Die siebenjährige Julia Diener klagt schon wieder über starke Hals- und Gliederschmerzen sowie Kopfweh. Die Lymphdrüsen sind einmal mehr geschwollen, und das Fieberthermometer klettert auf über 39 Grad Celsius und das zum vierten Mal innerhalb von zwei Monaten. Der Kinderarzt macht einen Rachenabstrich und diagnostiziert erneut eine Streptokokkenangina. Julia erhält Antibiotika, die sie zehn Tage lang einnehmen muss.

«Wie eine rituelle Handlung»

Die Eltern haben genug: Sie möchten die Mandeln bei Julia entfernen lassen. Der Thuner Kinderarzt Rudolf Christen unterstützt diesen Wunsch: «Wenn ein Kind innerhalb eines Jahres vier- bis fünfmal eine Streptokokkenangina hat, empfehle ich, die Mandeln rauszunehmen.» Die durch Bakterien ausgelöste Krankheit kann zwar spontan abheilen, trotzdem ist die Infektion alles andere als harmlos: Sie kann sich zu Scharlach entwickeln oder Komplikationen wie eine Nierenentzündung zur Folge haben.

Trotzdem ist Kinderarzt Christen zurückhaltend: «Ohne zwingenden Grund sollte man die Mandeln so lange wie möglich belassen, und das Kind sollte zum Zeitpunkt der Operation mindestens fünf bis sechs Jahre alt sein.» Christen beobachtet schon länger, dass oft vorschnell operiert wird: «Am Zürichberg haben vier von fünf Kindern keine Mandeln mehr, im Stadtkreis 4 ist es nur eines von fünf. Mir kommt das Mandelschneiden gelegentlich vor wie eine rituelle Handlung, die alle Probleme des heranwachsenden Kindes lösen soll beispielsweise den schlechten Appetit verbessern und alle Erkältungen verhindern.»

Anzeige

Gian-Franco Domenighetti, Gesundheitsökonom an der Universität Lausanne, hatte schon vor zehn Jahren beträchtliche Unterschiede in der Operationshäufigkeit festgestellt. Demnach werden bei rund einem Drittel der Schweizer Bevölkerung die Mandeln entfernt, in Frankreich dagegen nur bei einem Achtel. Ausserdem zeigte sich, dass umso mehr operiert wird, je mehr Hals-Nasen-Ohren-Ärzte an einem Ort praktizieren: Im Kanton Basel-Stadt beispielsweise werden doppelt so vielen Männern die Mandeln herausoperiert wie in Graubünden.

Eine Operation in Raten

Die Rachen- und Gaumenmandeln gehören zum Immunsystem und spielen eine wichtige Rolle in der Abwehr von Infektionserregern. Wenn sie eine Infektion bekämpfen, schwellen sie an. Am grössten sind sie bei Kindern zwischen zwei und sechs Jahren; vom achten Lebensjahr an werden die Rachenmandeln in der Regel kleiner, die Gaumenmandeln von der Pubertät an. Trotz ihrer Schutzfunktion fallen die Mandeln meist nicht auf, wenn sie örtliche Infektionen bekämpfen, sondern erst wenn sie infiziert sind. Solche Entzündungen können die Rachen- und Gaumenmandeln getrennt oder gemeinsam befallen, durch Viren oder Bakterien verursacht werden und akut oder chronisch verlaufen.

Anzeige

Neben ständigen Infektionen kann auch die Grösse der Mandeln das Wohlbefinden von Kindern beeinträchtigen wie bei Julia. So hat ihr Hals-Nasen-Ohren-Arzt den Eltern bestätigt, dass das Hörvermögen der Tochter wegen der riesigen Mandeln eingeschränkt ist, und zur Operation geraten. «Heute werden oftmals nicht mehr alle Mandeln zusammen entfernt, sondern nur jene, die tatsächlich Probleme bereiten», sagt der spezialisierte Thuner Arzt Ulrich Lütolf.

Die Operation dauert 20 bis 30 Minuten. Sie wird bei Kindern unter Vollnarkose, bei Erwachsenen auch unter örtlicher Betäubung durchgeführt. Einige Spitäler führen die Operation ambulant durch, geläufiger ist jedoch ein kurzer Spitalaufenthalt. Bei einem von 100 Kindern kommt es laut Lütolf zu Nachblutungen, meistens in den ersten 24 Stunden nach der Operation. Diese werden dann in einer erneuten Operation gestoppt.

Anzeige

Julias Eltern sind froh über diese Aussichten. Auch wenn Julia nach wie vor unter Erkältungen und Grippen leiden kann: Vor Streptokokkenangina wird sie künftig Ruhe haben. Und sie wird auch bald wieder besser hören.

Dieses Bild kann nicht angezeigt werden.