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AidsVermittelt der HIV-Selbsttest eine trügerische Sicherheit?

Mit einer Blutprobe kann zukünftig auch zu Hause ein HIV-Test durchgeführt werden.

Seit Mitte Juni ist in der Schweiz ein HIV-Selbsttest zugelassen. Ein Infektiologe erklärt, weshalb dieser neben einigen Vorteilen auch Risiken birgt.

von aktualisiert am 28. Juni 2018

In der Schweiz leben zwischen 13'000 und 20'000 HIV-Infizierte. Die Zahlen haben in den vergangenen Jahren zwar leicht abgenommen, trotzdem kommt es jährlich zu mehr als 500 Neuansteckungen. Bis anhin kamen Diagnosen meist unter ärztlicher Aufsicht zustande, das könnte sich aber bald ändern: In der vergangenen Woche bewilligte die Heilmittelbehörde Swissmedic die Abgabe von HIV-Heimtests. Diese können bald in Apotheken, Drogerien und über das Internet gekauft werden. In der Packung enthalten ist ein Plastikröhrchen mit steriler Nadel. Damit sticht sich der Betroffene in den Finger und wartet circa 15 Minuten auf das Resultat.

2013 hatte sich die Eidgenössische Kommission für Sexuelle Gesundheit (EKSG) noch gegen einen HIV HIV und Aids Das Wichtigste im Überblick -Selbsttest in der Schweiz entschieden. Dies vor allem, weil der damalige Speicheltest zu oft falsche Resultate anzeigte. Mit einer Blutprobe wurde das Testverfahren nun verbessert und funktioniert in 99.8 Prozent der Fälle zuverlässig. Die Wahrscheinlichkeit einer HIV-Untersuchung steigt mit der Einführung eines Selbsttests, wie die EKSG in ihrer Empfehlung schreibt. Zusammen mit dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) erhofft sie sich, durch das neue Testverfahren mehr Betroffene zu erreichen. Ein weiterer Vorteil: Betroffene, die sich schon bisher Selbsttests aus dem Ausland bestellt haben – das sind laut der Aids-Hilfe Schweiz einige –, können nun von einem sicheren Produkt profitieren.

Der Selbsttest birgt auch Risiken

Pietro Vernazza, Chefarzt Spitalhygiene und Infektiologie am Kantonsspital St. Gallen, wurde im vergangenen Jahr vom BAG damit beauftragt, eine Einführung des HIV-Selbsttests in der Schweiz zu evaluieren. Grundsätzlich rät er Verunsicherten noch immer zu einer HIV-Untersuchung beim Arzt. Dadurch seien ein schnelles und sicheres Resultat sowie eine gute Beratung gewährleistet. Dennoch hält er den Selbsttest für eine gute Alternative. In seiner Empfehlung stellt er sich hinter den Bund, warnt allerdings auch vor Risiken:

  • Akute HIV-Infektionen könnten unentdeckt bleiben
    HIV-Infektionen starten in den meisten Fällen mit akuten, fieberhaften Erkrankungen (Primoinfektion). Labortests erkennen diese, da im Blut nicht nur Antikörper, sondern auch Virusbestandteile nachgewiesen werden können. Der Selbsttest ist allerdings weniger zuverlässig: «Die heute verfügbaren HIV-Selbsttests sind der bisherigen Diagnostik eindeutig unterlegen.» Auch kann ein Labortest bereits sechs Wochen nach einer möglichen Ansteckung durchgeführt werden, der Selbsttest ist hingegen erst nach drei Monaten zuverlässig.
     
  • Andere Geschlechtskrankheiten werden nicht erkannt
    Bei ungeschütztem Geschlechtsverkehr können neben HIV auch andere Geschlechtskrankheiten Geschlechtskrankheiten Frust mit der Liebeslust übertragen werden. Heute werden in den meisten Testzentren Personen mit erhöhtem Risiko für Geschlechtskrankheiten nicht nur HIV Tests, sondern auch weitere Tests angeboten. Durch frühe Diagnose und Therapie dieser Geschlechtskrankheiten wird wichtige Prävention geleistet. Diese Prävention soll weitergeführt werden.
     
  • Falsch-positives Resultat bei fehlendem HIV Risiko
    Falls der Test vorwiegend von Personen mit kleinem HIV Risiko durchgeführt wird, dann kann die Rate von falsch-positiven Resultaten (1 von 500 durchgeführten Tests) viele Personen verunsichern. Daher wird es wichtig sein, dass der Test nur von Personen mit relevantem HIV-Risiko, nicht aber von der «Allgemeinbevölkerung» angewandt wird.
     
  • Fehlinterpretationen und Reaktionen auf die Resultate
    Die Erfahrungen in HIV-Testzentren haben gezeigt, dass ein negatives Resultat (d.h. jemand ist nicht infiziert) oft zur Folgerung führt, der bisherige Sexualpartner sei auch HIV-negativ. Das stimmt nicht. Auch müssen Getestete darauf aufmerksam gemacht werden, dass es bis zu drei Monaten dauern kann, bis sich im HIV-Selbsttest Antikörper gebildet haben. Ein negatives Testergebnis ist also erst drei Monate nach einem Risiko aussagekräftig.

«Der Selbsttest hilft nicht, neue Zielgruppen zu erreichen»

In einem entscheidenden Punkt ist Pietro Vernazza anderer Meinung als der Bund. Dieser beruft sich auf Studien aus den USA und afrikanischen Ländern, die zeigen, dass mithilfe des Tests neue Zielgruppen besser erreicht werden. «Die Präventionsangebot in diesen Ländern ist mit demjenigen in der Schweiz nicht zu vergleichen», warnt Vernazza. Auch dürfe die Reichweite des neuen Tests nicht überschätzt werden. Seit der Einführung eines Selbsttests in Frankreich werden 150‘000 Tests pro Jahr verkauft. Überträgt man die Zahlen aus Frankreich auf die Schweiz, so entspräche dies 18‘000 Tests. In der Schweiz werden jährlich aber 400‘000 Tests durchgeführt.

«Personen, die bisher schwer zu erreichen waren, werden es auch bleiben», prophezeit Vernazza. Besonders resistent gegenüber dem Angebot sind Männer, die ihre Homosexualität verstecken. «Bei Untersuchungen haben wir die Erfahrung gemacht, dass diese Männer ihr Testresultat gar nicht erfahren möchten – beispielsweise, weil sie in heterosexuellen Beziehungen leben.» Ins Spital kommen sie dann erst, wenn sie die Symptome nicht mehr ignorieren können. Erfahrungen aus Frankreich oder Italien zeigen laut Vernazza noch nicht, dass der Selbsttests die Population erreicht, die sich auch heute nicht testen lässt: Personen, die erst beim Auftreten von Aids-Erkrankungen einen Arzt aufsuchen.

Packungsbeilage muss noch ausgearbeitet werden

«Es ist besonders wichtig, dass Patienten in der Packungsbeilage umfassend informiert und nicht alleine gelassen werden», sagt Pietro Vernazza. Sie müssen erfahren, wie der Test durchzuführen und wie die Resultate zu interpretieren sind. Zwingend sei ausserdem eine Hotline, an die sich Infizierte und Verunsicherte wenden können. Ausserdem befürwortet der Infektiologe einen Verkauf über Selecta-Automaten: «In der Apotheke ist die Hemmschwelle nicht viel niedriger, als wenn man zum Arzt geht», so Vernazza. Schliesslich stehen in vielen Fällen auch noch andere Leute im Laden. An Automaten könnte man sich den Test anonym besorgen.

Wann der Test zu kaufen ist, kann noch nicht gesagt werden. Wahrscheinlich wird er zwischen 30 und 60 Franken kosten.

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Jasmine Helbling, Online-Redaktorin

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