Bewegungsmangel, fettreiche Ernährung, Rauchen: Die Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Krankheiten schädigen zwar die Gesundheit, sind aber gut fürs Pharmageschäft. Sieben der 20 umsatzstärksten Medikamente in der Schweiz helfen, die Blutwerte zu regulieren und damit die Gefahr eines Herzinfarkts oder Hirnschlags zu senken. Entsprechend intensiv wird in diesen Bereichen geforscht.

Die Resultate sind allerdings ernüchternd: Zwei von drei Medikamenten, die die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA zwischen 1989 und 2000 zugelassen hat, sind gemäss einer Studie des US-Instituts für Gesundheitsversorgung Kopien oder höchstens leichte Abwandlungen bestehender Präparate. «Die Konsumenten sollten sich bewusst sein, dass bei Medikamenten neu meist nicht besser heisst», erklärt Nancy Chockley, die Präsidentin des Instituts. Von den rund 1000 Medikamenten, die die Untersuchung erfasste, enthielten nur 361 neue Wirkstoffe. Gar nur 153 hatten neben dem neuen Wirkstoff einen klaren therapeutischen Mehrnutzen also eines von sieben. Und selbst diese Zahl ist nach Meinung von Etzel Gysling, Arzt in Wil SG und Herausgeber des Fachblatts «Pharma-Kritik», zu relativieren: «Wirklich neue Wirkstoffe gibt es nur fünf bis zehn pro Jahrzehnt.»

Für die Behandlung des Bluthochdrucks zum Beispiel ist heute eine breite Palette von Medikamentengruppen auf dem Markt (siehe «Medikamentenwahl», unten). Die Standardtherapie bestand über Jahrzehnte hinweg aus den so genannten Diuretika. Diese Ausschwemmmittel gehören noch immer zu den meistverschriebenen Präparaten. Ihnen folgten die Betablocker, die ACE-Hemmer, die Kalziumantagonisten und zuletzt die Angiotensin-II-Antagonisten.

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Der markanteste Unterschied zwischen den einzelnen Gruppen sind die Preise: Die Jahreskosten der neusten Präparate sind fast viermal so hoch wie die der bewährtesten. Und der Effekt? «Diuretika und Betablocker haben einen belegten Nutzen. Die ACE-Hemmer hingegen sind nicht nachweisbar besser, nur teurer», kritisierte Johann Steurer, Leiter des Horten-Zentrums für praxisorientierte Forschung, im Gesundheitsmagazin «Puls-Tipp».

Ebenso umstritten wie beim Bluthochdruck ist der Mehrnutzen neuer Präparate bei der Behandlung von Blutzucker. Hier wurde die Palette vor zwei Jahren um das Medikament Avandia erweitert; Hersteller SmithKlineBeecham lobte es als «sehr gut verträglich». Ganz anders urteilte das deutsche «Arzneimittel-Telegramm»: «Den gefährlichen Risiken steht kein adäquater Nutzen gegenüber.»

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Verlängerung der Patentfrist

Für Markus Fritz, Geschäftsführer der Schweizerischen Medikamenten-Informationsstelle, ist Avandia «nicht viel wirksamer als ältere und weitaus billigere Medikamente». Tatsächlich sind die Neuen auch hier drei- bis viermal teurer als die Bewährten ohne entsprechenden Mehrnutzen.

Vielfach ist ein solcher Mehrnutzen auch gar nicht mehr möglich, weil die Medikamente «ausgeforscht» sind. In Tat und Wahrheit geht es häufig darum, die Patentfrist zu verlängern, indem ein altes Mittel durch ein geringfügig verändertes ersetzt wird. Gegenüber dem Bundesamt für Sozialversicherung, der verantwortlichen Behörde für die Preise kassenpflichtiger Medikamente, machen die Hersteller dann einen «Innovationszuschlag» geltend und hoffen, so das Geschäft zu erhalten. Oder sie beginnen, wie das beim Bluthochdruck seit einiger Zeit geschieht, Therapien zu entwickeln, die zwei oder mehr Medikamente miteinander kombinieren beim Marketing mangelt es nicht an Ideen.

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