ökologisch schädlichen Tat erteilt ein SMGV-Merkblatt vom vergangenen November mit dem unverdächtigen Titel «Beschichtungen auf Weissputz und Spachtelungen».

Vor dem Bemalen von Gipswänden sei ein «lösemittelverdünnbarer Tiefgrund» aufzutragen, ein VOC-haltiger Schutzanstrich also, wird dort geraten. So hafte die Farbe besser auf dem Gips. Die bisherige Praxis, möglichst wenig Lösemittel zu verwenden, bezeichnen die Merkblattverfasser als «kurzfristige Effekthascherei». Und folgern: «Die Verwendung von lösemittelverdünnbaren Grundierungen kann mit gutem Gewissen empfohlen werden.»

Protest aus den eigenen Reihen


Eine folgenschwere Empfehlung. «Abertausende von Quadratmetern werden nun wohl jährlich zusätzlich mit lösemittelhaltigen Produkten behandelt», befürchtet Hanspeter Niggli, Geschäftsführer des Grossisten für natürliche Farben, Thymos AG. Er ist mit seinen Befürchtungen nicht allein: In der SMGV-eigenen Fachzeitschrift «applica» protestierten Malermeister und Farbexperten in ausführlichen Leserbriefen gegen den Rückgriff auf schädliche Lösemittel.

Der Protest aus den eigenen Reihen beeindruckt den Präsidenten der Technischen Kommission für das Malergewerbe, Malermeister Ruedi Schlotterbeck, überhaupt nicht: «Das ist ein Sturm im Wasserglas.» Zu oft hafte die Farbe ohne lösemittelhaltige Grundierung nicht, verteidigt er das Merkblatt. «Ökologisch am schädlichsten ist es, wenn der Anstrich bereits nach wenigen Jahren mit Chemikalien wieder entfernt werden muss.» Zudem würden Malermeister für die Qualität ihrer Arbeit haften, «teure Nachbesserungen können kleine Betriebe ruinieren».

Dass beim Bemalen von Gips Probleme auftreten können, bestreiten auch die Kritiker nicht. Aber sie setzen auf andere Lösungen. «Die Qualität des Gipses muss besser werden», fordert Dieter Nievergelt, Qualitätsleiter der Immobilienbewirtschaftung der Stadt Zürich mit 6000 Liegenschaften. Aus Erfahrung weiss er: «In den allermeisten Fällen ist eine Grundierung überflüssig.» Mineralische Farben zum Beispiel würden in aller Regel direkt auf Gips haften.

«Merkblatt einstampfen»


Lösemittel statt nachhaltige Lösungen – mit dieser Devise löst der SMGV Ärger aus. «Das Merkblatt ist nicht akzeptabel», sagt Felix Meier vom WWF Schweiz. Und die Konsumentenschützerin und SP-Ständerätin Simonetta Sommaruga kritisiert: «Die Absicherung gegen Schadenersatz ist der Malerbranche offenbar wichtiger als die Gesundheit der Angestellten und Kunden.»

Dass das Merkblatt ein Fehler war, gibt man beim Verband der Schweizerischen Lack- und Farbenfabrikanten (VSLF), der als Mitherausgeber fungiert, inzwischen offen zu: «In 90 Prozent der Fälle genügt eine wasserverdünnbare Grundierung», sagt Heinz Kastien von der Kommission für Technik und Ökologie des VSLF. Und fordert: «Das Merkblatt muss eingestampft werden.»

Quelle: CORBIS RDB