Wer in der Schweiz einen HIV-Test machen will, muss zum Arzt oder in ein medizinisches Labor, um sich Blut abnehmen zu lassen. «Viele haben da Hemmungen», sagt der Zürcher Apotheker Thomas Kappeler. «Und junge Kunden haben häufig keinen Hausarzt.»

Beim HIV-Heimtest Oraquick wäre die Schwelle niedriger: Man zieht einen Wattestreifen durch die Mundhöhle und taucht ihn in ein Röhrchen mit Flüssigkeit. Nach 20 Minuten zeigt der Streifen an, ob man Träger des HI-Virus ist, das die Immunschwächekrankheit Aids auslöst.

Der HIV-Heimtest galt dem US-Magazin «Time» als eine der besten Erfindungen des Jahres 2012. Oraquick ist in den USA seit Oktober 2012 in Apotheken wie Supermärkten erhältlich und kostet 30 bis 40 Dollar. Doch in der Schweiz verweigerte die Eidgenössische Kommission für se­xuelle Gesundheit im April die Freigabe – weil die «qualitätsgesicherte Diagnose» beim Heimtest nicht gewährleistet und «Beratung und Therapie» bei einem positiven Resultat nicht sichergestellt seien.

Aids

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Selbstverantwortung oder Staatskontrolle

Apotheker Kappeler versteht den amtlichen Entscheid nicht: «Warum muss man das Volk bevormunden? Es muss doch das oberste Ziel sein, möglichst viele HIV-Positive zu finden und zu therapieren.» Nur so könnten Neuinfektionen eingedämmt werden. «Und ist dann das Testresultat positiv, geht man als Betroffener in die Klinik oder zum Arzt.»

«Ein HIV-Test soll freiwillig und ein­gebettet in eine persönliche Beratung geschehen», erwidert Roger Staub, stellvertretender Leiter der Abteilung Übertrag­bare Krankheiten beim Bundesamt für Gesundheit (BAG). Geschehe das nicht, sei es eine verpasste Chance für die Prävention. Staub hat weitere Einwände: «Es braucht Wissen, um ein Testresultat korrekt zu ­interpretieren.» Eine HIV-Infektion könne erst drei Monate nach einem Risiko aus­geschlossen werden. Vorher kann ein HIV-Test negativ ausfallen, auch wenn man das HI-Virus trägt. «Und genau in diesen ersten drei Monaten nach der Ansteckung sind Betroffene 30- bis 100-mal ansteckender als im späteren Krankheitsverlauf.»

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Das sieht Apotheker Kappeler auch so. Kurz nach einer eventuellen Infektion sei ein Heimtest sinnlos und ein Gang zum Labor oder in die Klinik unumgänglich. Aber: «Wir sind eine aufgeklärte Gesellschaft. Warum man anstelle von staatlich geprüften Tests wie Oraquick zweifelhafte Produkte im Internet kaufen muss, ist mir schleierhaft. Wir haben versuchsweise Tests im Internet bestellt – das Ergebnis war ernüchternd. Zum Teil lag nicht einmal eine Gebrauchsanweisung bei.»

Therapie kostet etwa eine Million Franken

Einig ist man sich bei den markanten Kosten. Die antiretrovirale Therapie kostet jährlich pro Person etwa 25'000 Franken. Bei einer geschätzten Lebenserwartung von 40 Jahren ab Therapiebeginn rechnet das BAG mit rund einer Million Franken zulasten der Krankenkassen. Oft sind es neben Männern, die Sex mit Männern haben, Frauen, «die in Afrika einen Strandboy» fanden, oder Männer, die «in Fernost denken, es sei Liebe, und die HIV-infiziert zurückkommen», sagt Staub.

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Die meist junge Klientel der HIV-Positiven ist begehrt für medizinische Studien, etwa am Zürcher Universitätsspital. Auch dort stemmt man sich gegen die Freigabe. «Zu einem Test gehört zwingend eine Beratung. In der Schweiz haben wir ein bestes Angebot für eine umfassende Präventionsstrategie – im Gegensatz zum Land, aus dem der Test kommt», sagt Rainer Weber, Leiter der Klinik für Infektionskrankheiten.

Weder Staub noch Kappeler machen sich aber Illusionen: HIV-Heimtests wie Oraquick sind längst in der Schweiz an­gekommen – via Internet. Und Kappeler prophezeit: «In zehn Jahren ist der Test ­europaweit frei erhältlich.»

HIV-Selbsttest bald auch in der Schweiz

Bald fünf Jahre nach Erscheinen dieses Textes will der Bund den HIV-Selbsttest auch in der Schweiz zulassen. Der Test soll etwa 30 Franken kosten und im Sommer 2018 auf den Schweizer Markt kommen.

HIV scheint in der Schweiz weniger oft aufzutreten. Dem Bundesamt für Gesundheit wurden seit Jahresbeginn 143 neue Fälle gemeldet (Stand: 15.05.2018). Im selben Zeitraum 2017 waren es 190 HIV-Fälle gewesen.
 
Dagegen wurde die sexuell übertragbare Krankheit Syphilis deutlich öfter (+20 Prozent) gemeldet. Seit Jahresbeginn zählte man in der Schweiz 542 neue Ansteckungen (Stand: 15.05.2018).

Update vom 18.05.2018

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