Im Wartezimmer des Hausarztes ist jeder Stuhl besetzt. Margot Marchel blättert gerade in einer Illustrierten, als sie aufgerufen wird. Schon sieben Minuten später steht sie wieder auf der Strasse, hält das Rezept für ein Schmerzmittel in der Hand und ist enttäuscht, dass sie dem Arzt nicht mehr über ihre Kopfschmerzen erzählen konnte.

Diese Situation wiederholt sich täglich hundertfach: Viele Patientinnen und Patienten getrauen sich nicht, mehr Zeit vom Arzt einzufordern, sind frustriert, weil sie sich unverstanden und nicht ernst genommen fühlen. Der Handlungsbedarf ist offenkundig: Sieben von zehn Menschen, die die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften im Rahmen des Projekts «Neuorientierung in der Medizin» befragen liess, halten mehr Menschlichkeit für bitter nötig.

«Beim Gespräch zwischen Arzt und Patient bleibt oft zu wenig Raum und Zeit für die Ängste des Patienten, seine eigenen Deutungen der Symptome sowie den Einfluss des persönlichen Umfelds», bestätigt Thomas Walser, Allgemeinpraktiker in Zürich. Doch ist es einem Mediziner im leistungsorientierten Alltag überhaupt möglich, sich für einen Patienten wirklich Zeit zu nehmen? Walser: «Natürlich, es ist die freie Wahl jedes Arztes. Man verdient halt etwas weniger.» Immerhin: Mit der Einführung eines schweizweit einheitlichen Tarifsystems (Tarmed) wird die «sprechende Medizin» finanziell aufgewertet. Ebenso gibt es reihum Bemühungen, die Bedeutung des Hausarztes zu stärken, mit dem Ziel, ihn zum Lotsen der Patienten im Gesundheitswesen zu machen.

Anzeige

Für Kathryn Schneider-Gurewitsch, Ärztin in Basel, ist der Patient nicht Bittsteller, sondern Auftraggeber: «Im Rahmen dieses Auftrags ist es die Aufgabe des Mediziners, den Patienten umfassend zu informieren. Ich bin überzeugt, dass fundierte ärztliche Gespräche den Ärztetourismus reduzieren würden und viele aufwändige Untersuchungen ohne wirklichen Nutzen verhindern könnten.»

Auf die Bedeutung des Gesprächs zwischen Arzt und Patient weist Boris Luban-Plozza schon seit Jahrzehnten hin. Er gehört zu den Pionieren der psychosomatischen Medizin und sieht den Arzt als «menschliche Arznei». Dabei ist ihm die Qualität des Gesprächs wichtiger als die Quantität: «Oft fehlt es dem Arzt an der Ruhe und der Konzentration, die für den Patienten wichtig sind. Um einen Patienten wirklich zu verstehen, muss der Arzt ihn nicht nur präzise untersuchen, sondern versuchen, Körper und Seele, Umfeld und Familie einzubeziehen. Nur so kann er das Vertrauen des Patienten gewinnen.»

Anzeige

Wo das Vertrauen aber fehlt, kommt es schon mal vor, dass ein Patient seinen Besuch bei anderen Ärzten oder die Einnahme von Medikamenten verschweigt. Luban-Plozza ist überzeugt, dass Patienten weniger häufig zum Arzt gehen oder diesen notfallmässig anrufen, wenn sie sich ernst genommen fühlen. Dazu brauche es aber Courage auf beiden Seiten: «Der Arzt muss den Mut haben, den Patienten zu fragen, wenn er etwas nicht versteht. Und der Patient sollte den Mut haben, den Arzt zu kritisieren. Doch der Patient hat oft das Gefühl, der Arzt spreche eine andere Sprache. Es ist deshalb wichtig, dass schon die Studenten lernen, die Sprache der Patienten zu sprechen und auch deren Körpersprache zu verstehen.»

Dass das gegenseitige Verstehen keine Selbstverständlichkeit ist, bestätigt auch der Arzt Michael Peltenburg: «Der Patient möchte ein Kräftigungsmittel, und der Arzt redet von Depression. Oder der Patient hat Knieschmerzen, und der Arzt spricht von Übergewicht.» Peltenburg ist Begründer der Arbeitsgruppe «Lehre die Lehrer» der Schweizerischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin, die Kurse zur Arzt-Patienten-Kommunikation durchführt. Die Teilnehmenden befassen sich mit konkreten Sprechzimmersituationen, die für den betroffenen Arzt schwierig zu verstehen oder zu bewältigen sind. Für Peltenburg ist es wichtig, dass der Arzt und der Patient den Inhalt der Sprechstunde gemeinsam festlegen: «Der Arzt geht auf Erwartungen, Bedenken, Vorstellungen, Gefühle und auf die Angst des Patienten ein; gleichzeitig sollte er aber auch sein Vorgehen erklären, zum Beispiel wenn er den Blutdruck misst oder das Herz abhört. Das Entscheidende aber ist, dass er den Patienten als Experten seiner eigenen Gesundheit und seiner Werte anerkennt.» Doch nicht immer ist dem Patienten nach Reden zumute. Manchmal wolle er ganz einfach ein klares Ergebnis, stellt Kathryn Schneider-Gurewitsch fest auch dies gelte es zu respektieren.

Anzeige

Bei allen Bemühungen, die «sprechende Medizin» aufzuwerten, besteht eine grosse Gefahr: «Die Folge könnte sein», so die Basler Ärztin, dass Mediziner, die sich Zeit für Gespräche nehmen, für die Krankenkassen schliesslich zu teuer werden. Das wäre eine absurde Situation, da gründliche Gespräche mit Patienten und Patientinnen reichlich Gesundheitskosten sparen können.»